Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2005 » Heft 1-2/2005
Alicia Allgäuer

Frauenkörper und der „afrikanische Brauch“

FGM im Irak

Obwohl die irakische Gesellschaft gemeinhin nicht für die Verbreitung weiblicher Genitalverstümmelung bekannt ist, machte eine neue Studie von Wadi deutlich, dass diese Praxis zumindest regional in einigen Teilen Irakisch-Kurdistans weit verbreitet ist.

Während Tarafa Baghajati und SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi, beide Aktivisten der Initiative Muslimischer Österreicher/innen noch im Jänner 2005 die jüngste Studie von Wadi zum Anlass nahmen, einmal mehr den Vorwurf der „Islamophobie“ zu erheben und zu behaupten, dass dieser „afrikanische Brauch“ im Irak nicht existiere, [1] ist die Verstümmelung weiblicher Genitalien im Irak selbst stärker zum Thema geworden. Zur Zeit wird gerade an einem Aufklärungsfilm gearbeitet. Selbst die PUK-nahe Kurdische Frauenunion machte FGM (female genital mutilation) erst kürzlich zum Thema.

Die jüngste Debatte über FGM im Nordirak war ein Resultat der frauengeführten mobilen Teams [2] von Wadi, die seit 2003 Frauen und Kinder in ländlichen Regionen Irakisch-Kurdistans unterstützen. Nach über einem Jahr Betreuung durch die Teams hatten die Frauen genügend Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen gefasst, um mit diesen über FGM reden zu können. Wadi führte in der Folge im Oktober und November 2004 eine Erhebung in ca. 40 Dörfern der Region Germian (im südlichen Nordirak) durch, deren Ergebnis zeigte, dass fast 60% der Frauen und Mädchen unter 10 Jahren beschnitten worden waren. Es wurden 1544 Frauen befragt, von denen 907 angaben, beschnitten worden zu sein. Es wird aber angenommen, dass die Zahl noch höher ist, da einige, die in dieser Auflistung als Nicht- Beschnittene aufscheinen, möglicherweise noch zu jung sind und diesem Eingriff erst unterzogen werden.

Im Nordirak wird vor allem die so genannte „Sunna-Beschneidung“ praktiziert, bei der manchmal nur die Vorhaut der Klitoris eingeritzt oder entfernt wird oder — in den meisten Fällen — die Klitoris selbst teilweise oder ganz amputiert wird.

In einigen Dörfern zeigt die Aufklärung über die negativen Folgen weiblicher Genitalverstümmelung jedoch erste Erfolge, wie ein Bericht der mobilen Teams in der Region Germian zeigte. In Chala Soork (Sarquala Nahia), welches ca. 185 EinwohnerInnen zählt, sind alle Frauen über 20 Jahre beschnitten, sowie fünf von 20 Frauen unter 20 Jahren. Seit 2003 wurde niemand mehr beschnitten.

In Duraji Village (Naujul Nahia), ca. 195 EinwohnerInnen, sind alle Frauen über 25 Jahren beschnitten, aber keine einzige unter 25 Jahren. Im Gespräch sagten die Frauen, sie wüssten Bescheid über die Wirkung von FGM auf das Sexualleben.

Tapa Sauze (Rizgary Nahia), 80 EinwohnerInnen, sind jedoch immer noch alle Frauen über 11 Jahren beschnitten.

All diese Dörfer sind sehr arm. Problematisch sind vor allem die fehlende oder unhygienische Wasserversorgung sowie die unhygienische Bedingungen für die Frauen. Elektrizität fehlt meist ebenso, wie ein Arzt oder eine Schule. Erst im Mai 2005 zeigte der neue UNDP-Report für den Irak, dass auch in Kurdistan kaum Fortschritte in Bezug auf Bildung und medizinische Versorgung zu verzeichnen sind. Insbesondere die ländliche Bevölkerung konnte bisher nicht vom ökonomischen Aufschwung in den kurdischen Städten profitieren.

Für die Mobilen Teams von Wadi ist es oft schwierig die Leute von den Gesundheitsrisiken durch FGM zu überzeugen, denn viele DorfbewohnerInnen glauben, dass FGM ein Gebot des Islam wäre. Tatsächlich handelt es sich aber um einen präislamischen Brauch, der im Koran keinerlei Erwähnung findet. Zudem wird FGM auch keinesfalls in allen muslimischen Ländern praktiziert. Eine Charakteristik der islamischen Rechtstradition ist es jedoch, dass alles, was nicht verboten ist erlaubt ist. So wurden viele präislamische Bräuche im Koran nicht erwähnt und somit auch nicht verboten. Meist wird FGM in Berufung auf einen bestimmten Hadith [3] praktiziert, demzufolge Mohammed einer Beschneiderin folgende Anweisung gab: „Nehme ein wenig weg, aber zerstöre es nicht. Das ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt.“ Dieser Hadith wird sehr unterschiedlich interpretiert, was das breite Spektrum der Meinungen über FGM unter MulsimInnen widerspiegelt. Eine Auslegung dieses Hadiths ist die, dass damit nur „leichte“ Formen von FGM erlaubt würden und Exzision sowie Infibulation, wie sie etwa im Sudan oder in Somalia praktiziert werden, verboten seien.

Von Wadi wird daher vor allem versucht, mit islamischen Geistlichen zusammenzuarbeiten — mit einigen Erfolgen. Manche Mullahs halten zwar an ihrer Unterstützung für die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung fest, andere unterstützen jedoch die Kampagne gegen FGM. Einige liberale sunnitische Geistliche treten öffentlich gegen FGM auf. Bereits 2001 haben einige von ihnen in Suleymaniah eine fatwa (religiöses Gutachten) dagegen erlassen. Auch im Fernsehen und Radio gab es Sendungen gegen FGM. Da es auf dem Land jedoch oft keine Elektrizität gibt, können diese Botschaften dort nur schwer verbreitet werden.

Auch lokale Autoritäten beginnen langsam das Thema ernst zu nehmen. Mittlerweile ist FGM in Irakisch-Kurdistan strafbar. Wenn eine registrierte Hebamme bei einer Beschneidung ertappt wird, wird ihr die Lizenz entzogen. Aber die traditionellen „Beschneiderinnen“ in den Dörfern gehen ihrem Handwerk im Geheimen ihrer Häuser nach, worauf das Gesetz (noch) wenig Einfluss hat.

Die Wadi-Studie liefert jedoch nur ein erstes Dokument über die Existenz von FGM im Nordirak. Eine umfassende Studie sowie Aufklärungsfilme sind derzeit in Arbeit. Trotzdem wird es noch lange dauern die Praxis aus den Dörfern zu verdrängen.

[1Bei einer Diskussionsveranstaltung zum Irak, die vom Wiener Bildungszentrum der SPÖ am 19. Jänner dieses Jahres organisiert worden war, bestritt Al-Rawi aufs heftigste die Existenz von weiblicher Genitalverstümmelung im Irak, und wurde dabei von Herrn Tarafa Baghajati aus dem Publikum unterstützt, der sagte: „Wadi behauptet, dass es im Irak weibliche Genitalverstümmelung gäbe. Aber das ist ein afrikanischer Brauch, den es im Irak nicht gibt!“ vgl. http://www.wadinet.de/news/iraq/newsarticle.php?id=643 http://www.hagalil.com/archiv/2005/01/irak.htm

[2Frauengeführte mobile Teams: Seit 2003 betreuen sechs mobile Teams Frauen und Kinder in den Regionen Mossul, Hawler/Arbil, Kirkuk, Suleymaniah, Halabja und Germian. Die Teams bestehen aus einer Ärztin und einer Krankenschwester, die Gesundheitsberatung und ambulante Untersuchungen anbieten, sowie aus einer Sozialarbeiterin bzw. Psychologin, die den Frauen in rechtlichen und psychosozialen Fragen zur Seite steht. Die Aufklärung über Frauenrechte und die Thematisierung von Gewalt in der Familie tragen dazu bei, die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Kindern zu stärken. Zusätzlich erhalten besonders bedürftige Familien materielle Unterstützung in Form von Lebensmitteln, Kleidung und Medizin (vgl. www.wadinet.de).

[3Hadithsammlungen: Dokumente, in denen genaue Beschreibungen der Worte und Taten des Propheten festgehalten sind, die als Verhaltensmaßstab gelten. Sie wurden erst nach seinem Tod aufgeschrieben. Es existieren auch viele gefälschte Hadithe, weshalb die genaue Prüfung derselben unabkömmlich ist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2005
Heft 1-2/2005, Seite 25
Autor/inn/en:

Alicia Allgäuer:

Alicia Allgäuer ist Diplomsozialarbeiterin und Mitarbeiterin der im Irak tätigen Hilfsorganisation Wadi. Sie studiert Politikwissenschaft in Wien.

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