Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 2/2002
Mary Kreutzer
Wessen Antisemitismus?

„Für die Juden geht man nicht auf die Knie“*

Antisemitismus in den Wiener Pfarrblättern der Zwischenkriegszeit

Die katholischen Pfarrer und deren „Kaplansbewegung“ [1] mussten zwar im März 1938 ihre Macht an die Nationalsozialisten abgeben, nicht jedoch weil sie etwa den zähen Kampf um die Frage, wer denn nun der bessere Antisemit sei, verloren hätten, sondern aus einer Vielzahl anderer Gründe. In der Schlacht um die antisemitische Themenführerschaft schlugen sie sich wacker, die „Pfaffen“.

Was kommt bei einer Untersuchung von insgesamt 1.749 Ausgaben von 25 verschiedenen Wiener Pfarrblättern der 1930er Jahre, mit dem Hauptaugenmerk auf Antisemitismus, heraus? Um es vorweg zu nehmen: die AutorInnen der Studie konnten über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg kein einziges Wort gegen den Antisemitismus der Nationalsozialisten oder der Bevölkerung finden. Es handelte sich dabei immerhin in Wien um eine Auflage von insgesamt monatlich etwa 180.000 Pfarrblättern, die in den Kirchen zur freien Entnahme auflagen, per Post zugestellt oder in die Wohnung der Gemeindemitglieder geliefert wurden.

In 84 % der untersuchten Pfarrblätter wurde Antisemitismus in allen Varianten propagiert: die religiösen Argumentationsmuster wechseln sich mit ökonomischen, rassischen und anderen Kategorien wie z.B. „jüdische Moral und Sittlichkeit“ ab.

Gerade während der Zeit des Ständestaats waren die Pfarrblätter stark antisemitisch geprägt, Austrofaschisten und Nationalsozialisten rangen darum, die besseren Antisemiten zu sein.

So finden sich vor allem zur Osterzeit, der „jährlichen Achse der Judenverfolgung im christlichen Abendland“ [2] oder auch die „gefährlichste Zeit des Jahres“ für Jüdinnen und Juden in christlichem Umfeld (S.32), verstärkt judenfeindliche Artikel in den Pfarrblättern, wie in jenem der Alservorstadt, welches am 3. März 1937 schrieb: „[...] beten wir mit dem Priester für alle Menschen, vom Papste angefangen, bis zum letzten Heiden und für die perfiden Juden.“ [3]

Das Fortbestehen des Judentums mit seiner “Weigerung” Jesus Christus als den vorausgesagten Messias anzuerkennen, ist seit Bestehen des Christentums die gelebte Infragestellung christlicher Heilsvorstellungen. Als „Gottesmörder“ wurden die Jüdinnen und Juden bereits in der ältesten erhaltenen Osterpredigt des Bischofs Melito von Sardes (gest. 180) bezeichnet. Dieses Motiv setzt sich fort bis ins 20. Jahrhundert und wurde von maßgeblichen Vertretern des politischen Katholizismus in Österreich öffentlich vertreten: „Es ist ein Verhängnis, eine Art Säkularfluch, der auf den Ariern lastet, seit sie sich verleiten ließen, auf den zu vergessen, den die Juden ans Kreuz geschlagen haben.“ [4] Die Donaustädter Pfarrnachrichten schrieben im Jahr 1925: „Seit jenem Christusmord auf Golgatha trägt der Jude das Kainszeichen auf der Stirne; fluchbeladen kann er keinem Volke zum Segen gereichen.“ (S.33)

In einer achtseitigen Beilage des Hernalser Pfarrblattes aus dem Jahr 1934 wird jener Kreuzweg der Grabeskirche am Kalvarienberg beschrieben, auf dem bei Bild Nr. 6 der sogenannte „Körberljud“ abgebildet wird. Er trägt einen Korb Nägel und einen Hammer und stellt den eigentlichen Täter der Kreuzigung Jesus dar. Aus den 20er und 30er Jahren sind zahlreiche Übergriffe auf diese Figur bekannt. Ein Zeitzeuge berichtet von den Prozessionen und den Aufforderungen der Erwachsenen an die Kinder: „Spuckt´s eam nur schön an, den Körberljuden, den grausligen.“ (S.35)

Die Studie fährt fort mit einer kurzen Beschreibung des umfangreichen Repertoires an religiös argumentierten antisemitischen Vorurteilen und deren Verwendung in den untersuchten Pfarrblättern. Anhand eines besonderes repräsentativen Zitates des Wiener Pfarrers Sigismund Brettle [5] soll die heilsgeschichtliche Interpretation der nationalsozialistischen Judenverfolgung dargestellt werden. Dieser schrieb in der ersten Ausgabe des Pfarrblatts der Alservorstadt nach dem Anschluss: „In diesen Tagen des Umbruches haben mich viele Menschen immer wieder gefragt, wie ich denn als Seelsorger es mit der Liebe Christi vereinbaren könne, daß die Juden überall abgelöst und brotlos gemacht würden. Ich habe darauf geantwortet, daß die Ablösung schon immer im Plane der göttlichen Vorsehung lag. [...] Der arisch-deutsche Mensch aber, der in so vielen und harten Waffengängen um die Verwirklichung des Christentums kämpfte und litt, möge die Sprache Gottes in Adolf Hitlers weltgeschichtlicher Mission erblicken und ihm dienen wie eben nur gläubige Treue zu dienen imstande ist.“

Diese Anbiederungen an die Nazis in verschiedenen Pfarrblättern ab dem Anschluss verschwanden jedoch bereits 1939 wieder von der Bühne, als endgültig die Ernüchterung durchschlug. Auch die Versuche, Christentum und Deutschtum als untrennbare Einheit darzustellen hörte sich spätestens da auf, wo die antikirchlichen Aktivitäten der Nazis zu offensichtlich wurden. [6]

Hatte das Grinzinger Pfarrblatt noch im Juni 1938 sein Bekenntnis zu „Volk und Führer“ abgelegt oder die Erdberger Pfarre eifrigst ihre Kooperation bei der Ausstellung der Ariernachweise angeboten — „[...] Sie hilft ja doch auch irgendwie mit an dem großen Werk des blut- und artgemäßen Aufbaues unserer Volksgemeinschaft.“ — so war die unmittelbar mit dem Anschluss einsetzende Demütigung und Verfolgung der Wiener Jüdinnen und Juden in keinem einzigen Pfarrblatt Gegenstand von Kritik. Dass diese sehr wohl in anderen Bereichen geübt wurde, zeigen die AutorInnen am Beispiel des Pfarrers von Währing, der während der 30er Jahre mehrmals mit Nationalsozialisten aneinander geriet. Er bezeichnete sie als „braune Terroristen“ und sinnierte im Pfarrblatt darüber, wer denn nun der bessere Antisemit sei. (S.93)

Neben einem gut zusammengefassten Überblick der Entwicklung vom christlichen bis hin zum immer wieder auch religiös argumentierten wirtschaftlichen [7] und rassischen Antisemitismus erschließen die AutorInnen der Studie mit der Auswertung der Pfarrblätter eine Quelle, die die Haltung des katholischen Klerus an der Basis widerspiegelt und dessen Mitverantwortung für die massive Verbreitung antisemitischer Ressentiments in der Bevölkerung — und letztendlich auch für die Shoah — belegt.

*) „pro Judaeis non flectant“. Bis ins 9. Jahrhundert erhielten die Gläubigen bei der Karfreitagsliturgie noch die Regieanweisung: „flectamus genua“ — „beugen wir die Knie“. Der steigende Antisemitismus des Mittelalters änderte dies jedoch. In den Donaufelder Pfarrnachrichten war 1934 dazu zu lesen: „Es folgen dann die sogennanten großen Fürbitten, ergreifende Gebete für das Heil aller Menschen, auch der Abtrünnigen, Irrgläubigen, Juden und Heiden. Bei jedem Gebete beugt der Priester das Knie, nur beim Gebete für die Juden unterbleibt die Kniebeuge, weil sie an diesem Tage durch die Kniebeuge den Heiland verhöhnten.“ (S. 27)

[1Diese Bezeichnung für die 1891 gegründete Christlichsoziale Partei wurde von Erika Weinzierl geprägt. (S.13)

[2(S.24), zitiert nach Friedrich Heer: Gottes erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte., Frankfurt a.M. 1986. S.94.

[3In der katholischen Karfreitagsliturgie hiess es bis 1959: „Oremos et pro perfidis Judaeis“ — die gängige Übersetzung lautet: „Lasset uns auch für die treulosen, unredlichen, untreuen Juden beten.“ (S.25)

[4So der Volkseelsorger Monsignore Josef Scheicher, einer der Gründungsväter der Christlichsozialen Partei in Bezug auf säkularisierte Christen. (S.33)

[5Er war Führer der damaligen Katholischen Aktion in der Alservorstadt und Schriftleiter des dortigen Pfarrblattes.

[6Am 8. Oktober überfielen nationalsozialistische Schlägertrupps das Erzbischöfliche Palais in Wien. Ende ’38 trat der Amann’sche Presseerlass in Kraft, in dem festgelegt war, dass die konfessionelle Presse sich ausschließlich auf religiöse Themen zu beschränken habe.

[7Verkürzte Antikapitalismuskritik und daraus resultierender Antisemitismus ist in den Pfarrblättern häufig zu finden: Die Vertreter der „jüdischen Hochfinanz“ seien die „Vampire des armen Volks“, „gerade die Juden“ seien „das zersetzende Element im Volksleben“, da sie sich „mit schonungsloser Hand der Macht des Capitals bedienen, um das arbeitende Volk auszubeuten, um (...) das ganze arbeitende Volk in die drückende Abhängigkeit zu bringen, in eine greulische Zinsherrschaft.“ Der christlichsoziale Antisemit Karl Lueger brachte es 1890 auf den Punkt: „Antisemitismus ist gleichbedeutend mit dem Kampf gegen das alles überwuchernde, alles erdrückende und alles verderbende Großkapital.“ Die postfaschistische Kontinuität eines Teils der „Linken“ hierzulande wird besonders in diesem Kapitel (S.49ff) deutlich.

„‚... alles werden sich die Christen nicht gefallen lassen.‘ Wiener Pfarrer und die Juden in der Zwischenkriegszeit.“ Nina Scholz/Heiko Heinisch, Czernin Verlag, Wien 2001, 154 S.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2002
Heft 2/2002, Seite 31
Autor/inn/en:

Mary Kreutzer:

Politikwissenschafterin und Publizistin, Trägerin des Eduard-Ploier-Radio-Preises der Österreichischen Volksbildung, des Concordia Publizistikpreises (Kategorie Menschenrechte), des European Award for Excellence in Journalism, des Elfriede-Grünberg Preises, von Juni 2000 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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