Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2002 » Nummer 2
Marcus Gassner

Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation

Im folgenden Aufsatz sollen kritische Bemerkungen und Thesen zur Organisationsfrage beleuchtet werden. Im speziellen wird auf emanzipatorische Projekte der ArbeiterInnenklasse eingegangen, also die Gewerkschaften, die Sozialdemokratie und der Leninismus. Ziel des Artikels ist es, Überlegungen anzustellen, ob das Scheitern der diversen Projekte nicht in den Organisationsmodellen selbst schon angelegt war bzw. ist. Im Lichte der globalen Protestbewegung erscheint es opportun, solche Überlegungen zu tätigen.

Zu Beginn eines Aufsatzes über das Spannungsfeld Elite/Emanzipation stellt sich die Frage, wieso man auf bürgerliche Autoren wie G. Mosca und V. Pareto zurückgreift. Während dies bei R. Michels noch einigermaßen nachvollziehbar ist – er untersuchte die deutsche Sozialdemokratie unter dem Gesichtspunkt der Verbürokratisierung – liegt dies bei den „Italienern“ nicht unbedingt auf der Hand. Mir ging es in den Überlegungen zu Elite/Organisation darum, aufzuzeigen, was auf bürgerlicher Seite an Arbeiten geleistet wurde. Natürlich könnte man hier einwenden, dass es den Autoren um die Delegitimation von Widerstand ging. Dem soll auch nichts entgegengestellt werden. – Allein der Antrieb sagt noch nichts über den Inhalt aus. Will man nach den fehlgeschlagenen Projekten die Frage der Organisation wieder neu diskutieren erscheint es zumindest mir als unumgänglich, auch diese Überlegungen mit einzubeziehen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte G. Mosca im italienischen Turin seine elitetheoretischen Überlegungen. Ähnlich verhielt es sich mit den Überlegungen Vilfredo Paretos, der ebenfalls in seinen Arbeiten zur Position kam, dass jegliche Gesellschaft immer in zwei Klassen geteilt ist, eine die herrscht und eine die beherrscht wird. Bekanntlich ging es den Theoretikern des italienischen Faschismus hier nicht um eine emanzipatorisch – kritische Aufarbeitung, sondern viel mehr darum, wie man den italienischen Staat vor dem aufstrebenden Proletariat „retten“ könne. Die Grundüberlegung hierbei war, dass die vermodernde Elite (gemeint sind hier die liberalen PolitikerInnen) dem Ansturm der ArbeiterInnenschaft keinen adäquaten Widerstand entgegensetzen würde.

Pareto vertrat – konsequenter als Max Weber – die Auffassung, dass die Krise der liberalen Bourgeoisie und ihrer politischen Kultur nicht mehr durch diese selbst – gleichsam aus eigener Kraft – zu überwinden sei. Eine neue Elite müsse durch Gewalt eine neue Machtordnung – jenseits der Verfassungsordnung der liberalen Demokratie – etablieren, um in letzter Instanz die (individualistische) Wirtschaftsordnung des Privateigentums vor jedweder Form eines etatistischen oder sozialistischen Kollektivismus zu schützen. [1]

Als Soziologe war Pareto von der aufstrebenden ArbeiterInnenelite fasziniert und angewidert zugleich. Fasziniert, weil dies die aufstrebende Elite der Zeit war. [2] Angewidert ist er vom politischen Inhalt, den diese aufstrebende Elite vertritt.

Die Eliten sind nicht von Dauer. Welches auch immer die Gründe dafür sein mögen, sie verschwinden unbestreitbar nach einer gewissen Zeit. Die Geschichte ist ein Friedhof von Eliten. [3]

Pareto entwickelt hier ein Konzept von Klassenkämpfen, das geprägt ist von einer unendlichen Zahl von unterschiedlichen Interessensgruppen, die sich um die Macht streiten. Dieser Klassenkampf wird von der herrschenden Klasse natürlich geleugnet, da es ja im Interesse dieser liegt, dies zu verschleiern.

Eine wesentliche Überlegung ist hier, dass es mehrere Eliten gibt. Es gibt einerseits die „ausgewählte Klasse“ und die „nicht ausgewählte Klasse“. Ähnlich wie bei Mosca findet auch bei Pareto eine Erneuerung der herrschenden Klasse statt, indem die dekadenten Mitglieder ausgesondert werden. Würde dies nicht geschehen, hätte die Gesellschaft ein zentrales Problem. Eine Anhäufung überlegener Elemente in den Unterklassen und umgekehrt dekadenter Elemente in den Oberklassen bildet, seiner Meinung nach, eine machtvolle Ursache zur Störung des gesellschaftlichen Gleichgewichts.

Laut Pareto müssen die überlegenen Elemente nicht aus den Unterklassen kommen. Vielfach ist genau das Gegenteil der Fall, dass sich Individuen aus bestehenden Eliten den „Unterklassen“ anschlossen, oder diese für ihre Ziele benutzten. Pareto führte hier die RepräsentantInnen der Partido Socialista Italiano an. Er schloss aus der damaligen Realität, dass sich eine Gruppe der „Oberklasse“ den SozialistInnen anschloss und unter der Führung bourgeoiser RenegatInnen wiederum zur Oberklasse drängte.

Die heroischen Zeiten des Sozialismus sind vorüber: Die Rebellen von gestern sind zu Zufriedenen von heute (…) Wie es eine alte Weisheit ist, dass der Teufel, wenn er alt wird, sich in die Eremitage zurückzieht, so werden sie ( die einstigen revolutionären Sozialisten) zu guten Verteidigern der bürgerlichen Züchtigkeit. [4]

Mit dieser Einschätzung lag Pareto nicht sehr weit von der Wirklichkeit weg, wie sich in den darauf folgenden Jahrzehnten zeigen sollte.

Sowohl Pareto als auch Mosca unternahmen eine scharfe Trennung zwischen dem Liberalismus und der Demokratie. Die Ablehnung des Parlamentarismus beruhte hier auf der Grundlage, dass die hegemoniale Fähigkeit des Bürgertums in Permanenz abnahm, während die Arbeiterschaft mit ihren Organisationen aufstieg. Besonders der Parlamentarismus wurde von Pareto belächelt und von Mosca als anonyme Tyrannei der WahlsiegerInnen verworfen.

Die Diskussion über den Parlamentarismus, die hier geführt wurde, ist nicht eine primär legitimatorische, d.h. es wurde nicht um die Legitimation von Herrschaft diskutiert, ob sie nun göttlich abgeleitet oder mittels Repräsentation hergestellt wird. Vielmehr ging es um die konkrete „Machtfrage“, um es mit Lenin zu denken.

Ausgehend von einer auf Machttrieb zielenden Elitetheorie, wonach die kombinatorischen und persistenten elitären Schichten das allgemeine Aggressivitätsreservoir bestimmen, wurde ein auf die auslösenden Faktoren revolutionärer Umbrüche gerichtetes Zirkulationsmodell entwickelt, wobei man die auf eine neue politisch-soziale Ordnung zielende Gewaltanwendung unterstrich, wenngleich sich circulation des elites auch evolutionär zu vollziehen vermochte, in der Art pseudolegaler Revolution, einer inneren Aushöhlung des Staates im Wege der doppelten Legalität. [5]

Ausgehend von der Hauptthese Moscas und Paretos, dass die Mehrheit immer von einer Minderheit beherrscht werde, versucht Robert Michels mittels Untersuchung genau jener Organisation, die ihren wesentlichen Lebenszweck in der Bekämpfung herrschender Verhältnisse sah, zu beweisen, dass es ein „ehernes Gesetz der Oligarchie“ gibt.

Robert Michels

Die Analyse Michels beruht hier auf zwei zentralen Hypothesen, deren Einschränkungen überhaupt erst die Möglichkeit für weitergehende Untersuchungen des von ihm angeschnittenen Problems eröffnen. [6]

Die Frage des Aktionspotentials wurde bei Michels auf die konstante fachliche Inkompetenz reduziert. Bezüglich dieser ersten Hypothese gibt es den Einwand, dass sie unhistorisch sei, den Entwicklungsstand und die Herrschaftsverhältnisse außer Acht lasse. In der zweiten Hypothese geht Michels von einem technologischen Determinismus aus. In der Kürze zusammengefasst heißt dies, dass die innerorganisatorische Oligarchie als Funktion der Bürokratie wahrgenommen wird, die wiederum in einem Wechselverhältnis zur Größe und Komplexität stehe. Gegen diese These wurde eingewandt, dass dies in dieser Form weder empirisch nachweisbar noch theoretisch zwingend sei. — Dem kann man nur zustimmen.

Können nun die beiden genannten Hypothesen zurückgewiesen werden, dann kann auch die zentrale These Michels, das eherne Gesetz der Oligarchie, nicht mehr aufrechterhalten werden. Eine Neuformulierung, die von einer mehr oder weniger starken Tendenz zur Oligarchisierung spricht, wäre so unumgänglich.

Soviel nur als Vorbemerkung zu einem Problembereich, den Michels als „abgeschlossen und nicht weiter diskutierbaren Tatbestand ansah“. [7]

Das Grundproblem von Demokratie und Masse stellt sich bei Michels wie folgt dar:

Zumal in den großen Industriezentren, in denen die Arbeiterpartei bisweilen an die Hunderttausende von Mitgliedern zählt, ist es nicht mehr möglich, die Geschäfte dieses Riesenkörpers ohne ein System der Vertretung zu besorgen. Das sozialdemokratische Großberlin (…) zählt über 90.000 organisierte Mitglieder. Es liegt auf der Hand, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, eine derartig riesenhafte, einer Einheitsorganisation angehörige Menschenmasse als Basis direkter Beschlussfassung praktisch anzuwenden. [8]

Michels versuchte die oligarchischen Tendenzen innerhalb der sozialistischen Parteien aufzuzeigen, insofern er in diesen Organisationen das tauglichste Beobachtungsfeld sah. Der Grund für diese Wahl liegt im Umstand, dass diese Parteien entgegen konservativen und liberalen „ihre Entstehung und ihre Willensrichtung nach die Negation dieser [oligarchischen] Tendenzen darstellen“. [9]

In seiner Untersuchung der deutschen Sozialdemokratie erarbeitete Michels die Hypothese des technologischen Determinismus aus. Zu diesem gesellen sich aber auch noch verstärkend psychologische Ursachen für die Oligarchisierung. Hier benennt er die hinsichtlich August Bebels entgegengebrachte Verehrung, die er als „genuinen Gehorsamswillen“ der ArbeiterInnenschaft qualifizierte.

Die Massen stehen zu ihrem Führer häufig in dem Verhältnis jenes Bildhauers im griechischen Altertum, welcher nachdem er einen Jupiter Donnergott modelliert hatte, vor seinem Machwerk auf die Knie fiel, um es anzubeten. [10]

In der Kunst der Versammlungsleitung, der Anwendung und Auslegung der Geschäftsordnung, der Einbringung von opportunen Resolutionen, in den Kniffen, wichtige strittige Punkte aus der Diskussion auszuschalten oder auch eine ihnen gegnerisch gesinnte Majorität zu einer ihnen günstig lautenden Abstimmung zu veranlassen (…), sind sie Meister. [11]

Kurz, es sind nicht nur die Massen, die ihren Autoritätsglauben ausleben, sondern ebenso die FührerInnen, die Gehorsam verlangen. Eine Erklärung für die Entstehung von Oligarchien sieht Michels einerseits in einer Umgestaltung des Seelenlebens, welche einzelne Persönlichkeiten dieser Bewegung im Lauf der Entwicklung durchleben, andererseits aber auch in der Psychologie der Organisation selbst, diese Notwendigkeit taktischer und mechanischer Natur, die aus dem Wachstum einer Organisation erwachsen. Schließlich kommt er zum Schluss, dass die Massen unter Aufbietung all ihrer Kräfte, ihre Herren wechseln – „ein bescheidener Erfolg.“ [12]

Hier sieht man schon, dass auch bei Michels Theorie nicht die Mehrheit eine Minderheitenherrschaft abstreift, sondern sich nur die Eliten ändern.

Selbst wenn es der Unzufriedenheit der Massen einmal gelingen sollte, die herrschende Klasse ihrer Macht zu berauben, [13]

Sie entwickelt eine gewaltige Anziehungskraft und Fähigkeit der Absorption, die auch ihren erbittertsten und konsequentesten Gegnern gegenüber auf die Dauer nur selten versagt. [14]

Wie ist die Idealdemokratie zu errichten, sondern vielmehr so: welcher Grad und welches Maß von Demokratie ist a) an sich möglich, b) im Augenblick durchführbar und c) wünschenswert? [15]

Wenn man diesen Gedanken auf die ArbeiterInnenbewegung weiterdenkt, so ergibt sich, dass die Eigendynamik der Bürokratie (Eliten) sie in zunehmendem Maße Organisation und Klasse, in verschärfter Form sogar Apparat und Klasse gleichsetzen ließ. Darin mußte sich naturgemäß der Widerspruch zwischen den Interessen des Apparates und der spontanen Massenbewegung niederschlagen. – Jeder größere unkontrollierte Streik stellte die Bürokratie vor ein doppeltes Problem. Zum einen nützt jede Demonstration der Stärke der ArbeiterInnenklasse, ihre eigene Position gegenüber dem Gegner als starken Verhandlungspartner zu zeigen. Gleichzeitig beinhaltet eine spontane Eruption, dass die „Forderungen“ der Bürokratie von den Massen „überholt“ werden können, dass die Eliten der Arbeiterbewegung nicht mehr als Verhandlungspartner akzeptiert werden, weil sie die Bewegung nicht kontrollieren.

Ernest Mandel nannte noch ein weiteres Phänomen, das zum tragen komme, die „Dialektik der partiellen Errungenschaften“. Diese geht davon aus, dass alles Errungene auch verteidigt werden muss und die Offensive eine Gefahr des Totalverlustes in sich birgt. [16]

Ein weiterer Faktor der oligarchische Tendenzen produziert, ist die Statusdiskrepanz von Führung und Basis. Erstere entwickeln ein starkes Interesse, ihre Positionen zu erhalten, um einen sozialen Abstieg zu verhindern. Die organisationspolitische Apathie (Inkompetenz der einfachen Mitglieder) stellt schließlich einen weiteren Faktor dar. Im Gegensatz zum hauptamtlichen Funktionsträger hat das einfache Mitglied eine Vielzahl von sozialen Verpflichtungen, die es in der Freizeit wahrnimmt. Die politische Aktivität ist also immer nur ein Bereich der Betätigung. Für den Berufspolitiker jedoch steht die meiste Zeit des Tages zur Betätigung zur Verfügung.

Der Leninismus

Vladimir Iljitsch Lenin erarbeitete in „Was tun?“ [17] einige zentrale Thesen, die den Marxismus nicht unwesentlich beeinflussten. Am wichtigsten erscheint mir die Frage des Bewusstseins.

Das politische Bewusstsein kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. [18]

Mit dieser Überlegung griff Lenin die marxsche Problematik „von der Klasse an sich zur Klasse für sich auf“. Unter der Bedingungen der Illegalität erarbeitete er in der Folge ein Organisationsmodell aus, das diesem Anspruch gerecht werden sollte. Die „Partei neuen Typs“, sollte mit BerufsrevolutionärInnenen ausgestattet, das kleine russische Proletariat organisieren und anführen.

Interessant ist hier, dass man weder bei Lenin noch seinen Anhängern eine Auseinandersetzung mit der Problematik von Parteieliten findet. Während bei Marx noch in den Feuerbach Aphorismen nachzulesen war, dass die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung sind, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände sind, findet bei dieser „revolutionären Organisation“ keine Selbstreflexion mehr statt. Lukacs schreibt hierzu: „Die Menschen machen ihre Partei selbst, …“ [19] Dies verkennt, dass es auch in einer Partei ein Oben und ein Unten gibt. Die Selektionsmechanismen sind vielfältig und oft auf den ersten Blick nicht erkennbar. Es findet nicht eine Auswahl der Klügsten und Besten statt, sondern vielmehr werden die Unerwünschten abgedrängt.

1904 schrieb Trotzki in Bezug auf Lenins „Was tun?“, dass eine Theorie, die darauf abzielt, die Ausführung der wichtigsten Aufgaben der Revolution vom Proletariat auf die Partei zu übertragen, darauf hinausläuft, dass die Partei durch das Zentralkomitee, das Zentralkomitee durch das Polbüro und das Polbüro durch den Generalsekretär ersetzt wird. Dies wäre schließlich die Ersetzung des revolutionären Subjekts durch eine einzige Person. – Dies ist der Leninismus in der Organisationsfrage, auch wenn Trotzki diese Einsicht später wieder verwarf.

Man kann nicht bestreiten, dass die Oktoberrevolution in einem rückständigen Land stattfand, in welchem BäuerInnen die Bevölkerungsmehrheit ausmachten. Es ist auch unbestreitbar, dass sie ohne internationalen Rückhalt blieb, und dass in der jungen Sowjetunion der Bürgerkrieg wütete. Diese Faktoren erklären aber nicht das spezifische Scheitern der Russischen Revolution. Genauso wie nach der Pariser Kommune, der deutschen Revolution oder der Bayrische Räterepublik hätte es zu einer Restauration des Kapitalismus kommen können.

Es interessiert uns hier also das spezifische Scheitern der Russischen Revolution und hier im speziellen die Funktion der bolschewistischen Partei. – Dies, weil die Tragweite der Niederlage unendlich größer ist als Francos Sieg in Spanien oder Pinochets Sieg in Chile.

Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution stellt eine hervorragende Lektüre dar, da sie die ganzen Widersprüchlichkeiten aufzeigt. Auch wenn dies nicht die Intention des Autors war, so veranschaulicht sie uns doch das Ausmaß des Scheiterns der Partei neuen Typs.

Die Menschen machen eine Revolution wie auch einen Krieg nicht gern. Der Unterschied jedoch ist, dass im Krieg die entscheidende Rolle der Zwang spielt; in der Revolution gibt es keinen Zwang, sieht man vom Zwang der Verhältnisse ab. Eine Revolution geschieht dann, wenn kein anderer Weg übrig bleibt. Der Aufstand der sich über die Revolution erhebt wie ein Gipfel in der Bergkette, kann ebenso wenig willkürlich hervorgerufen werden wie die Revolution in ihrer Gesamtheit. Die Massen vollziehen wiederholte Angriffe und Rückzüge, ehe sie sich zum entscheidenden Sturm entschließen. [20]

Trotzki zitiert Mstislawski, den Führer des linken Flügels der Sozialrevolutionäre, der später zu den Bolschewiki überging: „Die Revolution hat uns, damalige Parteileute, wie die törichten Jungfrauen des Evangeliums schlafend überrascht.“ Die Sowjets blieben hinter den Betriebskomitees zurück, die Betriebskomitees hinter den Massen und hinter all diesem fand man dann die Partei.

Allein dieser Umstand würde schon genügen, den Mythos von den Bolschewiki als revolutionäre Avantgarde der Arbeiterklasse zu zerstören. – Doch schauen wir uns die Sache genau an.

In den Julitagen des Jahres 1917 hatte die Dynamik der Massen einen neuen Höhepunkt erreicht. Fünf Monate nach Beginn der Februarevolution und drei Monate vor der Oktoberrevolution führten die Massen sich selbst. Der Partei blieb im Juli nichts anderes übrig, als den Massen zu folgen. Trotzki selbst schrieb über die Ereignisse des 3./4. Juli:

Die Diskussionen drehten sich nicht um die Frage, ob man zur Machtergreifung aufrufen solle oder nicht, wie später die Gegner behaupteten, sondern darum, ob man versuchen müsse die Demonstration zu liquidieren, oder aber sich am nächsten Morgen an ihre Spitze stellen soll. [21]

Von April bis Oktober führte Lenin einen erbitterten Kampf gegen die regulären Parteigremien, um den Kontakt mit den Massen nicht vollkommen zu verlieren. Er arbeitete an allen Parteigremien vorbei und schaltete das Zentralkomitee im Wesentlichen aus.

Die Partei, dieser zentralistisch und hierarchisch aufgebaute Apparat, geschaffen um die Bewegung zu dirigieren und zu stärken, war paralysiert, bestenfalls ein Spiegelbild, oft sogar ein Hindernis auf dem Weg der Revolution.

Lenin geriet immer mehr in Widerspruch zu den von im selbst entwickelten Richtlinien des demokratischen Zentralismus. Sein Agieren jenseits der offiziellen Parteistrukturen kommentierte Trotzki als offenen Aufruf zur Auflehnung gegen das Zentralkomitee. Jedoch auch Trotzki zeigt hier, dass er unfähig ist, aus den Beobachtungen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Anstatt die These von der Notwendigkeit der „Partei neuen Typs“ über Bord zu werfen, versucht er, die Widersprüche zu verschleiern.

Tugan-Baranowski hat Recht, wenn er sagt, die Februarrevolution hätten die Arbeiter und Bauern vollbracht, die letzteren in der Person des Soldaten. Es bleibt aber die große Frage bestehen, wer hat den Umsturz geleitet? Wer hat die Arbeiter auf die Beine gebracht? Wer die Soldaten auf die Straße geführt? Nach dem Siege wurden diese Fragen Gegenstand von Parteikämpfen. Am einfachsten suchte man sie durch eine Universalformel zu lösen: keiner hat die Revolution geleitet, sie vollzog sich von selbst. [22]

Trotzki erfasst das Problem, antwortet auch richtig, kann aber die Konsequenz dieser Antwort nicht akzeptieren.

Georg Lukacs versucht das beschriebene Problem elegant zu lösen. Im Essay über den Zusammenhang der Leninschen Gedanken schreibt er:

Die revolutionäre Situation selbst kann natürlich nicht ein Produkt der Tätigkeit der Partei sein Es ist ihre Aufgabe, vorauszusehen, welche Richtung die Entwicklung der objektiven, ökonomischen Kräfte einnimmt, worin die den so entstehenden Lagen angemessene Verhaltensweise der Arbeiterschaft besteht. [23]

Das konkrete Versagen in einer Situation wird hier nach außen verlagert. Es wird festgestellt, dass die Partei die Situation nicht erzeugen kann. Dies hat ja aber auch niemand behauptet. Das Versagen in den Julitagen bleibt aber bestehen, weil die „Avantgarde“ in dieser Zeit auch nicht fähig war, die Richtung der Entwicklung zu verstehen.

Die Partei, während den Juli-Ereignissen unfähig zur Revolution, war jedoch fähig genug, gleich nach Ende der Revolution, andere, nicht weniger eindrucksvolle Aufgaben, zu übernehmen. Alle kritischen Einwände, die es zu Beginn des Jahrhunderts in der Diskussion um die Organisation gab, wurden nun Wirklichkeit. Rosa Luxemburgs Antwort auf „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ lesen sich geradezu prophetisch, wenn sie dem Ultrazentralismus von Lenin keinerlei Schöpferischen, dafür aber einen Nachtwächtergeist konstatiert.

Die Disziplin, die Lenin meint, wird dem Proletariat keineswegs bloß durch die Fabrik, sondern durch die Kaserne, auch durch den modernen Bürokratismus, kurz – durch den Gesamtmechanismus des zentralisierten bürgerlichen Staates eingeprägt. Doch ist es nichts als eine missbräuchliche Anwendung des Schlagsworts, wenn man gleichzeitig als Disziplin zwei so entgegengesetzte Begriffe bezeichnet, wie die Willen- und Gedankenlosigkeit einer vielbeinigen und vielarmigen Fleischmasse, die nach dem Taktstock mechanische Bewegungen ausführt, und freiwillige Koordinierungen von bewussten politischen Handlungen einer gesellschaftlichen Schicht; wie den Kadavergehorsam einer beherrschenden Klasse und die organisierte Rebellion einer um die Befreiung ringenden Klasse. [24]

Rosa Luxemburg bringt es hier auf den Punkt. – Emanzipation kann nicht „diszipliniert“, nach dem Taktstock vollbracht werden, weil sie die bewusste, kreative Handlung von Individuen in einem Kollektiv darstellt.

Eine Analyse der Gewerkschaften zeigt, dass nicht etwa deren Führungen versagen, Fehler gemacht oder etwa Verrat begangen haben, sondern es zeigt sich, dass sie Teil des Systems der Ausbeutung sind. Sie integrieren aufstrebende Elemente aus der Klasse in das System. Die existierenden Gruppen, hier im besonderen die trotzkistischen [25] sehen in den unterdrückten Elementen nur eine Masse, die geführt werden muss. Diese Einstellung zwischen Partei und ArbeiterInnen herrscht auch innerhalb der Organisationen, zwischen dem Führungsapparat und der Basis.

Diese Spaltung zwischen FührerInnen und Geführten ist Norm. Diese Kritik am Bolschewismus ist also weder psychologischer noch moralischer Natur, sondern soziologischer Art. Sie richtet sich nicht gegen Personen, sondern gegen ein Organisationskonzept, das umso auffälliger ist, da sich der bürokratische Charakter nicht unmittelbar durch die Bedingungen der Ausbeutung bestimmt.

Hauptargument des Leninismus ist es, dass das Subjekt nur zu einem tradeunionistischem Bewusstsein fähig ist. Um nicht der herrschenden Ideologie zu verfallen, ist es notwendig, es politisch zu schulen.

Politik ist jedoch nicht lehrbar [26] sondern muss vielmehr aus der konkreten Lebens- und Verhaltensweise entwickelt werden. Diese Auffassung führt zu einer völlig neuen Vorstellung von der Tätigkeit eines Militanten. Es kann nicht mehr darum gehen, als „Volkstribun“ jede Gelegenheit zu nutzen, die sozialistischen Forderungen zu erläutern. Der /die politische AktivistIn ist somit nicht mehr „FührerIn“, sondern emanzipatorisches Element in einem Prozess.

Im Staatssozialismus wurde die Partei nicht durch schlechte organisatorische Richtlinien pervertiert, sondern die Partei (neuen Typs, mit ihrem Führungsanspruch) verhindert mit ihrer reinen Existenz eine emanzipatorische Demokratie.

Georg Lukacs beschreibt in Geschichte und Klassenbewusstsein den Grundwiderspruch des Bolschewismus mehr als deutlich:

Das bewusste Wollen des Reiches der Freiheit kann also nur das bewusste Tun jener Schritte bedeuten, die diesem tatsächlich entgegenführen. Und in der Einsicht, dass individuelle Freiheit in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nur ein korruptes und korrumpierendes, weil auf die Unfreiheit der anderen unsolidarisch basiertes Privileg sein kann, bedeutet es gerade: den Verzicht auf individuelle Freiheit. Es bedeutet das bewusste Sich-unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist … [27]

In diesen Worten Lukacs erkennt man unschwer einen jüdisch-christlichen Entsagungs- und Aufopferugsgeist. Emanzipation wird auf ein Endziel reduziert. Genau so kann aber Emanzipation nicht funktionieren. Eine Bewegung, die auf der Arbeitsteilung von Kopf- und Handarbeit beruht, wird auch wieder nur eine Gesellschaft hervorbringen, die auf Arbeitsteilung basiert. Alles andere zu glauben, würde bestenfalls Dummheit voraussetzen, schlimmstenfalls wäre es einfach nur reaktionär. – Ein Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft bedeutet gleichzeitig ein Kampf gegen die Organisationen, gegen die TrägerInnen der Unterdrückung in der Bewegung selbst. Verzicht auf individuelle Freiheit bringt niemals ein mehr an Freiheit, auch wenn dies noch so „dialektisch“ erklärt wird.

Noch deutlicher tritt das Bild von Emanzipation bei Lukacs in der Frage Partei und Parteimitgliedschaft auf. Einzelne Parteimitglieder können sich irren, die Partei aber nie. Hier stellt Lukacs den Gesamtwillen der Partei dem isolierten Individuum entgegen, anstatt eine Ungleichzeitigkeit von Klassenbewusstsein anzunehmen. Folglich fehlt jede Möglichkeit zur kollektiven Meinungsbildung und die Durchsetzung alternativer Politik wird verunmöglicht. – Dies ist der Gegensatz zu der Überlegung, wie den das „Reich der Freiheit“ antizipatorisch sowohl in den Kämpfen als auch in den Organisationsformen vorwegzunehmen sei. Die kritische Ausformung einer politischen Position wird zugunsten der Unterdrückung konkreter Erfahrungen aufgegeben, und damit auch die Funktion einer politischen Führung. Nicht die kontinuierliche Anhäufung und Koordinierung von Erfahrungen und deren Umsetzung bestimmen die Analyse und Handlungsanleitung, sondern die vorgegebene, abstrakte „Totalität“ in den Köpfen der Führung.

[1Frank Deppe, Politisches Denken im 20. Jahrhundert, Die Anfänge, VSA Verlag Hamburg 1999, S. 182

[2„der Sozialismus stellt heute die neue Elite“ V. Pareto, Les Systemes Socilistes, Oeuvres Completes, Band 5, zitiert nach F. Deppe, S. 193

[3V. Pareto, zitiert nach G. Lambertz, S. 35

[4V. Pareto, zitiert nach, Wilfried Röhrich, S. 89

[5Wilfried Röhrich, S.171

[6vgl. hierzu auch Frieder Naschold, Organisation und Demokratie, S. 12 ff

[7ebd., S. 13

[8R. Michels, zitiert nach G. Lambertz, S. 41

[9R. Michels, zitiert nach Wilfried Röhrich, S.66

[10R. Michels, ebd., S. 59

[11R. Michels, zitiert nach W. Röhrich, S. 60

[12R. Michels, ebd., S.102

[13R. Michels, ebd., S. 76

[14R. Michels, ebd., S. 80

[15R. Michels, ebd., S. 70

[16Diese Überlegungen haben eine besondere Berechtigung, wenn man sich das Agieren der ArbeiterInneneliten in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus genauer betrachtet. Aber auch in Sozialpartnerschaftlichen Strukturen weichen die VerhandlerInnen immer wieder zurück, um nicht „Gefahr“ zu laufen, „alles“ auf Spiel zu setzen.

[17Und auch in „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ (1904)

[18LW, Bd.5, S. 436

[19G.Lukacs, Lenin, Luchterhand, 1969, S. 35

[20Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Bd. 2.2, S. 831, Fischer 1982

[21ebd., S. 429

[22Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Bd. 1, S. 129

[23Georg Lukacs, Lenin, Luchterhand, 1969

[24R. Luxemburg, Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie

[25Auf die maoistischen, castristischen, hodscheristischen wird nicht eingegangen, da sich diese Gruppen entweder in der Vergangenheit oder in der Gegenwart an staatssozialistischen Konzepten orientieren. Sie sind in der einen oder anderen Form Anhängsel einer Bürokratie und identifizieren gesellschaftliche Emanzipation mit Elitenaustausch. Wohl gibt es auch innerhalb des Trotzkismus Tendenzen, die die Emanzipation auf den Elitentausch reduzieren, der wesentliche Unterschied zwischen den Strömungen liegt jedoch darin, dass letztere das „Glück“ hatten, keinen Staat, kein „Vaterland der Werktätigen“ zu besitzen.

[26Im abstrakten Sinne

[27Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewusstsein, S. 318

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2002
Nummer 2, Seite 30
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Marcus Gassner:

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