Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 7
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Geopolitik der Schlaftherapie

Die zur Zeit augenscheinlichste wesentliche Grundlage der aktuellen Weltpolitik — das Gleichgewicht des Schreckens — ist auch das Gleichgewicht der Resignation: für jeden Gegner, der sich mit dem Fortbestehen des anderen bescheidet, und für die Leute innerhalb ihrer Grenzen, die sich in ein Schicksal ergeben, das ihnen so vollkommen entgeht, dass das Weiterbestehen der Welt nur noch ein zufälliger, von der Vorsicht und dem Geschick unergründlicher Strategen abhängiger Vorteil ist. Sicher setzt das voraus, dass ein jeder sich ins Bestehende, in die koexistierende Macht der dieses Schicksal organisierenden Spezialisten fügt. Diese finden bei diesem Gleichgewicht einen zusätzlichen Vorteil, insofern es die schnelle Liquidierung jedes am Rande ihrer Systeme und vor allem durch die aktuelle Bewegung der unterentwickelten Länder eintretenden eigenartigen Emanzipationsversuchs ermöglicht. Durch dasselbe Räderwerk der Neutralisierung einer Drohung durch eine andere — welcher Beschützer auch bei der Gelegenheit gewinnen mag — wurde der revolutionäre Schwung im Kongo durch die Entsendung des UNO-Expeditionscorps niedergeworfen (zwei Tage nach seiner Landung Anfang Juli 1960 wurden die als erste angetroffenen ghanesischen Truppen dazu benutzt, den Verkehrsmittelstreik in Leopoldville zu brechen), sowie der in Kuba durch die Bildung der Einheitspartei (im März 1962 ist der General Lister, dessen Rolle bei der Unterdrückung der spanischen Revolution bekannt ist, zum Vizestabschef der kubanischen Armee ernannt worden).

Die beiden Lager bereiten nicht wirklich den Krieg vor, sondern die unbefristete Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts, das die innere Stabilisierung ihrer Macht widerspiegelt. Selbstverständlich sollen riesige Mittel dafür aufgebracht werden, da man das Schauspiel eines wirklichen Krieges immer weiter treiben muss. So erklärt Barry Commoner, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Komitees, das von der US-Regierung beauftragt wurde, die durch einen thermonuklearen Krieg zu erwartenden Zerstörungen abzuschätzen, dass nach einer Stunde eines solchen Krieges 80 Millionen Amerikaner tot sein würden, während die anderen keine Hoffnung mehr haben könnten, weiterhin normal zu leben. Die Stäbe, die bei ihren Vorbereitungen nur noch mit „megabody“ rechnen (diese Einheit stellt eine Million Tote dar), haben zugegeben, dass sie ihre Berechnungen vergeblich über den ersten halben Tag hinaus fortsetzen würden, da die Erfahrungswerte für die weitere Planung gänzlich fehlten. Nach Nicolas Vichney — in Le Monde vom 5. Januar 1962 — meint eine avantgardistische Tendenz der amerikanischen Verteidigungsdoktrin sogar schon, „das beste Abschreckungsverfahren wäre der Besitz einer riesigen, in den Erdboden eingegrabenen thermonuklearen Bombe. Beim Angriff des Gegners würde man sie sprengen und die Erde würde auseinanderbrechen.“

Sicher haben die Theoretiker dieses „Systems des Jüngsten Gerichts“ (Doomsday System) die absolute Waffe der Unterwürfigkeit gefunden; zum ersten Mal haben sie die Verweigerung der Geschichte durch eine präzise technische Macht ausgedrückt. Die strenge Logik dieser Doktrinäre entspricht aber nur einem Aspekt des widersprüchlichen Bedürfnisses der Gesellschaft der Entfremdung, deren untrennbares Projekt es ist, das Leben der Menschen zu verhindern, indem sie gleichzeitig ihr Überleben organisiert (vgl. den weiter unten in Vaneigems Basisbanalitäten dargelegten Gegensatz der Lebens- und Überlebensbegriffe). So dass das Doomsday System wegen seiner Verachtung eines Überlebens, das doch die unerlässliche Bedingung der gegenwärtigen und zukünftigen Ausbeutung der menschlichen Arbeit ist, nur die Rolle des ultima ratio der herrschenden Bürokratien spielen und nur paradoxerweise die Garantie ihres Ernstes sein kann.

Um seine volle Wirksamkeit zu erlangen, muss aber insgesamt das Spektakel des zukünftigen Krieges den uns bekannten Friedenszustand schon heute gestalten und seinen grundsätzlichen Forderungen dienen.

In dieser Hinsicht stellt die außerordentliche Entwicklung der Atomschutzbunker im Laufe des Jahres 1961 sicher den entscheidenden Wendepunkt des kalten Krieges dar, einen qualitativen Sprung, dessen unermessliche Bedeutung im Bildungsprozess einer auf Weltebene kybernetisierten, totalitären Gesellschaft erst später erkannt werden wird. Diese Bewegung fing in den Vereinigten Staaten an, als Kennedy schon im Januar in seiner Botschaft über den Zustand der Union vor dem Kongress behaupten konnte: „Das erste, ernsthafte Atombunkerprogramm der Zivilverteidigung ist mit der Erkundung und Reservierung von 50 Millionen Gebäuden im Gange und ich bitte um Ihre Einwilligung für die Art und Weise, wie die Bundesbehörden den Bau von Atombunkern in Schulen, Krankenhäusern und ähnlichen Stellen unterstützt haben“. Diese staatliche Organisation des Überlebens hat sich schnell mehr oder weniger heimlich auf die anderen wichtigen Länder der beiden Blöcke erstreckt. Z.B. kümmerte sich die BRD zuerst um das Überleben des Kanzlers Adenauer und seiner Mannschaft und die Enthüllung der diesbezüglichen Verwirklichungen hatte die Beschlagnahme der Münchner Zeitschrift Quick zur Folge. Schweden und die Schweiz sind schon dabei, kollektive, in die Berge gehauene Bunker zu bauen, in denen die mitsamt ihren Fabriken vergrabenen Arbeiter bis zur Apotheose des Doomsday Systems ununterbrochen weiter produzieren können. Die Ausgangsbasis aber der Zivilverteidigungspolitik liegt in den USA, wo viele aufblühende Gesellschaften — wie z.B. die Peace O’ Mind Selter Company in Texas, die American Survival Products Corporation in Maryland, die Fox Hole Shelter Inc in Kalifornien und die Bee Safe Manufacturing Company in Ohio — für Werbung für unzählige individuelle, d.h. als Privateigentum für das Überleben jeder Familie eingerichtete Bunker und deren Erstellung sorgen. Bekanntlich wird um diese Mode herum eine neue Interpretation der religiösen Moral entwickelt, nach der Geistliche sich dahingehend äußern, dass es eine klare Pflicht sein wird, den Zugang zu solchen Bunkern Freunden bzw. Unbekannten auch mit Waffengewalt zu verweigern, um die Rettung der eigenen Familie zu sichern. Tatsächlich musste sich die Moral hier fügen, um mitzuwirken, den Terrorismus der Konformität zu seiner Vollkommenheit zu bringen, der der gesamten Werbung des modernen Kapitalismus zugrundeliegt. Es ließ sich schon seiner Familie und seinen Nachbarn gegenüber nur schwer vertreten, diesen oder jenen Autotyp nicht zu haben, der dank dieser oder jener Gehaltstufe (die in den großen städtischen Siedlungen amerikanischen Typs immer erkennbar ist, da die Lage der Wohnung gerade von der Gehaltstufe abhängt) ratenweise zu bekommen ist. Es wird aber noch weniger leicht sein, den Seinen den nach der Marktlage erschwinglichen Überlebensstandard nicht garantieren zu können.

Es wurde allgemein gemeint, dass eine relative Sättigung der Nachfrage nach „haltbaren Gütern“ in den Vereinigten Staaten seit 1955 die Unzulänglichkeit des Anreizes nach sich zog, den der Konsum dem Wirtschaftsaufschwung liefern soll. So lässt sich zweifellos der Umfang der Mode der gadgets jeder Art erklären, die einen sehr geschmeidigen Auswuchs des Sektors der halbhaltbaren Güter darstellen. Die Bedeutung des Atombunkers tritt aber in dieser Perspektive einer notwendigen Wiederbelebung des Wirtschaftsanstiegs voll in Erscheinung. Mit dem Bau der Bunker und seinem voraussehbaren Zubehör soll alles unter der Erde neu begonnen werden. Die Ausstattungsmöglichkeiten der Wohnung sollen nochmals überprüft werden — und zwar in doppelter Hinsicht. Es handelt sich wirklich um die Einrichtung eines neuen Beständigen in neuem Ausmaß. Diese unterirdischen Investierungen in von der Gesellschaft des Überflusses bisher unbebaute Schichten leiten auch eine Wiederankurbelung für auf der Erdoberfläche schon gebräuchliche halbhaltbare Güter ein, wie z.B. eine Hochkonjunktur für Lebensmittelkonserven, von denen so viele wie möglich in jedem Keller gelagert werden sollen; auch für neue spezifische gadgets, wie z.B. Plastiksäcke für die Leichname derer, die in dem Atombunker sterben und natürlich mit den Überlebenden dort weiterhin werden bleiben müssen.

Man kann freilich leicht einsehen, dass diese schon überall verstreuten individuellen Atombunker niemals wirksam schützen — z.B. wegen so grober technischer Vernachlässigungen wie des Mangels an Autonomie bei der Sauerstoffzufuhr; weiter, dass die perfektesten Kollektivatombunker einen nur sehr begrenzten Überlebensspielraum anbieten würden, falls es zufällig zum thermonuklearen Krieg kommen sollte. Wie bei allen „rackets“ dient hier der Schutz nur als Vorwand. Die Gefügigkeit der Leute zu messen — und damit zu verstärken — und jene in eine der herrschenden Gesellschaft angenehme Richtung zu manipulieren — das ist der wirkliche Nutzen der Atombunker. Als Herstellung einer neuen Konsumware in der Gesellschaft des Überflusses beweisen sie mehr als irgendein voriges Produkt, dass man die Menschen arbeiten lassen kann, um hochkünstliche Bedürfnisse zu befriedigen, die sicher als „Bedürfnisse weiter bestehen, ohne je Begierde gewesen zu sein“ (vgl. die Vorbemerkungen zum 20. Juli 1960) und auch keine Gefahr laufen, zu solchen zu werden. Die Macht dieser Gesellschaft und ihr furchtbares automatisches Genie kann bei diesem Grenzfall ermessen werden. Sollte sie einmal mit brutaler Offenheit feierlich bekanntgeben, sie zwinge den Menschen ein leeres und dermaßen trostloses Leben auf, dass es allen als beste Lösung erscheinen würde, sich zu erhängen, so würde es ihr doch gelingen, ein gesundes und rentables Geschäft mit der Herstellung von genormten Stricken zu betreiben. Bei dem gesamten kapitalistischen Reichtum bedeutet aber der Überlebensbegriff nur einen bis zum Ende der Erschöpfung verschobenen Selbstmord, einen alltäglichen Verzicht auf das Leben. Durch das Atombunkernetz — das nicht in Kriegszeiten sondern sofort gebraucht werden soll — entsteht vor unseren Augen das jetzt noch übertriebene und groteske Bild des Lebens unter dem zur Vollkommenheit getriebenen bürokratischen Kapitalismus. Dabei tritt ein Neo-Christentum hervor, das sein Ideal des Verzichts, eine neue, mit der Wiederbelebung der Industrie zu vereinbarende Untertänigkeit wieder einführen will. Die Welt der Atombunker erkennt sich selbst als ein Jammertal mit Klimaanlage. Die Koalition aller Manager und ihrer Priester mannigfaltiger Art kann in einer einheitlichen Parole übereinstimmen: Die Macht des Starrkrampfs — plus Überkonsum.

Obwohl das Überleben als Gegenteil des Lebens selten so deutlich wie von den Atombunkerkäufern des Jahres 1961 plebiszitär gebilligt wird, ist es auf allen Ebenen des Kampfes gegen die Entfremdung wiederzufinden. So z.B. in der alten Kunstauffassung, die vor allem das Überleben durch das Werk als Zugeständnis des Verzichts auf Leben, als Entschuldigung und Trost betont (besonders seit der bürgerlichen Epoche der Ästhetik, des weltlichen Ersatzes für die religiöse Hinterwelt). Und genauso auf der unreduzierbarsten Ebene des Bedürfnisses — bei den Überlebensbedürfnissen nach Lebensmitteln und Wohnung, mit dem durch das Elementarprogramm für den unitären Urbanismus (siehe S.I. No.6) denunzierten „erpresserischen Geschwätz von der Brauchbarkeit“, das jede menschliche Kritik der Umwelt „mit dem simplen Argument“ beseitigt, „man brauche ein Dach über dem Kopf“.

Die neue, mit den Trabantensiedlungen entstandene Wohnungsart ist von der der Bunkerarchitektur nicht wirklich getrennt. Sie ist nur die untere Stufe davon, obwohl ihre Wohnungen eng sind und der Übergang von einem zum anderen ohne Unterbrechung vorgesehen wird; das erste französische Beispiel dafür liefert ein zur Zeit in Nizza in Bau befindlicher Wohnblock, dessen Kellergeschoss schon als Atomkeller für alle seine Bewohner angelegt wurde. Die KZ-ähnliche Organisation der Oberfläche ist der normale Zustand einer im Entstehen begriffenen Gesellschaft, deren unterirdische Zusammenfassung die pathologische Übertreibung darstellt. Durch diese Krankheit wird das Schema jenes Gesundheitszustands besser enthüllt. Der auf der Oberfläche geltende Urbanismus der Verzweiflung hat gute Aussichten, nicht nur in den bevölkerten Zentren der USA zum herrschenden Urbanismus zu werden, sondern auch in denen viel rückständigerer Länder Europas oder sogar auch in dem seit dem „Plan von Constantine“ verkündeten neo-kolonialistischen Algerien. Ende 1961 klagte die erste Fassung des Nationalen Raumordnungsplanes für Frankreich — deren Formulierung später gemildert werden sollte — über „eine beschäftigungslose Bevölkerung, die hartnäckig darauf bestand, weiter innerhalb der Hauptstadt zu wohnen“, obwohl die Verfasser, als patentierte Fachleute für das Glück und das Mögliche, darauf hinwiesen, „sie könnte doch angenehmer außerhalb von Paris wohnen“. Folglich beanspruchten sie, diese peinliche, irrationale Lage zu beseitigen, indem „diesen untätigen Leuten systematisch die Lust genommen wird“, in Paris zu bleiben.

« Il est impossible de s’imaginer un Congo indépendant qui pourrait s’admînistrer luimême ... Le problème est d’entreprendre le recrutement et l’éducation d’une classe dirigeante indigène. »
Walter Lippmann. New York Herald Tribune, 25-12-61.

Da die wertvollste Tätigkeit selbstverständlich darin besteht, den diese Gesellschaft erhaltenden Managern systematisch jede Lust an ihren Berechnungen bis zu ihrer konkreten Beseitigung zu nehmen, und da die Planer selbst viel mehr als die gedopte Menge der Ausführenden daran denken, stellen sie ihre Schutzmittel bei jeder modernen Raumplanung auf. Die Planung von Atombunkern für die Bevölkerung, sei es in der normalen Form eines Daches oder in der dem „Überfluss“ angemessenen eines vorbeugend zu bewohnenden Familiengrabs, soll eigentlich dazu dienen, ihre eigene Macht zu schützen. Die Herrschenden, die die Aufbewahrung und die maximale Isolierung ihrer Untertanen kontrollieren, benutzen dieselbe Gelegenheit, um sich selbst zu strategischen Zwecken zu verschanzen. Die Haussmanns des XX. Jahrhunderts brauchen nicht mehr für das Aufmaschieren ihrer Unterdrückungskräfte bei der Säuberung der alten Stadtgebiete zu sorgen. Indem sie einerseits die Bevölkerung in einem breiten Umkreis in neuen Städten verstreuen, die eben diese Säuberung im reinen Zustand darstellen (dort wird die Unterlegenheit der entwaffneten und der Verbindungsmittel beraubten Massen den immer technischeren Polizeikräften gegenüber deutlich verstärkt), errichten sie gleichzeitig unerreichbare Hauptstädte, in denen sicherheitshalber die herrschende Bürokratie die gesamte Bevölkerung ausmachen kann.

Auf verschiedenen Entwicklungsstufen dieser Regierungsstädte befinden sich z.B. die „Militärzone“ in Tirana, ein von der Stadt getrenntes und von der Armee verteidigtes Viertel, in dem die Wohnungen der albanischen Führer, das ZK-Gebäude sowie die Schulen und Krankenhäuser, Geschäfte und Vergnügungslokale für diese wirtschaftlich autarke Elite konzentriert sind; die Verwaltungsstadt von Rocher Noir („Schwarzer Felsen“), die innerhalb eines Jahres aufgebaut wurde, um als algerische Hauptstadt zu fungieren, als sichtbar wurde, dass die französischen Behörden unfähig geworden waren, sich in einer Großstadt normal zu behaupten — sie entspricht, was die Funktion betrifft, genau der „Militärzone“ in Tirana, sie wurde aber auf freiem Feld aus dem Boden gestampft. Das beste Beispiel ist aber Brasilia, die im Mittelpunkt einer weiten Wüste quasi vom Himmel geworfen wurde und deren Einweihungsfeier genau mit der Entfernung des Präsidenten Quadros durch seine Militärs und den Vorzeichen eines Bürgerkriegs zusammenfiel, der in die bürokratische Hauptstadt (die bekanntlich den beispielhaften Erfolg der funktionalen Architektur darstellt) beinahe als erste eingezogen wäre.

Elle, 25-8-61.

Bei einer solchen Lage beginnen jetzt viele Fachleute, manchen beunruhigenden Unsinn zu denunzieren. Das geschieht, weil sie die Rationalität — die eines kohärenten Wahnsinns — nicht verstanden haben, die im Mittelpunkt dieser scheinbaren, teilweisen Absurditäten liegt und sie beherrscht, zu denen ihre eigenen Aktivitäten ohne Zweifel beitragen. So kann ihre Entlarvung des Absurden in ihren Formen und Mitteln nur absurd sein. Was soll man von den 900 Professoren aller Universitäten und Forschungsinstitute von New York und Boston halten, die sich am 30.Dezember 1961 im New York Herald Tribune feierlich an Präsident Kennedy und an den Gouverneur Rockefeller gewandt haben (also einige Tage bevor der erstere sich rühmt, zunächst 50 Millionen Atombunker ausgewählt zu haben), um sie vom verhängnisvollen Charakter der „Zivilverteidigung“ zu überzeugen? Oder von der wimmernden Soziologen-, Richter-, Architekten-, Polizisten-, Psychologen-, Pädagogen-, Hygieniker-, Psychiater- und Journalistenbande, die sich bei Kongressen, Kommissionen und Konferenzen jeder Art immer wieder zusammenfindet und die alle auf der Suche nach der dringenden Lösung zur Humanisierung der Trabantensiedlungen sind? Die Humanisierung der Trabantensiedlungen ist eine genauso lächerliche Mystifikation wie die des Atomkrieges — und zwar aus denselben Gründen. Die Atombunker führen nicht einmal in den Krieg, sondern die Kriegsdrohung auf ihr „menschliches Maß“ im Sinne dessen zurück, was den Menschen im modernen Kapitalismus definiert: seine Pflicht als Konsument. Diese Forschung nach der Humanisierung bezweckt ganz einfach die allgemeine Einführung der Lügen, die den Widerstand der Menschen am wirksamsten zurückhalten können. Die Trabantensiedlungen der Vororte werden durch die Langeweile und den totalen Mangel an gesellschaftlichem Leben auf eine genauso unmittelbare und fühlbare Weise gekennzeichnet wie Verkhoiansk durch die Kälte; und Frauenillustrierte veröffentlichen sogar jetzt Berichte über die neuste Mode in den neuen Vororten, wobei sie ihre Mannequins in diesen Gebieten fotografieren und zufriedene Leute interviewen. Da die verblödende Macht der Szenerie sich an der geistigen Entwicklung der Kinder abmessen lasst, wird deren lästige Vererbung als in schlechter Behausung Wohnende des klassischen Pauperismus betont. Die letzte reformistische Theorie setzt all ihre Hoffnungen auf eine Art Kulturzentrum — ohne das Wort zu benutzen, damit die Leute nicht weglaufen. In den Plänen der Architektengewerkschaft der Seine sieht die vorgefertigte „Klubkneipe“ (siehe Le Monde vom 22. Dezember 1961) wie eine kubische „Plastikzelle“ (28 × 28 x 4 m) aus mit „einem ständigen Element: der alkoholfreien Kneipe, in der Tabak und gleichfalls Zeitungen verkauft werden; der übrige Raum wird zu verschiedenen handwerklichen Bastlertätigkeiten bestimmt … Die ‚Klubkneipe‘ soll zum Schaufenster mit der ganzen dazugehörenden Verlockungskraft werden. Deshalb werden die ästhetische Konzeption und die Materialqualität sorgfältig geprüft, die Tag und Nacht am besten wirken. Das Spiel von Lichtern soll über das Leben in der ‚Klubkneipe‘ informieren.“

So sieht also die hier mit sehr aufschlussreichen Worten vorgestellte Erfindung aus, die „die gesellschaftliche Integrierung erleichtern könnte, auf deren Ebene sich die Seele einer Kleinstadt gestalten würde“. Man wird wenig auf den Mangel an Alkohol achten: bekanntlich brauchen zur Zeit in Frankreich die Jugendlichenbanden nicht einmal zum Alkohol zu greifen, um alles kaputtzuschlagen. Es sieht so aus, als ob die Rocker mit der französischen Tradition des Volksalkoholismus gebrochen hätten, während die Rolle des Alkohols bei den „hooligans“ im Osten so wichtig ist; weiter aber auch, als ob sie nicht wie die amerikanische Jugend beim Gebrauch von Marihuana bzw. stärkeren Rauschmitteln angelangt sind. Obwohl sie so einen leeren Raum zwischen den Reizmitteln zweier unterschiedlicher historischer Stufen passieren, reagieren sie doch mit einer klaren Gewalt auf gerade diese Welt, die wir beschreiben, und auf die schreckliche Aussicht, ihr Loch darin zu bewohnen. Lässt man das Element der Revolte beiseite, so ist das Projekt der gewerkschaftlich organisierten Architekten kohärent: ihre Klubs aus Glas sollen ein zusätzliches Kontrollinstrument auf dem Weg dieser Oberaufsicht über Produktion und Konsum sein, die die berühmte bezweckte Integrierung ausmacht. Die unbefangen zugegebene Zuflucht zur Schaufensterästhetik lässt sich vollkommen durch die Theorie des Spektakels erklären: in diesen alkoholfreien Kneipen werden die Konsumenten selbst spektakulär, wie Konsumgegenstände es aus Mangel an einem anderen Reiz sein müssen. Dem vollkommen verdinglichten Menschen kommt ein Platz im Schaufenster als dem wünschenswerten Bild der Verdinglichung zu.

Le problème de l’alcool ne manifeste que l’absence de moyens de réalisation de désirs authentiques. Le « Haut Comité d’étude et d’information sur l’alcoolisme » cherche ici à désigner de tels désirs parmi les marchandises disponibles.

Das System hat den inneren Fehler, dass es die Menschen nicht vollkommen verdinglichen kann; es muss sie handeln lassen und ihre Mitwirkung gewinnen, sonst würden die Produktion der Verdinglichung und ihr Konsum aufhören. So kämpft das System mit der Geschichte — mit seiner eigenen Geschichte, die zugleich die seiner Verstärkung und die seiner Beanstandung ist.

Während sich heute die herrschende Welt trotz gewisser äußerer Erscheinungen mehr denn je (nach einem Jahrhundert von Kämpfen und der Liquidierung der gesamten klassischen Arbeiterbewegung, die die allgemeine Kraft der Beanstandung repräsentierte, zwischen den beiden Weltkriegen durch traditionelle bzw. neuartige herrschende Sektoren) als endgültig ausgibt — aufgrund einer Bereicherung und der unendlichen Ausbreitung eines unersetzbaren Vorbildes-, kann diese Welt nur aufgrund der Kritik verstanden werden. Und diese Kritik ist nur insofern wahr und realistisch, wie sie eine Kritik der Totalität ist.

Der in allen Handlungen der Kultur, der Politik, der Organisation des Lebens und der sonstigen Gebiete erkennbare erschreckende Mangel an Ideen lässt sich dadurch erklären und die Ohnmacht der modernistischen Konstrukteure von funktionalistischen Städten ist nur ein besonders ausgebreitetes Beispiel dafür. Immer besitzen die intelligenten Spezialisten nur die Intelligenz, das Spiel der Spezialisten zu spielen: daher ihr ängstlicher Konformismus und der grundsätzliche Mangel an Phantasie, der sie annehmen lässt, diese oder jene Produktion sei nützlich, gut und notwendig. Eigentlich ist die Wurzel des herrschenden Mangels an Phantasie unverständlich, wenn man nicht zur Phantasie des Mangels gelangt — d.h. zur Vorstellung dessen, was im modernen Leben nicht vorhanden, verboten und verdreht, und trotzdem möglich ist.

Das ist keine Theorie ohne Verbindung mit der Art, wie die Leute das Leben nehmen — es ist im Gegenteil eine Wirklichkeit in ihren Köpfen, die nur immer noch ohne Verbindung mit der Theorie ist. Diejenigen, die diesen Mangel ausdrücklich als ihre Hauptkraft und ihr Programm anerkennen werden, indem sie das „Zusammenleben mit dem Negativen“ im Hegelschen Sinne weit genug treiben, werden das einzige positive Projekt hervortreten lassen, das die Mauern des Schlafs zerstören kann; sowie die Maßnahmen des Überlebens; und die Bomben des Jüngsten Gerichts; und die Megatonnen der Architektur.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1976
Numéro 7, Seite 3
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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