FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 291/292
Reinhold Oberlercher

Gemeinwirtschaftlicher Kapitalismus

Eine marxistische Gewerkschaftstheorie II

I. Gewerkschaften und Gemeinwirtschaft

In ihren Anfängen übernahmen die Gewerkschaften gelegentlich notgedrungen — aufgrund der zunächst außerordentlichen ökonomischen und politischen Schwäche der Klasse der Arbeitskraftverkäufer — viele Aufgaben außerhalb ihrer eigentlichen Funktion als Preiskartell der Arbeitskraft, so z.B. fungierten sie als Arbeitskräftemakler (Arbeitsvermittlung), organisierten Arbeitslosen-, Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung, was später alles an den Staat übergegangen ist.

Der wesentliche und daher unverzichtbare Bestandteil des gewerkschaftlichen Unterstützungswesens bleiben aber die Streikkassen: Damit das proletarische Kartell seine Vorstellungen über den Minimalpreis der Arbeitskraft durchsetzen kann, muß es zur spekulativen Verknappung des Arbeitskräfteangebots in der Lage sein; dies erfordert die Bildung größerer Fonds, um die bei der Arbeitskraft besonders hohen Aufbewahrungskosten für eine größere Warenmenge über längere Zeit aufbringen zu können.

Die Sicherung und Maximierung dieser Fonds erfordert ihre Anlage als Kapital. Je erfolgreicher dies geschieht, desto weniger verfügbar sind sie. Die kapitalisierten Streikkassen sind nur sicher, wenn sie akkumulieren und durch neu zufließende Beiträge ständig aufgestockt werden, denn die Minimalgrößen profitabler Einzelkapitale steigen beständig, und Zentralisationen mit Privatkapitalen sollen möglichst vermieden werden.

Angelegt werden diese Gelder naheliegenderweise im gemeinwirtschaftlichen Komplex, und unversehens wird eine erfolgreiche Tarifpolitik der Gewerkschaften, die den Zustrom an Mitgliedsbeiträgen sichert, zur Voraussetzung gemeinwirtschaftlicher Geschäftspolitik und Streikkosten zu Unkosten bei der Realisierung dieser Einnahmen. Aus dem ehemaligen Mittel ist der Zweck geworden, nicht mehr die Kasse muß den Streik unterstützen, sondern der Streik die Kasse: Streikkosten sind Unkosten der Kassierung.

Deswegen muß der Streik eine reale Drohung der Gewerkschaften darstellen, der nicht nur die Unternehmer mit Profitausfall, sondern nichtorganisierte Arbeiter mit Lohnausfall bedroht, so daß ihnen Gewerkschaftsbeiträge als angemessene Versicherung gegen Streikfolgen erscheinen. Den gleichen Steigerungseffekt auf die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten haben Aussperrungen.

Das unentrinnbare Resultat der Entwicklung der Gewerkschaften ist folgendes: Je besser die aktive Arbeiterarmee im Kapitalismus organisiert ist, je näher sie sich dem Ziel geschlossener Einheitsgewerkschaften mit großem Vermögen, somit einem entwickelten gemeinwirtschaftlichen Sektor, in der Realität angenähert hat, desto unfähiger wird sie zum großen oder gar allgemeinen Streik beim Kampf um den Minimalpreis der Arbeitskraft, weil ihre gewerkschaftliche Organisation jetzt etwas zu verlieren hat, nämlich ihr Vermögen und nicht mehr nur ihre Ketten.

Selbst wenn die Gewerkschaften ihr ganzes Vermögen als ökonomischen Schild in großen Streiks verwenden wollten, löste sich dieser Schild in nichts auf, sobald er erhoben würde, d.h., der Verkauf ihrer Unternehmen, die Rückverwandlung von Kapital in Streikgelder ist ökonomisch unmöglich, weil der „Preis eines Kapitals“ nur eine fiktive Größe ist, die sich nach der von ihm abgeworfenen Profitmasse bestimmt, in deren zeitweiser Vernichtung ja gerade die ökonomische Wirkung des Streiks besteht. Außerdem käme als Kunde solcher Transaktion nur der ökonomische Gegner in Frage, wodurch die Unsinnigkeit der Forderung nach Rückverwandlung des Gewerkschaftsvermögens in einen Kampffonds besonders deutlich wird.

Diese objektive ökonomische Dialektik erklärt auch, warum das Verhältnis des Gewerkschaftsapparates zu den Gewerkschaftsmitgliedern sich ganz danach gestaltet, ob die Gewerkschaftsbewegung als Ganzes noch jung und unentwickelt oder schon stark und ausgebreitet ist. In ihrer Wachstumsphase ist die Gewerkschaft mehr oder weniger direkter Ausdruck der Interessen ihrer Mitglieder; als ausgereifter gesellschaftlicher Komplex hingegen, der von der Gegenseite als Tarifpartner anerkannt ist, spielt sie ihren Mitgliedern gegenüber die Vermittlungsinstanz zur Kapitalistenklasse und zu staatlichen und öffentlich-rechtlichen Institutionen, wo sie wiederum die systemimmanenten Interessen nicht nur ihrer Mitglieder, sondern der gesamten aktiven Arbeiterarmee oder der Arbeiterklasse vertritt.

Damit wird es nötig, eine besondere soziale Oberschicht aus der Masse der organisierten Arbeiterklasse herauszukristallisieren — das Finanzproletariat —, das den ökonomischen, politischen, rechtlichen und kulturellen Verkehr mit den Organisationen der nichtproletarischen Klassen und insbesondere mit dem Staat vermittelt. Die Stellung des Finanzproletariats gegenüber seinen Verhandlungspartnern ist um so stärker, je geschlossener es das Gesamtproletariat hinter sich hat; andrerseits wird diese Geschlossenheit dadurch beeinträchtigt, daß das Finanzproletariat nur der Ausdruck der jeweils kurzfristigen und kapitalimmanenten Interessen des Proletariats ist, das jedoch schon bei jedem Lohnkampf gewisse überschießende Bewegungsmomente zeigt, die auf Systemüberwindung zielen. Diese können sich zu empfindlichen Störfaktoren für die Politik des Gewerkschaftsapparates auswachsen und ihn auch ökonomisch gefährden, etwa durch Schadenersatzansprüche der Unternehmer bei Bruch des Tarifvertrages.

Folglich setzt der Gewerkschaftsapparat von oben nach unten eine hierarchische Gliederung und straffe Zentralisierung durch, wobei die unterste Ebene, die Vertrauensleute, die letzte und schwierigste Hürde sind, bis auch sie als Repräsentanten des Gewerkschaftsapparates funktionieren, vergleichbar etwa den Vertretern einer Rechtsschutzversicherung. Die Anwerbung neuer und Betreuung alter Mitglieder wird dann zur Hauptaufgabe dieses Fußvolkes des Gewerkschaftsapparates, welche Tätigkeit erst die Grundlage für die weitere Expansion und das Funktionieren des gemeinwirtschaftlichen Sektors sichert.

Die proletarische Genossenschaftsbewegung umfaßt ursprünglich nur Handelsunternehmen, die sich aber bald Produktionsstätten einverleiben, somit als vereinigte Industrie- und Handelskapitale fungieren. Schließlich verschmilzt dieser Industrie- und Handelskomplex im nationalen Maßstab mit dem gewerkschaftseigenen Bankkapital, wodurch sich die gemeinwirtschaftliche Unternehmensgruppe zu einem Finanzkapital mausert. Die Verschmelzung dieses finanzkapitalistisch organisierten gemeinwirtschaftlichen Komplexes mit Grundeigentum (durch die „Neue Heimat“ ist dies sogar im internationalen Maßstab der Fall erhebt ihn in den Rang eines Monopolkapitals.

Der gemeinwirtschaftliche Unternehmenskomplex erfüllt die gleichen formalen Bedingungen wie die modernen, multinationalen Monopolkapitale, er hat jedoch Aspekte, gemäß denen er mehr als ein Monopolkapital ist und das gemeinwirtschaftliche Prädikat verdient.

Auszugehen ist von den Besonderheiten des zinstragenden Kapitals: durch dessen Existenz nämlich gewinnen alle fungierenden Kapitale einen Doppelcharakter. Sie werden einerseits als zinstragende betrachtet, und in dieser Eigenschaft werfen sie den Zins ab, und als praktisch fungierende Unternehmerkapitale andrerseits, als welche sie den Unternehmergewinn abwerfen. Diese Teilung des Profits in Zins und Unternehmergewinn, die aus dem Doppelcharakter des Kapitals folgt, einerseits eine Eigentumsgröße, andrerseits praktische Verfügung, Funktion oder Besitz zu sein, ist der Schlüssel zu jenen wirklichen Schritten zur Überwindung des Kapitalverhältnisses, die in seiner eigenen Entwicklung liegen.

Der erste Schritt in diese Richtung sind die Aktiengesellschaften, in denen im reinen Fall das eine Moment des Kapitals, Unternehmerkapital zu sein, sich auf Null reduziert: D.h., es muß kein Unternehmergewinn mehr erwirtschaftet werden, weil die praktische Leitung des Verwertungsprozesses wie alle anderen Arbeitsprozesse auch einer besonderen Klasse von Lohnarbeitern übertragen wird. Der Kapitalist als praktischer Unternehmer ist verschwunden. Er erscheint nur noch als Kapitaleigentümer und somit als Zins- bzw. Dividendeneinstreicher. Es ist klar, daß die Form der Aktiengesellschaft gegenüber dem tendenziellen Fall der Profitrate viel widerstandsfähiger ist, eben weil das in ihr angelegte Kapital nur noch Zins, aber keinen Unternehmergewinn mehr abwerfen muß. Was natürlich nicht ausschließt, daß es dies trotzdem tut, z.B. in der Form des Gründergewinns.

Der zweite Schritt in die Richtung der Selbstaufhebung der kapitalistischen Produktionsweise ist das gemeinwirtschaftliche Kapital, insofern es aus akkumulierten Beiträgen der Gewerkschaftsmitglieder stammt. Dessen Eigentümlichkeit besteht darin, nicht nur keinen Unternehmergewinn, sondern auch keinen Zins abwerfen zu müssen, denn die Gewerkschaftsmitglieder verlangen keine Dividenden. Da das gemeinwirtschaftliche Kapital im ökonomischen Extremfall (welcher der theoretisch reine und daher interessante ist) weder Unternehmergewinn noch Zins abwerfen muß, sondern im Regelfall nur einen Akkumulationsfonds und einige Revenuen für die führenden Funktionäre abwirft, ist es in viel größerem Ausmaß als Aktiengesellschaften gegen den Fall der Profitrate widerstandsfähig. Im Extremfall kann das gemeinwirtschaftliche Kapital ganz ohne Profit wirtschaften, ohne deswegen „unrentabel“ zu sein.

Die gleiche ökonomische Fähigkeit wie dieses gemeinwirtschaftliche Kapital haben staatliche Subventionen: sie bilden, wenn sie nur zurückgezahlt, aber nicht oder nicht voll verzinst werden müssen, sozusagen einen verknöcherten, unfruchtbar gewordenen Teil des prozessierenden Gesamtkapitals, dem dank dieses unprofitablen Subventionsanteils die normale Verwertung seines privaten Restkapitals ermöglicht wird.

Man kann dieses Verfahren als staatsinterventionistische Konservierung der privatkapitalistischen Produktionsweise bezeichnen, deren Wirkung noch vervielfacht wird, wenn die staatliche Subvention nicht nur die Form zinsloser (oder zinsermäßigter) Darlehen annimmt, sondern gleich als nicht rückzuzahlende Profitgarantie vom Staat gewissen Unternehmen zugeschossen wird. Indem der Staat auf diese Weise großen und volkswirtschaftlich wichtigen Unternehmen die Profite zahlt, ermöglicht er diesen Kapitalen das weitere Fungieren, was bedeutet, daß reale Kapitale wie fiktive behandelt werden: Bei einem Zinsfuß von zehn Prozent ermöglicht eine staatliche Profitgarantie von 100 Millionen einem Aktienkapital von einer Milliarde die Weiterexistenz als produktives Kapital.

Mit dieser Behandlung des realen Kapitals als fiktivem durch staatliche Zinsgarantie ist die weitreichendste Konservierungsform der privatkapitalistischen Produktionsweise ausgeschöpft. Jene Kapitalform aber, die dem Fall der Profitrate noch länger Widerstand leisten kann als das Aktienkapital, weil sie, um fungieren zu können, noch nicht einmal den allgemeinen Zinssatz realisieren muß, ist das gemeinwirtschaftliche Kapital.

Staatliche Zinssubventionen können in gemeinwirtschaftlichen Unternehmen daher eine viel größere Kapitalmenge in Funktion erhalten als in Aktiengesellschaften, die mindestens den allgemeinen Zinssatz realisieren müssen. Die staatliche Subvention eines gemeinwirtschaftlichen Unternehmens, das seine Aufgaben in der gesellschaftlichen Reproduktion nur unter Verlusten erfüllen kann, ist im Extremfall auf die Ersetzung der Verluste beschränkbar.

In diesem ökonomischen Sachverhalt hat die Furcht der Kapitalistenklasse vor dem Gewerkschaftsstaat ihre materielle Grundlage, und auch da, wo diese ökonomische Möglichkeit noch nicht realisiert ist, haben derartige Ängste der privatkapitalistischen Unternehmer ihre prinzipielle Berechtigung.

II. Gewerkschaften und Neue Linke

Damit wollen wir mit der Ableitung der objektiven, ökonomischen Bewegungsformen der Gewerkschaften zunächst innehalten und hoffen, zumindest soviel gezeigt zu haben, daß der Versuch der Konstruktion einer allgemeinen Gewerkschaftstheorie durchaus kein vergebliches Unterfangen ist und es nicht nur möglich, sondern sogar geboten erscheint, diese allgemeine Gewerkschaftstheorie auf der gleichen Ebene wie die Theorie vom Kapital und seinen allgemeinen Bewegungsgesetzen herzuleiten.

Alle willkürlichen Bewegungen der selbstbewußten Klasse, ihre historischen Interventionsmöglichkeiten, bestehen nur in der Beschleunigbarkeit und verlustarmen Rationalisierbarkeit der notwendig zu durchlaufenden, naturgemäßen Entwicklung ökonomischer Bewegungsformen. Die ökonomische Emanzipation des Proletariats bleibt Inhalt und Endzweck aller seiner Kämpfe, worin Klassenbewußtsein, Organisationen wie überhaupt alle Politik nur als Formen, in denen der ökonomische Inhalt bewältigt wird, letztlich also immer als dem ökonomischen Endzweck untergeordnete politische Mittel dienen. Mit der Verkehrung des ökonomischen Emanzipationskampfes in ein Mittel zur Erreichung eines politischen Zwecks — und sei es die „Diktatur des Proletariats“ — beginnt in der Regel die Metamorphose des Materialismus in den Idealismus und damit die Entfremdung der Politik von der proletarischen Klasse, eben weil sie nicht mehr als Mittel zu ökonomischen Zwecken einsehbar ist.

Auszugehen ist daher nicht von den gängigen politischen Phrasen über Arbeiterverrat, Reformismus, notwendige Transformation der Gewerkschaften in revolutionäre Organisationen usw., sondern vom wirklichen Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital. Das Kapitalverhältnis umschließt den Gegensatz von Geld- und Arbeitskraftbesitzern, die sich in der Zirkulation als gleichberechtigte Warenbesitzer gegenübertreten, in der Produktion als kommandierender Kapitalist oder Kapitalistenvertreter und als kommandierter Arbeiter. Da in beiden Sphären beide Klassen dem Prozeß des Kapitals immanent bleiben, als gleiche wie als ungleiche sowohl einen Gegensatz als auch eine Einheit bilden, ist die Behauptung von der „Integration der Gewerkschaften“ überflüssige Floskel und die Rede vom „Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital“ positiv falsch, wenn auch sehr geläufig.

Im Gegensatz zum Marxismus ist für die idealistische Neue Linke bei weitem nicht alle Geschichte, zumindest nicht alle Phasen der Gewerkschaftsgeschichte, eine Geschichte von Klassenkämpfen: nur in bestimmten Phasen der Kapitalentwicklung werden „die Gewerkschaften wieder zu Instrumenten des Klassenkampfes“. Folglich schreitet man auch sehr schnell zu einer oberflächlichen Betrachtung aktueller Tarifpolitik der Gewerkschaften, bringt hier und da einige Detailkritik an der Verhandlungsführung des Gewerkschaftsapparates an, ohne doch das Wesen der Tarifpolitik selber abgeleitet zu haben, so daß völlig offenbleibt, worauf sich Kritik oder Zustimmung stützen. Aufgeboten werden lediglich die Plausibilitätsargumente des gemeinen Menschenverstandes, der mit dem Hinweis auf die Kompliziertheit der Fragen sich deren Beantwortung erspart.

Sven Papcke [1] liefert ein schönes Beispiel dafür, mit welcher stereotypen GesetzmäBigkeit alte Topoi der revolutionären Ungeduld in der aus der Krise von 1966/67 hervorgegangenen „Neuen Linken“ sich wieder durchgesetzt haben. Nicht fehlen darf hiebei die in diesen Zusammenhängen unvermeidliche Bemerkung. 1945 hätten die Gewerkschaften die „Gunst der Stunde ungenutzt“ [2] gelassen, den Kapitalismus abzuschaffen, somit die schöne Gelegenheit vorüberziehen lassen, sich freiwillig ins Grab zu legen. Das politische Selbstverständnis formuliert Papcke am Ende wie folgt: „Die Neue Linke wirft dem DGB in detaillierter Kritik vor, durch die Mitbestimmung Lohnabhängige von ihrer zentralen Aufgabe, der Überwindung des Kapitalismus und damit ihrer Selbstbestimmung, abzulenken.“ [3]

Wenn es zwischen zwei Personen oder Klassen einen Vermittler gibt, so ist dieser, solange er Vermittler bleiben will und es überhaupt noch etwas zu vermitteln gibt, natürlich nicht an der Selbstbestimmung einer der beiden Parteien interessiert, sondern an seiner eigenen Mitbestimmung bei beiden. Aber an der frommen Wunschhaltung der Neuen Linken gegenüber Formen der alten Gesellschaft, doch so freundlich zu sein und Selbstmord zu begehen, hat sich bis heute nicht viel geändert.

Dazu gehört die beliebte Frage, ob die Gewerkschaften den Kapitalismus stabilisieren. Man könnte ebensogut fragen, ob die Börse oder die Aktiengesellschaften den Kapitalismus stabilisieren. Die wirkliche Geschichte aller Gewerkschaften zeigt ausschließlich ein systemkonformes Agieren. Das eigene Unvermögen, die Geschichte der Arbeiterbewegung zu erklären, beliebt die Neue Linke als Fehler dieser Geschichte zu beklagen: „Die Geschichte des politischen Versagens der Arbeiterbewegung ist meist zugleich eine Chronik ihrer falschen Theorien.“ [4]

Die Neue Linke steht fassungslos vor dem „gewerkschaftlichen Verzicht auf Massenstreikaktionen“: [5] Über das Jahr 1918/19 stellt man die tollkühne These auf: „Die Gewerkschaften brauchten nur revolutionär zuzugreifen, um alles zu bekommen.“ [6] Die bescheidene Frage, woher das Verkäuferkartell der Ware Arbeitskraft denn seine revolutionären Greifarme nehmen soll, kommt natürlich erst gar nicht in den Sinn. Ganz ohne Ironie bemerkt man, daß die allgemeine Wirtschaftskrise „ironischerweise die Gewerkschaften schwächte“. [7] Kapitalistische Krise heißt vor allem akuter Fall der Profitrate, Verminderung der Kapitalaktivität und somit Verfall der Nachfrage nach Arbeitskräften, was das Preiskartell ihrer Verkäufer natürlich ökonomisch schwächt.

Das prinzipielle Vergehen der Gewerkschaften sieht die Neue Linke letztlich darin, daß sie ökonomisch als Gewerkschaften fungieren, wobei man deren Funktion zugleich maßlos übertreibt: „Das prinzipielle Zugeständnis der Gewerkschaften an die Unternehmer lag darin, daß sie überhaupt den Verkauf der Ware Arbeitskraft betreiben und den Unternehmer als Kontrahenten dieses Geschäfts anerkannten.“ [8] Würden die Gewerkschaften tatsächlich die Arbeitskräfte ihrer Mitglieder verkaufen, wären sie Sklavenhändler.

Weil sich für die Neue Linke alle Momente der Gewerkschaftsfrage in das Gegenteil ihres Wesens verwandeln, kann sie auch behaupten, Streikkassen und das Unterstützungswesen seien den Gewerkschaften zum Verhängnis geworden. Die gewünschte „Revolutionierung der Gewerkschaften“ habe ihren „vielleicht wichtigsten Inhalt im Begreifen der eigenen Position im Spätkapitalismus“. [9] Die Neue Linke sieht nicht, daß die Gewerkschaft ihr Wesen entschieden besser begreift als all die vermeintlich marxistischen Gewerkschaftsrevolutionierer und daher Mitglieder mit erklärtermaßen revolutionären Absichten als prinzipiell gewerkschaftsfeindlich ausschließt.

Die neulinken Vorstellungen zur Revolutionierung der Gewerkschaften gipfeln in dem Vorschlag, sie betriebsnah aufzubauen, so daß nicht mehr die Vertrauensleute und die Ortsleitungen an die Weisungen der oberen Leitungsorgane gebunden sind: „Gerade umgekehrt wäre ein auf den Betrieben aufbauender und von dort kontrollierter gewerkschaftlicher Industrieverband zu organisieren.“ [10] Damit enthüllt sich das Gerede von der betriebsnahen Gewerkschaftsorganisation als Spezialproblem der unteren, noch jungen und ehrgeizigen Funktionäre, denen es natürlich sehr wünschenswert erscheint, wenn sie von der Zentrale keine Weisungen entgegennehmen müssen, sondern umgekehrt selber das Sagen haben.

Was dabei herauskäme, gingen solche Wunschträume in Erfüllung, wäre höchstens eine für die zahlenden Mitglieder sehr kostspielige Palastrevolution, aber keine Aufhebung des konterrevolutionären politischen Grundcharakters der Gewerkschaften. Dieser Grundcharakter ist historisch notwendig, um das ökonomische Wesen der Gewerkschaften, Preiskartell der Arbeitskraftverkäufer zu sein, voll zu entfalten. So zwingen die Gewerkschaften den Kapitalismus zu all jenen Revolutionen der Produktion, zu denen er fähig ist; und so erst schafft er die materielle Basis der assoziierten Produktionsweise des Sozialismus. Das konterrevolutionäre Verhalten der Gewerkschaften ist Bedingung der proletarischen Revolution.

Eberhard Schmidt schwingt sich zu folgender unumstößlichen Grundeinschätzung des Wesens der westdeutschen Gewerkschaften auf: „Wie wurden aus Selbsthilfe- und Widerstandsorganisationen der Arbeiterbewegung im Laufe der Entwicklung Stützen eines Systems, das den Arbeitern und Angestellten zwar ein gewisses Maß an materiellen Entschädigungen bereitstellt, aber nicht an ihren wirklichen Bedürfnissen orientiert ist?“ [11] Alle Topoi einer reaktionär-utopischen Einschätzung der Gewerkschaften sind hier versammelt: sie waren einmal etwas Gutes, und jetzt sind sie entartet, einst leisteten die Gewerkschaften Widerstand gegen das kapitalistische System, heute aber besorgen sie nur noch materielle „Entschädigungen“, die nicht mehr an den „wirklichen Bedürfnissen“ der Lohnabhängigen orientiert seien. Es ist dies der metaphysische Jargon der Eigentlichkeit, die vorhandenen Bedürfnisse werden als profan herabgesetzt, den „wirklichen“ oder „höheren“ politischen untergeordnet.

Das Verhältnis von sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaften charakterisiert Schmidt als „abstrakte Arbeitsteilung“; ob dies die Teilung der abstrakten Arbeit, wie diese Teilung etwa ohne eine Teilung der konkreten Arbeit möglich sei — diese Fragen läßt er unbeantwortet. Er räumt ein, daß die Gewerkschaften keine revolutionären Organisationen seien, aber sie könnten gleichwohl „eine entscheidende Kraft zur Umgestaltung der Gesellschaft sein“. [12] Wie denn das? Des Rätsels Lösung: die gesellschaftsumgestaltende Kraft, welche die Gewerkschaft dennoch entwickeln könnte, sei nur eine reformistische. Das soll so aussehen, daß die Gewerkschaften „die aktive Politisierung der Arbeitnehmer betreiben und so einen Druck erzeugen, der sich in politische Macht umsetzen läßt“. Der Vorschlag läuft darauf hinaus, die Ökonomie für die Politik zu funktionalisieren, somit die ökonomische Basisorganisation zur Dienerin ihres politischen Überbaues zu machen, also die Resultate des Jahres 1905/06 der deutschen Gewerkschaftsgeschichte wieder rückgängig zu machen. Seit damals ist etabliert, daß die Gewerkschaften stärker sind als die Partei, aus dem einfachen Grund, weil die Ökonomie stärker ist als die Politik.

Schmidt schildert einigermaßen wahrheitsgetreu, daß die Gewerkschaften der Restauration des Kapitalismus in den westlichen Besatzungszonen nach 1945 „keinen nennenswerten Widerstand“ entgegengesetzt haben. Er sieht nicht, daß sie damit ihrer eigenen Restauration Widerstand entgegengesetzt hatten. So ist er auch unfähig, die an sich schon unsinnige Frage, ob mit offensiven Lohnkämpfen der Wiederaufbau des kapitalistischen Systems hätte verhindert werden können, mit einem klaren Nein zu beantworten und meint, diese Frage müsse offenbleiben. [13]

Auch bei Schmidt zeigen sich die Sorgen des unteren Funktionärsnachwuchses: die Aufstiegsprobleme und Durchsetzungsschwierigkeiten der Jungapparatschiks und ihres publizistischen Anhangs verdichten sich zu einer Nebelwolke scheinlinker Phrasen, zusammengefaßt in der Parole der Betriebsnähe, also jener untersten Ebene, auf der ihre Protagonisten agieren: „Für eine autonome betriebsnahe Gewerkschaftspolitik ... liegen im augenblicklichen Stadium der Entwicklung ... nur theoretische und wenige praktische Ansätze vor. Dabei handelt es sich um betriebsnahe Tarifpolitik, um betriebsnahe Bildungsarbeit, ... um Erarbeitung und Veröffentlichung autonomer Plankonzeptionen der Gewerkschaften ...“ Auf der „Ebene des Betriebs“ soll ganz flach die „Frage nach der Macht in der Gesellschaft“ gestellt werden. [14] Das Ganze nennt Schmidt dann die neue offensive Strategie der Gewerkschaften.

Daß seinesgleichen nichts wesentlich anderes zu tun beabsichtigt als heute die so heftig attackierte Gewerkschaftsführung auch schon tut, verrät Schmidt am Beispiel der angeblich neuen, „exemplarischen“ Methode in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit: „Aus dem Ansatz der betriebsnahen Bildungsarbeit, der Anknüpfung an den realen betrieblichen Konflikt, ergibt sich auch folgerichtig ihre Methode: die des exemplarischen Lernens.“ Nach einer allgemeinen Vorliebe vieler Jungmanager sollen autoritäre Unterrichts- und Führungsmethoden abgebaut und gruppendynamische Prozesse berücksichtigt werden. Versteht sich, daß dieser verbalradikale Nachwuchs in seiner „antikapitalistischen Gewerkschaftsstrategie“ (diese Wortschöpfung ist ebenso sinnvoll wie etwa „schwarzer Schimmel“) „Vorstöße in der Verteilungsfrage“ unternehmen will — also haargenau dasselbe, was Gewerkschaften seit je tun. [15]

Diese Schicht aus aufstrebenden Jungmanagern und unzufriedenen Kadern des unteren und mittleren Gewerkschaftsapparates hat sich in dem Jahrbuch „‚Gewerkschaften und Klassenkampf“ eine publizistische Plattform geschaffen. Im Jahrbuch 73 faßt Mitherausgeber Walter Müller-Jentsch in einem Grundsatzartikel „Entwicklungen und Widersprüche in der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung“ die Positionen der linken Gewerkschaftskritik zusammen. Er nennt ihre sozialen Träger: den „unteren Funktionärskörper“, der das „Geschäft der Mobilisierung und ... der Abwiegelung der Mitglieder“ betreiben muß. Diese Schicht, auf der die Hauptarbeit lastet, soll die „Unzufriedenheit der Mitgliedschaft in alternative Konzeptionen und Strategien umsetzen“, d.h. aber in eigene Macht. [16]

Müller-Jentsch konstatiert Widersprüche, die keine sind: „Ihrer Geschichte, ihren Programmen und Traditionen nach können die Gewerkschaften als Kampfinstrumente zur Durchsetzung der Interessen abhängig Beschäftigter begriffen werden. In der Realität sind sie jedoch Verbände, die mit Staat und Unternehmer zusammenarbeiten ... und häufig auf dem Wege des Interessenausgleichs ihre Ziele verfolgen. [17] Er sieht nicht, daß es durchaus richtig und notwendig ist, bei der Interessenvertretung „abhängig Beschäftigter“ das kapitalistische System nicht in Frage zu stellen. Denn macht man eine proletarische Revolution, vertritt man nicht mehr die Interessen der abhängig Beschäftigten, sondern schafft sie ab.

Müller-Jentsch sitzt daher einem imaginären Ausdruck auf, wenn er von den Gewerkschaften sagt, sie dürften „solche Interessen der Mitglieder, die die kapitalistische Profitproduktion gefährden könnten, nicht vertreten“. [18] In den sogenannten antikapitalistischen Interessen der Gewerkschaftsmitglieder ist der Interessenbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. „Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse“ (MEW 23.559). Das Wesen, das in solch imaginären Ausdrücken illusionärer Gewerkschaftstheorien erscheint, ist der revolutionäre Charakter der kapitalistischen Produktionsweise selbst, worin der fortwährende Ausgleich der gegensätzlichen Interessen von Arbeitern und Kapitalisten zur Liquidation dieser Interessen führt, also zur Revolution des ganzen Systems.

Der revolutionäre Charakter des Kapitalismus ist die permanente Negation aller vorhergehenden konservativen Produktionsweisen. Die proletarische Revolution ist der permanente Umsturz des kapitalistischen Systems, die Negation dieser Negation, also wahrhafte Affirmation einer harmonischen Produktion. Der historische Preis dieser Harmonie ist fortwährende Revolution der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Sie müssen auch in einer sozialistischen Gesellschaft immer wieder umgestoßen werden, weil sie als gesellschaftliche Naturformen ständig neu entstehen. Ganz ebenso, wie im Kapitalismus das schon die einfache Warenproduktion regelnde Wertgesetz sich stets aufs neue durchsetzt, obwohl es vom Kapitalverhältnis beständig durchbrochen wird, das eben dadurch als herrschendes Verhältnis sich bewährt.

Herrschend sind in einer sozialistischen Gesellschaft die Produktionsverhältnisse der Arbeitskraft. Sie werden sich den Verwertungsprozeß des Kapitals unterordnen, ihn beständig durchbrechen, so daß er sich nur modifiziert durchsetzen kann. Die Produktionsverhältnisse der Arbeitskraft sind ein Verwertungsprozeß der Arbeitskraft, der nicht in der Dimension des Wertes, sondern des Gebrauchswertes sich vollzieht. (Zur Produktion der Arbeitskraft sind allerdings auch weiterhin „Wertgrößen“, d.h. gesellschaftlich notwendige Arbeitszeiten, erforderlich.)

III. Gewerkschaften und K-Gruppen

Die Grundlinie der Gewerkschaftspolitik der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) ist in der These 30 ihres Düsseldorfer Parteitages von 1971 dargestellt. Eine starke kommunistische Partei, wird dort behauptet, liege im Interesse der Gewerkschaften. Das aber wäre eine im kapitalistischen Staat regierende, doch zumindest regierungsfähige Partei, die gleichwohl nicht die gewerkschaftlichen Spielräume transzendiert, somit dem kapitalistischen System immanent bleibt. Eine revolutionäre Partei hingegen muß gegenüber dem kapitalistischen System, dem bürgerlichen Staat und somit dem gewerkschaftlichen Aktionsraum sich verselbständigen. Eine solche Partei kann daher nicht im Interesse der Gewerkschaften liegen. Mit dem programmatischen Anspruch, eine starke DKP liege im Interesse des DGB, präsentiert sich der spätleninistische Kommunismus als Konkurrent der Sozialdemokratie um die Rolle der Gewerkschaftspartei, deren politischer Radius mit dem ökonomischen Wesen der Gewerkschaften selbst gezogen ist.

Aus der Rolle der DKP als jüngerer und schwächerer Konkurrent um die politische Vertretung der Gewerkschaften folgt, daß ihre gewerkschaftspolitische Argumentation dem linken Sozialdemokratismus der um das Sozialistische Büro (SB) gruppierten Kräfte zum Verwechseln ähnlich sieht. So werden z.B. „Entfaltung der innergewerkschaftlichen Demokratie“ und „Überwindung von Widersprüchen und Inkonsequenzen“ der Gewerkschaftsführung gefordert. Nur liegt die Inkonsequenz durchaus nicht bei der Gewerkschaftsführung, sondern bei ihren im Gewerkschaftsapparat noch nicht arrivierten Kritikern, die genau dann, wenn sie in führende Rollen aufsteigen, gegenüber ihrem früheren Wortradikalismus inkonsequent werden und eine durchaus kapitalimmanente Politik treiben müssen. Sie werden spätestens dann sehr schnell gewahr, daß die „selbständige, klassenmäßige Position“ der Arbeiterklasse im Kapitalismus in ihrer Unselbständigkeit besteht, sie also auch nur als unselbständige Position eine klassenmäßige ist. Und im Namen der Klasse werden sie dann auch deren Unselbständigkeit verteidigen, und zu Recht. Denn wäre der Kapitalismus nur von den Kapitalisten und nicht auch von den Proletariern in Verfolgung ihrer kapitalimmanenten Klasseninteressen verteidigt worden, hätten schon die Maschinenstürmer der Bourgeoisieklasse das Genick gebrochen, was nur in einer feudalen Konterrevolution hätte enden können.

Der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) deklariert als sein gewerkschaftspolitisches Ziel „nicht Zerschlagung der Gewerkschaften, sondern Eroberung der Gewerkschaften für den Kommunismus“. [19] Es ist dies nichts weiter als eine schlechte, weil begrifflose Abstraktion vom ökonomischen Inhalt der Gewerkschaften; aus diesem Inhalt folgt, daß sie weder innerhalb des Kapitalismus dauerhaft zerschlagen noch für den Kommunismus gewonnen werden können. Was sich in kommunistisch regierten Ländern Gewerkschaften nennt, ist kein Preiskartell der Verkäufer von Arbeitskraft mehr, sondern die Organisation und Verwaltung der gesellschaftlichen Gesamtarbeitskraft.

Der KB/Nord wirft dem DGB vor, daß er sein Vermögen in der einzig möglichen, nämlich kapitalistischen, Form verwaltet und bewirtschaftet; für die Bedeutung der besonderen Merkmale dieses gemeinwirtschaftlichen Kapitals bleibt er völlig blind und bejammert: „Heute stehen die finanziellen Mittel der Gewerkschaften nicht mehr unter der Kontrolle der zahlenden Mitglieder, sondern werden von einer Schicht von Arbeiteraristokraten verwaltet, deren materielle und politische Interessen nicht mehr identisch sind mit denen der Masse der Arbeiter und Angestellten.“ [20] Aber das ist gerade das Wesen des gemeinwirtschaftlichen Kapitals im Unterschied zu Geschäftsanteilen in Genossenschaften: Es befindet sich nicht mehr in der Verfügung und Kontrolle der zahlenden Mitglieder, sondern in einem objektiven gesellschaftlichen Prozeß, dessen spezielles Bewegungsgesetz wir einleitend entwickelt haben.

Die ökonomische Basis der proletarischen Oberschicht ist der Apparat. Folglich braucht man sich nicht zu wundern, daß der Apparat der IG Chemie 57 Prozent der Mitgliedsbeiträge verschlingt, denn auf den Apparat gründet die ökonomische, soziale und politische Vermittlerstellung des Finanzproletariats zwischen der Masse der proletarischen Klasse (d.h. nicht nur den Gewerkschaftsmitgliedern) und der Bourgeoisieklasse sowie dem Staat.

Damit sind die Apparatkosten zugleich die „Produktionskosten“ des gemeinwirtschaftlichen Kapitals, in denen die Subsistenzkosten der hohen und niederen Arbeiteraristokratie oder des Finanzproletariats und seiner hauptamtlichen Gefolgschaft enthalten sind. Folglich sind nicht die Apparatkosten, sondern die Streikkosten tote Kosten der Gewerkschaften, denn der Apparat ist das unentbehrliche Instrument zur Beeinflussung und Kontrolle der proletarischen Klasse.

Absolute Unklarheit herrscht beim KB über den ökonomischen Charakter des DGB-Vermögens; es wird behauptet, bei diesem Vermögen handle es sich um „eine kapitalistische Form von Genossenschaftseigentum“. [21] Das ist Unsinn: Ein Genosse bleibt Eigentümer seines Geschäftsanteils und kann ihn durch Austritt aus der Genossenschaft jederzeit wieder zurückfordern. Ein beitragszahlendes Gewerkschaftsmitglied hingegen entrichtet Gebühren für die Teilnahme an einem Preiskartell, die Summe der Gebühren selbst fällt unwiderruflich an dieses Kartell. Folglich ist auch die Kritik gegenstandslos, daß „diese Gelder den Kollegen niemals wieder zugute kommen“. Es ist ja gerade das Wesen eines Mitgliedsbeitrages, daß Geld hingegeben wird, um in einen Verein hineinzukommen.

Das Gewerkschaftsvermögen ist gemeinwirtschaftliches Kapital und kein genossenschaftliches. Kapitalistische Form haben beide, ebenso wie das gesellschaftliche Eigentum, denn die Kapitalform ist eine gesellschaftliche Naturform, die nur in einer höheren aufhebbar, aber nicht „abzuschaffen“ ist.

Das gemeinwirtschaftliiche Gewerkschaftskapital ist ökonomisch beweglicher als das genossenschaftliche, es hat größere Ähnlichkeit mit vergesellschaftetem Kapital als das genossenschaftliche Gruppeneigentum, das immer eine Form von (kollektiviertem) Privateigentum bleibt: Durch die Beteiligung der Gewerkschaften an den Genossenschaften wird daher deren ursprüngliche Eigentumsform durch die höhere des gemeinwirtschaftlichen Kapitals zurückgedrängt.

Der den KB auch ansonsten kennzeichnende politökonomische Analphabetismus führt z.B. dazu, daß der folgende Satz nicht als ökonomische Tatsachenfeststellung, sondern als politische Kritik gemeint ist: „Es ist z.B. absolut ausgeschlossen, daß die DGB-Führung, um in einer entscheidenden politischen Situation einen Generalstreik zu finanzieren, eines ihrer Mammutunternehmen verkaufen würde.“ [22] Ökonomische Fakten, auch wo der KB sie selbst anführt, dienen ihm fast nie dazu, Einsicht in das ökonomische Wesen des Kapitalismus zu gewinnen und daraus Bedingungen und Methoden einer antikapitalistischen Politik zu bestimmen, sondern sind immer nur Anlaß moralischer Empörung.

So wird im obigen Zusammenhang vom KB berichtet, die Bank für Gemeinwirtschaft führe nur sechs Prozent Dividende an den DGB ab, wohingegen die Deutsche Bank an ihre Aktionäre 18 Prozent ausschütte. Anstatt darüber nachzudenken, welche besondere Art von „Aktionär“ der DGB sein muß, daß er sich mit einer derart unterdurchschnittlichen Kapitalverzinsung zufriedengeben kann, schlägt der KB vor, der DGB solle einen möglichst hohen Gewinn aus seinen Unternehmen abschöpfen, und zwar zum Zwecke der Aufstockung der Streikfonds.

Die DGB-Unternehmen, meint der KB, hätten „keinerlei Nutzen für die Gewerkschaftsmitglieder“. Hätten sie Nutzen für die Gewerkschaftsmitglieder statt Nutzen für die gesamte kapitalistische Wirtschaftsordnung, würden sie auch zu Unrecht als gemeinwirtschaftliche Unternehmen bezeichnet. Das gemeinwirtschaftliche Kapital hat schon an sich die Form der Vergesellschaftung, ist Aufhebung des Privateigentums. Der Allgemeinnutzen dieser Kapitalform besteht darin, auch mit unterdurchschnittlichem oder gar ohne Profit rentabel wirtschaften zu können. Das aber ist ein Nutzen für die Erhaltung der Lebensfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Und genau daran nutznießen u.a. auch die Gewerkschaftsmitglieder, indem das gemeinwirtschaftliche Kapital ihrer Gewerkschaften dazu beiträgt, die gesellschaftlichen Bedingungen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft zu stabilisieren, und zwar möglichst so intensiv und so lange, wie die auf dem Warencharakter der Arbeitskraft beruhende Produktionsweise überhaupt noch in der Lage ist, ihre historische Aufgabe durchzuführen — die permanente Revolution der Produktion.

Das unausbleibliche Resultat der Expansion des gemeinwirtschaftlichen Kapitals liegt in der Schaffung und Befestigung ganzer Zonen der Volkswirtschaft, in denen das Privatkapital nicht mehr anlegbar ist, weil nicht mehr mit mindestens durchschnittlicher Profitabilität. Diese Bereiche werden mehr und mehr zu einer für das gemeinwirtschaftliche Kapital faktisch reservierten Anlagesphäre. Das schlagendste Beispiel ist der Wohnungsbau. In den KB-Köpfen spiegelt sich die ökonomische Tatsache wie folgt: „Insbesondere bei der Unternehmensgruppe ‚Neue Heimat‘ wird die ganze Verlogenheit der ‚Gemeinwirtschaftsideologie‘ offensichtlich. Die Mieten der ‚Neuen Heimat‘ sind um keinen Pfennig billiger als in privatwirtschaftlichen Wohnungen ...“ In diesem Zitat ist jener ökonomische Primitivismus auf eine Formel gebracht, der unterdurchschnittliche Warenpreise für das Spezifikum der Gemeinwirtschaft hält, nicht aber unterdurchschnittliche Profite.

Der KB redet in Anschluß an Thälmann von der „verstärkten Faschisierung der Gewerkschaften“ durch die „arbeiterfeindliche“ Führung, [23] womit man nur die Befolgung des konterrevolutionären Grundkurses durch die Gewerkschaftsführung meint. Allen Ernstes regt man sich darüber auf, daß die unteren Funktionäre in allen ihren Handlungen an die Entscheidungen der Führungsgremien gebunden sind und daß nach den neuen Richtlinien von 1973 die Vertrauensleute die „Repräsentanten der IG Metall im Betrieb“ sind. Wir haben bereits eingangs entwickelt, warum die Vertrauensleute genau dasein müssen; und im großen und ganzen sind sie auch immer das, was sie dem Wesen der Gewerkschaften gemäß sein sollen. Dies ist schon dadurch sichergestellt, daß die Mehrheit der Vertrauensleute vom hauptamtlichen Gewerkschaftsapparat ernannt und nicht durch die Mitglieder gewählt wird.

Die Tatsache, daß der DGB den KB zur feindlichen Organisation erklärt hat, erscheint in den KB-Köpfen, die von nichts anderem erfüllt sind als dem ehrlichen Wunsch, die Gewerkschaften zu antikapitalistischen Kampforganisationen zu machen, als Verrat der Führer an der wahren Bestimmung der Gewerkschaften. Der schlichte Grund für dieses Verhalten der Gewerkschaftsführung ist aber der, daß alle jene kommunistischen Organisationen, die wirklich auf die antikapitalistische Revolution zustreben, tatsächlich gewerkschaftsfeindlich sind, mit der Zerschlagung des kapitalistischen Systems auch den Warencharakter der Arbeitskraft aufzuheben suchen, damit aber zugleich dem Preiskartell ihrer Verkäufer, also den Gewerkschaften, nach dem historischen Leben trachten. Die Repräsentanten des geschichtlichen Lebens der Gewerkschaften aber sind ihre obersten Führer. Folglich liegen der KB und die anderen kommunistischen Zirkel, die das kapitalistische System stürzen wollen, ganz richtig mit ihrer prinzipiellen Feindschaft gegen die Gewerkschaftsführer. Nur sind diese Zirkel nicht revolutionär genug, um anzuerkennen, daß sie mit dieser Feindschaft gegen die Gewerkschaftsführer, die nun einmal die wirklich existierenden (und nicht bloß ML-imaginären) Gewerkschaften personifizieren, zugleich prinzipielle Gewerkschaftsfeinde sind, und so lange bleiben müssen, wie ihre vorwissenschaftliche, emotional-revolutionäre Gesinnung anhält.

In der Behandlung gesellschaftlicher Apparate kann man die gleichen Fehler machen wie bei der Handhabung der technischen; werden sie nicht sachgemäß bedient, ihrem inneren Gesetz entsprechend bewegt, so nehmen entweder der unsachgemäß behandelte Apparat oder die stümpernden Individuen bzw. Organisationen dabei Schaden. Im Falle des Verhältnisses der emotional-revolutionären ultralinken Politzirkel zum DGB ist die Frage, wer von beiden zu Schaden kommt, durch das Kräfteverhältnis vorentschieden; und so ist denn die Rubrik „Betrieb und Gewerkschaft“ im KB-Organ Arbeiterkampf nichts anderes als die fortlaufende Buchführung eines gewerkschaftspolitischen Leichenschauhauses: „Bremer Gewerkschaftsführer wollen ‚Klar Schiff‘ machen — Gemeinsame Erklärung der vier vom Gewerkschaftsausschluß bedrohten Arbeiter der Bremer Vulkan-Werft — Gewerkschafts-Ausschlußverfahren gegen Vertrauensmann von Hanomag-Henschel — Unverschämter Vorstoß der Gewerkschaftsführer — Linke Kollegin aus Tarifkommission gefeuert — Kodolitsch feuert wieder linken Vertrauensmann — Gewerkschaftsführer leiten Massenausschluß ein — Ausschlüsse aus der Gewerkschaft HBV.“ [24]

Zu Beginn einer vorrevolutionären Periode, die durch eine sich erneut aktualisierende Krise des kapitalistischen Systems gekennzeichnet ist, bilden stur-konservative (und nicht bloß prinzipiell konterrevolutionäre) Gewerkschaftsführungen einerseits und emotional-revolutionäre Jugendorganisationen andererseits eine dialektische Einheit, die eben diese Übergangsperiode von einer saturierten Restauration des kapitalistischen Systems zu dessen vorrevolutionärer Zersetzung charakterisiert. Die vorrevolutionäre Epoche diskreditiert mit der alten Gesellschaftsordnung auch die ihr angemessenen Organisationsformen der aufstrebenden Klasse, die zugleich letzte Bastion und unter Umständen sogar Synonym für das niedergehende Zeitalter werden können. So wurden z.B. Zünfte und Gilden zum Inbegriff mittelalterlicher Finsternis, obwohl sie doch die Organisations- und Kristallisationszentren der revolutionären bürgerlichen Klasse im Feudalismus waren. Die Zünfte und Gilden des Proletariats sind Gewerkschaften und Genossenschaften.

[1Sven Papcke (Hg.): Anpassung oder Widerstand? Gewerkschaften im autoritären Staat, Frankfurt 1969

[2Papcke, a.a.O., S. 32

[3A.a.O., S. 42

[4Willy Wyniger, in: Papcke, a.a.O., S. 51

[5Rainer Kalbitz, in: Papcke, a.a.O., S. 63ff

[6A.a.O., S. 70

[7A.a.O., S. 73

[8Detlev Albers, in: Papcke, a.a.O., S. 126

[9A.a.O., S. 131f

[10A.a.O., S. 153

[11Eberhard Schmidt: Ordnungsfaktor oder Gegenmacht. Die politische Rolle der Gewerkschaften, Frankfurt/Main 1971, S. 11

[12A.a.O., S. 19f

[13A.a.O., S. 27 und S. 35

[14A.a.O., S. 170ff

[15A.a.O., S. 181ff

[16Gewerkschaften und Klassenkampf, Jahrbuch 1973, S. Fischer Verlag (Taschenbuch), Frankfurt 1973, S. 161

[17A.a.O., S. 150

[18A.a.O. S. 152

[19„Ergebnisse der Gründungskonferenz“ des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands, o.O., o.J., S. 53

[20Arbeiterkampf, Organ des Kommunistischen Bundes (Nord), Nr. 30, S. 14

[21A.a.O., S. 16

[22A.a.O.

[23A.a.O., Nr. 40, S. 3ff

[24A.a.O., Nr. 45, S. 24

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1978
, Seite 20
Autor/inn/en:

Reinhold Oberlercher:

Geboren 1943 in Dresden, lebte bis 1960 in der ehemaligen DDR. In der 68er Bewegung betätigte er sich als Theoretiker und Funktionär im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Seit Anfang der 80-er Jahre betätigt er sich als „Sozialnationalist“ bzw. „Nationalmarxist“ als Ideologe der „Neuen Rechten“.

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