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Julia Montalcino

Gladio-Bomben in Österreich

Vor mehr als dreißig Jahren legten italienische Neofaschisten im oberösterreichischen Ebensee Bomben. Es war das erste Attentat, mit dem sich der italienische Geheimdienst SIFAR massiv in den Südtirolterror einmischte. Die Spuren aller Beteiligten führen zu Gladio und international organisierten RechtsextremistInnen.

Nicht dubiosen Verschwörungstheorien hänge ich an, aber doch der klaren Wirklichkeit, daß nichts so simpel ist, wie es sich der gute Biedermann vorstellt.

Kuno Knöbl [1]

Am 23. September 1963 stirbt der Gendarmerieinspektor Kurt Gruber beim Versuch, zwei in der Saline in Ebensee von Unbekannten angebrachte Sprengladungen zu entschärfen. Zwei weitere Gendarmen werden schwer verletzt. Kurz vorher war bereits an der Traunseer Uferstraße das „Steinerne-Löwen-Denkmal“ in die Luft geflogen. Eine vierte und eine fünfte Bombe explodieren nicht.

Alle Spuren führen nach Italien: Der Sprengstoff ist ebenso italienischer Herkunft wie die als Zeitzünder verwendeten Uhren. Dasselbe Fabrikat war zwei Jahre zuvor beim Anschlag auf das Andreas-Hofer-Denkmal am Bergisel in Innsbruck verwendet worden. [2] ZeugInnen erinnern sich an einen Fiat mit Veroneser Kennzeichen und an den Tatorten in Ebensee und Traunkirchen werden Ausweise der neofaschistischen Studentenverbindung „Associazione Studentesca di Azione Nazionale“ gefunden. Die Blankodokumente sind mit „I carabinieri non si toccano“ – „Hände weg von den Carabinieri“ – abgestempelt.

Trotzdem ermitteln die österreichischen Behörden zunächst in Richtung des „Befreiungsausschuß Südtirol“ (BAS). Der Verdacht fällt auf den rechtsextremen Terroristen Peter Kienesberger, der bereits 1961 mit Georg Klotz und Luis Amplatz auf italienische Soldaten und Carabinieri geschossen hat. Kienesberger stammt aus dem nahe bei Ebensee gelegenen Gmunden, zur Zeit des Anschlages sitzt er aber in Innsbruck im Gefängnis.

Im Mai 1964 verhaftet die Polizei den 35jährigen Innsbrucker Kurt Welser, einen der Hauptakteure des Südtirolterrors der sechziger Jahre. Die Medien vermuten, Welser und seine Komplizen hätten die Anschläge verübt, um sie den Italienern in die Schuhe zu schieben. Doch Welser hat ein Alibi, einen Monat später ist er wieder auf freiem Fuß.

Die Täter bleiben in Freiheit

Nur durch Zufall werden schließlich die tatsächlichen Täter verhaftet. Im Februar 1965 wird bei Genua eine „Terrorschule“ ausgehoben, die Polizei nimmt 200 Neofaschisten fest. Bei einem der Verhafteten, Giorgio Massara (28), findet die Polizei nicht nur Skizzen und Fotos der Anschlagsobjekte am Traunsee, sondern auch Ausweise mit dem Stempel „I carabinieri non si toccano“. Massara gesteht, Anführer der Attentäter zu sein. Sie hätten Vergeltung für die Südtiroler Bomben üben wollen. Aufgrund von Massaras Aussagen werden kurz darauf die übrigen Beteiligten verhaftet. Die Täter, schreibt der Journalist Christoph Franceschini, waren „allesamt schillernde Figuren der rechtsradikalen Terrorszene Italiens und hatten beste Kontakte zum italienischen Geheimdienst“.

Es dauert nicht lange, bis die Verdächtigen wieder frei sind. Der italienische Justizminister verweigert seine, für eine Anklage wegen eines im Ausland begangenen Verbrechens notwendige, Zustimmung.

Als im August 1967 schließlich doch noch der Prozeß gegen die Bombenleger eröffnet wird, haben sich diese mit Ausnahme eines einzigen, Franco Panizza, bereits ins Ausland abgesetzt. Dieser gibt sich vor Gericht reichlich zugeknöpft: „Die Angelegenheit betraf die Verteidigung des Staatsgebiets. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Während die abwesenden Attentäter zu neun beziehungsweise sechs Jahren Haft verurteilt werden, kommt Panizza mit einer Strafe auf Bewährung davon.

Das Memoriale Masiero

Fast dreißig Jahre später taucht ein konkreter Hinweis auf, daß auch der italienische Geheimdienst seine Finger bei den Bomben von Ebensee im Spiel gehabt haben könnte. Im Sommer 1991 findet die Polizei bei dem unbedeutenden, aber militanten Anhänger des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) Giancarlo Masiero eine teils handgeschriebene, teils getippte Niederschrift, die zahlreiche Hinweise auf die Tätigkeit von Geheimdiensten in Südtirol unter Mitwirkung des MSI enthält. So seien etwa die Attentate auf die Wohnhäuser des MSI-Gemeinderats Andrea Mitolo und des örtlichen Vorsitzenden der DC (Democrazia Cristiana) im Januar 1987 aus wahltaktischen Gründen vom MSI selbst durchgeführt worden. [3] Auftraggeber sei Parteichef Gianfranco Fini persönlich gewesen.

Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen gegen Masiero wieder ein. Bei den Einvernahmen hat dieser beteuert, die Enthüllungen teils erfunden, teils aus Zeitungen abgeschrieben zu haben. Doch dies kann kaum stimmen. Denn „trotz der objektiven Unrichtigkeit vieler Angaben“, schreibt Hans Karl Peterlini in seinem Buch über den Südtirolterror der achtziger Jahre, enthalte das Memorandum „eine Fülle historisch begründeter Fakten und nicht unbedingt allgemein bekannter Hinweise.“ So erwähnt Masiero insbesondere das „Ufficio R“ (Büro R) des militärischen Geheimdienstes SIFAR, von dem aus Gladio geleitet wurde. Dieses habe – in Befürchtung eines „Aufstands nach Art Hofers“ – zahlreiche Begegnungen zwischen Andrea Mitolo und einem Armeegeneral vermittelt. Das Büro R wird erst 1991 im Zuge der Aufdeckung von Gladio öffentlich bekannt. Masiero verfaßte sein „Memoriale“ aber bereits im August ’90. Masiero berichtet zahlreiche Einzelheiten über die Aktivitäten des Büro R in Südtirol: von einem Waffenlager „in den Gängen unterhalb von Schloß Sigmundskron“, das nach dem Verschwinden von Waffen und Sprengstoff verlegt wurde, von Waffen- und Sprengstoffausbildungen in den Sarntaler Alpen durch Fallschirmspringer, aus denen sich die meisten Südtiroler Gladiatoren rekrutierten, [4] und anderes mehr.

„Aktion Österreich“

In Masieros Niederschrift findet sich unter der Überschrift „Aktivitäten der Gruppe 1961/1968 – Attentate“ auch der folgende kryptische Eintrag:

Unterkunft für Aktion Österreich (Fall Poltroneri), Aufstiegsanlagen, Sprengstoff und Basis in Innsbruck, Wohnung von bekannten Lieferanten von Sanitätsartikeln (Conti Veneziani).

Aufgrund des genannten Namens kann es sich nur um den Ebenseer Anschlag gehandelt haben: Sergio Poltronieri war einer der fünf Attentäter. Die „Aufstiegsanlagen“ beziehen sich vermutlich darauf, daß in Ebensee auch eine Bombe an der Gondel der Feuerkogelbahn angebracht worden war, die aber rechtzeitig entdeckt wurde. Masiero behauptet also, daß das von Rechtsextremisten begangene Attentat von Südtiroler Gladiatoren logistisch unterstützt wurde. Saßen die eigentlichen Hintermänner beim Büro R des SIFAR? „Die Angelegenheit betraf die Verteidigung des Staatsgebiets“, hatte der Angeklagte Franco Panizza beim Prozeß gesagt.

Nach Ansicht der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ wurde der Anschlag von General Giovanni De Lorenzo persönlich befohlen, um die ÖsterreicherInnen davon abzuhalten, in Südtirol einzugreifen. De Lorenzo befand sich damals auf dem Höhepunkt seiner Macht: Er kommandierte die Carabinieri und hielt gleichzeitig noch den militärischen Geheimdienst SIFAR in der Hand. Schon ein Jahr zuvor hatte der allmächtige Geheimdienstcapo den damaligen kurzzeitigen Leiter des Büro R Manlio Capriata zu sich gerufen und ihm mitgeteilt, er hätte die Südtiroler Mitglieder von Gladio mobilisert. Die dortigen Antiterrormaßnahmen hätten sich als unzureichend erwiesen. Worin der Gladio-Einsatz von 1962 bestanden hat, wurde allerdings nie bekannt.

Geheimtreffen im „Wilden Mann“

Nicht nur die kryptische Niederschrift des kleinen Faschisten Masiero, auch die Hintergründe der ursprünglichen Verhaftung des Südtirolattentäters Kurt Welser deuten in Richtung italienischer Geheimdienst. Am 17. Februar 1965, exakt an jenem Tag, an dem auch die Verhaftung des Bombenlegers Massara publik wird, wartete die „Tiroler Tageszeitung“ mit einer aufsehenerregenden Geschichte auf. Demnach hätten sich am 24. März 1964, also zwei Monate vor Welsers Verhaftung, im Innsbrucker Gasthaus „Wilder Mann“ fünf Männer getroffen: der spätere Mörder des Südtirolattentäters Luis Amplatz, Christian Kerbler, dessen Bruder Franz, der Innsbrucker Fotograf Paul Wagner, Gerhard Neuhuber von der rechtsextremen „Legion Europa“ und ein Unbekannter. Dieser fertigte ein Gedächtnisprotokoll über die Sitzung an, das er der „Tiroler Tageszeitung“ zuspielte. Die Zeitung veröffentlicht auch ein Faksimilie der handschriftlichen Aufzeichnungen, die Christian Kerbler von der Unterredung gemacht hat. Neuhuber teilt seinen Kameraden auf dem Treffen mit, das Innenministerium verfüge über Hinweise, daß die Bomben von Ebensee auf das Konto des BAS gehen: „Wir müßten nun zusehen, die noch fehlenden Beweise eher als das Innenministerium zu beschaffen. Das Innenministerium will radikal durchgreifen. Wenn es uns nicht gelingt, die fehlenden Beweise schneller als das Innenministerium in die Hand zu bekommen, werden wir mit in die Sache verwickelt. Wir müssen alles tun, damit unser Kreis aus der Sache herausgehalten wird, was nur mehr so geht.“ Man trifft schließlich die Entscheidung, Belastungsmaterial gegen das BAS-Mitglied Welser zu sammeln.

Von welchem „Kreis“ wollte Neuhuber den Verdacht ablenken? Die Kerbler-Brüder und Wagner sind zu dieser Zeit bereits für den italienischen Geheimdienst SIFAR tätig. Aber auch Neuhuber hatte als Funktionär der „Legion Europa“ unter Umständen Kontakt zum SIFAR, der Chef der Legion Fred Borth ganz bestimmt. Seine Informationen aus dem Innenministerium hatte Neuhuber von einem Wiener Freund. Der Wiener Borth war nicht nur Neuhubers Freund, sondern auch ein Spitzel der Staatspolizei.

Die Wiener SIFAR-Residentur

Als 1992 der Bozener Staatsanwalt Cuno Tarfusser den Mordfall Amplatz neu vor Gericht aufrollen will, durchforstet er die Archive des militärischen Geheimdienstes. Aus den von ihm ausgehobenen Dokumenten geht hervor, daß im Frühjahr 1964, als Amplatz und Georg Klotz vom Innenministerium aus Innsbruck nach Wien verbannt wurden, der SIFAR mehrere seiner dortigen Residenten aktivierte: Borth alias „Wolfgang“, Hans Egon Arnheim alias „Jack“ und zwei Agenten mit Decknamen „Terlizzi“ und „Avenali“. Letzterer hatte beste Kontakte zu höchsten Stellen des Innenministerium, wenn er nicht selbst seine Arbeit dort verrichtete.

Auch Senator Lionello Bertoldi von der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) erwähnt in seinem Bericht für den Gladio-Untersuchungsausschuß den Spitzel Borth. Er verweist auf eine Aussage des damaligen Chefs des Zentrums für Gegenspionage in Verona Renzo Monico: „Von dem ‚Ufficio R‘, dem Gladio unterstand, erhielten wir Informationen über die Aktivität von Klotz in Österreich, und zwar von einem Journalisten namens Borth, der von dem ‚Ufficio R‘ angeworben worden war.“ Monico rekrutierte später auch Peter Kienesberger für einige Monate als Informanten.

Der Journalist Arnheim unterhielt in Wien die private Nachrichtenagentur „Informationen für Alle“ (IFA), mit der er seine Informationstätigkeit für den SIFAR tarnte. Borth verfaßte hunderte Berichte über Rechtsextremisten aus dem Unterstützerkreis des Südtirolterrors, unter anderem über Rainer Mauritz, den in Italien wegen Teilnahme am „Kinderkreuzzug“ zu fünf Jahren Haft verurteilten heutigen FPÖ-Vorsitzenden von Korneuburg, [5] über den nach Spanien geflohenen Gerd Honsik oder über seinen Kameraden vom „Bund Heimattreuer Jugend“ Konrad Windisch. Seine Berichte lieferte er an „Terlizzi“ ab.

Faschistentreffen in den Veroneser Hügeln

Die von Borth geleitete „Legion Europa“ gehörte der „Jugend Europa“ an, einer europaweiten Sammlung rechtsextremer Jugendverbände, die vermutlich Teil des internationalen Stay-behind-Netzwerks war. Von einem Treffen der faschistischen Internationale berichtet auch Masiero in seinem bereits erwähntem „Memoriale“:

1970: Beginn der Beziehungen mit Verona, Treffen mit Soffiati, Besutti und Maggi, Ordine Nuove und geheime Verbindung mit Franzosen, Belgiern von Tiriat, Giovane Europa, mit den Österreichern von Borth und den Deutschen vom Widerstand. Das Treffen fand in einem Restaurant von Colognolla in den Veroneser Hügeln statt. Anwesend war ein hohes Tier der Geheimdienste.

Es ist eine illustre Runde, die Masiero, der die Namen der ausländischen Teilnehmer offensichtlich nur phonetisch wiedergeben kann („Bort“ statt Borth, „Tiriat“ statt Thiriart), hier beschreibt: Roberto Besutti und Marcello Soffiati, Mitglieder der rechtsextremen Organisation „Ordine Nuovo“ (Neue Ordnung), gehörten zur Gruppe von Elio Massagrande und Marco Morin. Nach dem Überfall auf eine Bank bei Verona im April 1966 wurden bei Massagrande, Morin und Besutti Waffenlager gefunden. Die Beschuldigten kamen mit lächerlichen Strafen davon (zehn bis 90 Tage Arrest). Der SIFAR-Offizier Manlio Rocco war in die Ermittlungen eingeschleust worden, „um zu vermeiden, daß Morin schädliche oder gefährliche Aussagen für den Geheimdienst machen könnte, im Zusammenhang mit Kontakten (...) zwischen eversiven Kreisen und den Militärs – zwischen Neofaschismus und den Geheimdiensten“, wie Rocco später vor dem Gladio-Untersuchungsrichter Felice Casson eingestand. Der ebenfalls auf dem Faschistentreffen anwesende Carlo Maria Maggi, enger Freund von Morin, wurde später wegen des Anschlags in Peteano verurteilt.

Bei einer Einvernahme durch die Bozener Staatsanwaltschaft erklärte Maggi, das „hohe Tier des Geheimdienstes“, das an dem konspirativen Treffen teilgenommen habe, sei Oberst Amos Spiazzi gewesen. Spiazzi war 1961 als Hauptmann des Heeres in Südtirol stationiert und später am Putschversuch „Rosa dei Venti“ (Windrose) beteiligt. Er selbst hat schon 1983 vor dem Untersuchungsausschuß, der die Machenschaften von Licio Gellis Geheimloge P 2 untersuchte, ausgesagt, daß in Südtirol ein Klima der Spannung erzeugt werden sollte – jene Spannung, die später mit den Blutbädern in Mailand, Brescia, Bologna und anderswo herbeigebombt wurde: „Ein Offizier hat zu mir gesagt: aber sehen Sie nicht, Spiazzi, daß in ihrem Einsatzgebiet nicht mehr allzuviel geschieht. Es gibt Interessen höherer Art ...“

Einzig das späte Datum des Treffens, 1970, das Masiero angibt, paßt nicht ins Bild. Doch er kann sich geirrt haben. [6] Nach Veröffentlichung des Memorandums bestätigte der Bozener Fernsehjournalist Gerd Staffler, bereits 1964 als Jugendlicher an einem Treffen in ähnlicher Zusammensetzung in den Hügeln über Verona teilgenommen zu haben. An diesem hätten laut Staffler neben einer größeren Zahl deutsch- wie italienischsprechender Südtiroler auch der britische Neonazi Sir Oswald Moosley, ein südafrikanischer Fallschirmspringer und der bereits erwähnte Neofaschist Elio Massagrande teilgenommen. Und damals traf auch Fred Borth auf den Ebensee-Attentäter Giorgio Massara. Unter anderem sei ein fiktives Erschießungskommando geübt worden. Schließlich sei bei dem Treffen auf Initiative des Franzosen Jean Thiriart die Organisation „Giovane Europa“ gegründet worden. [7]

Der Mord an Amplatz

Im März desselben Jahres 1964 reisen zwei Ausbildner der rechtsextremen französischen OAS [8] nach Innsbruck, um Georg Klotz und seine Leute zu trainieren. [9] Angeworben wurden sie im Auftrag Borths von Gernot Neuhuber. Die Mission endete in einem Desaster: Die algerienkriegerfahrenen Untergrundkämpfer sollen schon beim Anblick der „Operettenuniform“ der Südtirolkämpfer in schallendes Gelächter ausgebrochen sein. Die Franzosen wurden vom Innsbrucker Hermann Munk, angeblich Resident des deutschen Bundesnachrichtendienstes, nach Österreich gebracht. Einer der OAS-Söldner nannte gegenüber einem Schweizer Journalisten die „Jeune Europe“ als diejenige Fachistenorganisation, die ihn angeworben hätte. Für eine Sonderprämie von 10.000 Schilling hätte er weiters in Bozen einen Polizisten erschießen sollen.

Zu Pfingsten 1964 nimmt Borth gemeinsam mit Franz Kerbler in der Nähe von Nürnberg an einem Jugendlager („Tage volkstreuer Jugend“) des westdeutschen „Bundes Heimattreuer Jugend“ und der „Wiking Jugend“ teil. Beide fallen durch fleißiges Fotografieren auf. Nach dem Pfingstlager fahren einige Volkstreue vom BHJ per Autostopp nach Südtirol, wo sie festgenommen werden. Bei Verhören legt ihnen die Polizei Fotos des kurz zuvor abgehaltenen Pfingstlagers vor. Ob Zufall oder nicht, in diese Zeit fällt auch Borths Teilnahme an dem von Staffler geschilderten Treffen der „Jugend Europa“.

Als Klotz Anfang Juni nach Wien verbannt wird, wird Borth vom SIFAR auf ihn angesetzt. Ende August brechen Klotz und Luis Amplatz von Wien auf, um illegal die Grenze nach Italien zu überschreiten. Dort werden sie von Christian Kerbler in eine Falle des italienischen Geheimdienstes gelockt. Kerbler erschießt Amplatz mit einer Pistole der Carabinieri, Klotz kann verletzt fliehen. Nach – nicht unbedingt sehr glaubwürdigen – Informationen des „Kurier“ hat zwei Tage vor dem Mord am 7. September Gernot Neuhuber im Grazer Gefangenenhaus den damals mit ihm einsitzenden Norbert Burger und Peter Kienesberger erzählt, Borth halte sich zur Zeit im Passeiertal auf. Dort würden Tausende (sic!) Soldaten und Carabinieri gerade eine Falle für Amplatz und Klotz aufbauen.

Die Nazitreffen bei Verona und Nürnberg, die OAS-Aktion, die Ebenseer Bomben und ihre Vertuschung, die Ermordung von Amplatz – auch wenn sich all das, was da in der ersten Hälfte des Jahres 1964 passiert ist, chronologisch heute nur mehr schwer rekonstruieren läßt, so ist aufgrund der in den letzten Jahren bekanntgewordenen Fakten doch klar: Überall haben italienische Geheimdienste, insbesondere die Gladio-Abteilung des SIFAR, und europaweit organisierte Rechtsextremisten mitgemischt beziehungsweise die Fäden gezogen. Und es ist jenes Zusammenspiel zwischen Agenten und Rechtsextremisten, das Attentate wie in Ebensee oder die Ermordung von Amplatz erst möglich machte.

Quellen:
Elisabeth Baumgartner, Hans Mayr, Gerhard Mumelter: Feuernacht – Südtirols Bombenjahre, Ein zeitgeschichtliches Lesebuch. Edition Rætia, Bozen/Bolzano 1992;
Hans Karl Peterlini: Bomben aus zweiter Hand – Zwischen Gladio und Stasi: Südtirols mißbrauchter Terrorismus, Edition Rætia, Bozen/Bolzano 1992;
Tiroler Tageszeitung, 17.2.1965;
Volksstimme, 11.3.1986;
profil 50/91, 9.12.1990, Christoph Franceschini: Geheimsache Kerbler;
Dolomiten, 7.1. und 29.6.1991;
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.8.1991;
Il Mattino, 30.6.1991, Bruno Luverà: Ero al vertice neonazista;
Der Tiroler 2–3/1991 und 40/1992;
Kurier, Ausgabe Tirol, 29. und 30.3.1992;
profil 30/93, Christoph Franceschini: Der gestiefelte Kater.

[1Zitiert nach Baumgartner et al.: Feuernacht. Knöbl berichtete in den sechziger Jahren für das „Neue Österreich“ über Südtirol. Er war einer der ersten, der die Hintergründe der Ermordung des Attentäters Luis Amplatz recherchierte.

[2Am 1. Oktober 1961: „Wahrscheinlich ein erster Wink mit dem Zaunpfahl von der italienischen Seite, daß die Anschläge nicht unbedingt auf Südtirol und Italien beschränkt bleiben müssen“, schreibt dazu Hans Mayr in Baumgartner et al.: Feuernacht.

[3Bei den folgenden Parlamentswahlen im Juni kann der MSI dann tatsächlich seine Stimmen mehr als verdreifachen und wird mit über 10 % der Stimmen zweitstärkste Partei hinter der Südtiroler Volkspartei. Der grüne Landtagsabgeordnete Alexander Langer hatte bereits damals Geheimdienste hinter dem Anschlag vermutet. (profil 25/87)

[4Dies geht aus einer Liste mit 535 Namen damals noch lebender Gladiatoren hervor, die der italienische Rundfunk RAI am 6. 1. 1991 veröffentlichte. Die vollständige Liste ist veröffentlicht in: La notte dei gladiatori – Omissioni e silenzi della repubblica. Calusca Edizioni, Padova 1992.

[51961 schickte Norbert Burger Burschenschafter los, um auf Bahnhöfen in ganz Italien Brandbomben zu legen. Wegen des jungen Alters der Beteiligten wurde die Aktion als „Kinderkreuzzug“ bezeichnet.

[6Oder bewußt ein falsches Datum eingesetzt haben: „Wir könnten genauer sein, was die Jahre, Monaten, Tage, Stunden und vor allem Namen angeht, aber ein Instinkt zur Selbstverteidigung hält uns davon ab, alles anzuprangern“, schreibt Masiero zu Beginn seines Memorandums.

[7Nach anderen Quellen hat sich die „Legion Europa“ bereits 1962 der damals bereits existierenden „Jugend Europa“ angeschlsossen.

[8Organisation Armée Secrète: rechtsextremistische Terrorbewegung, die gegen die Aufgabe Algeriens durch de Gaulle kämpfte.

[9Auch dieses Unternehmen wird in Masieros Memorandum erwähnt.

Zeittafel

23.9.1963 Bombenanschlag in Ebensee durch italienische Neofaschisten um Giorgio Massara; Auftraggeber: SIFAR-Chef De Lorenzo.
1964 Internationales Neonazitreffen bei Verona, an dem Massara, Borth und der italienische Heeresgeheimdienst teilnehmen.
März 1964 Borth und Neuhuber organisieren OAS-Ausbildner für Klotz & Co.
24.3.1964 Treffen von Neuhuber, Wagner und den Kerbler-Brüdern zur Vertuschung des Ebensee-Attentats.
Pfingsten 1964 Borth und Franz Kerbler nehmen an Neonazitreffen bei Nürnberg teil. Sie machen Fotos, die kurz darauf bei der Südtiroler Polizei auftauchen.
Juni 1964 Der SIFAR setzt Borth in Wien auf Klotz an.
7.9.1964 Ermordung von Luis Amplatz durch den Agenten Christian Kerbler.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1996
ZOOM 4+5/1996, Seite 83
Autor/inn/en:

Julia Montalcino:

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