Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1998 » ZOOM 5/1998
Thomas Schmidinger

Elend und Rebellion

Ägyptens Bevölkerung will ihr soziales Desaster nicht länger akzeptieren

Seit die strengen Auflagen des Internationalen Währungsfonds und die neoliberale Wirtschaftspolitik Präsident Mubaraks das Land heimsuchen, verarmen immer mehr Menschen. Während es einer kleinen Minderheit von Neureichen – bestehend aus Militärs und Geschäftsleuten – in atemberaubender Geschwindigkeit gelungen ist, extrem reich zu werden, ist der Lebensstandard der einfachen Bevölkerung ebenso rapide gesunken.

Analphabetismus

Bereits unter Präsident Sadat in den Siebziger Jahren schwor die Ägyptische Regierung dem „Arabischen Sozialismus“ Gamal Abd an-Nassers ab. Die Wirtschaft wurde wieder ausländischen Investoren geöffnet. Der Großteil der Industrie wanderte wieder in Privatbesitz. Preisstützungen für Grundnahrungsmittel wurden abgebaut. Trotzdem blieben viele soziale Errungenschaften des Nasserismus erhalten. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung konnte halbwegs aufrecht erhalten werden. Die Bildung der Bevölkerung nahm weiter zu, der Analphabetismus ab.

Seit einigen Jahren hat sich aber auch dieser Trend umgekehrt. Hatte die Analphabetenrate in den Fünfzigerjahren – zum Zeitpunkt der Revolution der „freien Offiziere“ mit Gamal Abd an-Nasser an der Spitze – noch bei rund 75% gelegen, so gelang es den Regierungen Nasser und Sadat, diese laut UNESCO bis 1980 auf 45.7% zu reduzieren. Seither gelingt es aber nicht einmal mehr, diesen Stand zu halten, und 1985 gab die UNESCO-Statistik bereits wieder 55.5% an. Laut verschiedensten Schätzungen beträgt die Rate heute schon wieder 60% oder mehr. Besonders davon betroffen sind die Frauen. Von ihnen können 80% weder lesen noch schreiben.

Die medizinische Versorgung ist am Ende

Die medizinische Versorgung hat sich in den letzten zehn Jahren auch drastisch verschlechtert. Die Gesundheitsausgaben, die unter Nasser noch rund 4% des Gesamtbudgets ausmachten reduzierten sich unter Mubarak auf 2% und werden unter dem Druck der IWF-Auflagen weiter reduziert. Krankenversicherungen sind für den überwiegenden Großteil der Bevölkerung nicht bezahlbar, gute Spitäler schon gar nicht. Der Großteil kann es sich nur leisten, in den verschiedenen charitativen Einrichtungen von islamischen und christlichen Organisationen behandelt zu werden. Kein Wunder, daß unter diesen Bedingungen längst besiegt geglaubte endemische Krankheiten wie Billharziose oder Malaria wieder dramatisch zunehmen.

Daß sich der Staat immer weniger um die medizinische Versorgung der Bevölkerung kümmert, ist – neben dem gesamten sozialen und politischen Desaster – auch einer der Gründe für den Zulauf, den islamistische Gruppen in Ägypten seit einigen Jahren zu verzeichnen haben. Viele der medizinischen Einrichtungen der islamischen Wohlfahrtsorganisationen werden von politisch engangierten Islamisten betrieben, und natürlich hat es auf die Dauer Folgen, wenn die Islamisten mehr für die Armen tun als die Regierung.

Neoliberalismus am Nil

Hintergrund dieser katastrophalen sozialen Situation bildet die weitere Liberalisierung der Wirtschaft durch Präsident Mubarak, der das Land in einen typischen „3.Welt-Kapitalismus“ geführt hat. Zur Zeit werden auch schon Schlüsselsektoren der Wirtschaft wie die Telephongesellschaften, die Eisenbahnen oder die Elektrizitätsversorgnung privatisiert bzw. an ausländische Investoren verkauft. Dies bringt zwar auch einen gewissen Reichtum ins Land, einen Reichtum allerdings, der nur wenigen zugute kommt.

Die Masse der Bevölkerung kann sich nur noch mit irgendwelchen Geschäften im Bereich der Schattenwirtschaft über Wasser halten. Millionen von Ägyptern müssen gleichzeitig zwei oder drei Berufe ausüben, um über die Runden zu kommen. Die Hälfte der Stadt Kairo besteht aus Armenvierteln: informelle Siedlungen, die von den Bewohnern selbst errichtet wurden, die überbevölkerte und verslumte Altstadt, die Müllstädte der Müllsammler oder die Totenstädte – islamische Friedhöfe, auf denen die Lebenden ihre Hütten zwischen den Gräbern der Toten errichtet haben.

In Oberägypten ist es vielfach noch schlimmer. In manchen Dörfern sterben kleine Mädchen bereits wieder an Mangelerscheinungen. Wenn nicht genug für alle Kinder einer Familie da ist, sind es die Mädchen die als erste verhungern. Unter diesen Bedingungen kann es kaum verwundern, daß die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst.

Da der Vorgänger Mubaraks, Präsident Sadat, die islamische Opposition – insbesondere die damalige Studentenorganisation Gamaa Islamiya – förderte, um die Linke Opposition zu zerschlagen, sind von eben diesen Linken nur mehr spärliche Reste übriggeblieben. Soziale Unzufriedenheit treibt deshalb die Armen Ägyptens vor allem in die Arme der beiden islamistischen Untergrundorganisationen Gamaa Islamiya und Jihad Islami, oder in die legale islamistische Opposition der Muslim Bruderschaft, eine gemäßigte, konservative Bewegung religiöser Muslime.

Repressive Demokratie

Opposition, die über einen eng begrenzten erlaubten Rahmen hinausgeht, wird jedoch vom Staat mit äußerster Brutalität zerschlagen. Die legale Opposition leidet unter Zensur und Verhaftungen von Journalisten. Im Juni wurden sogar einige Parteivorstandsmitglieder der liberalen Wafd Partei festgenommen. Bereits zuvor wurden zwei Vorstandsmitglieder der Nasseristen zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt.

Schlimmer ergeht es jenen Menschen, die nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Die Bevölkerung in den Armenvierteln Kairos oder den Dörfern Oberägyptens berichtet immer wieder von willkürlichen Verhaftungen und Erschießungen. In vielen Dörfern Mittelägyptens wagen sich die Menschen nach Einbruch der Dunkelheit gar nicht mehr aus ihren Häusern. Zu groß ist die Angst, „irrtümlich“ als Terrorist erschossen zu werden.

Diese Bevölkerung leidet unter einem Bürgerkrieg auf Sparflamme, der sich bei einer weiteren Verschärfung der sozialen und politischen Lage zu einem Flächenbrand ausweiten könnte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1998
ZOOM 5/1998, Seite 31
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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