Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 2-3/2004
Katrin Auer

Gastarbejteri — 40 Jahre Arbeitsmigration

Eine Ausstellungsbesprechung

Der Ausstellungskomplex Gastarbajteri umfasst drei Vermittlungsebenen und -orte: die historisch-doku­mentarische Ausstellung im Wien-Museum, die künstlerischen Darstellungen in der Wiener Hauptbücherei und Filme zum Thema im Film­archiv Austria. Die Ausstel­lung besteht somit aus meh­reren Ausstellungen, befin­det sich an relativ weit aus­einanderliegenden Orten (man fährt quer durch Wien, um von einem Ausstellungs­teil zu den anderen zu gelan­gen) und symbolisiert mit dieser Struktur Merkmale von Migration: Distanzen, Orte, Mobilität, Vielschich­tigkeit und unterschiedliche Perspektiven. In den Aus­stellungen soll die Perspekti­ve von MigrantInnen wie­dergegeben werden, um je­ne, die als Subjekte margina­lisiert und im Alltagsbewusst­sein der Mehrheitsgesell­schaft zu fremden Objekten gemacht wurden, „in das kul­turelle Gedächtnis Österreich hineinzureklamieren“, wie es in der Broschüre zu der Aus­stellung heißt. Gelingt das?

Um dieser Frage nachzu­gehen, möchte ich das Hauptaugenmerk auf die Ausstellung im Wien-Muse­um richten. Parallel zu Lisi Pongers Film Phantom Frem­des Wien 1991/2004 wird dort anhand von elf symbo­lischen Orten die Geschichte der Gastarbajteri wiederge­geben: die Anwerbestelle der Österreichischen Wirtschaftskammer in Istanbul, die „Gastarbeiterroute“, die Arbeitersiedlung Walddörfl, Frauenarbeitsmigration an­hand der Fischfabrik Warhanek, Herkunft aus dem und Rückkehr in das westtürki­sche Dorf Adatepe, selbstän­dige Erwerbsarbeit am Bei­spiel Mexikoplatz, der Ver­ein der Zeitungskolporteure, Migration und Gastronomie am Naschmarkt, Selbstorga­nisation und Widerstand, Übersiedelung der Fremden­polizei sowie die Errichtung des islamischen Friedhofs in Wien.

Mit diesen symbolischen und realen Orten werden nicht nur geographische Verortungen vorgenommen und wesentliche Themen aufge­griffen, sondern die Auswahl deckt auch Lebensstationen ab. Sowohl aus der politi­schen und strukturellen (mit den Orten Anwerbestelle, Fremdenpolizei, Selbstorga­nisation) als auch aus der le­bensgeschichtlichen Per­spektive (mit den Orten Wohnverhältnisse, Frauenar­beit, prekäre Arbeit, Herkunfts- und Rückkehrort Adatepe, islamischer Fried­hof) wird hier die Geschichte der vergangenen 40 Jahre ex­emplarisch abgedeckt.

Der Titel Gastarbajteri soll die Perspektive der Migran­tInnen beinhalten, da es sich um ein serbisch-kroatisches Lehnwort, eine Selbstbe­zeichnung der jugoslawischen Arbeitsmigranten handelt. Der Titel repräsentiert Ga­starbajteri jugoslawischer Herkunft, in der Ausstellung selbst dominiert die Ge­schichte von türkischen MigrantInnen. In Summe über­rascht und beeindruckt die Vielzahl an privaten und alltäglichen Gegenständen (Do­kumente, Fotos, Gebrauchs­gegenstände), welche die Per­spektive der Subjekte dieser Ausstellung wiederspiegeln. Überraschend deswegen, weil manche Ausstellungsobjekte auf den ersten — zugegebe­nermaßen privilegierten — Blick banal wirken. Doch Privatfotos, eine Thermos­kanne, Geldbörsen, ein No­tizbuch mit Aufzeichnungen von Zwischenstopps auf der Busfahrt entlang der „Gast­arbeiterroute“ oder eine Kin­derpuppe sprechen Bände, welcher Wert und welche Be­deutung für die BesitzerIn­nen damit verbunden ist und was damit kommuniziert wurde und wird. Demge­genüber wirkt in manchen Ausstellungsteilen die Fülle an Gesetzestexten, offiziellen Dokumenten und Formula­ren als unerträgliche und ver­wirrende Komplexität der Strukturen. Doch hier kann der oder die AusstellungsbesucherIn einen Eindruck da­von gewinnen, was es heißt, wenn das Leben permanent und existenziell von solchen staatlichen, wirtschaftspoliti­schen und rechtlichen In­stanzen geprägt wird, vor al­lem, wenn man unzureichen­de Vermittlungsinstanzen, re­lative Rechtlosigkeit und nicht zuletzt die Sprachbar­rieren mitdenkt. Das zum Subjektmachen der Migran­tInnen funktioniert in dieser Ausstellung, da nicht nur die Ausstellungsobjekte subjek­tive Geschichten erzählen, viele MigrantInnen in Vi­deointerviews zu Wort kom­men und ihre Migrationsgeschichten erzählen können, sondern da auch durch die Darstellung der Selbster­mächtigung, des Widerstan­des und des Engagements in politischer, kultureller oder arbeitsorganisatorischer Hin­sicht der Subjektstatus mani­fest wird. Wie das alles mit dem Objektstatus und den ent- und befremdenden Strukturen auf alltagsrassisti­schen, staatsrepressiven und diskursiven Ebenen korres­pondiert, wird durch Me­dienberichterstattung und Gesetzestexte deutlich. Doch so anschaulich die Fülle an Textmaterialen ist, so über­frachtet ist die Ausstellung auch damit. Die einführen­den Texte bieten einen Überblick und Einstieg in den jeweiligen Ort, doch an manchen Stellen wäre es hilf­reicher gewesen, die essenti­ellen Elemente aus Texten herauszugreifen und als Bau­steine zu eigenen Texten zu­sammenzusetzen, statt sie als Originale oder Kopien aus­zustellen. Dass alle sprachli­chen und bildlichen Texte in Originalgröße ausgestellt sind und keine Quelle gegenüber den anderen Materialien her­vorgehoben wird, verweist zwar auf die Intention, alle Quellen gleichermaßen zu würdigen, doch wären opti­sche Hinweise zur Gewich­tung hilfreich.
Die Videointerviews wer­den auf überdimensionalen Bildschirmen gezeigt und bekommen durch diese opti­sche Vergrößerung mehr Be­deutung zugewiesen als die Texte und Objekte, was wie­derum die Intention, Men­schen sichtbar zu machen und Aufmerksamkeit zu­kommen zu lassen, deutlich werden lässt. So gesehen schafft es die Ausstellung, so­wohl die strukturellen als auch die menschlichen, sub­jektiven Ebenen sichtbar zu machen und damit das kul­turelle Gedächtnis wach­zurütteln. Nicht zuletzt ist der als Buch mit zusätzlichen Texten weit über die Aus­stellungen hinausgehende Katalog ein wichtiger Beitrag zur kultur- und sozialhistori­schen sowie soziologischen Migrationsforschung.

  • Ausstellung „Gastarbajteri" der Initiative Minderheiten und des Wien-Museums bis 11. April 2004 (www.gastarbajteri.at)
  • Hakan Gürses/Cornelia Kogoj/Sylvia Mattl (Hg.): Gast­arbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration. Mandelbaum, Wien 2004, 200 Seiten, EUR 17,90

Context XXI Leserlnnen-Führung durch die Ausstellung Gastarbajteri

im Wien-Museum am Karlsplatz
mit Thomas Schmidinger

(Recherchekoordination der Ausstellung)
Sonntag, 4. April 2004,13.00h
Ermäßigter Gruppen­eintrittspreis: EUR 2,—

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2004
Heft 2-3/2004, Seite 13
Autor/inn/en:

Katrin Auer:

Studierte Politikwissenschaft/Geschichte und arbeitete an der Ausstellung Wege nach Ravensbrück. Erinnerungen von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers mit. Von Oktober 2003 bis 2006 Redaktionsmitglied, von Juni 2004 bis Mai 2005 koordinierende Redakteurin von Context XXI.

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