Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 2-3/2003
Marc Zannoni

Feindbild Amerika

Über die Beständigkeit eines Ressentiments

Amerika wird für die Folgen der dunklen Seite der Moderne haftbar gemacht; die USA werden zur noto­rischen Projektions­fläche abgespaltener Anteile von Selbst­hass.

Dan Diner, S. 16, in Referenz auf Ludwig Marcuse

Bis auf das letzte Kapitel besteht das Buch aus ei­ner Überarbeitung des 1992 erschienenen Werkes „Ver­kehrte Welten“. Damals pu­blizierte Diner die ursprüng­liche Fassung in Folge des 1991 stattgefundenen Golf­krieges, nun als Replik auf den nach dem 11. September grassierenden Antiamerika­nismus.

„Feindbild Amerika“ stellt weniger eine systemati­sche theoretische Ausarbei­tung dieses Ressentiments dar, als einen historischen Abriss bis zurück ins 18. Jahrhundert, der verschiede­ne Quellen des Antiamerika­nismus anreißt. Dadurch treten Kontinuitäten unter­schiedlicher, großteils be­kannter und weiterhin ver­wendeter Argumentations­muster zu Tage, wobei linke wie rechte gleichermaßen berücksichtigt werden. So be­schwerte sich etwa der Ro­mantiker Nikolaus Lenau 1832 über das ausschließli­che Interesse Amerikas an „merkantilen Fertigkeiten“. Ebenso tauchte die geläufige Unterstellung, dass die USA wirtschaftlich motivierte Kriege führen, bereits während des ersten Welt­krieges auf. In der Gegner­schaft zum 1924 erstellten Dawes-Plan bildete sich zum ersten Mal ein Lager über­greifender Antiimperialismus heraus, dessen Sorge dem vermeintlich vom amerikani­schen Kolonialismus bedrohten Deutschland galt.

All diese Anschuldigun­gen griff der Nationalsozia­lismus auf und sprach den in ihnen angelegten Antisemi­tismus explizit aus, exem­plarisch in Giselher Wirsings Aussage, dass mittels ameri­kanischer Machtentfaltung sich die Juden zur Weltherr­schaft aufschwingen würden. Ein Vorläufer ähnlich lau­tender Vorwürfe an Israel heutzutage. Im ersten Kapi­tel erwähnt Diner direkt den in späteren Abschnitten angedeuteten Umstand der strukturellen Ähnlichkeit von Antiamerikanismus und Antisemitismus, nicht zuletzt auf Grund der Identifikati­on der USA mit Geld, Zins und Börse.

Auch der Vergleich Ame­rikas mit Nazi-Deutschland ist so neu nicht. Schon 1946 brachte Hermann Hesse in einem Brief an Thomas Mann seine Genugtuung zum Ausdruck, dass „in Deutschland [...] die Sadi­sten und Gangster nicht mehr die Nazis sind und Deutsch reden, sondern Amerikaner“. Charakterisiert werden derartige Zuschrei­bungen als Abspaltungen ei­gener Negativität.

Von Kritik an den Reak­tionen zum 11. September über die Geschichte des Is­lamismus und dessen Ver­hältnis zur Technik bis zu den amerikanischen Idealen und Handlungen finden Fragmente diverser, diesen Anschlag betreffenden The­men im letzten Kapitel Eingang. Doch gerade dadurch wirkt dieses wie ein arbiträr erstelltes Flickwerk, welches eine adäquate Analyse der post-9/11-Ereignisse vermis­sen lässt.
Als überflüssig können die immer wieder auftau­chenden Erläuterungen be­trachtet werden, die berech­tigte Kritik an den USA an­führen sollen. Diese wirken geradezu als Versicherung, dass auch zulässige Kritik an Amerika existiert bzw. als Abwehr des Vorwurfes der Amerikaapologie.

Zusammenfassend kann das Buch als brauchbare ge­schichtliche Einführung be­wertet werden, zumal bisher leider wenig zu diesem The­ma in gebundener Form erschienen ist. Mit Spannung darf deswegen die für Juli an­gesetzte Erscheinung des Bu­ches „Amerika, dich hasst’s sich besser“ von Thomas v. d. Osten-Sacken erwartet werden.

Dan Diner: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, Propyläen Verlag, 2002

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Heft 2-3/2003, Seite 37
Autor/inn/en:

Marc Zannoni: Marc Zannoni studiert Informatik in Wien.

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