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Maria Wölflingseder
Dead Men Working

Globaler Freilandversuch

Der weltweite Handy-Verkauf ist krisenbedingt zum ersten Mal geschrumpft. Im ersten Quartal um 8,6 Prozent. Hochgerechnet auf ein Jahr wären das immer noch 1,076 Milliarden verkaufte Handys. Während in Europa die Penetrationsrate vielerorts bereits über 100 Prozent liegt – in Litauen ist sie mit 170 Prozent am höchsten –, sind die Märkte anderswo noch lange nicht ausgeschöpft. Außerdem rücken ständig neue Modelle wie Kamerahandys und Multimedia-Geräte vor – was wesentlich leitungsstärkere und somit strahlungsintensivere Sendemasten zur Folge hat.

Seit 20 Jahren nimmt die Zahl der Quellen, die elektromagnetische Wellen aussenden, explosionsartig zu. 2005 schlug die Österreichische Ärztekammer Alarm. Längst erwiesen sind Veränderungen der Zellentwicklung (einfache und doppelte Brüche von DNS-Strängen – diese gentoxischen Effekte sind das Schlüsselereignis bei der Entstehung von Tumoren und Alzheimer). Hochfrequente elektromagnetische Strahlung spielt auch bei der Öffnung der Gehirn-Blut-Schranke eine Rolle, wirkt sich auf das Immun-, das Nerven- und das Hormonsystem, auf die Blutwerte, auf die EEG-Abläufe und auf die Fertilität des Mannes nachteilig aus. „Früher haben wir mit dieser Mikrowellenstrahlung Geburtenkontrolle – sprich Sterilisation – betrieben, heute telefonieren wir damit. Sehr schön!“, sagte Huai Chiang, Professor der Zheljing Universität Hangzhou auf einer Konferenz in Salzburg im Juni 2000. Es gibt auch keinen Zweifel darüber, dass Kinder, die in der Nähe von Hochspannungsmasten leben, häufiger an Leukämie erkranken.

Die Vertreter der einschlägigen Industrien bestreiten jedoch noch immer kategorisch, dass elektromagnetische Strahlung, insbesondere hochfrequente, eine Gefahr für die Gesundheit darstellt. Dass diese mit Krebs in Zusammenhang stehen könnte, wurde aber bereits in den 1950er Jahren vermutet, als nach der Einführung der UKW-Sender die Krebssterblichkeit signifikant anstieg. Trotzdem wurde jegliche Forschung unterbunden und es galt dann 40 Jahre lang in der Medizin die Lehrmeinung, jene Strahlung sei viel zu schwach, um das Erbgut zu schädigen.

In Buch „Nebenwirkung Handy“ des Arztes Erik Randall Huber und der Publizistin Michaela Knirsch-Wagner, 2007 im Verlagshaus der Ärzte erschienen, wird der Kniefall der Politik vor der Industrie vielfach harsch kritisiert. Ebenso die mit allen Mitteln versuchte Diffamierung von Kritikern sowie die Gewährung immenser Summen an so genannte wissenschaftliche Beiräte, um die „Wahrheit der Industrie“ zu verbreiten. „Denn der Markt muss wachsen – wenn nötig auch auf Kosten der Gesundheit.“ (S. 58) Die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Alexandra Obermaier in München schrieb im Dezember 2001 in einem offenen Brief an den damaligen deutschen Umweltminister Jürgen Trittin: „Mit dem politischen Kurs bezüglich Mobilfunks wird kriminelle Profitgier legalisiert zu Lasten des Allgemeinwohls von Millionen von Menschen unter der Aufgabe des Rechtsstaats.“ (S. 18)

Gesetzliche Grenzwerte für die hochfrequenten Netze gibt es keine. Auf der Homepage des Gesundheitsministeriums wird auf „Referenzwerte“ verwiesen (euphemistisch „geltende Grenzwerte“ genannt), die nicht überstiegen würden. Ärzte und andere, die sich mit der Materie eingehend befasst haben, erachten diese Werte aber als weit überhöht. Deutsche Baubiologen empfehlen maximal 5 Mikrowatt pro m2 für hochfrequente Strahlung als zulässigen Höchstwert. Lediglich im Bundesland Salzburg gab es vor einigen Jahren einen Grenzwert, der dieser Empfehlung nahe kam: 10 Mikrowatt pro m2. Der „Referenzwert“ des Gesundheitsministeriums hingegen beträgt bei GSM 1800, UMTS oder WLAN 10 Watt pro m2. Das ist das Millionenfache! Mittlerweile haben jedoch die Mobilfunkanbieter in Salzburg ihre Vereinbarung wieder aufgekündigt. Auch wäre es technisch möglich, Handys zu produzieren, die viel geringer in den Kopf abstrahlen. Anstatt dahingehend zu handeln, gibt es die Branchenübereinkunft, keine Werbung für strahlungsarme Handys zu machen.

Die Ärztekammer empfiehlt u.a.: „Generell nur in dringenden Fällen und dann sehr kurz telefonieren. Kinder unter 16 Jahren sollten Handys nicht benutzen. In Fahrzeugen (Auto, Bus, Bahn) sowie bei schlechtem Empfang nicht telefonieren, da hier das Handy mit höherer Leistung strahlt. Keine Spiele am Handy. Das Handy in der Hosentasche oder SMS unter der Schulbank versenden, könnte die Fruchtbarkeit bei Buben und Männern beeinträchtigen und sollte daher unterlassen werden.“ – Die Realität spricht dem Hohn! Ebenso das Faktum, dass jeder ständig und an jedem Ort hochfrequenter Strahlung ausgesetzt ist! Auch die viel empfindlicheren Kinder! Und wer nicht hochpreisig vom Festnetz zum Handy telefonieren will, ist sogar gezwungen, sich auch eines anzuschaffen.

Es gibt zwar schon lange einschlägige Informationen über die Problematik dieser Strahlung von Ärzten und Bürgerinitiativen, aber die Diskrepanz zwischen öffentlich zugänglicher Aufklärung im Internet und in Büchern einerseits und andererseits ihrer Diskussion in Printmedien, Radio, TV und unter den Betroffenen selbst, scheint außergewöhnlich groß zu sein. Als ich vor mehreren Jahren sowohl bei kritischen ZeitgenossInnen als auch bei Umweltschutzorganisationen diesbezüglich nachfragte, verhielten sich alle, als ob ich etwas höchst Unanständiges gesagt hätte.

Auch die schwerwiegenden Folgen des Metallabbaus in Afrika (v.a. von Coltan, das für Handys, Laptops etc. benötigt wird) scheinen nur wenige zu kümmern. Einerseits werden mit den Gewinnen die Kriege in Ruanda und im Kongo finanziert. Anderseits wird der Dschungel zerstört und die Tierwelt ausgerottet: „Da die 10.000 Minenarbeiter im Nationalpark im Kongo kaum mit Lebensmitteln versorgt werden, machen sie Jagd auf Wildtiere. Besonders betroffen sind die Grauer-Gorillas, von denen 7.000 Tiere getötet wurden, sowie die Elefanten des Parks: Von ehemals etwa 3.600 Elefanten ist Berichten zufolge kein einziger mehr am Leben.“, schreibt Pro Wildlife auf seiner Internetseite.

Mobilfunk wird von Medizinern als der größte und riskanteste Freilandversuch bezeichnet. Langzeituntersuchungen über seine Wirkung zu machen, wird bald unmöglich sein, weil es niemanden mehr geben wird, der davon unbeeinflusst ist und somit die Vergleichsgruppe abgeben könnte. – Welchem Verwertungsgebot mit solcher Gesundheitsgefährdung wurde je so gierig, freudig, blindlings gehorcht?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2009
Heft 46, Seite 33
Autor/inn/en:

Maria Wölflingseder:

Geboren 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädogogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkt: Kritische Analyse von Esoterik, Biologismus und Ökofeminismus; zahlreiche Publikationen. Bei den Streifzügen seit Anbeginn. Mitherausgeberin von „Dead Men Working“ (Unrast-Verlag, 2004). Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Literatur, insbesondere in der slawischen. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.

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