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Alexander Hasgall

Expo 02 — Heimat für alle

Rückblick auf das neopatriotische Event

Nach fast 40 Jahren findet in der Schweiz erneut eine «Landesausstellung» statt. An ihr kann man ablesen, was uns in Zukunft in Sachen Neopatriotismus blüht.

Monumentale dreidimensionale Bilder in steter Bewegung symbolisieren den Wandel, vor den sich unser Land gestellt sieht. Eine offene Konstruktion, die an eine Schiffswerft erinnert, gewährt ständig neue Einsichten; Hallen bewegen sich langsam auf Geleisen, schieben sich über- und ineinander, kreuzen, begegnen und überlagern sich – Dynamik charakterisiert diesen Ausstellungspavillon, der die verschiedensten Bereiche der Sicherheit in einem modernen Staat zu Beginn des 21. Jahrhunderts thematisiert.

So stellt das Eidgenössische Departement des Äusseren (EDA) seine Installation «Werft» zur Schweizerischen Sicherheitspolitik vor. Dass dabei das Motiv der «Bewegung» so im Vordergrund steht, deckt sich mit dem Bild, welches sich auch die Verantwortlichen der 6. Schweizer Landesausstellung vom Megaanlass machen. Die Expo02 zeige «die Schweiz in Bewegung», so lässt die Generaldirektorin Nelly Wenger verschiedentlich verlauten und sie zeige «eine mobile Schweiz, eine nomadenhafte Schweiz, die im Gleichklang mit der Welt steht.»

Besonders der Staat setzt auf die «Bewegung». Er lädt in Biel das Volk in den Pavillon DestiNation, einen nachempfundenen Vita-Parcours in einem luftigen Zelt, worin an verschiedenen Posten über Kopfhörer kleine, pädagogisch aufgebaute Hörspiele sich zu Gemüte geführt werden können, in welchen über die Parallelität zwischen Politik und Sport (beides hat Regeln, in beiden braucht es Fairplay und Teamgeist) hingewiesen wird.

Und Teamgeist ist wirklich hoch im Kurs. Denn was in Deutschland erst durch die Überschwemmung ganzer Landstriche funktioniert hat, benötigt hier keine Naturkatastrophen. Trotz Swissair grounding und Gotthardkatastrophe, swissness ist wieder in, man fühlt sich als einig Schweizervolk, man zieht am gleichen Strick und ist stolz auf «sein» Land. Dies ist jedenfalls der Eindruck, der einen befällt, wenn Verkaufsschlager an der letzten Zürcher Streetparade nicht wie in anderen Jahren Plüsch-BH und Glimmerhosen waren, sondern ein rotes T-Shirt mit weissem Kreuz drauf. Patriotismus scheint wieder hip, sogar das Monatsmagazin der Neuen Zürcher Zeitung «Folio» widmet dem sogenannten Neopatriotismus ein eigenes Sonderheft.

Volkstum und Avantgarde

Diese Euphorie ist bemerkenswert; denn dies war nicht immer so. Als 1992 die Eidgenossenschaft ihr 700 jähriges Bestehen feierte, galten die Feierlichkeiten nur für die Ewiggestrigen als interessant. Es war die Zeit der Fichenaffaire, durch die bekannt wurde, dass über 200’000 BewohnerInnen dieses Landes polizeilich überwacht und fichiert wurden, was fortschrittliche KulturproduzentInnen mit bewog, mit dem sogenannten «Kulturboykott» den Feierlichkeiten fernzubleiben. Damals war im Schweizer Pavillon auf der Weltausstellung in Sevilla 1992 die Parole «la suisse n`existe pas» zu lesen und der Autor Friedrich Dürrenmatt hielt anlässlich eines Staatsbesuchs des damaligen Tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel eine Rede, in welcher er die Schweiz als «Gefängnis» bezeichnete.

Doch – wie gesagt – dies ist Schnee von gestern. Spätestens seit dem Bergier-Bericht zur Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg ist die Vergangenheit endlich abgearbeitet (vgl. RISSE 1/02), und man schaut nach vorne und sucht nationale Selbstvergewisserung auf neue Art und Weise. Und da kommt die Expo02 wie gerufen.

Bei Landes- (und auch Welt-) ausstellungen, die im 19. Jahrhundert vor allem der Promotion technischer Innovation dienten und den Verkauf der ausgestellten Industriegüter ankurbeln sollten, tritt seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein anderer Faktor in den Vordergrund, nämlich derjenige der Sammlung von Staat, Bevölkerung und Wirtschaft hinter ein mystisch verbrämtes Volksgemeinschaftsideal. Ihr Charakter wird immer ideologischer.

Das war schon 1896 an der «Exposition National Suisse» in Genf der Fall, als die – pikanterweise – am 1. Mai beginnende Ausstellung mit dem berühmten-berüchtigten «Schweizerdorf» (dem übrigens ein «Negerdorf» gegenübergestellt wurde), einem Alpendisneyland am Genfersee mit als Bauern verkleideten Schauspielern, echten Kühen und echten Chalets gegen die erstarkende Arbeiterbewegung die interklassizistische Verbundenheit an die Scholle propagierte, sei es an der Landesausstellung in Bern 1914 oder derjenigen 1939 in Zürich, als gegen den äusseren Feind das Gemeinschaftsgefühl und der Klassenfrieden hergestellt werden mussten.

Dabei war das Bild, das an solchen Veranstaltungen vermittelt wurde, meist ein Widersprüchliches. Es wird oft übersehen, dass Landesausstellungen immer auch mehr als blosse Heimattümelei waren. Modernistischen Elementen wurde immer Platz eingeräumt. Die Kunsthistorikerin Karin Gimmi wies beispielsweise anlässlich einer Ringvorlesung zur Expo02 an der ETH Zürich darauf hin, dass sogar an der Landi ‘39, welche gemeinhin als Paradebeispiel reaktionärer Heimatinszenierung verstanden wird, modernistische Elemente – vor allem in der Architektur – zu finden sind. Und auch an der Expo ‘65 findet sich Avantgardistisches wie Jean Tinguelys Installation «Heureka», ein ständig sich bewegendes knirschendes Ungetüm aus Metallabfällen, das Kritik an der Industriegesellschaft und das Bewegungsmotiv anschaulich zusammenführt. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass kritische Elemente an solch einer Ausstellung ihren Platz finden, sondern vielmehr, wie sie eingesetzt werden.

Postmoderne Bilderschleuder

20 Meter vom Ufer des zum Dorf Murten zugehörigen Sees schwimmt der «Kubus». Ein rostiger, übergrosser zweigeschossiger Stahlwürfel. Wer ihn nach vorgängiger Bootsfahrt betritt, trifft auf eine multimediale Photoshow, eine Bilderschleuder, wie sie von den MacherInnen bezeichnet wird, mit «typischen» Bildern aus der Schweiz. Da haben geraniengeschmückte Fensterrahmen genauso Platz wie besetzte Häuser, die alte Swissair genauso wie die neue Armut.

Eine Bilderflut, von der sich viele BesucherInnen vollkommen überfordert fühlen. Die Überschwemmung mit oft sich kontradiktorisch zueinander verhaltenden visuellen Eindrücken, der nicht durch Rationalisierung entgegengewirkt wird, hinterlässt die Betrachter ratlos. Einige klagen hinterher sogar über Übelkeit.

Als vorgeblicher Kontrapunkt dazu dient das Panorama der Schlacht von Murten, welches im oberen Stockwerk ausgestellt wird. Dieses «Panorama», ein von Louis Braun 1894 entworfenes Rundgemälde über 100 Meter Länge, rekonstruiert die historische Schlacht von 1476, als der Burgunderkönig «Karl der Kühne» seinen sprichwörtlichen Mut verlor. Das riesige Werk schafft es, die Dynamik der Schlacht eindrücklich abzubilden. Man hört fast die Schreie der Soldaten, von denen über 10000 ihr Leben liessen. Wegen der 360° Abbildung hilft es nicht sich wegzudrehen, man ist auf jeden Fall mit den Geschehnissen auf der Leinwand konfrontiert, was nach vorgängiger Bilderschleuder zusätzlich verwirrt.

Doch die Verwirrung hält nicht lange an, dafür sorgt der dritte Teil der Ausstellung im Kubus, der sich auf einem Zwischenstockwerk befindet.

Durch Löcher in der Wand des Kubus blickt man auf das Panorama Nr. 3. Es bietet einen unverstellten Blick auf See und Voralpen. Hier stört weder die Reizüberflutung der Moderne noch die Kriegslüsternheit der Vorväter das Erweckungsgefühl bei der Betrachtung des Idylls. Man schaut und findet subjektiv zur Ruhe.

Dabei zeigt sich exemplarisch ein spezifisches Moment, das die Expo prägt: Gegen die Unsicherheit und Widersprüchlichkeit der Gegenwart propagiert sie die Flucht ins Natürliche, Unverbrauchte und vorgeblich Sinnliche. «Me chan eifach si», hört man eine junge Frau aus der Agglomerationsgemeinde hauchen. Nach der exemplarischen Zurschaustellung einer krisenhaften Gegenwart und Vergangenheit taucht als Antwort wieder der Rückgriff auf die unverbrauchte Natur auf.

Eine Dynamik, die sich an vielen Installationen wiederholt. In der eingangs erwähnten «Werft» sind es dreidimensionale «Rollportale» welche über die Metallschienen einer ehemaligen Schiffsbauwerft hin und zurück fahren. Dabei sollten gegenüberliegende Bilder ein Spannungsfeld bilden. Vis à vis einer in Holz gefrästen Friedenstaube rollt daher eine Wand mit Abbildern von Panzern, MGs und anderem Kriegsmaterial, gegenüber vom bekannten, hier grossdimensionierten Röntgenbild eines am spanischen Zoll kontrollierten Lastwagens mit zusammenkauernden Flüchtlingen, ein Zählrahmen, auf dem die internationalen Kapitalbewegungen aufgeführt werden.

Doch auf der Baustelle nationaler Sicherheitspolitik, wie der Pavillon sich offiziell nennt, geschieht dasselbe wie im Kubus. Die Welt wird als verwirrendes, komplexes Gebilde beschrieben, dem man letztlich schutzlos ausgeliefert ist. Die rollenden Ungetüme aus Metall und Holz evozieren beim Betrachtenden ein Gefühl von Ausgeliefertsein. Man fühlt sich zwar irgendwie ernstgenommen, die Zeit dumpfer Mythenbildung ist vorbei, doch was all diese Kräfte bewegt, bleibt im Dunkeln, genauso wie die Antwort auf die Frage nach dem gesellschaftlichen Subjekt, das auf diese «Herausforderungen» antworten soll. Doch genauso wie im Kubus gibt es auch hier eine Fluchtmöglichkeit aus der verwirrenden Realität – die Werft ist selbstverständlich zum See hin offen, im New Age kräuselnder Wellen wird alles gut. Und wem dies nicht reicht, für den ist das angeschlossene Armeerestaurant vielleicht das Richtige, in dem Kochbrigaden die Gäste mit Bratwurst, Kartoffelsalat und Bier verwöhnen.

Heimat für alle

«Man darf das Wort Heimat wieder in den Mund nehmen. Heimat gehört nicht mehr nur der SVP». Mit diesen Worten beschreibt der künstlerische Leiter der Expo in der Sendung «Arena» des Schweizer Fernsehens den Erfolg der Expo. Damit hat er gar nicht unrecht. Die Expo hat tatsächlich einen Beitrag dazu geleistet, das reaktionäre Schweizbild, welches seit den 70er Jahren zusehends in Misskredit gerät und zuletzt bei den Blochers und Ebners gelandet ist, durch ein dynamisches, zivilgesellschaftliches und vorgeblich multikulturelles Modell zu ersetzen, welches aber letztlich die alten korporatistischen und mythologischen Muster in eine neue Zeit hinüberrettet. Es ist nicht mehr der sich rötende Alpenfirn, der die «freien Schweizer» zum Singen antreibt, das Ideal ist nicht der wortkarge «Ätti» aus Johanna Spyris Heidi, für den schon Dampflokomotiven Teufelswerk waren. In der Expo zeigen sich die Ansätze eines postmodernen Nationalismus, der Widersprüche nicht leugnet, sondern lieber zelebriert, der gleichzeitig kritisch und esoterisch ist, der so bewegend wie nachhaltig totalitär funktioniert. Die beschriebene «Werft» verdeckt nichts. Sogar auf den Überwachungsstaat wird eingegangen. Und an jeder Ecke hängt ein Portrait von Che Guevara, der wohl auch ein bisschen der neuen Heimat angehört. Jeder kann sich austoben, Harald Szeemann darf für die Nationalbank in Biel echte Banknoten vernichten oder die Besucher können nebenan im Pavillon «Grenzen überwinden» genau dieses tun. Alles bleibt im Symbol verhaftet. Letztlich siegen das Gemeinschaftsgefühl und ein mystischer Naturbegriff über Ansätze einer vernunftgemässen Auseinandersetzung mit der Welt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2002
Risse 3, Seite 16
Autor/inn/en:

Alexander Hasgall: War Mitarbeiter der in Zürich erscheinenden Zeitschrift Risse und von Dezember 2004 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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