Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Heft 1-2/2006
Thomas Rammerstorfer

Experimentierfeld der Gewalt

Seit Jahrzehnten existiert in deutscher Sprache keine Gesamtdarstellung des Abessinienkrieges — der Schweizer Historiker Aram Mattioli füllt diese Lücke nun, und er tut dies mit Bravour. „Experimentierfeld der Gewalt — Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935 - 1941“ setzt sich in kompakter, gut lesbarer Weise mit dem Überfall des faschistischen Italien auf Abessinien, dem heutigen Äthiopien, auseinander, sowie mit dessen Vorgeschichte und Nachwirkungen.

Adua, Abessinien, 1. März 1896: Vier italienische Kolonnen mit 20.000 Soldaten waren angetreten, die abessinischen Streitkräfte zu vernichten und das Horn von Afrika, von denen das junge Italien nur einige wertlose Küstenstreifen in Eritrea und Somaliland besaß, zu erobern. Der Tag verlief allerdings völlig anders als es sich die ItalienerInnen vorgestellt hatten: Die Kolonnen verloren den Kontakt zueinander und wurden von einem 100.000 Köpfe zählenden abessinischen Heer der Reihe nach aufgerieben. Neben rund 5.000 Italienern wurden durch diese erste Niederlage eines europäischen gegen ein afrikanisches Heer auch alle Träume eines italienischen Imperiums in Afrika für Jahrzehnte zu Grabe getragen. Das abessinische Kaiserreich hingegen konnte als einziges afrikanisches Land neben Liberia seine Unabhängigkeit bewahren. Der Sieg in der Schlacht von Adua war „das Gründungsereignis der modernen äthiopischen Nation.“

Ab 1911 entrissen die ItalienerInnen dem daniederliegenden Osmanischen Reich einige Gebiete Lybiens, kolonialistische Ideen im großen Stil kamen jedoch erst mit dem Sieg des Faschismus wieder auf die Tagesordnung. Ab 1932 begannen die Planungen für eine Eroberung Abessiniens. Die Schmach von Adua sollte getilgt werden; am Horn von Afrika ein neues italienisches Imperium entstehen. Die verarmten ItalienerInnen sollten nicht weiterhin in die USA auswandern, sondern vielmehr als stolze Kolonialherren/-frauen nach Afrika. Am 3. Oktober 1935 begannen die italienischen Truppen unterstützt durch massive Bombardements und ohne vorherige Kriegserklärung ihren Überfall auf Abessinien. Nach anfänglichen Gebietsgewinnen kam der Angriff jedoch schnell ins Stocken — zu Weihnachten starteten die Abessinier sogar eine Gegenoffensive und konnten einzelne Gebiete wieder zurück gewinnen. Nun kam es zur eigentlichen Entgrenzung des Krieges. Die Italiener begannen massive Giftgasangriffe, denen die abessinischen Truppen wie die Zivilbevölkerung schutzlos ausgeliefert waren. Zehntausende starben, oft erst nach stundenlangen Qualen, an den durch Senfgas und Arsen verursachten Verätzungen. Gezielt wurden auch Quellen und Wasserstellen verseucht, ebenso wie ganze Viehherden vergast wurden; der Krieg eskalierte in einigen Regionen und Frontabschnitten zum Vernichtungskrieg, in dem die Lebensgrundlagen der AbessinierInnen systematisch zerstört wurden. Nach dem Einzug der Faschisten in Addis Abeba im Mai 1935 verkündete Mussolini das Ende des Krieges, obwohl erst gut ein Drittel des Landes wirklich unter Kontrolle war und die abessinischen Truppen zum Guerillakampf übergingen. Anschläge und Überfälle auf die italienischen BesatzerInnen waren von nun an auf der Tagesordnung, der Widerstand schonte aber bewusst ZivilistInnen und versuchte in erster Linie hohe Repräsentanten des Regimes auszuschalten. Als der von Mussolini eingesetzte Herrscher über Abessinien, Rudolfo Graziani, bei einem Attentat verletzt wurde, kam es in Addis Abeba zu einer bis dahin beispiellosen Pogromnacht, in der ein von der faschistischen Partei organisierter Mob rund 6.000 Menschen massakrierte. Doch auch brutalste Terrormaßnahmen konnten den Widerstand in keiner Phase der Besatzung ersticken. So kamen in den ersten Jahren der Besatzung ab Mai 1936 ca. 13.000 italienische Soldaten und Söldner ums Leben — mehr als im eigentlichen Krieg zuvor.

Internationale Gleichgültigkeit

Abessinien wurde zu einem Experimentierfeld der Gewalt. Die Italiener setzten ein Arsenal des Schreckens ein und betrieben eine vor dem deutschen Überfall auf Osteuropa nicht gekannte Besatzungsbrutalität. Die Abessinier hatten den Panzern, Giftgas, Bombenflugzeugen und Flammenwerfern nur veraltete Gewehre, mitunter auch nur Speere entgegenzusetzen. International wurde der Eroberungskrieg zwar vom Völkerbund verurteilt (mit 50 Ja-Stimmen, bei 3 Enthaltungen, darunter Österreich), nennenswerte Sanktionen gab es jedoch keine. Ein Ölembargo etwa hätte die Italiener — wie Mussolini 1938 einräumte — binnen 8 Tagen zum Rückzug gezwungen!

Stieß der Krieg international auf viel „Appeasement“ und wenig Widerstand, so wurde er in Italien selbst von einem Sturm der Begeisterung begrüßt. Weite Teile der Bevölkerung und die katholische Kirche unterstützten den Krieg enthusiastisch. Die Erklärungen der italienischen Kardinäle und Bischöfe lesen sich heute wie Mordaufrufe von Psychopathen. Die italienischen Truppen trugen mitunter Madonnenstatuen an der Spitze ihrer Marschkolonnen. Dabei war es kein imperialistischer Krieg im klassischen Sinn; es ging weder um die Eroberung von Rohstoffquellen und schon gar nicht um Absatzmärkte. Einen „praktischen Nutzen“ für die italienische Bevölkerung hatte er nicht, vielmehr war das ganze Unternehmen wirtschaftlich ein Desaster, das von 1935 bis 1941 über 20 % des italienischen Budgets verschlang. Doch den ItalienerInnen genügte ihr nationalistischer Taumel, ihr Rassenwahn und ihre Großmachtsfantasien sowie einige vage Versprechungen auf eine bessere Zukunft, um dem faschistischen Regime die größte Zustimmung seiner Geschichte zu bescheren. Dem Krieg „hafteten Züge eines nationalen Gemeinschaftsunternehmens“ an, wie Mattioli schreibt, und er zitiert den Schriftsteller Carlo Levi, der das italienische Volk in einer „seligen Welle der Begeisterung und der Ruhmesfreude“ wähnte.

Zur Freude hatten jedoch auch die BesatzerInnen wenig Grund. Abessinien wurde mit Italienisch-Somaliland und Eritrea zu „Italienisch-Ostafrika“ zusammengefasst, der Widerstand blieb trotz allen Besatzungsterrors ungebrochen. Militärisch sollte der Abessinienkrieg der letzte und einzige „große Erfolg“ für Mussolini sein, und er war nur von kurzer Dauer: 1941 wurde Abessinien als erstes faschistisch besetztes Land von britisch-indischen und einheimischen Truppen befreit. Offiziellen äthiopischen — laut Mattioli wahrscheinlich etwas zu hoch geschätzten — Regierungsangaben zufolge kamen in Krieg, Besatzung und dadurch verursachte Hungersnöten 760 000 AfrikanerInnen ums Leben, größtenteils ZivilistInnen.

Blieb schon die Aufarbeitung der NS-Gräuel recht bald im Ansatz stecken, waren die intensiven diplomatischen Bemühungen Äthiopiens um einen Kriegsverbrecherprozess gegen die italienischen Haupttäter völlig vergebens. Italien war 1943 unter Marschall Badoglio, zuvor Generalstabschef, ins alliierte Lager übergewechselt und schließlich selbst Opfer deutscher Besatzung. In dieser Zeit entstand der antifaschistische Gründungsmythos Italiens, in dem für eine massenhafte Beteiligung von ItalienerInnen an Kriegsverbrechen und Massenmorden — nicht nur in Afrika, auch auf dem Balkan — kein Platz war. 1946 wurde eine Amnestie gegen Kriegsverbrecher erlassen … von einem kommunistischen Justizminister.

Erst Mitte der 90er wurden die Kriegsverbrechen, vor allem der Giftgaskrieg, Thema einer breiten öffentlichen Debatte, die schließlich auch dazu führte, dass das Verteidigungsministerium 1996 erstmals den Einsatz von Giftgas offiziell eingestand, der bis dahin noch immer von vielen Militärs bestritten wurde.

„Experimentierfeld der Gewalt“ ist nicht zuletzt aus diesen Diskussionen heraus entstanden, es ist eine Zusammenfassung der neuesten Forschungsergebnisse zum Thema. Auch wenn ich das Buch eingangs schon ausführlich lobte, ich möchte es noch mal betonen: Ein Meisterwerk, interessant für jedeN, der/die sich mit jüngerer Geschichte, Krieg, Faschismus oder der so genannten „Dritten Welt“ befasst, und das hoffentlich zahlreiche LeserInnen findet!

Aram Mattiloi
Experimentierfeld der Gewalt
Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935 - 1945

Orell Füssli Verlag, Zürich 2005
239 Seiten, gebunden
32,80 Euro/ 49 Fr.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2006
Heft 1-2/2006, Seite 28
Autor/inn/en:

Thomas Rammerstorfer:

Thomas Rammersdorfer war 2005 bis 2006 Redakteur von Context XXI.

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