Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

Gegenprobe: Wenn ich Haider wäre

Wenn Haider ein Populist wäre, würde er Dinge sagen, die ein Großteil der Bevölkerung lieber hören würde als zum hundertsten Mal den Quatsch von Bürokratiedschungel und Privilegiensumpf. Er würde die Anhebung der Löhne um 25 Prozent fordern (damit erwischte er die Menschen doch auch, wo sie verletzt sind!), er würde Großkapitalisten mit ihrem zusammengeraberten Reichtum angreifen („Privilegienschwein“), auf Milliardenkonkursen (Atomic, Emco, ...) herumreiten, Preistreiber bloßstellen („Ganoven“), und damit den berechtigten Aggressionen ein viel direkteres und populäreres Ziel geben), lmmobilienhaie aufblattln („Verbrecher“), Korruptionisten anschießen („Gauner“), Steuerbetrüger („Diebsgesindel“) anprangern. Warum tut er das alles nicht? Warum nützt er die Not der Leute nicht aus und deckt die Bankenkriminalität auf, macht die Raiffeisen-Genossenschaften nieder und gibt die Kapitalisten-Lobby Industriellenvereinigung der Lächerlichkeit preis? Er könnte die 34-Stunden-Woche fordern und fünf Prozent Eckzinssatz. Er könnte anstelle des nach Österreich geflohenen El Hussein A. den wirklichen Wirtschaftsflüchtling Swarovski jagen und statt der Entwendung eines Kodakfilmes durch einen slowakischen Tagestouristen die systematische Ausrottung der Greisler z.B. durch den Billakonzern als wirklichen „Ladendiebstahl“ brandmarken. Damit würde er dieselben Emotionen mit mehr Erfolg bedienen. Warum tut er’s nicht? Will er nicht mehr Erfolg? Warum fordert er angesichts der Wohnungsnot keine Zweitwohnungssteuer? Warum keine Luxusschlittensteuer? Könnte er bei den meisten Haiderwählern und bei vielen, vielen Nichthaiderwählern mehr punkten, als wenn er die Milliardensubventionen des Staates an die größten Geldsäcke öffentlich machen würde („Sozialschmarotzer“)?

Zwischen Haider und die Haiderwähler müssen wir hinein. Darum geht es. (Spiegel-Foto)

So nahe all dies läge, so weitab ist es für Haider. Er ist der Mann der Geldsäcke, nicht derer, die unter ihnen leiden. Wenn er das oben Angeführte täte, oder auch nur das eine oder andere davon, würde sich die unbezahlte, unbezahlbare Haider-Werbung von Krone bis News schlagartig aufhören. Die Qualen der Menschen braucht er nur — aber unbedingt! um das bestehende System im Interesse der oberen Zehntausend, und das heißt: gegen das der unteren Siebenmillionenneunhundertneunzigtausend, zu vervollkommnen. Wenn man sich ansieht, was Haider fordert, so ist es genau das, was auch in der Kronenzeitung ankommt. In der Kronenzeitung kommt nur an, was Hans Dichand, einem der reichsten Männer Österreichs, paßt.

Die oben genannten, vernünftigen Forderungen, die Haider allesamt nicht stellt, allesamt zu stellen, wäre eine Möglichkeit, ihn ins Eck zu stellen.

Die Menschen wären nicht normal, wenn sie nicht entsetzlich darunter litten, um sieben Uhr in die Fabrik gepfiffen zu werden, jahraus, jahrein, und von zwölf bis halbeins auf Maggi-Gusto-Tassen-Pause gesetzt zu werden. Nicht die Reaktion darauf mit offenem Haß und Aggression ist erklärungsbedürftig, sondern das Fehlen von Haß und Aggression. Wem (durch Erziehungsdruck z.B.) die ehrlichen heftigen Gefühle untersagt sind, der wird unweigerlich eine Beute des Marktes. Praktisch über jeden versuchten Fluchtweg — Freßsucht, Alkoholsucht, Drogensucht, New-Age-Sucht, Sportsucht, Kaufsucht, Karrieresucht, TV-Sucht, Autosucht u.a.m. — läuft er einem Warenhändler direkt in die Arme. Wiederum Doppelmühle: Die Reaktion auf die Unterdrückung richtet sich damit erstens nicht gegen die Unterdrücker, sondern ist zweitens für diese auch noch ein Geschäft. Weil „Freiheit“ für die Mehrzahl der Menschen hier nicht auf dem Programm steht, kann ihnen ein Eau de toilette als „Der Duft der Freiheit“ angedreht werden, weil es zu einem „erfolgreichen Leben“ für die meisten nicht reicht, können ihnen massenhaft Jeans unter dem Werbeslogan „successful living“ untergejubelt werden. 

Wer seine Aggressionen mit Zuschütten nicht zuderschüttet, dem gehen sie am falschen Ort los, z.B. in der Familie oder im Stra­ßenverkehr. Oder in der Politik. Beispiel: Das weitverbreitete Bedürfnis, in Jugoslawien dreinzuhauen, hat auch mit den eingesperrten Aggressionen der Menschen zu tun. Hier tut sich ein gesellschaftlich akzeptiertes Feld auf für Entladung, hier ist Platz für die kaum zurückhaltbare Zerstörungswut. Wie vermurkst die Leute sind! Gewiß. Aber was, wenn es dort, wo es hingehört, nicht herauskam? Im Ziel ihrer Attacken haben sie so grandios unrecht, wie sie in ihrem Grund dazu recht haben. Das, worauf Haider baut, Haider noch mehr baut als seine Kollegen, ist da. Sowenig er irgendetwas erfunden hat (siehe weiter unten), sowenig die elendige Wut der Leute. So wie vieles andere hat er sie auch bloß gefunden. Was er kann, und auch wieder besser kann als seine Kollegen, ist: ihr ein Ziel geben. Er sammelt die überschießende, blindwütige Rebellion der Leute und lenkt sie direkt oder indirekt gegen seine Karriere-Konkurrenten. In der vollkommen irregeleiteten Empörung vieler Menschen über den berüchtigten (von Haider selbstgebastelten) straffälligen Libanesen, der 20.000 Schilling Staatsunterstützung kassieren soll, haben wir die Empörung über die eigene Lage zu sehen, im Haß, den er auf die Machtbesessenheit der SPÖ kanalisiert, den Haß über die eigene Ohnmacht. Dem Maculan-Maurer wird nicht „nur“ die Wohnung, die er gebaut hat, weggenommen, sondern auch noch seine Wut darüber.

Mit ihren Aggressionen wären die Leute schon einen Schritt weit. Haider bringt sie zwei Schritte zurück.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1996
Heft 22, Seite 11
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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