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Emmerich Nyikos

Geistiges Tierreich

Derjenige, der nicht nachdenken will, verzichtet auf die Eigenschaft eines Menschen und soll wie ein entartetes Tier behandelt werden.

(D. Diderot)

In der Bibel sagt Christus: ,Seid denn ihr nicht besser als die Sperlinge?‘ Wir sind es als Denkende – als Sinnliche so gut oder so schlecht wie Sperlinge.

(G. W. F. Hegel)

Was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet, ist doch letztlich, dass er mehr tut, als für ihn selbst unbedingt notwendig ist. Wenn man schon von Humanismus reden will, so ist das die Grundlage.

(H. Müller)

1.

Wenn man nach einer Definition des Homo sapiens sucht, so wird man finden, dass für den Posten der differentia specifica unter allen Kandidaten der „Geist“ von den Sachverständigen auf diesem Gebiet an erster Stelle in der Liste gereiht wird oder, alternativ, das Denken und in neuerer Zeit, nach dem linguistic oder, was auf dasselbe hinausläuft, cultural turn, vornehmlich die Sprache (post-modern ausgedrückt: der „Diskurs“), die aber, unter der Hand, als „Geist“ gehandelt wird. Manchmal ist man sich sogar bewusst, dass der Mensch auch irgendwie „Tier“ (also Teil der Natur) ist, aber dann wird dieses Tier sogleich mit dem Epitheton vernünftig oder werkzeugmachend versehen, also als animal rationale oder tool making animal apostrophiert (wobei das tool making natürlich bewusste Überlegung miteinschließt).

Nur scheinbar fallen aus diesem Schema die Humanethologen à la Konrad Lorenz heraus, für die der Mensch in seinem Verhalten sich kaum von der Graugans oder sonst einem Getier unterscheidet; oder die Soziobiologen im Fahrwasser Dawkins’, die das selfish gene zu einem mastermind hochstilisieren, der das menschliche Verhalten steuert und lenkt. Aber eben nur scheinbar: Denn auch sie können im Grunde nicht leugnen, dass Roboter und Düsenjets nicht von Graugänsen konstruiert werden können und dass, wie sehr auch die Gene das Verhalten herumkommandieren, es doch auch Gene sind, die darin hochkant scheitern sollten, die Produktion der Divina Commedia, der Kunst der Fuge, des Taj Mahal und, last but not least, des Ángel exterminador zu verhindern.

2.

Nun ist es allerdings keineswegs falsch, wenn man sagt, dass der Mensch ein animal rationale oder tool making animal ist: Denn die Überlegung, das Denken – das profane, das praktische Denken, nicht der „Diskurs“ – charakterisiert jegliches Handeln, das über automatisierte Handlungsabläufe (wie das Lenken eines Automobils oder das simple Gehen) hinausgeht. Und genau das unterscheidet den Menschen vom Tier – sofern man ihn als Person, individuell, im Singular, nimmt –, wenn auch nicht derart absolut, wie manche das gerne glauben würden, sieht man sich das Verhalten der einen oder anderen Primatenart an. Dieser Umstand, den es schwer fällt zu leugnen, bedeutet freilich mitnichten, dass sich die Menschheit, die globale Gesellschaft, bereits aus dem Tierreich herausgelöst hätte: Als Kollektiv oder Art unterscheidet sie sich von den anderen Arten nicht im Geringsten. Denn das Denken, die Überlegung, das Räsonnement beschränkt sich auf das Leben im Alltag, die Praxis diesseits des Kirchturmhorizonts der eigenen lieben Person. Die Gesellschaft dagegen denkt nicht, sie stolpert bewusstlos dahin, als Konglomerat von Atomen, die, privat und jeder für sich, dennoch zusammenwirken, aber bewusstlos. Sie stolpert dahin, eben weil sie nicht plant, wie dies jedes Atom dieser Gesellschaft – seien dies nun Personen oder Kapitalentitäten – in seinem Alltagsleben gewohnt ist zu tun. Sie ist „geistiges Tierreich“, wie sie Hegel zutreffend nannte.

3.

Solange deshalb das Privateigentum nicht durch das Gemeineigentum abgelöst worden sein wird (und das ist die conditio sine qua non) und solange die Gesellschaft (auf dieser Grundlage dann) nicht bewusst und planmäßig vorgeht, überlegt, bevor sie agiert – und dann epimetheisch erstaunt ist über die „weiteren Folgen des Handelns“, die zwar im Handeln, aber nicht in der Absicht der Handelnden lagen –, wird die (Vor-)Geschichte der Menschheit nach wie vor als Naturgeschichte kategorisiert werden müssen. – Wir brauchen uns auf das Denken daher (auf die „Kulturen“ mithin oder wie man das auch sonst nennen mag), so wie die Dinge jetzt liegen, jedenfalls nichts einzubilden. Der Schritt heraus aus dem Tierreich – der Bewusstlosigkeit – steht uns im Prinzip erst bevor.

Post scriptum: Die Bewusstlosigkeit mag kein Problem für Schildläuse, Graugänse oder Kängurus sein (und ist es auch nicht), sie ist es allerdings für die Menschheit, da diese ein Konglomerat an „Produktivkräften“ hervorgebracht hat, die zugleich das Potential von Destruktivkräften haben, was für irgendeine sonstige Art natürlich nicht gilt, sieht man einmal von dem (allerdings ganz anders gelagerten) Sachverhalt ab, dass Heuschrecken, indem sie im Nu ganze Landstriche kahlzufressen vermögen, sich dadurch selbst für eine gewisse Zeit der Lebensgrundlagen berauben. Im Gegensatz zum Homo sapiens können sie freilich nicht anders.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2013
Heft 59, Seite 19
Autor/inn/en:

Emmerich Nyikos:

Geboren 1958. Historiker, lebt als freier Autor in Mexiko-City. Zuletzt erschienen: Das Kapital als Prozess. Zur geschichtlichen Tendenz des Kapitalsystems (2010).

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