Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 8/2002 — 1/2003
Marc Zannoni

Ernst Niekisch

Mit diesem Buch legt Michael Pittwald das Resultat seiner intensiven Beschäftigung mit Niekisch im Rahmen einer Dissertation vor. Der Großteil besteht in der Darstellung der „Widerstandsideologie“ Niekischs und seiner Beeinflussung durch Lassalle und Fichte. Demgegenüber nehmen die Ausführungen zu Niekischs Rolle innerhalb der Linken, während seiner Zeit in der Münchner Räterepublik und nach ’45 in der DDR, mit 25 Seiten einen relativ geringen Platz ein. Während Pittwald einerseits korrekterweise die Fehler eines totalitarismustheoretischen Zuganges aufzeigt - nicht zuletzt jene einer Relativierung des Nationalsozialismus mit gleichzeitiger Auflösung seiner Einmaligkeit - läuft er andererseits Gefahr die Gemeinsamkeiten der Niekischschen Gedankenwelt mit der von Teilen der Linken herunterzuspielen. Denn der Autor beschränkt sich in diesem Punkt oft nur auf Andeutungen, deren theoretische Herausarbeitung wünschenswert gewesen wäre. Abgesehen davon kann die Arbeit jedoch als eine umfassende und interessante Abhandlung bewertet werden.

Bereits während Niekischs Zeit in der Räterepublik ging es ihm um die „Erhaltung der Reichseinheit und um den nationalen Zusammenhalt“ und ließ u.a. mit der Ernennung Gesells zum „Volksbeauftragten für Finanzen“ seine strukturell antisemitische Opposition gegen die „Zinsknechtschaft“ durchscheinen. Einerseits sah Niekisch die Räte als Gefahr für die Einheit Deutschlands, andererseits lobte er diese als organisches Gegenmodel zum mechanischen Parteiensystem. 1924 stieß er als Theoretiker zum Hofgeismarer Kreis, welcher i.ü. 1993 innerhalb der SPD neu gegründet wurde, [1] einer Gruppe von JungsozialistInnen deren Hauptanliegen in der Forcierung eines positiven Bezuges zur Nation innerhalb der SPD bestand. Exemplarisch für den Hofgeismarer Geist steht eine Aussage Hermann Hellers: „Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft, [...] die Vernichtung der Klasse durch die wahrhaft nationale Volksgemeinschaft.“ Statt Klassenkampf schwebte Niekisch vielmehr ein imperialistisch-antiimperialistischer Befreiungskampf der deutschen Proletarier gegen die „Unterdrückung“ durch die Westmächte vor. Die Möglichkeit zur Erweiterung des Handlungsspielraumes Deutschlands sah er in einer Ostorientierung.

Unter anderem auf Grund von Differenzen innerhalb des Kreises hinsichtlich eines harten Kurses gegenüber dem Westen, wie von Niekisch vertreten, wurde dieser 1926 ausgeschlossen, woraufhin mit einigen anderen Hofgeismarern der von ihm geführte „Widerstandskreis“ gegründet wurde. In diesem Rahmen vollendete Niekisch sein in Folge skizziertes deutschnationales Programm. Innenpolitisch legte er der Arbeiterklasse nahe sich in einen starken elitären Staat zu integrieren, dessen soziale Probleme seiner Meinung nach nur ein mächtiges Deutschland überwinden könnte. Zur Wiedererrichtung eines solchen Staates musste für ihn Versaille revidiert, ebenso wie durch Verstaatlichung der Einfluß des internationalen Kapitals zurückgedrängt werden.

Feindbilder existierten in Niekischs Gedankenwelt und somit im „Widerstandskreis“ zur genüge. Der Westen als Unterdrücker Deutschlands, die französische Revolution und der Liberalismus als Ausdruck verabscheuungswürdiger Individualität und Egoismus, der Marxismus und dessen Internationalismus als Zersetzer der nationalen Einheit, der Feminismus als Vorbereiter des „Volkstodes“ durch Abbringung der Frauen vom Kindergebähren für die Nation und die Stadt als Inbegriff des Antiheldischen und der Wurzellosigkeit. Sein gegen die Zirkulationssphäre gerichteter struktureller Antisemitismus fand zielsicher den Weg zur Personifikation, als er „die Juden“ als eigentliche Vertreter des „undeutschen“, internationalen Finanzkapitalismus ausmachte. In „Die imperiale Figur“ sprach Niekisch 1935 ganz offen seinen Antisemitismus aus, indem er den Kapitalismus, den Marxismus und das Christentum, welches er ebenfalls für die Zersetzung des deutschen Geistes verantwortlich hielt, als Instrumente „der Juden“ zur Unterwerfung der Welt imaginierte.

Niekischs Rassentheorie unterschied sich von jener der NSDAP durch die positive Bezugnahme auf das „Slawische“. Die Sorge um das Wohl der „weißen Rasse“ war ihnen selbstredend gemein. Im „Sinne der Selbstbestimmung der weißen Rasse“ empfahl er deswegen der USA und den anderen europäischen Staaten den Bolschewismus. Seine imperialistischen Gelüste drückten sich in einem drei-Stufen Plan aus. Zuerst sollte ein „Mitteleuropa“ bzw. „Paneuropa“ unter deutscher Führung geschaffen werden, welches die Gebiete mit deutschen Minderheiten einschließen soll. Dabei besäße der Osten auch die Funktion als „Nahrungs- und Rohstoffreserve“ Deutschlands. Als Gegengewicht zu den Großmächten Frankreich, England und USA strebte Niekisch eine „erweiterte Koalition“ der „proletarischen Nationen“ Deutschland, Russland und China an. Hier hoffte Niekisch auf den „Haß“ der „asiatischen Völker“ gegen „den weißen Unterdrücker“ und nahm damit Eurasien-Konzeptionen heutiger Rechtsextremisten [2] vorweg. Deutschland sollte sich damit als Vertreter der unterdrückten Völker gefallen. Das eigentliche Ziel seiner Überlegungen war ein weltumspannendes deutsches „Endimperium“ als „Vaterland der Arbeiter,“ dessen Organisation nach Effizienz und Nützlichkeit zu gestalten wäre, also „eine planwirtschaftlich organisierte ‚technokratische’ Weltförderation aller Arbeiterrepubliken.“ Pittwald spricht hier von einem „Erlösungsmotiv,“ dessen Inhalt „die endgültige Befriedung der Welt“ darstellte.

Die DDR betrachtete Niekisch als „Bollwerk gegen westliche, liberale Strömungen“. Desweiteren sollte die vermeintlich unschuldige Arbeiterbewegung wieder deutsche Politik betreiben und die Besatzung gemeinsam überwinden um die nationale Einheit wiederherzustellen. Konsequenterweise brachte er sich nach `45 in die DDR-Politik ein. So beriet Niekisch Otto Grotewohl den späteren Ministerpräsidenten der DDR, trat der KPD bei, wurde Abgeordneter des „Volkskongresses“ und erhielt 1948 einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität sowie den Direktorsposten des „Instituts zur Erforschung des Imperialismus.“ Auf Grund der Unruhen von 1953 bricht er mit der SED. Als Detail am Rande sei noch seine Mitgliedschaft in der SDS-Vorfeldorganisation „Sozialistische Fördergesellschaft e.V.“ Anfang der Sechziger erwähnt.

Heutzutage wird Niekisch de facto ausschließlich von Rechtsextremisten in Europa rezipiert, die mit verkürzter Kapitalismuskritik, Opposition gegen den Westen und Befreiungsnationalismus Linke für die rechte Sache gewinnen wollen, wofür Niekisch einige Ansatzpunkte liefert.

Ein weiterer wesentlicher „Vorteil“ Niekischs für heutige Rechtsextremisten, hinsichtlich ihrer Bestrebungen sich vom Geruch der NS-Ideologie zu lösen, die Inhalte jedoch beizubehalten, ist seine Gegnerschaft zu Hitler. Diese Gegnerschaft war keine antifaschistische, sondern entstand aus einer Konkurrenzsituation um die Vertretung des wahren Nationalsozialismus, ähnlich jener zwischen der SA und der NSDAP-Führung, nur von geringerer Relevanz. Die konkreten Vorwürfe reichten von zu geringem Widerstand gegen den Versailler Vertrag über das falsche Verhältnis zur Sowjetunion bis hin zu Hitlers nicht-deutscher Abstammung. Auf Grund Niekischs Inhaftierung in einem Zuchthaus während der NS-Zeit wird dieser gerne von seinen Apologeten als Widerstandskämpfer stilisiert. Niekisch repräsentiert für etliche Rechte den alternativen Weg zu Hitlers Politik, welcher sich der Großfinanz entgegenstellte anstatt mit ihr zu kooperieren. Somit ließen sich die Attribute sozial und national wieder scheinbar unbefangen miteinander verbinden.

[1s. http://home.snafu.de/bifff/Fichter.htm - bekanntester Exponent des neuen Hofgeismarer Kreises war der Danube und „Junge Freiheit“-Autor Sascha Jung

Michael Pittwald: Ernst Niekisch — Völkischer Sozialismus, nationale Revolution, deutsches Endimperium; PapyRossa Verlag.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2003
Heft 8/2002 — 1/2003, Seite 43
Autor/inn/en:

Marc Zannoni: Marc Zannoni studiert Informatik in Wien.

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