Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2000 » Heft 3-4/2000

Freie Medien! Nutzt sie — ermöglicht sie!

Aufruf der Medienkonferenz* an und für Öffentlichkeit

Die Freiheit des Medienmarktes ist die Freiheit zur einfältigen Vielfalt, zur Ausdifferenzierung des Konsum- und Abstim­mungsverhaltens, auf das ein- und zu dem abgestimmt werden soll. Keine Zielgruppe, der sich gemeinsame Konsumneigun­gen anhängen lassen, soll ohne ihr eigenes Lifestyle-, Freizeit- ­oder Branchenorgan leben müssen. Keine noch so einfältige Äußerung eines talking head aus Politik, Wirtschaft oder Kultur soll ohne Vervielfältigung bleiben. Unspektakuläres gesell­schaftliches Denken und Handeln, gar kritisches, das seinen Sinn und seine Aufgaben ab- und jenseits der Vermarktung sucht, muß indes schon jetzt weitenteils ohne Öffentlichkeit leben — das bedeutet: auf kurz oder lang verschwinden.

Der Medienmarkt produziert massenhaft Meinung — aber produziert er auch nur einen Gedanken? Der Medienmarkt kolportiert massenhaft Mitteilungen — aber stellt er uns auch nur eine Nachricht zur Verfügung? Die Medien treiben heu­te als gespenstische Wiedergänger dessen, was man einst als „vierte Gewalt im Staat” zu bezeichnen beliebte, ihr zombiehaftes Unwesen, das sich in der immerfort in sich selbst zurücklaufenden, mehr oder weniger unterhaltsamen, sym­bolischen Ausdifferenzierung dessen, was ist, erschöpft, das je­den gesellschaftlichen Sinn negiert, jeden begrifflichen Rea­litätsbezug hinter sich läßt und jeden gedanklichen Zusam­menhang vernichtet.

Es geht heute nicht mehr um die Sicherung, die Hege, Pflege und besorgte Beobachtung dessen, was in einigen Marktme­dien gerade noch möglich ist, es geht um die Herstellung und Förderung all dessen, was in diesen nie möglich war und nie möglich sein wird, weil sie dafür nicht gemacht sind. Es geht darum, uns die Medien-Freiheit zu nehmen, die wir wollen und brauchen:

  • Freie Medien! sind gegenüber dem Markt genauso igno­rant, wie Marktmedien gegenüber der Öffentlichkeit. Freie Medien! wollen Öffentlichkeiten herstellen und sich in Öffentlichkeiten bewähren — unwillkürlich stellen sie da­bei auch kleine Märkte her und weil sie geschickt sein müssen, wissen sie das werblich zu nützen. Marktmedien wollen Märkte herstellen und sich auf Märkten bewähren — dabei stellen sie auch noch ein Image von Öffentlich­keit her und wissen das werblich zu nützen.
  • Freie Medien! fordern ihre LeserInnen, HörerInnen, Use­rInnen heraus, sie verlangen und bekommen ihre Auf­merksamkeit, ihre Teilnahme und ihren Widerspruch. Marktmedien reizen ihre KonsumentInnen, bis sie gekauft sind — dann haben sie ihre Funktion am LeserInnen- und Anzeigenmarkt erfüllt und werden, so sie von Pappe sind, dem Rohstoffmarkt zugeführt.
  • Freie Medien! wollen nicht Zielgruppen anvisieren, son­dern LeserInnen, HörerInnen, UserInnen zu Diskussio­nen anregen, die ihre eigenen sind, und ihnen die dafür nötige Information zur Verfügung stellen.
  • Freie Medien! wollen nicht Meinung machen, sondern kri­tisches vor-, mit- und nachdenken ermöglichen und dem­gemäßes gesellschaftliches Handeln anregen.
  • Freie Medien! müssen nicht hauptsächlich Politik reprä­sentieren oder beraten, sondern kritisieren. Wenn Politik aus der Kritik lernen und sie in positive Reformkonzepte integrieren kann, ist das zwar mit der größten Selbverständlichkeit auch wieder zu kritisieren, im übrigen aber ein erwünschter Effekt.
  • Freie Medien! sind derweil am erfolgreichsten, wenn sie sich auf die konstruktiven Aspekte kapitalistischen Fort­schritts beziehen: Aufklärung, sozialer, demokratischer, menschenrechtlicher, kultureller, ökologischer Fortschritt. Marktmedien sind allweil am erfolgreichsten, wenn sie konstruktive wie destruktive Aspekte kapitalistischen Fort­schritts zur Unkenntlichkeit belangloser Mitteilungen und begriffsloser Meinungen zerhäckseln — und damit, ohne freilich eine Idee davon haben zu können, zu den destruktiven Aspekten gehören.
  • Freie Medien! haben eine Aufgabe, Marktmedien haben eine Auflage. Schwach sinniger Weise erhalten hierzulande seit jeher jene Medien, die eine Auflage haben, Beachtung und Förderung; jene, die eine Aufgabe haben, hingegen nicht. Man muß also auch über die Ignoranz derer reden, deren Bedarf an täglich allem durch einige Seiten rosa Papiers offenbar leichtlich zu decken ist, die ihre Meinungen durch etwas wöchent­liche Profilierung für ausreichend façonniert halten und die sich unter Kritik kaum noch etwas anderes vorstellen kön­nen, als jemanden einen Dolm zu heißen. Sie erbauen sich an Meinungshäppchen (Typ: „Gut/Böse”, Begründung: dürftig bis fehlend), sie verlieren sich in Mitteilungsfetzen (Typ: „In/Out”, Relevanz: vage bis nicht feststellbar) und wäh­nen sich dabei den anderen täglichen Alleslesern überlegen. Sie beklagen sich gelegentlich darüber, daß die „herr­schenden Medien“ die „herrschende Meinung“ wiederge­ben und wollen dort ihre eigene — nicht herrschende — Mei­nung gedruckt und gesendet sehen. Sie begreifen nicht, daß in diesen Medien nur gedruckt und gesendet werden kann, was der Herrschaft des Meinungshaften nicht zuwiderläuft. Innerhalb des Genres „Meinung“ wird die im übrigen ge­rade „herrschende“ in der Regel die auflagenmaximieren­de, also bevorzugte sein.

Wie weit und wie lange ist die Tendenz zu größtmöglicher Zerstreuung für die größtmögliche Zahl erträglich? Wie zer­streut müssen wie viele sein, bis sie an dieser Gesellschaft zerbröseln oder diese Gesellschaft an sich und ihnen zerbrö­selt? Oder werden sich welche wo und wie wieder sammeln? Sammelpunkte gibt es schon. Unsere Freien Medien! sind, wie sie gegenwärtig sind, auch unzulänglich — das wissen wir. Wir brauchen weniger Gruppenbindung und mehr Diskussion, wir brauchen die qualifizierte, inhaltliche „Vernetzung“ be­stehender Teilöffentlichkeiten, wir brauchen die Entwick­lung unserer eigenen Aktualität und unserer schnellen Informationskanäle, um nicht bei jedem Anlaßfall der aufge­nötigten, spektakulären Aktualität ausgeliefert zu sein. Wir brauchen Verallgemeinerung.

ProduzentInnen: Kümmert Euch darum, womöglich intensiver, besser, geschickter als bisher schon!

LeserInnen, HörerInnen, UserInnen: Öffentlichkeiten, womög­lich bessere und größere als bisher schon, können wir nur gemeinsam bilden und entwickeln. Über nennenswerte Wer­bebudgets verfügen wir nicht. Wir können nicht viel tun, um Euch zu suchen — wir müssen uns von Euch finden lassen. Findet uns! Mehret Euch! Abonniert, was Euch interessiert! Spendet, so ihr könnt! Weist anderen den Weg zu den Freien Medien!, die sie interessieren könnten!

Es gibt keine Gedanken- und Informationsfreiheit, es sei denn, sie zu ergreifen!

*) Die Medienkonferenz wird derzeit gebildet von:

  • Verband Freier Radios Österreich (VFRÖ)
  • Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften (VAZ)
  • konsortium.Netz.kultur
  • IG Kultur Österreich

unter derzeitiger Beteiligung von:

  • Kulturplattform Oberösterreich (KUPF)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2000
Heft 3-4/2000, Seite 44
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