Zeitschriften » Weg und Ziel » Jahrgang 1997 » Heft 5/1997
Jürgen Kuczynski

Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel*

Natürlich dauerte es eine Zeit, bis ich vieles neu sah, und auch das Neugesehene wurde im Laufe der Zeit korrigiert.

Jürgen Kuczynski †

Ein typisches Beispiel dafür sind gerade ehemalige Äußerungen im „Dialog mit meinem Urenkel“, in denen ich das System der DDR bejahe, aber tausend kritische Bemerkungen zu ihm mache, statt umgekehrt das System zu verneinen und tausend gute Dinge an ihm festzustellen. Über diesen Fehler schrieb ich in meinem Buch „Kurze Bilanz eines langen Lebens“ (1991, S. 19ff.):

„Worin besteht dieser ernsteste meiner Fehler in der Zeit unserer Republik? Lenin hat einmal in einer Polemik gegen Thälmann auf dem III. Kongreß der Kommunistischen Internationale am 5. Juli 1921 gesagt: ,Wir dürfen unsere Fehler nicht verheimlichen, weil der Feind das ausnutzen könnte. Wer das fürchtet, ist kein Revolutionär.‘ Das ist Offensivgeist, der uns gefehlt hat. In der Defensive, voller Feigheit, mit der Ausrede des mächtigen Feindes, der uns gegenübersteht, haben wir echten Meinungsstreit, echte Kritik, echte Basisdemokratie unterdrückt. Ja, ich habe für mehr Demokratie Unten ganz offen in Wort und Schrift gekämpft, auch Parteistrafen dafür angedroht bekommen oder auch erhalten. Aber ich habe nicht gegen das falsche Argument gekämpft, daß es dem Feind nützen könnte, wenn wir ,zu weit‘ darin gehen würden. Ich habe der ,Sicherheit‘ ein, nun sagen wir, zu weitgehendes Primat gegeben. Doch mehr: Ich hatte nicht begriffen, daß mehr Kritik nach Oben, mehr Basisdemokratie, gerade ein so wichtiger Faktor für unsere Sicherheit sind. Ich hätte genau umgekehrt argumentieren müssen. Ich hätte sagen müssen: Selbstverständlich erkenne ich alle unsere Einzelleistungen etwa auf dem Gebiet der sozialen Sicherung oder alle Maßnahmen, damit Frauen nicht um der Kinder willen an den Haushalt gebunden sind und auf Arbeit gehen können, alle Maßnahmen, die es jungen Menschen ermöglichen, unabhängig von den finanziellen Verhältnissen ihrer Eltern auf Fachhochschulen, Hochschulen, Universitäten zu gehen, an. Das sind bedeutsame sozialistische Errungenschaften. Aber viel wichtiger ist das gesamtgesellschaftlich so schlimm wirkende System der fehlenden Basisdemokratie, der Unterdrückung der Kritik von Unten durch ein feudalabsolutistisches Kommandosystem, die Übertreibung der ,Staatssicherheit‘. Erst durch eine solche Umkehrung in der Bedeutung der Einschätzung der beiden Seiten unserer Gesellschaft hätte ich wahrscheinlich politische Einsicht gehabt. Natürlich hätte ich eine solche Einsicht bei uns nicht im Druck bekannt machen können. Zur Diskussion steht hier meine so mangelhafte, so fehlerhafte politische Einsicht 1977, als ich das Büchlein schrieb, und auch noch Ende 1983, als es veröffentlicht wurde.

All das änderte sich bald bei mir nach dem Erscheinen des ,Dialogs‘ (in dem nur wenige Sätze in die richtige Richtung weisen), beginnend mit der Perestroika 1985 in der Sowjetunion. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hieß es immer häufiger in meinem Tagebuch, daß sich die Lage bei uns ,zuspitzt‘ oder daß ,eine Explosion‘ droht — eben auf Grund von Schönfärberei, Verlogenheit, Feigheit vor dem Feind und mangelnder Basisdemokratie. Und das ist trotz aller Kritik, die ich stets, seit der Chruschtschow-Rede gegen Stalin 1956 verstärkt, und seit 1985, seit der Perestroika in der SU, wahrlich laut und offen, während der letzten Jahre der Republik in der Weltpresse und bei uns auf pro Jahr etwa 800 Versammlungen von Unten geübt habe, unverzeihlich.

Feigheit? Nein! Viel schlimmer bei einem Menschen von meiner Intelligenz und Welterfahrung: Dummheit, elende politische Dummheit! Reinfall auf eine anti-marxistische, anti-leninistische Ideologie! Stärker kann wohl ein alter Marxist sich nicht kritisieren ...

Wer ,gewisse Erscheinungen‘ kritisierte, statt die Grundfehler zu sehen, wer meinte, wir hätten, weil es zweifellos sozialistische Elemente in unserer Gesellschaft gab, die wichtigsten Aufgaben bei der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft erfüllt, wer nicht die feudalabsolutistischen, jeder sozialistischen Basisdemokratie hohnsprechenden Elemente unserer Gesellschaft ernst nahm oder sie überhaupt nicht erkannte, wer also (wie ich bis einschließlich der Veröffentlichung meines ,Dialogs mit meinem Urenkel‘) nicht die fundamentalen Fehlleistungen unseres Gesellschaftssystems als solches erkannte und darum dieses verteidigte, ja, der hat Mitverantwortung getragen ...

Auf die ,zugespitzte Frage‘ — also: ,Hast Du das Wesen der Entwicklung erkannt oder nur ihre Auswüchse und Deformationen?‘ muß die eindeutige Antwort lauten: Bis 1984 nur die Auswüchse und Deformationen. “

Ich schreibe dann: Dieser „Fehler, den ich vom fünften bis in den Beginn meines neunten Jahrzehnts meines Lebens machte, ist unverzeihlich“. Soweit meine Erkenntnisse im Jahre 1991. Doch mein Erkenntnisprozeß und meine Einsicht in mein Verhalten entwickelten sich weiter. (...)

Und weiter frage ich mich: Was wäre geschehen, wenn ich die Realität der DDR erkannt hätte, die fundamentalen gesellschaftlichen Mängel, die sie hatte. Wenn ich etwa erkannt hätte, daß es fast 2000 Jahre (bis 1870) gedauert hatte, bis der Papst für unfehlbar erklärt wurde, aber keine fünf Jahre, bis das Politbüro sich als unfehlbar aufführte, daß die Pressefreiheit unter dem System des Feudalismus-Absolutismus Friedrich des Großen größer war als in der DDR? Zweierlei wäre geschehen:

Da ich unter keinen Umständen in die BRD ausgewandert wäre, hätte ich entweder fünf Minuten reden dürfen und wäre dann ins Zuchthaus verfrachtet worden, oder ich hätte wie ein Feigling schweigen müssen, und wissenschaftlich wahrlich nicht unwichtige und andere anregende Bücher von mir wären nicht erschienen.

Und zweitens, fast noch wichtiger: Wenn ich Oben in Ungnade war, drohten mir schlimme Strafen, wenn ich in Gnade war, schien die Sonne besonders schön, da ich mit manchen Politbüromitgliedern schon in unserer Jugend befreundet war, weshalb ich 1989 die gleiche Anzahl von Orden und von angedrohten bzw. durchgeführten Parteistrafen hatte. Wenn mir aber Oben die Sonne schien, dann konnte ich so manchen Genossen, die politisch in Schwierigkeiten geraten waren, helfen. Jeder, der die Parteigeschichte der SED kennt, kennt den Fall „Herrnstadt“, der aus dem Politbüro und dem ZK geworfen wurde und eine kleine Stelle im Staatsarchiv in Merseburg erhielt. Nach seinem Hinauswurf wurden wir gute Freunde, und als er sein Buch „Die Entdeckung der Klassen“ veröffentlicht hatte, sandte er es mir mit der Widmung: „Jürgen Kuczynski, dem Freunde der Mühseligen und Beladenen, in aller Herzlichkeit vom Verfasser überreicht.“ Das Datum der Widmung ist der 31.1.1966, genau acht Jahre und eine Woche nach der (...) Hetze-Sitzung der Abteilung Wissenschaften gegen mich. Das heißt, wenn ich meinen so fundamentalen Fehler 1957/58 erkannt hätte, wäre ich in eine Situation geraten, die es mir unmöglich gemacht hätte, anderen Genossen in ihren politischen Schwierigkeiten zu helfen, eine für mein Leben in der DDR so wichtige Aktivität.

Und darum sagte ich mir, und schreibe es ganz offen heute und hier: Ich bin nicht unglücklich, ja bisweilen froh, daß ich diesen fundamentalen politischen Fehler, den schwersten meines Lebens, gemacht habe. Nichts zeigt besser als dieses Geständnis, in welcher Zeit, in welchem Jahrhundert ich gelebt habe. Nichts kann daher auch dieses neue Buch klarer rechtfertigen als dieses Geständnis.

Doch folgt 1995 noch eine Erkenntnis: Ich sprach an einer Volkshochschule über den 8. Mai und kam auch auf die soeben gekennzeichnete Situation zu sprechen. In der nachfolgenden Diskussion sagte mir jemand: „Sie mußten also als Wissenschaftler und Politiker versagen, um als Mensch zu bestehen.“ Er hatte völlig recht, so war es.

*) Dieser Beitrag ist ein Ausschitt aus dem Vorwort des letzten Buches von Jürgen Kuczynski „Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel“, Berlin 1996.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1997
Heft 5/1997, Seite 63
Autor/inn/en:

Jürgen Kuczynski:

Historiker und Ökonom in der ehemaligen DDR (Berlin), Autor des 40-bändigen Werkes „Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“ sowie der 5-bändigen „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“.

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