Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 6-7/2004
Matthias Küntzel

„Es wird das Aussprechen von Erkenntnissen sabotiert ...“

Der 11. September und die Linke

Die Anschläge des 11. September 2001 zerstörten mit dem World Trade Center gleichzeitig auch den gemeinsamen Nenner, der das unter dem Label „antideutsch“ firmierende Lager der deutschsprachigen Linken bis dahin noch zusammenhielt. [1]

In Österreich brach die Re­daktion der Zeitschrift Streifzüge auseinander, in Freiburg hockten plötzlich der ça ira-Verlag und dessen Autor Ulrich Enderwitz auf den entgegengesetzten Seiten der Barrikade und selbst die deutsche Zeitschrift konkret, die sich mit ihrer Antisemi­tismus-Kritik Meriten erwor­ben hatte, stieg cum grano salis wieder in die altbackene Liga gegen den US-Imperialismus ab. So erhielt die Do­kumentation über einen konkret-Kongress von Januar 2002 — Vorwort: Jürgen El­sässer und Hermann Gremliza — den Titel: Deutschland führt Krieg. Seit dem 11. Sep­tember wird zurückgeschossen: Man witzelte die Anschläge in New York und Washing­ton zu einem zweiten Sender Gleiwitz herunter und stellte den Krieg der USA gegen die Taliban mit dem Nazi-Über­fall auf Polen auf eine Stufe.

Das von konkret ange­führte Lager machte in erster Linie die USA für den An­schlag der al-Qaida verant­wortlich, sei es direkt über die Verwicklung von Ge­heimdiensten oder indirekt durch das vermeintlich von den USA verursachte Elend in der Welt. In der Bush-Ad­ministration sah man zudem den eigentlichen geostrategi­schen 9/11-Profiteur.

Das andere Lager inter­pretierte die Anschläge ent­gegengesetzt: Für sie waren die USA am 11. September das Opfer einer Kriegs­führung, welche die massen­hafte und unterschiedslose Tötung von US-Amerikaner­Innen zum Selbstzweck er­hebt und somit die Bilder von den suizidalen Massenmorden der Hamas wie auch das antisemitische Programm der Na­zis in Erinnerung ruft. Der in Yale lehrende Computerwis­senschafter David Gelernter pointierte diesen Zusammen­hang so: „Bin Ladens Terro­risten haben versucht, die größte jüdische Stadt in ein Brandopfer zu verwandeln. Ich weiß nicht, ob diese Sym­bolik intendiert war; aber ich weiß, dass die Deutschen dies der Welt erklären sollten. Die Amerikaner verstehen das nicht: reiner, unmotivierter Hass auf die Juden? Purer Hass aus Prinzip? Deutsche verstehen das sehr wohl“, weshalb sie „den Grund dafür erklären können.“ [2]

Dass die Öffentlichkeit im post-nationalsozialistischen Deutschland dieser Aufforderung Gelernters nicht nachkommen wollte, war zu erwarten. Überraschend war, dass auch das „antideutsche“ Mehrheitslager von jenem „unmotivierten Hass“ nichts wissen wollte, sondern ver­zweifelt Ausschau nach „ra­tionalen Anteilen“ des Ver­brechens hielt.

Betrachten wir zunächst den Fall von Bernhard Schmid, einem regelmäßigen Autor der deutschen Wo­chenzeitung Jungle World und der Zeitschrift konkret. Auf folgende Weise phantasierte sich Schmid in einem nicht­öffentlichen Schreiben in den Kopf von Mohammed Atta hinein: „Mohammed Atta (...) denkt in seinem Cockpit natürlich an das Symbol, das das WTC verkörpert. (...) Daher zielte seine Aktion nicht auf die Auslöschung des konkreten Rollstuhlfahrers im WTC. (...) Dass er den Tod einer großen Zahl von Men­schen in Kauf nimmt, ist selbstverständlich zutreffend. Er rechtfertigt das vor seinem inneren Auge wahrscheinlich damit, dass die, WENN sie denn ‚unschuldig‘ seien, ja oh­nehin ins Paradies kämen.“ Dieses „WENN“ schrieb Schmid nicht ohne Grund mit Großbuchstaben. Schließlich waren — Originaltext Schmid über die ermordeten Ange­stellten aus den Twin Towers — „MANCHE unter ihnen da­mit beschäftigt, irgend einem Teil der Menschheit das Le­ben zur Hölle zu machen.“

Es versteht sich von selbst, dass auch Schmid sich von den Anschlägen beredt distanzierte. Sein offenkun­diges Bemühen, den islamfa­schistischen Aktionismus mit den Kategorien eines linken Anti-Imperialismus zu ver­söhnen, illustriert gleichwohl den Verlust an Urteilsvermö­gen, der seit dem 11. Sep­tember das Erkennungsmal der Linken geworden ist.

„Für viele Bewohner des Rests der Welt besteht darin sogar so was wie ausgleichende Gerechtigkeit“, fuhr Bern­hard Schmid in seiner Nach- betrachtung des 11. Septem­ber fort, „weshalb ich den da­maligen Beifall in Argentinien und Ägypten emotional nach­vollziehen kann — gedanklich MUSS ich ihn verwerfen.“ [3] Die barbarische Trennung von Gefühl und Verstand, die Schmid sich hier verordnet zu haben scheint, ist Selbstsug­gestion: Die Frage ist doch, wie es um einen Verstand be­stellt ist, der den „emotiona­len Nachvollzug“ von ver­meintlichem Jubel über den Anschlag auf das World Trade Center zulassen kann.

Nicht viel besser ist es um die 9/11-Deutung aus der Fe­der des konkret-Herausgebers Hermann L. Gremliza be­stellt: „Nie in der Geschichte ist es das ärmste Opfer, das sich wehrt, nie ist es der Pro­let, der Hungernde. Es ist der empfindsame Sohn aus bes­serem Haus, der den Anblick des Leids nicht erträgt. Hat sein Mitleid eine Chance, wird er, auch wenn er scheitert, ein Held und heißt Robin Hood oder Che. Dass er eine Chan­ce hat oder zu haben glaubt, lässt ihn fast immer Mittel er­greifen, die bei all ihrer Ge­walt von menschlichem Maß bleiben. Wem die Welt sich als nicht resozialisierbar dar­stellt, der kann nur noch ka­puttmachen, was ihn kaputt­gemacht hat, er muss rächen, vergelten, und so verspricht Usama Bin Laden in einem Aufruf zum ‚Heiligen Krieg‘ kein besseres Leben für die Seinen sondern nur noch ein schlimmes für die Feinde.“ [4]

Schmids Empathie und Gremlizas Erklärung haben mit den Darstellungen derer, die die Ideologie der At­tentäter aus ihren Harburger Zusammenhängen kannten, nichts gemein. So attestierten die Zeugen im Hamburger Prozess gegen ein Mitglied der Harburger Gruppe, Mounir al Motassadeq, ihrem früheren Freund Mohammed Atta ohne Umschweife ein „nationalsozialistisches Welt­bild“. Für Atta waren „die Juden“ die Strippenzieher der Medien, der Finanzwelt und der Politik. „Und ‚das Zentrum des Judentums‘, so sah es Atta, war New York. Atta wünschte sich einen Gottesstaat vom Nil bis zum Euphrat, frei von Juden, und sein Befreiungskrieg musste in New York beginnen.“ [5]

„Verrückt-anti­imperialistisch“

Warum wollte und warum will die Mehrheitsströmung im „antideutschen“ Lager die Handschrift des September-Verbrechens und dessen anti­semitisches Motiv nicht sehen? Dieses Versagen hat in erster Linie mit einer spezifischen Wahrnehmung von Auschwitz zu tun. Es besteht ein Zusam­menhang zwischen der jüng­sten Weigerung, den islamisti­schen Antisemitismus als Zentralmotiv des 11. September zur Kenntnis zu nehmen und der bekannten Blockade, den deutschen revolutionären Antisemitismus als die Zentralvoraussetzung für Auschwitz in den Blick zu bekommen.

Diese Verbindung sehe ich z.B. bei Gremliza, der sich noch 1997 darum bemühte, einen „rationalen Anteil“ von Auschwitz ökonomisch her­zuleiten: „Die Kritik der politischen Ökonomie trägt zur Erhellung der ‚Vernichtung durch Arbeit‘ und der IG Auschwitz soviel bei, dass oh­ne ihre Bemühung der ratio­nale Anteil des ‚zentralen Ge­schehens‘, der ihm notwendig war (aber nicht ausreichend), unverstanden bliebe.“ [6] Ein „rationaler Anteil“ des Holocaust, „der ihm notwendig war“, und der nur unter Ein­bezug der Kritik der politischen Ökonomie zu verstehen sei? Was Gremliza hier aus­klammert, ist der Tatbestand, dass allein der massenhaft ver­ankerte und durchaus spezi­fische antisemitische Wahn die Vernichtung aller Juden und Jüdinnen als vorrangig erscheinen ließ. Gremliza spricht vom „Interesse aller Unterdrückten überall, unter sich jemanden zu haben, auf den man spucken kann“; an­sonsten aber seien es auch in Deutschland die Mittel „des Terrors und der Propaganda“ gewesen, mit deren Hilfe der Gegensatz der Klassen in ei­ner Volksgemeinschaft schein­bar aufgehoben worden sei.

Wer aber den Einfluss der antisemitischen Ideologie selbst für Auschwitz derart reduziert, wird schwerlich den Wahn und dessen revo­lutionäres Potential erken­nen, das heute im Vorgehen islamistischer Attentäter wirksam wird.

Trotzig vermittelt Grem­liza seiner LeserInnenschaft, dass die alte ökonomische Rationalität auch noch für den Selbstmord-Attentäter das Nonplusultra sei: „Gerade das ‚Unbegreifliche‘“ der sui­zidalen Massenmorde der Is­lamisten, schreibt er im Sep­tember 2002, „lässt sich doch leichter erklären, als die Talk­showpfaffen glauben: Wie sähe es — ganz ohne islamisti­schen Fanatismus — wohl im Leichenschauhaus von Buxte­hude aus, würde für die Lie­ben jedes jugendlichen Einwohners, der seinen puber­tären Selbstmordphantasien die Tat folgen lässt, 250.000 Euro ausgesetzt?“ [7]

Auch bei Thomas Ebermann, Autor für konkret, scheint mir der Zusammenhang zwi­schen einer Fehleinschätzung des NS und der Fehlein­schätzung des Islamismus evi­dent. Das Opfer des Antise­mitismus wird nicht nur von der Kugel getroffen, sondern mehr noch von der Absicht, dass es getötet werden soll. Ebermann aber leugnet den kardinalen Unterschied zwi­schen einer Politik, bei der die zielgerichtete Vernichtung von Menschen um der Ver­nichtung selbst willen ge­schieht und einer Politik, die zur Durchsetzung ihrer zu­meist verwerflichen Ziele die Tötung beliebiger ZivilistInnen in Kauf nimmt. Nicht wer auf diesem Unterschied bestehe, habe Recht, schreibt Ebermann: „Wer sich nur ge­gen die Behauptung wendet, die Tat sei beispiellos, seit dem 11. September sei nichts wie zuvor, und zu diesem Zweck auf Kriege, Putsche, auf Vietnam, Chile oder Ju­goslawien verweist, hat recht. Die Taten des Imperialismus zum vergleichsweise kleine­ren Verbrechen zu machen, heißt stets, die Opfer, die To­ten in mehr oder weniger wertvolle einzuteilen.“ [8]

Der Vergleichsmaßstab, den Ebermann hier anlegt, ist ausschließlich einer der Quantität. Es geht beim 11. September aber um die spe­zifische Qualität eines Vorgehens, das die Vernichtung um ihrer selbst willen inten­diert. Doch gerade diese Qualität des Massenmords von Manhattan will Eber­mann nicht sehen. Warum?

Es gibt, soweit ich es über­schaue, nicht allzu viele Texte, in denen Ebermann über den Nationalsozialismus oder über Auschwitz schreibt. Da, wo er es tat, blieb der Antise­mitismus als zentrales An­triebsmoment des National­sozialismus außen vor. „Vor allem aber steckte den Deut­schen der Untertan in den Gliedern“, formulierte er z.B. 1995 zusammen mit Rainer Trampert in Die Offenbarung der Propheten. „Das Abtrans­portieren der Juden vor aller Augen und die öffentliche Jagd auf Kommunisten riefen selbst bei denen, die keine überzeugten Nazis waren, Er­leichterung hervor, nicht zu den Verfolgten zu gehören. Das Gebelfer gegen Außen­seiter gehörte längst zum All­tag von Kindesbeinen an. (...) Ein solches Leben in Unsi­cherheit erzeugt bei den Un­tertanen den Wunsch nach Anlehnung an die Mächtigen (...) und den Drang, das von ihnen Verlangte überzuerfüllen.“ [9] Längst aber ist die Ein­schätzung widerlegt, wonach die Deutschen zur „Überer­füllung“ gerade deshalb neig­ten, weil sie als potenzielle Opfer der Nazis von Angst und Unsicherheit geprägt ge­wesen seien.

Der Antisemitismus der islamistischen Attentäter wird von Gremliza und Ebermann nicht ignoriert. Ihr Fehler be­steht darin, dass sie ihn als ei­ne ideologische Beigabe be­trachten, als eine Größe un­ter vielen, die sie anderen Faktoren hinzuaddieren. Sie wollen nicht verstehen, dass der revolutionäre Antisemi­tismus keiner weiteren Motivlage bedarf und seine Wir­kungsmacht als mentale Dis­position und als unerhellte Handlungsmatrix entfaltet. So wenig ihnen die Zentra­lität des Antisemitismus für Auschwitz ein Anliegen ist, so wenig wird von ihnen das getan, was David Gelernter beispielsweise tut: Den anti­semitischen Impuls als die maßgebliche Voraussetzung des 11. September zu analysieren, die alles Handeln und Denken der Täter bestimmt.

Wie außerordentlich rich­tig Gelernter mit seiner Ein­schätzung lag, zeigte sich im November 2002, als der bri­tische Observer Usama bin Ladens Offenen Brief an das amerikanische Volk veröffent­lichte. Warum warf bin Laden in diesem Brief den Amerika­nerInnen vor, „die schlimm­ste Zivilisation zu sein, die die Menschheit je gesehen hat“? Seine Antwort: „Weil ihr die Nation seid, die, anstatt mit­hilfe von Allahs Scharia und seinen Gesetzen zu regieren, es vorgezogen hat, sich eige­ne Gesetze nach eurem Wil­len und nach euren Bedürf­nissen zu schaffen.“ Hieran hätten hauptsächlich Juden (und Jüdinnen) Schuld. In Anlehnung an das antisemiti­sche Machwerk der Protokol­le der Weisen von Zion erklär­te in diesem Brief bin Laden, dass „die Juden in all ihren unterschiedlichen Formen und Verkleidungen die Macht über eure Medien und eure Ökonomie gewonnen haben und nun alle Aspekte eures Lebens beherrschen. Sie ma­chen euch zu ihren Dienern und sie verfolgen ihre Ziele auf eure Kosten.“ [10]

Gremliza aber analysierte den bin Laden’schen Antise­mitismus im selben Monat wie folgt: „Bin Ladens Juden­hass ist, anders als der deut­scher Möllemänner, Teil eines Hasses auf die westliche Welt und deren Herrschaft über den Rest. Er ist weit weniger religiös-fundamentalistisch als verrückt-antiimperialistisch. Dass das reichste Land des Nahen Ostens Juden gehört und der Zentralbankchef der USA Greenspan heißt, muss so einen auf dumme Gedan­ken bringen.“ [11]

Auch so kann man im Jahre 60 nach Auschwitz die Anti­semitismus-Analyse verballhornen: Ein dummer Ge­danke, auf den man schon wegen des Namens des Zen­tralbankchefs kommen muss! So, als wolle sich Gremliza partout in der Tradition jener Linken einreihen, die zwi­schen 1929 und 1933, statt Mein Kampf zur Kenntnis und wörtlich zu nehmen, den Antisemitismus der NS-Bewegung progressiv umzudeuten suchten, wird hier der islamistische Antisemitismus als ein Anti-Imperialismus der dummen Kerls bagatelli­siert und die historische Kon­tinuität des arabischen Anti­semitismus, der die Phase arabischer Nazi-Kollaborati­on fast bruchlos überdauer­te, ignoriert.

Der „küntzliche ... Anschluss ans teure Vaterland“

Bis heute haben weder Grem­liza noch Ebermann die Kri­tik an der Unterschätzung des rebellisch-antisemitischen Po­tentials, die wir 1997 in Gold­hagen und die deutsche Linke zu entwickeln suchten, öffent­lich reflektiert. Stattdessen er­leben wir immer neue Versu­che, sich mit Fälschungs- oder Verratsvorwürfen hiergegen zu immunisieren.

Schon 1998 hielt Gremliza es für angebracht, unsere im Kontext der Goldhagen-Debatte formulierte Kritik an konkret mit dem Vorwurf des Verrats zu erwidern. Schon da­mals war dies ausgesprochen lächerlich. Mit dem islamisti­schen Antisemitismus holt uns die vier Jahre alte Kontroverse heute wieder ein. [12] Und er­neut bezichtigte Gremliza den Küntzel, der 13 Jahre als „kon­kret-Autor“ firmierte, des Ver­rats: Einige suchten „auf die­sem küntzlichen Umweg den Anschluss ans teure Vater­land“, insinuierte er im Früh­jahr 2002. Die Tatsache, dass der Abdruck eines daraufhin von mir eingereichte Leser­briefs verweigert wurde, macht deutlich, dass hier, wie auch bei dem nun folgenden Auftritt Thomas Ebermanns, nicht Personen geächtet, sondern Erkenntnisse sabotiert werden sollen. [13] „Etwas“, schreibt Ebermann, muss „in ihm rumort und gebrodelt ha­ben, was nun durchbricht, das Coming-out.“ Fortan würde Küntzel „zwingend notwendige(n) Unsinn“ über den Is­lamismus schreiben, fährt Ebermann in seinem Artikel, den er mit Eine Studie am De­tail überschrieb, fort. Denn da Küntzel etwas „ändern“ wolle, nämlich den Tatbestand, „ein einflussloser Autor“ zu sein, müsse er, wohlgemerkt aus karrieristischen Motiven, „auf richtige, aber aussichtslose Unternehmungen verzichten“, um stattdessen bei der „Dä­monisierung des Feindes“ mit­zumachen, und somit also „vom Aufklärer zum Propa­gandamacher zu mutieren“. [14] Fürwahr eine Perle des unfreiwilligen Kabaretts!

Das Motiv derartiger Kon­strukte verweist jedoch auf ein grundsätzliches Problem, wes­halb es an der Zeit ist, Adorno zu Rate zu ziehen, der diesen Typus der Argumentation so analysiert: Hier „wird das Aussprechen von Erkenntnis­sen sabotiert mit dem Hinweis darauf, sie kämen irgendwel­chen Gegnern zugute.“ Ador­no fährt fort: „Gefährlich sind nicht Einsichten, die Feinde ausspielen könnten, sondern die blinde Apologie“ — die blinde Verteidigung einer zu­vor gefassten Überzeugung — „die das Fragwürdige ver­stärkt und damit wahrhaft den Feinden recht gibt.“ [15] „Die Gefährlichkeit der blinden Apologie“, die schon vor vier Jahren in Gremlizas Umgang mit Goldhagen und die deutsche Linke erkennbar war, hat sich im Kontext des Islamismus erkennbar erhöht. Und gab nicht konkret, als es die Behauptung einer mögli­chen CIA-Verantwortung für den 11. September mithilfe eines Andreas von Bülow bele­gen lassen wollte, „wahrhaft den Feinden recht“? [16]

Dies aber zeichnet die Gruppe derer, die nach dem 11. September den Anti-Amerikanismus neu entdeckten und die Bedeutung des Anti­semitismus als handlungslei­tendes Motiv von IslamistIn­nen unterschätzen, bis heute aus: dass sie das Aussprechen von Erkenntnissen sabotieren und somit das Fragwürdige, anstatt es infrage zu stellen, immer weiter verstärken.

[1Dieser Text ist die gekürzte Fassung meines Gastbeitrags auf der Konferenz „Gegen die antisemitische Internationa­le“ am 7. Juni 2003 in Berlin.

[2David Gelernter: Warum Amerika? Bin Ladins Hass ist Ju­denhass. In: FAZ, 27. Oktober 2001.

[3So B. Schmid in seinen Briefen vom 27.1.2002 und vom 30.1.2002 an den Verfasser. Semantisch weitaus zurückhal­tender verteidigte Schmid diese Position später in dem Ar­tikel „Matthias Küntzel und der Islamismus. Der ‚Krieg ge­gen den Terror‘ und das Abdanken linker Politik“, der unter veränderten Überschriften ebenfalls in der Jungle World so­wie der Soz erschien. (Vgl. ak 459, 22.2.2002, S. 24f; Soz 3/März 2002, S. 18 sowie Jungle World Nr. 7/2002, S. 5.)

[4H.L. Gremliza: Schöne neue Theorie. In: konkret 11/2001, S. 9. Eine vergleichbar intensive Einfühlung in die Situation der Opfer des 11. September ging den Texten Gremlizas bis­lang zumindest ab.

[5Spiegel 36/2002, S. 117. Siehe hierzu auch den Prozess-Be­richt von Christian Eggers: Auf dem Weg ins Nazi-Paradies. In: konkret 03/2003, S. 28f.

[6H.L. Gremliza: Fußnote zu Zuwi. In: konkret 10/97, S. 35. „Es ist wahr“, fuhr Gremliza in seiner Anmerkung fort, „dass der Antisemitismus der Deutschen nicht nur keinen Interessengegensatz zu Juden braucht, sondern überhaupt keine Juden. Aber es ist auch wahr, dass es ein Interesse deutscher Mittelständler, Industrieller und Bankiers an der möglichst spurlosen Beseitigung von Menschen gab, deren Geschäft man an sich bringen, nämlich ‚arisieren‘ konnte. (...) Sieht Detlef zum Winkel in seinen Landsleuten viel­leicht doch lieber mordbrennende Idioten als raffgierige Schweine?“

[7H.L. Gremliza: Deutscher Frieden. In: konkret, 9/02, S. 9.

[8Thomas Ebermann: Küntzels ‚beispiellose‘ Tat. In: Jürgen El­sässer (Hg.): Deutschland führt Krieg. Hamburg 2002, S. 193. Bernhard Schmid zeigt, wie sich der von Ebermann ge­wählte quantitative Ansatz zuspitzen lässt: Die Anschläge des 11. September seien zwar schlimm gewesen. „Nur: Im Vergleich zu den Kriegszuständen, die in Teilen dieser Welt herrschen, war das (...) beinahe ein laues Lüftchen.“ (a. a. O.)

[9Thomas Ebermann/Rainer Trampert: Die Offenbarung der Propheten. Über die Sanierung des Kapitalismus, die Ver­wandlung linker Theorie in Esoterik, Bocksgesänge und Zi­vilgesellschaft. Hamburg 1995, S. 238.

[10Die vollständige englische Übersetzung dieses Briefes ver­öffentlichte der Observer am 24. November 2002.

[11H.L. Gremliza: Pflaster unter dem Strand. In: konkret 11/2002.

[12Vgl. H.L. Gremliza: Das Falsche im Richtigen. In: kon­kret 2/1998, sowie die Erwiderung: F. Behn/M. Küntzel: Ropetz. In: konkret 3/1998, S. 26f.

[13H.L. Gremliza: Eine Zäsur findet nicht statt. In: konkret 3/2002, S. 17. Der nicht veröffentlichte Leserbrief findet sich unter www.matthiaskuentzel.de. Goldhagen und die deutsche Linke, verfasst von Ulrike Becker, Frank Behn, Clara Fall, Matthias Küntzel, Wladimir Schneider, Jürgen Starck, Klaus Thörner und Rolf Waltersdorf, erschien 1997 im Berliner Elefanten Press Verlag.

[14Thomas Ebermann: Hedonismus statt Kommunismus? Der linke Bellizismus und die Reize des Westens - eine Stu­die am Detail. In: Deutschland führt Krieg. Seit dem 11. September wird zurückgeschossen. S. 188 und S. 196.

[15T. W. Adorno: Das Altern der Neuen Musik. In: ders.: Dissonanzen. Göttingen 1936, S. 119.

[16„Wer waren die Insider?“, Interview mit Andreas von Bülow. In: konkret 12/2001, S. 14ff. Dass Erkenntnis auch anders sabotiert werden kann, stellte Gremliza in konkret 5/2002 unter Beweis. Er schrieb: „Phase II, eine Viertel-Jahresschrift ‚gegen die Realität‘, hat einen Denker aufgetrieben, der so denkt: ‚Dabei ist der Djihadismus heute nur die Speerspitze der regressiven Antwort auf das Kapital.‘ Die Regression hat eine Speerspitze. Wem steckt sie die wo rein? Ein Vorschlag: ihrem Erfinder, Matthias Küntzel, halb­hoch, hinten.“ Das Interview mit der Zeitschrift Phase II findet sich unter www.matthiaskuentzel.de.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2004
Heft 6-7/2004, Seite 35
Autor/inn/en:

Matthias Küntzel:

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