Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 1-2/2006
Jaschar Randjbar

Footballs

Männlichkeit und Homophobie im Mannschaftssport

Im Jahr 2002 wurde der österreichischen Öffentlichkeit bekannt, was alle Beteiligten im Fußballzirkus sowieso schon wussten: dass sexuelle Übergriffe als Einstandsritual in einer Fußballmannschaft gang und gäbe sind. Ein misshandelter 15-jähriger brach das Schweigen des Männerbundes und berichtete über das sogenannte „Pastern“.

„Dabei,“ wie das Magazin Extra zusammenfasst, „wird ihnen von ihren älteren Kameraden eine Klobürste anal eingeführt, was, wie ein 15jähriges Vergewaltigungsopfer verlautet, wie folgt passiert: ‚Hose runter, und dann holen sie den Klobesen. Da kommt dann alles mögliche drauf: Schuhpasta, Haargel, Traumasalbe (…). Das kommt auf die Bürste, und sie schieben es dir richtig in den Hintern rein.’ Die ganze Prozedur dauere etwa zehn Sekunden, wenn man sich allerdings wehrt, ‚kommt Baucherlklatschen dazu. Mit Schlapfen. Die meisten wehren sich nicht.’“ „Gepastert“ wird übrigens angeblich nicht nur beim GAK, sondern bis hin zum Nationalteam – in diesem Zusammenhang erschien der Vereinsleitung die Feststellung wichtig, „dass es sich beim ‚Pastern’ nicht um einen sexuellen Übergriff handelt, sondern um ein Ritual mit Tradition.“

Sexuelle Demütigung mit Tradition

So ein Ritual mit Tradition braucht natürlich auch einen Ehrencodex. Wer schweigt, darf beim nächsten Mal wieder mit dabei sein. Diesmal nicht als Opfer, sondern als Täter im mächtigen Kollektiv. Ein Ziel solcher Rituale ist es, den Mannschaftszusammenhalt zu stärken, indem der einzelne gedemütigt und damit dem Kollektiv vollends unterworfen wird. Dass dies über sexualisierte Gewalt abläuft, ist kein Zufall.

Ein Initiationsritus im österreichischen U 19 Nationalteam ist eine Art symbolische Kastration. Beim Eintritt in das Team wird der Neuling auf einen Tisch gelegt und vor versammelter Mannschaft einer Genitalschamhaarrasur unterzogen. Dem neuen „Kamerad“ soll damit vor Augen geführt werden, dass er nur mehr als Teil des Kollektivs zu funktionieren hat und nicht mehr als eigenständige, potente Persönlichkeit. Das Ganze hat natürlich nichts mit Erotik im Allgemeinen oder mit Homoerotik im Speziellen zu tun. Es entspricht aber durchaus dem, was sich Mitglieder in Männerbünden unter Homoerotik vorstellen. Auf die Frage, ob es im Fußball auch schwule Spieler gäbe, verneinte Schalke-Keeper Frank Rost und merkte an: „Außerdem dusche ich immer mit dem Arsch zur Wand.“ Dieser sehr klassische Fall von den üblichen sexuell aufgeladenen Duschfantasien ist Projektion. Er unterstellt Schwulen jene Absicht, die in den eben beschriebenen Initiationsriten durchgeführt werden. Dass dies die einzige Art und Weise ist, mit der in solch einem männerbündlerischen Kontext an Homoerotik gedacht werden kann und darf, ist durchaus Ziel solcher Initiationsriten.

Sexuelles Begehren ist gefährlich

Überhaupt, wenn heutzutage im Spitzensport von Sex die Rede ist, dann dreht sie sich meistens um die Frage, ob (heterosexueller) Geschlechtsverkehr vor dem Wettbewerb leistungshemmend oder -fördernd ist.

Sexualität stellt somit nicht mehr als ein Instrument für den Erfolg des Teams dar. Männerbünde haben eine etwas eigenartige Atmosphäre. So ist die erste Antwort von Burschenschaftern auf die Frage, warum denn keine Frauen mit von der Partie seien, die, dass Frauen zwischen den Burschen nur Eifersüchteleien hervorrufen und somit den Zusammenhalt schwächen würden. Dass die Bedrohung durch sexuelle Begierde mit dem Ausschluss von Frauen aber nicht vollständig gebannt ist, darauf weisen eben solche Initiationsriten wie im Mannschaftssport hin. Die Möglichkeit von sexuellem Begehren untereinander muss so von vornherein ausgeschlossen werden. Diese Desexualisierung der kameradschaftlichen Beziehung funktioniert paradoxerweise über sexualisierte Gewalt.

Sohingehend zurechtgestutzt und die homosexuelle Erfahrung als Demütigung im Gedächtnis verankert, können die Gesten im Mannschaftssport nur mehr als kameradschaftlich gedeutet werden. Gerade bei einer so körperbetonten Sportart wie dem Fußball ist das vermeintliche Gefährdungspotential homoerotischer Begierde, das natürlich jener Art von Männerfantasie entspringt, die auch das Seife-Fallenlassen in der Gemeinschaftsdusche schon als Möglichkeit zur sexuellen Kontaktaufnahme sieht (wie ein in Schulen, beim Bundesheer und Sportvereinen durchaus gängiger Witz nahelegt), besonders hoch. Jeder Kuss, jeder Klatsch auf den Po, jede Umarmung, jedes Anspringen im Torjubel ist mit dieser Desexualisierung durch Demütigung von der Bedeutung befreit, die im Alltagsleben bei Männern, die jeglichem Männlichkeitsmythos anhängen, unter schwulen Annäherungsversuch fallen würde.

Ist Fußball homophob?

Während es in Kultur, Politik und Wirtschaft mittlerweile an der Tagesordnung steht, die eigene sexuelle Identität nicht mehr zu verstecken, ist dies im Profifußball noch immer kein Thema. Es gibt zur Zeit keinen einzigen aktiven Fußballer, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Wundern darf das in der gerade beschriebenen männerbündlerischen Atmosphäre niemanden. Während es an antirassistischen Initiativen im Fußball nicht mangelt und die obersten Ebenen, wie FIFA und UEFA, erreicht haben, die auch Antidiskriminierungskampagnen unterstützen oder initiieren, wird in keiner einzigen auf die in den Fußballstadien massiv vorhandene Homophobie Bezug genommen. Und das, obwohl Schwuchtel als Schimpfwort für fehlende Männlichkeit bzw. Härte an der Tagesordnung ist. Ein Profispieler, der sich als homosexuell outet, hätte es mindestens genauso schwer, wie ein Schwarzer in einer ostdeutschen Landesliga. Dabei müsste er sich nicht nur vor den gegnerischen Fans fürchten, sondern auch vor den eigenen Mannschaftskameraden. Denn darunter finden sich Spieler wie der Düsseldorfer Michael Schütz, der vor Schwulen Angst hat: „Man würde gegen so einen auch nicht richtig rangehen, weil die gewisse Furcht vor Aids da wäre.“ Also bleibt einem schwulen Fußballprofi zur Zeit nur das Doppelleben und die Beherzigung des Ratschlags Conni Litmannens, dem Präsidenten des FC St. Pauli: „Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten. In einem heterosexuellen Mannschaftsgefüge ist man direkt der Außenseiter, wird angreifbar für Mitspieler, Gegenspieler und Medien.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2006
Heft 1-2/2006, Seite 16
Autor/inn/en:

Jaschar Randjbar:

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