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Maria Wölflingseder
2000 Zeichen abwärts

Ferngesteuert

„Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten!“ Dieses Sätzchen erlangt angesichts von Autos, die nicht mehr zu bremsen sind, eine neue Bedeutung. Menschen rasen in den Tod, weil die Technik versagt. Die Bremsen bremsen nicht, weil die Gaspedale hängen geblieben sind, heißt es in den Nachrichten. Das ist ja wie ein Reality-Alptraum. Wie ein wahr gewordener Horrorstreifen. Falls sich jemand so etwas Banal-Verrücktes überhaupt auszudenken wagen würde. Oder sind Autos schon so weit, dass sie die unentwegte Forderung, in allen Lebenslagen ordentlich durchzustarten, allzu ernst genommen haben? (Vgl. mein „Durchstarten!“ in Streifzüge 37/2007)

Kann ein Gaspedal überhaupt hängen bleiben? Ist in Autos nicht längst fast alles digitalisiert? Ein Auto könnte heute genauso über einen „joystick“ gesteuert werden. Dies wird auch bald der Fall sein. Aus Gründen der Gewohnheit ist die Handhabung aber noch fast so wie vor hundert Jahren. Ob da nicht doch eher „elektromagnetische Unverträglichkeiten oder digitales Wirrwarr hinter den eigenwilligen Pedalen stecken“, fragt sich hoffentlich nicht nur ein ZEIT-Redakteur Selbst einem Laien erscheint das doch viel naheliegender.

Wie berechenbar, wie zurechnungsfähig ist unser digital gewordener Alltag noch? Sind die damit bezweckten Vereinfachungen wirklich welche? Oder bleibt da oft nur Hoffen (und Beten), auch wenn’s nicht immer tödlich endet wie im Toyota? Gesundheitsfördernd ist all der Nervkram jedoch auch nicht. Zum Beispiel, wenn keiner sagen kann, wie lange auf das Geld von der Krankenkasse zu warten sei, weil es ja digital auf den Weg geschickt wurde. Welch Logik! Oder haben Sie schon einmal — wie meine Kollegin — 7 (!) Stunden Telefongespräche über 3 Tage verteilt auf sich genommen, um sich für ein Seminar anzumelden? Auch meine Anmeldung per Mail wurde nicht akzeptiert — weil sie ja nur digital möglich ist (was mitnichten funktioniert). Zu so vielen Telefonaten wie meine Kollegin lasse ich mich aber nicht fernsteuern vorn „Fond Gesundes Österreich“ (Sic!).

Übrigens, wie war das mit Goethes „Zauberlehrling“? Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Und das Wasser, das uns schon bis zum Hals steht?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2010
Heft 48, Seite 33
Autor/inn/en:

Maria Wölflingseder:

Geboren 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädogogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkt: Kritische Analyse von Esoterik, Biologismus und Ökofeminismus; zahlreiche Publikationen. Bei den Streifzügen seit Anbeginn. Mitherausgeberin von „Dead Men Working“ (Unrast-Verlag, 2004). Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Literatur, insbesondere in der slawischen. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.

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