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Andreas Wally

Frische Blumen am Grab

Auf dem Friedhof in meinem Heimatort gibt es in unserer Reihe sieben Gräber. Ganz außen liegt ein Namensvetter von mir. Ich erinnere mich an diesen Bauern aus meiner Volksschulzeit – ich glaube, ich habe ihn nie nüchtern gesehen. Den Sonntag über ist er von Mittag bis zum Abend im Kreis gegangen, zuletzt eher getorkelt: auf dem Rundgang durch die Wirtshäuser. Seine Frau liegt auch dort: Von ihr hat man gesagt, sie war sehr fleißig. Die Familie daneben kenne ich nicht so recht, schließlich bin ich seit über vierzig Jahren nur noch an Wochenenden und im Urlaub eine Zeitlang im Ort. Was die vier Verstorbenen in zwei weiteren Gräbern angeht, habe ich kein Gerede in Erinnerung – was immer das sagt über sie oder über mich. An den Tod des jungen Mannes in einem Grab mit immer frischen Blumen erinnere ich mich allerdings. Er war, glaube ich, das ledige Kind einer Dienstmagd. Sicher weiß ich nur, dass sie ihn im Wald gefunden haben, nachdem er sich auf einem Baum aufgehängt hat. Ich war damals dreizehn, er ist so fünfzehn Jahre älter gewesen.

Daneben liegt einer, der mit mir in die Volksschule gegangen ist. Er war ein netter Kerl, aber sehr beschränkt. Er hat es daher nicht leicht gehabt. Die Mengen Alk, die er zum Leben gebraucht hat, haben ihn vor zwei Jahren umgebracht wie auch schon seinen Vater. Sein Bruder ist schon lang vor ihnen gestorben. Er ist Ende der Sechzigerjahre ein Stück unterhalb des Friedhofs mit seinem Auto gegen einen Baum gekracht. Auch der Onkel der beiden liegt da. Er war ein sehr ruhiger und freundlicher Zimmermann. Auch ein sehr tüchtiger, hat mein Vater immer gesagt. Er hat mir im Wirtshaus meines Großvaters den besten Papierflieger gemacht, den ich je gehabt habe. Nicht viele Jahre später hat er seine Frau und ich glaube auch deren Mutter und sein Kind umgebracht. Er ist in der Psychiatrie gestorben.

In unserem Grab liegt eine meiner Schwestern. Sie ist mit zwei Jahren an Gehirnhautentzündung gestorben. Auch meinen Bruder haben wir hier begraben. Mit achtundzwanzig ist er neben der Westautobahn im Ennskanal ertrunken, weil sein Auto einen Reifenplatzer hatte. Von meiner Mutter haben wir den Eindruck gehabt, dass sie sich gegen den Alzheimer nicht gewehrt hat, an dem sie dann gestorben ist.

Ich glaube nicht, dass diese Gräberreihe sich so viel von anderen unterscheidet. Mir ist es jahrzehntelang nicht aufgefallen, an was die Leute hier gestorben sind. Solche Wahrnehmungen passen nicht zum Weitermachen in einem Leben, „wie es nun einmal ist“. Meine Mutter war noch nicht begraben, als schon das nächste Familienfest auf der Tagesordnung stand. – Sie war doch schon lange vorher kaum mehr ansprechbar, ihr Tod absehbar. Und es ist ja nicht einfach, so eine Hochzeit abzusagen, und sicher auch nicht billig. Meine Schwiegertochter ist mir heut noch bös, weil ich so eklig war. Ist auch kein Wunder, ich hab ja selber lange nicht begriffen, warum für mich alles so gespenstisch war an diesem Tag. Schließlich hat selbst meine Schwester gemeint, dass unsere Mutter gesagt hätte, wir sollten keine Rücksicht nehmen auf ihren Tod. Und meine Schwester hat ganz sicher recht. Selbstverleugnung war auch das Leiden unserer Mutter. „Das Leben muss schließlich weitergehen“ usw. usf. Ich denke, es wär schon was, wenn wir wenigstens mit uns selber mehr Mitleid hätten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2002
Heft 3/2002, Seite 36
Autor/inn/en:

Andreas Wally: Gelegenheitsautor; wenn ihm was bis auf die Lippen aufstößt, schreibt er 2000 Zeichen abwärts für die Streifzüge.

Lizenz dieses Beitrags:
LFK
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