Zeitschriften » radiX » Nummer 2
V. B.

Gioconda Belli

Sie entstammt einer vermögenden Familie und wurde 1948 in Managua/Nicaragua geboren. Sie studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie wurde ver­haftet und zu sieben Jahre Haft verurteilt, konnte aber nach Costa Rica fliehen. Heute arbeitet sie vorallem im Bereich der politischen Bildung und lebt mit ihren drei Kindern in Managua. Sie ist unter anderem Redakteurin der Kulturzeitschriften „Ventana“ und „Nuevo Amanecer Cultural“.

Als ihre ersten Gedichte erschienen, waren sie ein Skandal. Nicht nur wegen ihrer politischen, sondern voral­lem wegen ihrer erotischen Inhalte. Denn kaum je zuvor hatte eine Frau aus Lateinamerika so offen von ihren Wünschen, Phantasien und Schwächen gesprochen, kaum je zuvor waren intellektuelle Erkenntnisse, sexuelle Ekstase und revolutionärer Kampf so zur Einheit ver­schmolzen wie in den Zeilen dieser Gedichte. Gioconda Belli sagt selbstbewußt, sie spüre ihre Macht als Frau. „Ich fühle instinktiv, daß ich die Schlange vom Baum des Lebens geholt hatte.“ Als revolutionäres weibliches Ethos erscheint dabei die Sehnsucht nach dem brüderlichen Menschsein, nach der solidarischen, sinnlichen Existenz. „Laßt uns eine Zukunft malen, in der Frau und Mann mit­einander sprechen und einander begleiten über die Haustür hinaus. Laßt uns die Liebe malen mit Riesenbuchstaben ... in der Farbe des Morgens“

Die folgenden Gedichte stammen aus den Gedichtbänden „In der Farbe des Morgens“ und „Feuerlinie“.

Zeugen wir Kinder

hunderte Kinder, sie werden geboren
zwischen braunen Beinen, unter Gesängen.
 
Zeugen wir Kinder,
mit geballten Fäusten
die Verschwörung, das Geheimnis in den Augen.
 
Zeugen wir Kinder,
sie werden auftauchen in Bergen, Städten und Feldern,
Kinder mit Blitzen im Blick,
Kinder verschwiegen, in der Nacht bringen sie Botschaften.
 
Kinder ohne Vater und Mutter,
Söhne von Frau und Mann im Verborgenen,
heimliche Kinder.
 
Zeugen wir Kinder,
gebären wir
für jeden getöteten Mann und jede getötete Frau
hundert Kinder,
die weiterkämpfen.

Und Gott machte eine Frau aus mir

Und Gott machte eine Frau aus mir,
mit langem Haar,
Augen,
Nase und Mund einer Frau.
und Falten
und weichen Mulden,
höhlte mich innen aus
und machte mich zu einer Menschenwerkstatt.
Verflocht fein meine Nerven
und wog sorgsam aus.
Mischte mein Blut
und goß es mir ein,
damit es meinen Körper
überall bewässere.
So entstanden die Gedanken,
die Träume,
die Instinkte.
All das schuf er behutsam
mit seinen Atemstößen
und seiner bohrenden Liebe,
die tausendundein Dinge, die mich täglich zur Frau machen,
derentwegen ich stolz
jeden Morgen aufwache
und mein Geschlecht segne.

Die Orchidee aus Stahl

Dich lieben in diesem Krieg, gleichzeitig reibt er uns auf
und bereichert er uns.
Dich lieben, nicht daran denken, wie die Zeit verrinnt,
wie über unsere Küsse der Abschied kommt.
Dich lieben in unserem eigenen Krieg
mit Beinen und Armen,
dich lieben mit Angst im Hals.
Dich lieben ohne Kenntnis des Tags unseres Abschieds oder
des Wiedersehns, denn zwischen unseren verschlungenen Körpern stieg heute
die Sonne auf,
unser Lächeln war schläfrig am Morgen.
Dich lieben, denn ich habe deine Stimme gehört,
und warte nun darauf, dich zu sehn, wie du aus der Nacht auftauchst.
Dich lieben in dieser ganzen Ungewißheit,
fühlen, unsere Liebe ist ein Geschenk,
eine Pause in so viel Leid und im Kugelregen,
ein Augenblick in den Kampf eingefügt,
damit wir nicht vergessen, wie sehr die Haut Zärtlichkeit braucht,
wenn wir uns lieben, Geliebter,
eingeschlossen in einem dreieckigen Land.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1999
Nummer 2, Seite 14
Autor/inn/en:

V. B.:

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