Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 195/II
Janos Brener • Georg Klos • Georg Lukács • Kalman Petkovic

Erst Demokratie, dann Wirtschaftsreform

Gespräch (I. Teil: im vorigen Heft)
Man meint oft, das System der Arbeiterselbstverwaltung sei eine speziell jugoslawische Entdeckung. Gehört sie nicht eher allgemein zum Begriff des Sozialismus?

Die Selbstverwaltung der Produzenten ist jedenfalls eines der wichtigsten Probleme des Sozialismus. Selbstverwaltung steht im Gegensatz sowohl zum Stalinismus wie zur bürgerlichen Demokratie, deren Mechanismus von Marx schon in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beschrieben wurde. Dieser Mechanismus basiert auf dem Widerspruch zwischen dem Citoyen, der ein Idealist war, und dem Bourgeois, der ein Materialist war. Die Entwicklung des Kapitalismus führt dazu, daß der Bourgeois zum Herrn, der Citoyen dessen ideologischer Knecht wird. Im Gegensatz dazu drängte die sozialistische Entwicklung, zuerst in der Pariser Kommune, dann in den beiden russischen Revolutionen zur Rätedemokratie. Rätedemokratie heißt Demokratie im Alltag. Demokratische Selbstverwaltung soll auf die einfachste Ebene des Alltagslebens ausgedehnt werden und von da sich nach oben ausbreiten, so daß schließlich tatsächlich das Volk über die wichtigsten Fragen entscheidet. Gegenwärtig stehen wir erst am Beginn einer derartigen Entwicklung. Aber die neuen Praktiken, die in Jugoslawien entwickelt wurden, werden ohne Frage dazu beitragen, daß es unter veränderten Umständen auf jedem Weg zum Sozialismus zur Revolution der Arbeiterräte kommt.

Was bedeutet Lenin für Ihr eigenes Leben?

Wenn Sie damit persönliche Kontakte meinen, bedeutet Lenin für mich sehr wenig. Unser persönlicher Kontakt bestand ausschließlich darin, daß Lenin in den zwanziger Jahren meinen Artikel über den Parlamentarismus als nichtmarxistisch und schlecht angriff. Ich habe aus dieser Kritik sehr viel gelernt. Lenin betonte den Unterschied zwischen einer Institution, die historisch überholt ist, und einer Institution, die bereits so obsolet ist, daß sie keinerlei taktische Konsequenzen erfordert.

Ich begegnete Lenin auf dem dritten Kongreß des Komintern, aber ich war damals ein kleines ZK-Mitglied einer kleinen Untergrundpartei. Hätte mich jemand Lenin vorgestellt, hätte er sicher größere Probleme gehabt, als mit einem zweitrangigen Ungarn zu diskutieren. Dennoch hinterließ Lenins Verhalten auf diesem Kongreß bei mir sehr starken Eindruck. Das Studium seiner Werke hat zur Verstärkung dieses Eindrucks beigetragen. Lenin war ein neuer Typ Revolutionär. Ich will damit nicht die Bedeutung der alten Revolutionäre anzweifeln. Aber sie hatten etwas von einer Aristokratie mit der Weltanschauung von Weisen, die sich richtig verhalten konnten, als Antwort auf das falsche Verhalten der Massen. In den großen Revolutionären steckte etwas Asketisches. Bei Robespierre ist dies klar erkennbar. Das gilt auch für moderne Revolutionäre wie Otto Korvin iin Ungarn oder Max Lewin in München. Max Lewin sagte, daß Kommunisten befreite Tote sind. Dies ist der höchste Grad der Askese. Im Gegensatz dazu haben Engels und insbesondere Lenin keine asketischen Züge. Lenin gab sein Leben wie die anderen für die Revolution, ohne daß dieses Selbstopfer jedoch asketische Züge trug. Ich glaube, daß dieses Beispiel Lenins in der zukünftigen Entwicklung eine große Rolle spielen wird.

Linke Asketen

Gibt es eine direkte Verbindung zwischen Askese und Lenins Kritik der „linken Kinderkrankheiten“ des Kommunismus?

Selbstverständlich. Linke Radikale waren meistens revolutionäre Asketen, darunter sehr ehrenwerte und aufopfernde, Aber Lenin beurteilte diese Frage als politisches Problem. Selbstverständlich stand dahinter auch das moralische. Problem, aber erst auf einer höheren Entwicklungsstufe als öffentliches Problem.

Was ist Ihre Meinung zur heutigen internationalen Arbeiterbewegung — wenn man sie unter dem Blickwinkel der Leninschen Schrift über den linken Radikalismus als „Kinderkrankheit“ betrachtet?

Man sollte sehr vorsichtig sein, wenn man die Werke der Klassiker auf unsere Zeit anwendet. Wer glaubt, daß Lenins Buch, das im Jahr 1920 verfaßt wurde, auf die amerikanische Jugend des Jahres 1969 unverändert paßt, ist natürlich im Irrtum.

Es geht darum, daß wir uns heute erst am Beginn tiefer Veränderungen in der kapitalistischen Gesellschaft befinden. Wenn man an 1945 denkt, an die Niederlage Hitlers, dann glaubten die Leute damals, daß der American Way of Life, der neue manipulative Kapitalismus, eine neue Ära in der Entwicklung der Menschheit bedeute. Man sagte, daß es sich nun nicht mehr um Kapitalismus handle, sondern um eine Gesellschaft höherer Ordnung usw. Heute, 25 Jahre später, steht dieses ganze System in einer tiefgreifenden Krise und vor sehr tiefgreifenden Reformen. Der Beginn dieser Veränderungen wird von der Revolte der Studenten und Intellektuellen gesetzt.

Studenten und Intellektuelle haben bis jetzt noch kein echt erarbeitetes Programm hervorgebracht. Das Programm, das sie in den meisten Fällen produzieren, ist sehr naiv. Die Jungen reden zum Beispiel sehr oft von der Notwendigkeit, die Manipulation zu beseitigen und aus der Arbeit ein Spiel zu machen. Dies würde zur Erneuerung dessen führen, was schon Fourier zu Beginn des 19. Jahrhunderts gefordert und Marx in den vierziger Jahren ironisiert hatte. Wir haben es mit einer Bewegung zu tun, die ideologisch noch auf einem sehr unreifen Niveau ist, aber dennoch positiv bewertet werden sollte, da sie eine Opposition gegen die Widersprüche der manipulativen kapitalistischen Gesellschaft bedeutet. Welthistorisch gesehen stehen wir an der Schwelle einer weltweiten Krise, Diese Periode kann aber auch 50 Jahre lang dauern. Dies sollte einmal klargestellt werden; dessen sollte man sich voll bewußt sein.

Anderseits sehe ich hier einen wichtigen praktischen Anlaß, den Marxismus wiederzubeleben. Lenin hat immer noch recht, wenn er in „Was tun?“ schreibt: ohne revolutionäre Theorie gibt es keine revolutionäre Praxis. Wir müssen sowohl bei uns wie auch im Westen die marxistische Methode erneuern. Wir müssen die Entwicklung des Kapitalismus ökonomisch und gesellschaftlich analysieren (was wir Marxisten bis jetzt nicht getan haben) und die konkreten Probleme konkret lösen. Erst wenn dies geschieht, können wir von einer wirklich ernsthaften revolutionären Bewegung sprechen, die zu großen Entscheidungen führt. Darum halte ich es für absolut notwendig, alle Fragen im Zusammenhang mit der marxistischen Theorie neu aufzugreifen. Auch in den sozialistischen Ländern gibt es solche Probleme, denn ohne Erneuerung der Theorie gibt es auch bei uns keine neue Praxis. Wer glaubt, daß der Kapitalismus mit Happenings beseitigt werden kann, ist naiv.

Welche konkreten Probleme entstehen in der Praxis der sozialistischen Länder bezüglich einer Erneuerung der marxistischen Theorie?

Warum Stalin siegte

Es gibt viele Probleme. Beginnen wir mit den ökonomischen Problemen. Wie Lenin selbst sich sehr wohl bewußt war, brach die Russische Revolution nicht entsprechend der Marxschen Prognose in den höchstentwickelten kapitalistischen Ländern aus, sie brach auch nicht in Form einer Weltrevolution aus, sondern in einem relativ rückständigen Land, als isolierte Revolution. Dies bedeutet, daß der Sowjetunion eine besondere Aufgabe zufiel, die im Marxschen Modell über die sozialistische Revolution in den höchstentwickelten Ländern nicht vorgesehen war: die Aufgabe, die Produktion auf eine Höhe zu bringen, wo die Errichtung des wirklichen Sozialismus möglich ist.

Stalin siegte über seine Rivalen nicht nur, weil er ein guter Taktiker war, sondern auch, weil er am entschlossensten den Sozialismus in einem Land repräsentierte. Er wollte, daß die unterentwickelte Produktion ihren Rückstand aufholte. Dies wurde, wenn auch nicht vollständig, in der Sowjetunion unter Stalin auch erreicht. Nicht erreicht wurde bis jetzt, diese Produktion in eine Produktion umzuwandeln, die den Weg für den Übergang zum wirklichen Sozialismus bereitet.

Sowohl in der Sowjetunion als auch in allen anderen sozialistischen Ländern stellt sich diesbezüglich heute die Frage: Was ist der nächste Schritt? Wenn wir zu stalinistischen Methoden Zuflucht nehmen, werden wir auf diese Frage keine Antwort finden. Anläßlich der Einführung unserer neuen Wirtschaftspolitik stellte ich fest: das Problem ist nur zu lösen durch die Einführung der sozialistischen Demokratie.

Die neue ökonomische Entwicklung und der Übergang vom stalinistischen, undemokratischen System zur sozialistischen Demokratie impliziert eine ganze Reihe von Problemen. Diese Probleme stehen untereinander in Zusammenhang — es ist unmöglich, eines dieser Probleme zu lösen, ohne zugleich auch die anderen zu bereinigen. Da diese Probleme in vielen Ländern noch nicht gelöst sind, befinden auch wir uns in einer Krise, die auf irgendeine Weise sowohl theoretisch als auch praktisch gelöst werden muß. Diese Frage ist für uns von entscheidender Bedeutung, da es uns ansonsten nicht gelingen wird, unsere Wirtschaft auf das Niveau der übrigen Welt anzuheben. Erst eine demokratische Entwicklung wird die Schäden des Stalinismus beseitigen.

Als die Sowjetunion zur Zeit Lenins militärisch, politisch und ökonomisch in einer furchtbaren Lage war, nahm ich als Emigrant in Wien an zahlreichen Versammlungen teil, wo wir für das notleidende Volk der Sowjetunion sammelten. Ein Großteil der Wiener Intellektuellen und insbesondere Arbeiter spürten, daß das, was in der Sowjetunion vorging, eine Entscheidung über ihr eigenes Leben war. Es ging um ihre eigene Sache, als die Russen den Sozialismus errichten wollten. Die verhängnisvolle Folge der stalinistischen Entwicklung war es, daß dieses „nostra res agitur“ in den europäischen Arbeiterbewegungen verlorenging.

Es stimmt nicht, wenn man sagt, daß ein Franzose oder Italiener heute Sozialist ist, weil er wie ein Arbeiter in der Sowjetunion leben will. Er will nicht so leben wie in der Sowjetunion. Er will sozialistisch leben. Die Lebensweise der Arbeiter oder Bauern in der Sowjetunion ist für den europäischen Arbeiter nicht sozialistisch. Solange es uns nicht gelingt, die sozialistische Theorie in unserem Alltag zu verwirklichen, solange es uns nicht gelingt, dies auch in den sozialistischen Ländern durchzusetzen, so lange wird es unmöglich sein, die gewaltige Anziehungskraft, die der Sozialismus 1917 entfaltete und die etwa bis zu den großen Prozessen 1938 andauerte, wiederherzustellen. Das gilt auch für die Wiederherstellung der internationalen Solidarität im Sozialismus.

Marx war kein Professor

Man spricht viel von der Wirtschaftsreform in den sozialistischen Ländern. Glauben Sie, daß es möglich ist, die Wirtschaft allein zu reformieren?

Es ist unmöglich, die Wirtschaft isoliert von allem anderen zu betrachten. In dieser Hinsicht irren die Leute. Auch unser Volk irrt, wenn es glaubt, daß etwas, wofür es auf den Hochschulen eigene Abteilungen gibt, auch in der Realität unabhängig existiert. Ich kann zwar Dozent für Ökonomie sein, unabhängig von der Gesellschaft, von der Ideologie usw., aber die wirkliche ökonomische Entwicklung bildet immer einen Teil der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung. Deshalb sage ich auch nicht, daß man die marxistische Ökonomie wiederbeleben soll, sondern daß man den Marxismus erneuern soll. Marx war in dem Sinn, wie es unsere Professoren lehren, nie Ökonom. Wenn man „Das Kapital“ durchblättert, findet man auf jeder Seite eine Menge Aussagen, die nicht der Ökonomie zuzuordnen sind. Marx kümmerte sich, wie alle großen Denker, nicht um Klassifizierungen, sondern untersuchte die gesellschaftliche Entwicklung im ganzen.

Deswegen habe ich in Ungarn die Ansicht vertreten, daß die neue Wirtschaftspolitik nicht ohne Wiederbelebung der sozialistischen Demokratie durchgeführt werden kann. Ich bin überzeugt, daß zahlreiche Irrtümer und Rückschläge, die sich in unserem Land als Ergebnis der neuen Wirtschaftspolitik einstellten, davon herrühren, daß hier wirtschaftliche Maßnahmen ergriffen wurden, ohne daß man hierfür die demokratische Basis geschaffen hat. Vieles läßt sich Marx nachsagen, aber daß er ein Wirtschaftsexperte war, wie es manche Professoren bei uns in Ungarn oder bei Ihnen in Jugoslawien meinen, können ihm nicht einmal seine erbittertsten Feinde nachsagen. Ohne neue Marxe werden zu wollen, sollten wir zum Marxismus zurückkehren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1970
No. 195/II, Seite 277
Autor/inn/en:

Georg Lukács:

Geboren 1885 in Budapest. Philosoph, Literaturhistoriker und politischer Theoretiker. Seit 1918 war Lukács Mitglied der ungarischen KP, 1919 wirkte er als stellvertretender Volkskommissar für das Unterrichtswesen in der Räterepublik. Lukács emigrierte nach Wien, Berlin und Moskau. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Ungarn zurück und arbeitete als Professor. Lukács war führendes Mitglied des Petöfi-Klubs und beteiligte sich am Ungarnaufstand 1956.

Georg Klos:

Kalman Petkovic:

Janos Brener:

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