Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 4-5/2006
Kathi Renner

Frisch Fromm Fröhlich Frei

In Form eines Hakenkreuzes angeordnet prangten bis vor wenigen Jahren vier „F“ als Motto über dem Seiteneingang der Turn- und Veranstaltungshalle „Jahnturnhalle“ in Ried im Innkreis. Der Leitspruch des Österreichischen Turnerbundes und die Form des so genannten Turnerkreuzes gehen direkt auf seinen Begründer „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn zurück.

Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn wurde am 11. August 1778 in Brandenburg geboren. Mit etwa 30 Jahren gründete er eine Geheimorganisation, den Deutschen Bund, deren Hauptziel die Propaganda gegen Frankreich war. Als Mitglied zugelassen war „nur ein Deutscher und Christ.“ Um Frankreich wirkungsvoller bekämpfen zu können, war „Wehrertüchtigung“ vonnöten.

Die körperliche Betätigung war aber nicht nur an sich politisch, sie wurde begleitet und gerahmt von antifranzösischer und deutsch-nationaler Propaganda. 1816 erschien „Deutsche Turnkunst“ von Friedrich Jahn, wo er die Prinzipien der körperlichen Ertüchtigung zusammenfasste. Nebenbei prägte er auch den Begriff des „Turnens“, der bis dato unbekannt war. Im Turnen soll die einende und disziplinierende Kraft des Krieges (gegen Frankreich) bewahrt und fortgeführt werden.

Jahnturnhalle in Ried, Innkreis

Turnvater Jahn

1810 publizierte Jahn sein deutsch-nationales und rassistisches Hauptwerk „Deutsches Volkstum.“ Es hatte großen Einfluss auf deutschnational-völkische Strömungen vom 19. Jahrhundert über die Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Prägend war vor allem sein Verständnis vom (deutschen) Volk als „Gesamtkörper“ oder „Organismus,“ während der Begriff der Nation nur als Zusammenschluss von Individuen gesehen wurde. Auch die Reinheit der Rasse war ihm ein Anliegen: „Je reiner ein Volk, je besser; je vermischter, je bandenmäßiger. [...] Nie hat die zahlreich­ste Bruderschaft eines einzigen Bundes, der sich nur auf ein Volk be­schränkte, solch Unheil gestiftet, wie Jesuiten und andere Orden, die unbe­kannte Obere durch alle Völker und Staaten gängeln. Der Gründungstag der Universalmonarchie ist der letzte Augenblick der Menschheit. Warnende Beispiele zeigt uns die Völkerkunde. Die sich ins Negerische verlierenden Araber in Nordafrika sind die Schande ihres Völkerstamms. [...] Welch edel Volk der eigentliche Kaffer, welch gute, harmlose Natur der Hottentott, und wieder welche Teu­felswesen deren Bastarde.“

In dieses Selbstverständnis vom „Deutschen Volkstum“ fügt sich die Gründung der ersten Turnvereine 1861 ein. 1868 traten sie als Turnkreis XV-Deutsch-Österreich der Deutschen Turnerschaft bei. In der Zeit des Nationalsozialismus war der Deutsche Turnerbund, wie er sich damals nannte, nicht aktiv, allerdings nicht ohne dass Hitler in einem persönlichen Telegramm die Verdienste des DTB „für das Deutschtum und die nationalsozialistische Bewegung“ hervorhob. Es handelte sich aber weniger um eine Auflösung als vielmehr um die Eingliederung des Turnerbundes in den NS-Apparat. Dies zeigt der Rahmen der „feierlichen Selbstauflösung,“ die im Wiener Konzerthaus am 18.Mai 1938 stattfand.

1952 wurde der ÖTB wieder gegründet. Aufgrund der Eingliederung in die NS-Organisationen stellte sich der ÖTB als „Opfer“ des Anschlusses dar. Die Neugründung erfolgte unter deutlichem Rückbezug auf die Ideologie Jahns: "Damit haben wir eine geistige Brücke geschlagen zur traditions­reichen tur­nerischen Vergangenheit bis zurück zu F. L. Jahn.

Wir haben tief innerlich erfahren, wie letztlich jedes turnerische Schaffen auf Volk und Vaterland ausgerichtet sein muß und all unser Streben der Höherentwicklung unseres Volkes dient. Darum bekennen wir uns freudig zur Pflege deutschen Volks­bewußtseins, zur Heimatliebe und zu einer natürlichen Lebensbejahung,„wie die“Bundesturnzeitung„1961 schreibt. Weiter heißt es:“So wissen wir Turner auch, daß unser deutsches Turnertum die Kraft besitzt, über Stände und Klassen - auch über Parteien und Konfessionen - hinweg den Gedanken von der Einheit und Freiheit unseres Volkes und Vaterlandes zu dienen. Seit den Anfängen der Turnerei war es den Turnern ein heiliges Anliegen, das Turnen in den Dienst des deutschen Volkes und Vaterlandes zu stellen. (...) Aber gerade dieses Wesensmerkmal deut­schen Turner­tums sollten wir Turner von heute als heiliges Vermächtnis pflegen, ganz im Sinne des ’Zurück zu Jahn, es gibt kein besseres Vor­wärts!’„Eine Schrift aus dem Jahr 1981 bekräftigt die ideologische Treue zu Turnvater Jahn:“Der Zweck des Turnerbundes ist die Erhaltung, Hebung und Förderung der Volksgesundheit durch das von Friedrich Ludwig Jahn begründete Turnen."

Der ÖTB heute

Der heutige ÖTB steht fest in der Tradition Jahns. Ein Wesensmerkmal des ÖTB ist weiterhin die deutsch-völkische Erziehungsarbeit, die von den so genannten „Dietwarten“ geleistet wird. In der Zeit des Nationalsozialismus war jeder Turn- und Sportverein verpflichtet, einen Dietwart einzustellen. Der hatte die Aufgabe, die TurnerInnen im nationalsozialistischen Gedankengut zu schulen. Er trug Sorge, dass die Mitglieder nationalsozialistische Lieder sangen und die Reden des Führers hörten. In Dietprüfungen wurde die völkische Haltung der SportlerInnen kontrolliert. Bei der Neugründung des ÖTB wurde dieses Amt weitergeführt bzw. übernommen, und auch heute noch gibt es den Dietwart.

Wiewohl die überwiegende Zahl der Mitglieder kein politisches Interesse hat und der ÖTB gerade in ländlichen Regionen die einzige Möglichkeit bietet, bestimmte Sportarten zu betreiben, kann der Turnerbund nie unabhängig von seiner weltanschaulichen Ausrichtung betrachtet werden. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes bezeichnet den ÖTB aus diesem Grund als Vorfeldorganisation des Rechtsextremismus. Trotz zahlreicher Aufforderungen, sich kritisch, mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen (siehe unten), versucht die Vereinsgeschichtsschreibung, den inhärentern Rassismus und Antisemitismus zu relativieren. Die Radikalisierung und Ausbreitung des Antisemitismus, konstituierendes Element des Deutschnationalismus Jahnscher Prägung, wird als „Abwehrreaktion“ auf das „rasche Zunehmen und Überwiegen des jüdischen Elements im Großbürgertum“ [1] entschuldigt. Die Bedeutung der Vorläuferorganisation Deutscher Turnerbund (1919) für das Aufkommen des Nationalsozialismus in Österreich wird durchwegs heruntergespielt oder mit dem Verweis auf die damalige statutarische Distanz zu „parteipolitischer Agitation“ schlichtweg geleugnet. Dass diese Verharmlosung nicht haltbar ist, zeigt nicht zuletzt ein Rundschreiben des Bundeswehrturnausschusses vom 25. September 1927: „Der Turnerbund 1919 ist auf dem besten Weg, zur hauptsächlichsten Kampfesformation der Nationalsozialisten zu werden.“ Und in der Bundesturnzeitung des Deutschen Turnerbundes (BTZ) vom 1.9.1929: „Man mag sich zum Nationalsozialismus Adolf Hitlers, des Deutschösterreichers, stellen wie man will, doch das müssen alle und besonders wir bündischen Turner anerkennen: Hier wird ein ehrlicher Kampf gekämpft, und zwar mit offenem Visier den Feinden unseres Volkes entgegengetreten. Hier gibt es keine Halbheiten und keine Zugeständnisse an die Gegner“.

Forever Jahn

Dass Jahn nach wie vor Teil des oberösterreichischen Grundkonsenses ist, zeigte sich bei einer Abstimmung im Linzer Gemeinderat. Eine Mehrheit war gegen die Änderung des Namens der Jahn-Schule in Linz.

"Die Jahnschule in Linz-Urfahr wird auch künftig den Namen des deutschnationalen Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn tragen. Dafür entschied sich eine Mehrheit im Linzer Gemeinderat. Im Gemeinderat hatten die Grünen gefordert, die Schule im Zentrum von Urfahr nicht mehr nach Jahn, sondern nach der Widerstandskämpferin und ehemaligen SP-Nationalratsabgeordneten Rosa Jochmann (1901-1994) zu benennen. Auch die Jahnstraße sollte nach Jochmann benannt, das Jahn-Denkmal abgebaut werden.

Sprecher von FP und VP sprachen sich in Bausch und Bogen gegen den Antrag der Grünen aus. Bürgermeister Franz Dobusch (SP) sagte: ‚Ich bin Antifaschist. Ich habe Rosa Jochmann persönlich gekannt.‘ Aber er sei dagegen, Jahnschule und Jahnstraße umzubenennen, so Dobusch. Schließlich stimmten nur die sieben Grünen und fünf der 34 SP-Mandatare für eine Umbenennung. Auch den Grünen-Antrag, den Österreichischen Turnerbund (ÖTB) nicht mehr zu fördern, lehnte die Mehrheit im Gemeinderat ab." (OÖnachrichten vom 23.10.2006)

Der starke Rückbezug auf „Turnvater“ Jahn und sein Gedankengut lässt sämtliche Distanzierungen von Rassismus und Antisemitismus an Glaubwürdigkeit verlieren. Im Vergleich zum Verschweigen der Bedeutung Jahns für die nationalsozialistische Ideologie und zur Apologie des Deutschnationalismus wirkt der Hinweis der ÖTB-Verantwortlichen, Jahns Werk enthalte „Gedanken, die aufgrund historischer Erfahrungen als zeitbezogene Haltungen einzustufen und nach heutigen Erkenntnissen nicht vertretbar sind,“ ausgesprochen lau. Dies zeigt auch der Umgang mit diversem NS-Gut: Das vom ÖTB her­aus­gegebe­ne Liederbuch „Turner singen“ [2] enthält das Lied „An Jahn.“ Die 1814 formu­lier­ten Worte Max von Schenkendorfs „Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu ...“ sind freilich aus anderem Zusammenhang bekannter: Es ist das Treuelied der SS, in jedem NS-Liederbuch zu finden. Farblich dazu passend gibt es jedes Jahr ein Bundesknabenlager und ein Bundesmädellager (!), und Österreich ist eingeteilt in Turngaue.

... in Oberösterreich

Gerade auf lokaler Ebene ist der Einfluss des Turnerbundes groß. Die FunktionärInnen des ÖTB sind in der Kommunalpolitik tätig, beim Kameradschaftsbund dabei, sitzen in allen möglichen und unmöglichen Vereinen und bestimmen dadurch die politische Kultur in den ländlichen Gegenden.

Insbesondere ist der ÖTB auch kulturpolitisch aktiv. Nicht ganz zufällig hielt der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider lange Jahre (seit 1992) in der Jahnturnhalle in Ried/Innkreis seinen „politischen Aschermittwoch“ ab und wurde erst im letzten Jahr durch seinen politischen Klon, FPÖ-Parteiobmann Hans Strache, abgelöst. Dessen Parolen fallen in Ried auf fruchtbaren Boden, zeichnet sich die 12.000 EinwohnerInnen-Stadt doch durch besonders viele FPÖ-WählerInnen und immer wiederkehrende Demonstrationen von Neonazis aus. Auch tätliche Angriffe auf AntifaschistInnen durch „Glatzen“, die bis zu schwerer Körperverletzung gehen, sind keine Seltenheit. Der ÖTB hängt also gerade im Innviertel ideologisch nicht im luftleeren Raum. Tatkräftig wird er von der Basis unterstützt. In einem Brief an die Autorin schreibt ein Mitglied der Rieder Grünen: „Der Abgeordnete Trübswasser (Die Grünen, Anm. K.R.) wird (in einem anonymen Brief, Anm. K.R.) beschimpft, weil er als ‚kleine grüne unwichtige und wertlose Drecksau und Deutschenhasser’ gegen den ÖTB vorgeht. (...) Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Mann aus Ried handeln muss, der mit dem ÖTB etwas zu tun hat. Leider wurde der Täter bislang nicht ausgeforscht.“

Trotz alledem bekommt der ÖTB vom Land Oberösterreich jedes Jahr Förderungen im fünfstelligen Bereich. Zusätzlich wird der ÖTB von vielen Gemeinden und Stadtregierungen, unter anderem auch durch die Stadt Linz, gefördert. Wie viel Geld genau fließt, ließ sich nicht eruieren — ob das am Wahlkampf lag oder die Situation tatsächlich so intransparent ist, konnte die Autorin nicht herausfinden. Die Förderungen gibt es teilweise einmalig, für bestimmte Bauprojekte etwa, und auch jährlich, zur Aufrechterhaltung des Betriebes, für das Bundesturnfest und ähnliches.

Seit in Oberösterreich die Grünen gemeinsam mit der ÖVP die Landesregierung bilden, wurde die Zustimmung zu Landesförderungen von gewissen Voraussetzungen abhängig gemacht. Jedoch ist es jedem/r RessortchefIn frei gestellt, einen Betrag bis € 20.000.— ohne Beschlussfassung zu leisten; dies dürfte auch weiterhin der Fall sein. Die Landesmittel wurden jedoch im Juni 2005 eingefroren.

In einer Presseerklärung fordern die Grünen Oberösterreich eine „Neuorientierung des Selbstverständnisses des ÖTB, seiner Vereine und FunktionärInnen.“ [3] Dazu gehören „die völlige Aufgabe des ‚Jahn-Kults’, die Beseitigung aller belastenden Symbole und Mahnmale (Jahn-Denkmäler, Turnerkreuze, Rassenreinheits-Fahnen etc.), die Streichung des ‚deutschen Volkstums’ aus den ÖTB-Leitlinien von 1996, uneingeschränktes Bekenntnis zur österreichischen Nation, die ehrliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte (Rassismus, Antisemitismus, ‚Arierparagraf’, enges Zusammenwirken mit der NSDAP und nach 1945 mit rechtsextremen Organisationen wie dem Verein Dichterstein Offenhausen etc.) und die völlige Aufgabe des Dietwarte-Wesens (also der deutschnationalen IdeologiefunktionärInnen).“

Die Grünen verlangen also als Bedingung für die finanzielle Unterstützung durch das Land eine schriftliche Distanzierung von dem, was das ideologische Fundament des ÖTB ist. „Die Grünen sind die ersten, die dazu ‚Nein’ sagen,“ heißt es aus der Presseabteilung des Grünen Klubs. Dieses „Nein“ steht aber auf sehr wackeligem Boden. Denn der Koalitionspartner der Grünen im Landtag, die Österreichische Volkspartei, sieht sich dem ÖTB verpflichtet, unabhängig von der Erfüllung der aufgestellten Forderungen. Der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer versprach dem ÖTB schon in der letzten Legislaturperiode bestimmte Förderungen. Zwar stimmten die Grünen ebenso wie die SPÖ diesem Versprechen im Landtag nicht zu, viel dürften sie allerdings auch nicht dagegen haben.

Reaktionen

Es gibt eine Reaktion des ÖTB auf die Bedingungen der Grünen: Im März 2006 ging an die Landesregierung eine „Erklärung des Österreichischen Turnerbundes Landesverband Oberösterreich.“ Darin „distanziert“ man sich „konsequent von neonazistischem und rassistischem Gedankengut“ und kündigt an, „bei Zuwiderhandeln von Einzelpersonen und Ortsgruppen Konsequenzen zu ziehen.“ Was das Verhältnis des ÖTB zum DTB 1919, dem früh von NationalsozialistInnen dominierten Vorläufer, betrifft, so erinnert man an die Erklärung des vormaligen Bundesobmannes Atzmanninger, der sich „vom damaligen DTB und dessen Gedankengut“ öffentlich distanzierte, was bis heute Gültigkeit habe. Entgegen früherer Äußerungen „bekennt sich“ der ÖTB nun zur Österreichischen Nation und „lehnt jede Form von Deutschtümelei ab.“ Aber ganz will man den positiven Bezug aufs „Deutsche Volkstum“ nicht aufgeben, und so heißt es, man definiere dieses „nicht aus politischer Sicht, sondern im Sinne der Volksgruppenbestimmungen und auf Basis der Österreichischen Bundesverfassung“ — was immer das genau heißen mag. Zum geforderten Abrücken vom Jahnkult heißt es: „Der ÖTB distanziert sich von den rechtsextremen Teilen des Gedankegutes von Friedrich Ludwig Jahn, weder die Führung noch die Basis des ÖTB betreiben einen Jahnkult. Friedrich Ludwig Jahn wird lediglich als Begründer des neuzeitlichen Turnens angesehen, seine politischen Äußerungen haben nichts mehr mit der Tätigkeit des ÖTB zu tun und werden vom ÖTB eindeutig abgelehnt.“ Auch das „Dietwart“-Unwesen will oder kann man nicht aufgeben. Es wird lediglich angekündigt, „eine neue Bezeichnung dieser Funktion“ zu suchen. Die Aufarbeitung der Geschichte des ÖTB „soll im Rahmen einer Prüfung und gutachterlichen Äußerung durch das Landesarchiv“ erfolgen. Schließlich wird noch angekündigt, die Erklärung in der „Bundesturnzeitung“ zu publizieren.

Auf Ersuchen des Grünen Landtagsklubs verfasste das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) eine Stellungnahme zur Erklärung des ÖTB Landesverband OÖ an die Oberösterreichische Landesregierung. Seit dem Erscheinen des „Handbuches des österreichischen Rechtsextremismus,“ in welchem der ÖTB als „wichtigste Organisation des Deutschnationalismus und Rechtsextremismus“ qualifiziert wurde, kam es im ÖTB zu politischen und personellen Veränderungen. Seit den frühen 1990er Jahren wurden rechtsextreme Kräfte sukzessive aus der obersten Führungsebene gedrängt. Die damit verbundene Mäßigung schlug sich auch in der Schreibweise der Bundesturnzeitung nieder. Von rechtsextremen (ehemaligen) ÖTB-Funktionären wurden diese Entwicklungen als „merkliche Abkehr von den Grundsätzen der Turnerbewegung“ (Zur Zeit, Nr. 10/99) bezeichnet. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass der ÖTB von Seiten des DÖW nun im Vorfeld des Rechtsextremismus verortet wird. Dass einzelne „Turngaue“ (wie z.B. Kärnten) und Mitgliedsvereine nach wie vor von rechtsextremen Kräften dominiert werden, zeigt — neben dem expliziten Festhalten am „Jahn’schen Turnen“ — die Umkehrbarkeit des Prozesses an. Insofern ist die leicht modifizierte Einschätzung des DÖW Ausdruck einer Momentaufnahme von Entwicklungen, ja Richtungskämpfen, im ÖTB. Grundsätzlich begrüßt das DÖW, dass es offenbar Kräfte im ÖTB gibt, die den Sport aus der Geiselhaft deutschnationaler und rechtsextremer Demagogen befreien wollen. Inwieweit ihre Anstrengungen auf Dauer erfolgreich sind, bleibt abzuwarten.

Die gegenständliche Erklärung hebt sich zunächst in ihrer Deutlichkeit angenehm von ähnlichen Papieren aus der jüngern Vergangenheit ab. Inwieweit dem Papier nicht der Charakter eines Lippenbekenntnisses eignet, wird nicht zuletzt davon abhängig sein, ob es tatsächlich in der Bundesturnzeitung veröffentlicht wird (Punkt 7). Ob und inwieweit sich der Landesverband OÖ im Bundesverband durchsetzt, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden.

Folgend eine Bestandsaufnahme, die die Ambivalenz der Reaktion des ÖTB zeigt.

  1. Tatsächlich hat sich die „Schreibweise und Redaktionslinie“ der Bundesturnzeitung verändert. Dies geschah aber nicht unmittelbar als Reaktion auf das erwähnte Urteil vom 6. Oktober 1980, sondern mit einiger Verspätung zu Beginn der 1990er Jahre. Was die Konsequenzen bei neonazistischen/rechtsextremen Aktivitäten von ÖTB-Mitgliedern betrifft, ist anzumerken, dass zumindest in einem uns bekannten Fall [4] von diesen nichts zu merken war. Das Problem scheint hier darin zu liegen, dass nicht geklärt ist, wer entscheidet, ob es sich im jeweiligen Fall um rassistisches oder neonazistisches/rechtsextremes Gedankengut handelt. Insofern wäre hier eine Orientierung an den Standards der internationalen wissenschaftlichen Forschung zu verlangen.
  2. Die Distanzierung von der Vorläuferorganisation DTB 1919 ist in dieser Deutlichkeit zu begrüßen.
  3. Gleiches gilt für das erstmalig formulierte Bekenntnis zur österreichischen Nation, wenn auch der Abschied vom „Deutschen Volkstum“ leider noch immer schwer zu fallen scheint. So bleibt anstatt der unumschränkten Anerkennung der österreichischen als einer von der deutschen verschiedenen Nation implizit das (wertende) Nebeneinander von (österreichischer) Staatsnation und (deutschem) Volk bestehen.
  4. Dass sich der ÖTB-OÖ von den politischen (antisemitischen, rassistischen) Äußerungen Jahns distanziert, ist ebenfalls zu begrüßen. Es ist jedoch fraglich, ob der „Begründer des neuzeitlichen Turnens“ vom deutschnationalistischen Demagogen so einfach getrennt werden kann. Zumindest für Jahn selbst und seine Epigonen bildete beides — die körperliche Ertüchtigung (auch und v.a. mit dem Ziel der „Wehrhaftigkeit“!) und die ideologischen Rundumschläge gegen alles „Undeutsche“ — eine untrennbare Einheit. Von daher wäre hier wenigstens ein explizites Abrücken von der „ganzheitlichen“ Konzeption des Jahnschen Turnens zu verlangen.
  5. Unter diesem Gesichtspunkt reicht auch die (an und für sich begrüßenswerte) Distanzierung vom diskreditierten Begriff „Dietwart“ nicht aus. Vielmehr müsste Abstand genommen werden von jeder politischen (deutschnationalen) Indoktrinierung, egal unter welchem Namen diese erfolgt.
  6. Dass die Geschichte des ÖTB von einer unabhängigen Instanz aufgearbeitet werden soll, ist ebenfalls zu begrüßen. Im Sinne einer Verbreiterung der Urteilsfähigkeit wäre hier jedoch die Miteinbeziehung von HistorikerInnen der Universität Linz zu verlangen.

Geist aus der Flasche

Für das OÖ Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus hat Robert Eiter eine Stellungnahme vorgelegt, in welcher der ÖTB-OÖ-Erklärung „zwar positive Ansätze“ attestiert werden, jedoch sei sie „insgesamt völlig unzureichend und streckenweise grob verharmlosend.“ Eiter weist darauf hin, dass sich allen Distanzierungen zum Trotz bis in die jüngere Vergangenheit Beispiele für rechtsextremistische Betätigung im ÖTB bzw. von ÖTB-Mitgliedern finden lassen. Auch mit einer kritischen Aufarbeitung der „äußerst belastete(n) Geschichte“ des ÖTB sei es nicht weit her. Der ÖTB wehre „sich gegen jede konkrete Infragestellung seiner Symbole und macht nur unter großem Druck Zugeständnisse.“ Eine klare Distanzierung von der Gedankenwelt Jahns sei ebenfalls nicht zu bemerken, ganz im Gegenteil: Nach wie vor müsse es sich der ÖTB nachsagen lassen, dass er einen „Jahn-Kult“ betreibe. Vor allem wird das Festhalten am „deutschen Volkstum“ kritisiert, wobei zu Recht darauf hingewiesen wird, dass entgegen der Andeutung im Papier des ÖTB-OÖ „weder die österreichische Bundesverfassung noch das österreichische Volksgruppenrecht“ dieses kenne. Alles in allem entstehe „der Eindruck, dass sich die ÖTB-Führung mit wohlfeilen Lippenbekenntnissen Subventionen und politische Anerkennung sichern, aber sonst weitermachen möchte wie bisher (…) Die ÖTB-Führung muss eine wirklich grundlegende Neuorientierung durchführen, um der berechtigten Kritik an ihrem Kurs Genüge zu tun.“

Diesen beiden kritischen Stellungnahmen schlossen sich dann vollinhaltlich auch die Linzer Grünen an. In ihren Reihen machte sich die Sorge breit, dem Landtagsklub — allen voran Klubobmann Trübswasser und Landesrat Anschober — würde (auch unterm Druck der ÖVP) das ÖTB-OÖ-Papier bereits genügen. Gemeinderätin Gülcan Gigl gegenüber dem Standard (5. Mai 2006): „Der Beschluss war eigentlich klar: weitere Gespräche, sicher keine Gelder. Jetzt verdichten sich aber die Indizien, dass unsere Regierungsmannschaft der ÖVP zu Liebe umfällt und vorzeitig Gelder locker macht.“ Dem widersprachen Trübswasser und Anschober: Nach wie vor seien die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Subventionierung nicht erfüllt. Das ÖTB-OÖ-Papier stelle jedoch eine Basis für weitere Gespräche dar. Diese wurden aber nun ohnehin von Seiten der ÖTB-OÖ-Führung verweigert. Man werde in Zukunft nur mehr mit Landeshauptmann und „Turnbruder“ Josef Pühringer verhandeln, hieß es. Tatsächlich hätte ein weitergehendes Erfüllen der Forderungen der Grünen wohl zu einer verbandsinternen Auseinandersetzung bis hin zur Spaltung geführt. Insbesondere das Abrücken von Jahn und dem „deutschen Volkstum“ würde einer Selbstaufgabe gleichgekommen.

[1Zitate aus: ÖTB (Hg.): Das Turnen von Jahn bis heute. Authentische Dokumentation. Linz 1995

[2Turner singen. Liederbuch des Österreichischen Turnerbundes, 2. Aufl. Linz 1963

[3Presseaussendung vom 10.7.2006

[4Anlässlich einer vom ÖTB-Wien im November 2001 veranstalteten Totenehrung wurde von den dort anwesenden TeilnehmerInnen die SS-Hymne „Wenn alle untreu werden“ gesungen und u. a. Sprüche des Nationalsozialisten Herbert Böhme vorgetragen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2006
Heft 4-5/2006, Seite 0
Autor/inn/en:

Kathi Renner:

Von Juni 2005 bis 2006 koordinierende Redakteurin von Context XXI.

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