Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 4
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Attila Kotányi • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Gangland und Philosophie

Die Peipin-Bao ist die älteste Tageszeitung der Welt. Sie erscheint seit fünfzehn Jahrhunderten. Die erste Nummer wurde im IV. Jahrhundert in Peiping — dem heutigen Peking — gedruckt. Oft haben die Redakteure dieser Zeitung die Gnade der chinesischen Herrscher verloren, weil sie die Unfehlbarkeit des Staates und der Religion angegriffen haben. Trotzdem erschien die Zeitung jeden Tag, wenngleich viele Redakteure es mit dem Leben bezahlen mussten. Im Laufe dieser fünfzehn Jahrhunderte sind tatsächlich 1500 Redakteure der Peipin-Bao aufgehängt worden.

Ujvidéki Magyar Szo, 1957

Zweck der situationistischen Tendenz ist es nicht, die Konstruktion der Situationen zu verhindern. Diese erste Einschränkung unseres Verhaltens zieht zahlreiche Folgen nach sich und wir bemühen uns gewissermaßen, der Weiterentwicklung dieser Folgen zuzusehen.

„Das Wort ‚Schutz‘ ist das Schlüsselwort des Rackets im Garment Center. Verfahren wird wie folgt: Eines Tages besucht Sie ein Herr, der Ihnen liebenswürdig seinen ‚Schutz‘ anbietet. Wenn Sie wirklich sehr naiv sind, fragen Sie ‚Aber gegen wen?‘“ (aus S. Groueff und D. Lapierre: Die Gangsterbosse von New York).

Versichert uns z.B. der Gangsterboss des Existentialismus, dass die Anpassung des vulgären Materialismus seines Erachtens sehr schwierig sei, da die Kultur zu unserem Wesen gehört, so können wir ungefähr das gleiche von der Kultur behaupten, ohne aber sicher zu sein, dass man darauf so stolz sein sollte. Das ist also eine der oben erwähnten Folgen.

Wie soll man den Aufbau unserer Kultur und unserer philosophischen und wissenschaftlichen Information verstehen? Die moderne Psychologie hat einen großen Teil der um diese Frage kreisenden Lehren beseitigt. Sie sucht nach den Gründen: Warum akzeptieren wir eine „Idee“ bzw. einen Imperativ und warum weisen wir dieselben zurück?

„Man kann die Entwicklung eines normativen Gleichgewichtssystems, das das biologische Gleichgewichtssystem überlagert, als eins der wichtigsten Resultate des Vergesellschaftungsprozesses betrachten. Das letztere reguliert das Verhalten der Bedürfnisse und Verlangen (Ernährung, Schutz gegen Kälte, Schläge usw.), während das erstere darüber entscheidet, welche Handlungen als ‚ausführbar‘ bzw. als bloß ‚denkbar‘ betrachtet werden können“ (P.R. Hofstätter). So wird sich jemand (z.B.) der situationistischen Aktivität bewusst. Er „versteht“ sie und bekennt sich „rational“ zu unseren Argumenten. Trotz seines momentanen geistigen Anschlusses fällt er dann zurück. Morgen versteht er uns nicht mehr. Wir schlagen eine leichte Veränderung der oben zitierten psychologischen Beschreibung vor, um das Spiel der Kräfte zu beobachten, die ihn daran hindern, verschiedene Sachen für „ausführbar“ oder bloß „denkbar“ zu halten, von denen wir wissen, dass sie möglich sind. Sehen wir uns die experimentelle Vergrößerung dieses Verhaltens an: „Der Prozess gegen Dio und seine Komplizen fing an. Dann passierte etwas Außerordentliches und Skandalöses. Gondolfo Miranti, der erste Zeuge, weigerte sich zu sprechen. Er leugnete all das, was er vor dem FBI ausgesagt hatte. Nachdem der Richter die Geduld verloren hatte, griff er wütend nach dem letzten Argument und schrie: ‚Ich befehle Ihnen zu antworten! Sonst bekommen Sie fünf Jahre Gefängnis!‘ Ohne zu zögern, nahm Miranti die fünf langen Gefängnisjahre an. Auf der Anklagebank lächelte ironisch der elegante und gut rasierte Johnny Dio.“ (op.cit.) Es ist schwierig, ein ähnliches Verhalten bei dem nicht zu erkennen, der es nicht wagt, über die Probleme zu sprechen, wie sie sind, wie man sie ihn sehen ließ. Man muss sich die Frage stellen: wurde er das Opfer eines Einschüchterungsversuchs? Ja, bestimmt. Welches ist denn der diesen beiden Arten von Angst gemeinsame Mechanismus?

Von seiner Jugend an wohnte Miranti im „Gangland“, was vieles erklärt. In der Sprache der Gangster von Chicago bedeutet „Gangland“ der Bereich des Verbrechens, das Aktionsfeld des Rackets. Ich schlage vor, nachzuforschen, wie das „bisness“ an der Basis funktioniert, der Gefahr ungeachtet, in die Sache verwickelt zu werden: „glaubst du nicht“, fragte schon Plato (Die Republik VII,1), „dass sie, wenn sie denjenigen irgendwie in der Hand haben und umbringen könnten, der es unternehmen würde, sie loszubinden und den Abhang erklettern zu lassen, dass sie ihn tatsächlich hinrichten würden?“ Die Philosophie soll nicht vergessen, dass sie immer mitten in der Szenerie eines Gruseltheaters gesprochen hat.

Hier soll ein kleiner Grundriss des zweckentfremdeten Wortschatzes entwickelt werden. Ich schlage vor, dass man manchmal Gangland anstatt „Viertel“ liest; Schutz anstatt „Gesellschaftlicher Organisation“; Racket anstatt „Gesellschaft“; Konditionierung anstatt „Kultur“; Geschütztes Verbrechen anstatt „Freizeit“; Vorsätzlichkeit anstatt „Erziehung“.

Die systematisch verfälschten Basisinformationen — z.B. die idealistischen Konzeptionen des Raumes, deren grellstes Beispiel die landläufige Kartographie ist — stellen die ersten Garantien für die große Lüge dar, die durch die Interessen des Rackets dem gesamten Gangland des gesellschaftlichen Raumes aufgezwungen wird.

Nach P.R. Hofstätter „kann man jetzt immer noch nicht eine ‚wissenschaftliche‘ Methode nennen, um den Vergesellschaftungsprozess zu gestalten“. Wir sind dagegen der Meinung, dass wir fähig sind, ein Muster für den Produktions- und Empfangsmechanismus von Informationen zu bauen. Dazu brauchten wir nur durch eine vollständige Untersuchung das gesamte gesellschaftliche Leben eines abgegrenzten städtischen Sektors während einer kurzen Zeit zu kontrollieren, um daraus eine genaue Querschnittsdarstellung der Beschießung mit Informationen dieses aktuellen Stadtgebiets in einer gegebenen Zeit zu bekommen. Die S.I. ist sich natürlich all der Modifizierungen bewusst, die ihre Kontrolle selbst sofort in den gewählten Sektor einführen würde, indem sie das Monopol der ständigen Kontrolle über das Gangland tiefgreifend stören würde.

„Die integrale Kunst, von der so viel gesprochen wurde, konnte nur auf der Ebene des Urbanismus verwirklicht werden“ (Debord). Ja — hier liegt eine Grenze. In diesem Maßstab kann man schon die entscheidenden Elemente der Konditionierung abschaffen. Würden wir aber gleichzeitig von dem Maßstab und nicht von der Abschaffung selbst ein Resultat erwarten, so hätten wir den denkbar größten Irrtum begangen. In dem großen Maßstab hat der Neo-Kapitalismus gleichfalls etwas zum eigenen Gebrauch entdeckt. Tag und Nacht spricht er nur von Raumordnung. Für ihn aber ist die Konditionierung der Warenproduktion die klarste Tatsache und er spürt, wie sie ihm ohne die Zuflucht zum neuen Maßstab entgeht. So hat der urbanistische Akademismus die „mangelhafte Region“ vom Standpunkt des Nachkriegs-Neokapitalismus und in dessen Dienst definiert. Seine Sanierungstechnik gründet sich auf leere, anti-situationistische Kriterien.

Mumford soll wie folgt kritisiert werden: Wird das Viertel nicht als pathologisches Element (als Gangland) betrachtet, so können keine neuen Techniken (Therapien) erfunden werden.

Wer Situationen konstruiert, muss sie aus ihren konstruktiven und wiederherstellbaren Elementen herauslesen können. Durch dieses Lesen fängt man an, die von den Situationen gesprochene Sprache zu verstehen. Man kann diese Sprache sprechen, man kann sich durch diese Sprache ausdrücken; schließlich kann man das mit ihr sagen, was noch nie gesagt worden war — mit konstruierten und quasi-natürlichen Situationen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 4, Seite 33
Autor/inn/en:

Attila Kotányi:

Geboren 1924 in Ungarn, gestorben 2003 in Düsseldorf. Poet, Philosoph, Autor, Architekt, Urbanist. Flüchtete nach dem gescheiterten ungarischen Aufstand 1956 aus Budapest nach Brüssel und schloss sich dort der Situationistischen Internationale an. Wurde aus dieser 1962 unter dem Vorwurf des „christlichen Mystizismus“ ausgeschlossen.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

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