FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 230/231
Susi Petroni

Frauenkampf & Klassenkampf

Die patriarchalische Form der Familie ist kein Produkt kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Ihr Ursprung liegt in vorangegangenen gesellschaftlichen Formationen. Sie ist eng verknüpft mit dem ersten Auftreten des Privateigentums (siehe F. Engels, Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates).

In der vorkapitalistischen Gesellschaft war die Familie eine geschlossene Produktionseinheit. Der Vater war die uneingeschränkte Autorität innerhalb der Familie, gestützt auf seine Rolle als Hauptproduzent und Eigentümer der Produktionsmittel.

Aber mit der Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wurde der Familie als Produktionseinheit die Grundlage entzogen: im Laufe der ersten industriellen Revolution werden Frauen und Kinder in den kapitalistischen Produktionsprozeß eingegliedert.

Sofern die Maschine Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber größerer Geschmeidigkeit der Glieder, anzuwenden. Weiber und Kinderarbeit waren das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie.

(Marx, Kapital I, MEW 23, S. 416)

Für die Frau entstehen dadurch zwei einander konkurrierende Bereiche. Die Pflichten im Haushalt und die Kindererziehung bleiben weiterhin ihr „natürlicher Lebensbereich“, und „nebenher“ muß sie aus wirtschaftlicher Not ihre Arbeitskraft zu Markte tragen. Daraus erwächst eine Doppelbelastung, welche für die spezifisch kapitalistische Unterdrückung der Frau typisch ist und durch welche die vorkapitalistische Arbeitsteilung der Geschlechter und die patriarchalische Familienform erhalten bleibt, gezeichnet von den Malen ihrer Auflösung. Im Spannungsfeld der ambivalenten Interessen des Kapitals teils an der Auflösung, teils an der Erhaltung der Familie vollzieht sich deren Wandlung.

Die Teilnahme am Produktionsprozeß ist die unumgängliche Grundlage für die Emanzipation der Frau: sie wird auf diese Weise ökonomisch unabhängig, und die Autorität des Familienvaters als Ernährer wird geschwächt. Aber diese wird solange nicht zerstört, solange die Arbeit der Frau als zusätzliches (Luxus!-) Einkommen der Familie eingestuft und entsprechend schlechter bezahlt wird.

Die weibliche Arbeitskraft besitzt geringeren Wert (im strengen Sinn des Wertgesetzes und nicht der Nützlichkeit fürs Kapital), solange die Frau ihre Stellung im patriarchalischen Familienverband beibehält. Die Rolle des Mannes als Familienerhalter bewirkt, daß in seinem Lohn auch die Kosten für die Erhaltung einer Familie inbegriffen sind; daher wird die Arbeit der Frau als zusätzlich bewertet. Zugleich senkt jener Teil, den sie zur Erhaltung beisteuert, den Lohn des Mannes. Allerdings nicht im gleichen Verhältnis.

Der Wert der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsenen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit. Indem die Maschine alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft, verteilt sie den Wert der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Familie. Sie entwertet daher seine Arbeitskraft. Der Ankauf der in 4 Arbeitskräfte parzellierten Familie kostet vielleicht mehr, als früher der Ankauf der Arbeitskraft des Familienhaupts, aber dafür treten 4 Arbeitstage an die Stelle von einem, und ihr Preis fällt im Verhältnis zum Überschuß der Mehrarbeit der 4 über die Mehrarbeit des einen. Vier müssen nicht nur Arbeit, sondern Mehrarbeit für das Kapital liefern, damit eine Familie lebe.

(Marx, Kapital I, MEW 23, S. 417)

Die körperliche Schwäche der Frau, und ihre im Vergleich zum Mann geringe oder gar nicht vorhandene Ausbildung, bestimmt sie von Haus aus für unqualifizierte und daher schlecht bezahlte Arbeit. Dazu kommt die Ansicht, daß der Platz der Frau ohnehin am Herd und ihr Beruf nur eine zusätzliche Tätigkeit sei. Das ist dann die Rechtfertigungsideologie dafür, daß Frauen je nach Konjunkturlage vom Kapital benutzt oder wieder an den „Ort ihrer eigentlichen Bestimmung“ zurückversetzt werden. Daher wird in ihre Ausbildung weniger investiert und der Wert ihrer Arbeitskraft dadurch zusätzlich niedrig gehalten.

Die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals machen den Einsatz der Frauen im Produktionsprozeß notwendig; zugleich ist die Unterdrückung der Frau ein denkbar günstiger Rahmen für ihre Ausbeutung. Frauen sind ein besonders leicht dirigierbarer Teil der industriellen Reservearmee.

Im Rahmen der Familie sind die Bedingungen für die Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft besonders günstig. Überdies hat die Familie zur Aufgabe, dem Kapital unproduktive Ausgaben einsparen zu helfen. Jene Arbeit, die in der Familie zur Reproduktion und Produktion (Kindererziehung!) der Arbeitskraft geleistet wird, ist Gratisarbeit. Sie wird als Dienst der Arbeiterklasse an sich selbst nicht nach dem Wertgesetz gemessen.

Könnte diese Gratisarbeit im Rahmen der Arbeiterfamilie nicht mehr geleistet werden, ergäbe sich automatisch eine Erhöhung des Wertes der Arbeitskraft. Tatsächlich ist der Umfang der Gratisarbeit (besonders seit 1945) erheblich geschrumpft. Infolge der beständig zunehmenden Anzahl berufstätiger Frauen müssen diese zumindest teilweise von ihrer Doppelarbeit entlastet werden (in der Herstellung von Haushaltsgeräten, die dadurch notwendig wurde, hat das Kapital zusätzlich eine produktive Anlagesphäre gefunden). Ferner machen die erhöhten Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitskraft eine Vergesellschaftung der Erziehung und Ausbildung notwendig; diese kann in der Familie nicht mehr geleistet werden. Die Bedürfnisse des Kapitalismus, was Zahl und Qualität der Arbeitskräfte betrifft, wirken in Richtung Auflösung der Familie im herkömmlichen Sinn.

Daraus kann aber nicht geschlossen werden, daß die Emanzipation der Frau unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen eine lösbare Aufgabe sei.

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist erst dann gewährleistet, wenn die Funktionen in Haushalt und Kinderaufzucht der Frau abgenommen und zu einer öffentlichen Angelegenheit werden. Nur auf dieser Basis hat die Frau die gleichen Möglichkeiten zur Entfaltung wie der Mann.

Soweit sich die Rolle der Frau seit der Existenz des Kapitalismus gewandelt hat, ist die Ursache dafür in ihrer wachsenden Bedeutung für die kapitalistische Produktion zu suchen. In Phasen der äußersten Angespanntheit des Arbeitsmarktes wurde eine rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau durchgesetzt. (In vielen kapitalistischen Ländern nicht einmal das. In Österreich, dessen Familienrecht noch auf der Kodifizierung des Jahres 1811 beruhte, wird die „Partnerschaft“ der Ehegatten erst durchgesetzt.)

Ob die Gleichstellung der Frau real existiert, hängt von der wirtschaftlichen Situation ab (ausgenommen einmalige Zugeständnisse, wie das Wahlrecht, dessen wirkliche Erfüllung vom Grad der geistigen Unabhängigkeit der Frauen abhängt).

Die Abschaffung von Sondertarifen für Frauenarbeit ist durch die von hinten herum eingeführten Leichtlohngruppen real rückgängig gemacht worden, obwohl auf dem Papier Gleichheit herrscht. Wie groß die Differenz in der Entlohnung gleicher Arbeiten von Mann und Frau ist, hängt von der Knappheit entsprechender Arbeitskräfte ab. In Phasen der Prosperität, wo die Frau eher geneigt ist aufgrund des relativ hohen Einkommens ihres Gatten zu Hause zu bleiben, muß der Preis ihrer Arbeitskraft steigen, soll sie zur Berufstätigkeit bewegt werden. Errungenschaften wie Kindergärten und andere die Frau entlastende Einrichtungen sind in dieser Situation Notwendigkeiten, um die Frau für die Wirtschaft „frei“ zu machen. Die Liberalisierung der Gesetzgebung über die Abtreibung ist ebenfalls unter diesem Aspekt zu betrachten (unerwünschter Arbeitsausfall durch Schwangerschaft).

Dem gesamten Proletariat werden die Bedingungen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft auf dem „freien“ Arbeitsmarkt vom Zyklus der kapitalistischen Produktion diktiert; dies gilt auch für die Verkaufsbedingungen der weiblichen Arbeitskraft. Mit dem Rückgang der Nachfrage danach (Entlassungsquote bei Frauen erheblich höher als bei Männern) wird auch ihre Emanzipation, zumindest größtenteils, wieder rückgängig gemacht, mag sie nun formal erhalten bleiben oder nicht. Sie kehrt an den Herd zurück. Dieser Tätigkeitsbereich steht ihr wieder den ganzen Tag offen. Die verschlechterten Verkaufsbedingungen auf dem Arbeitsmarkt haben sich beim Mann als Lohnkürzung bemerkbar gemacht; eine Reihe von Aufgaben, die bisher aus dem Haushalt herausverlagert waren, sind finanziell nicht mehr tragbar. Den Ersatz hiefür leistet die Hausfrau und Mutter.

Solange es ihm möglich ist, wird der Kapitalismus aus der Unterdrückung der Frau Nutzen ziehen. Wo er Ansätze einer Emanzipation verwirklicht, tut er dies im Interesse seiner eigenen Existenz. Er nimmt sie aber auch wieder zurück, sobald sie sich als überflüssig, ja geradezu schädlich erweisen. Daraus darf nicht auf eine stagnierende Situation von Frau und Familie im Kapitalismus geschlossen werden. Die Geschichte lehrt uns gerade das Gegenteil. Neben der Auf- und Abbewegung, den Fortschritten und Rückschlägen, der die Stellung der Frau unterliegt, ist eine kontinuierliche Entwicklung in Richtung auf ihre Gleichstellung zu verzeichnen. Diese Gleichstellung ist jedoch zwielichtig: „Befreite“ Sexualität wird zum Konsumartikel; die Auflösung der Familie, in der allein noch relativ humane Beziehungen herzustellen waren, ist positiv, wenn an ihre Stelle umfassendere Beziehungen der Menschen zueinander treten, im Kapitalismus aber bedeutet sie eine verstärkte Isolierung der Individuen, usw.

Die an ihre Familie und den Haushalt gebundenen Arbeiterinnen stellen ein für das Kapital extrem günstiges Proletariat dar. Es ist relativ einfach, sie zu entlassen. Real und gemäß ihrem Selbstverständnis werden sie dadurch nicht „auf die Straße“ gesetzt, sondern kehren in den ihnen angestammten Bereich zurück. Gleichzeitig kann an der Erfahrung der Zurücksetzung gegenüber männlichen Kollegen, auch in Fragen der Karriere und Bezahlung, den betroffenen Frauen ein Bewußtsein ihrer Unterdrückung erwachsen.

Die Frau, die in der Regel das Haushaltsgeld verwaltet und die Versorgung der Familie kalkuliert, ist, wenn sie arbeitet, durch die Doppelbelastung abgespannt und energielos. Allein schon durch ihre Erziehung nimmt sie Repressalien eher passiv hin. Daher kann sie in Kampfsituationen eine äußerst bremsende Haltung einnehmen. Zur eigenen geringen Kampfbereitschaft kommt, daß auch der männliche Teil der Arbeiterklasse dem Schein von Natur erliegt, der der Arbeitsteilung der Geschlechter anhafte. Von den Frauen wird nicht erwartet, daß sie in der Öffentlichkeit vehement für ihre Interessen eintreten.

Der Kampf um die Befreiung der Frau muß Teil des Kampfes der Arbeiterklasse um ihre Befreiung als Ganzes sein. Die Spaltung des Proletariats bedeutet eine Verminderung seiner Kräfte. Ohne Teilnahme seiner Frauen kann das Proletariat weder den Klassenkampf erfolgreich führen, noch den Aufbau des Sozialismus in Angriff nehmen.

Ziel ist die Einsicht, daß die Emanzipation nur gemeinsam mit den Männern ihrer Klasse gelöst werden kann und in engem Konnex zum Fortschritt der Klassenkämpfe steht. Zweierlei praktische Konsequenzen sind daraus zu ziehen. Erstens müssen die Frauenorganisationen Kooperation und Unterstützung durch die Arbeiterorganisationen anstreben. Zweitens müssen sich die Frauen selbst in den Klassenkampf einreihen, also direkt in den Arbeiterorganisationen mitarbeiten.

Es kann nicht vorausgesetzt werden, daß den Arbeitern die Befreiung der Frau als eigenes Interesse bewußt ist. Kurzfristig können sich sogar gegenläufige Interessen artikulieren. Um in diesen Angelegenheiten eine Klärung voranzutreiben, ist nicht eine „Aufklärung“ der Arbeiter angebracht, die alsdann erleuchtet nach Hause gehen, um ihre Frauen zu emanzipieren, sondern die Konfrontation mit den radikalisierten Klassengenossinnen selbst.

Die Befreiung der Frauen setzt auf jeden Fall voraus, daß sie den Kampf darum selber führen. Sie können nicht, auch wenn es noch so gut gemeint ist, emanzipiert werden. Sie werden den Kampf jedoch nicht allein führen können, sollen sie erfolgreich sein. Diese zwei Momente sind die Grundlage, von der bei der Frage nach den adäquaten Organisationsformen ausgegangen werden muß.

Innerhalb einer Organisation, die ihre eigene ist, wird es den Frauen möglich sein, sich von jener Inferiorität zu befreien, die ihnen die patriarchalische Unterdrückung aufgeprägt hat. Die geringe Fähigkeit, öffentlich aufzutreten, mangelndes Selbstbewußtsein in der Auseinandersetzung mit Männern, Neigung zu Unterordnung und Passivität sind unter Ausschluß von Männern bedeutend leichter zu überwinden. Eine Öffnung ihnen gegenüber würde sehr bald zu ihrer Vorherrschaft (nicht zahlenmäßig!) führen und die Entwicklung von Fähigkeiten, die es ermöglichen, gleichberechtigt mit den Klassengenossen am politischen und sozialen Leben teilzunehmen, hintanhalten, wenn nicht gar verhindern.

Für viele Frauen, die zunächst den Männern die Schuld an ihrer Unterdrückung geben, wäre der Zugang zur Organisation abgeschnitten, wenn sie das Gefühl haben müssen, dort ins Schlepptau von Männern genommen zu werden, die sie zur Emanzipation anleiten wollen.

Um die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Emanzipation zu erkämpfen müssen sich die Frauen gemeinsam mit den Männern in die Reihen des Klassenkampfes stellen. Diese Einheit kann jedoch nicht dadurch hergestellt werden, daß man die realen Divergenzen leugnet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1973
, Seite 39
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