Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2014 » Nummer 52
François Naetar
Reflexionen über die Entwicklung der Grundrisse (2001 – 2014)

Einstellung der Grundrisse – doch wir tun weiter!

Den ersten Kontakt zu den grundrissen hatte ich bei einem mehrtägigen Seminar über Empire von Hardt und Negri. Zum ersten Mal nach vielen Jahren hatte ich den Eindruck an einer philosophisch politischen Diskussion teilzunehmen, die interessant war und wo die TeilnehmerInnen einander nicht gegenseitig ihre alten Argumente an den Kopf warfen sondern versuchten einander zuzuhören. Zuvor hatte ich mich nach dem jahrelangen Engagement beim maoistischen Kommunistischen Bund (KB) für 20 Jahre von den meisten politischen Aktivitäten zurückgezogen. Allerdings hatte die intensive Auseinandersetzung mit Marx und insbesondere mit dem Kapital (der KB führte jeweils eine Woche dauernde Schulungen, Diskussionen über den ersten und dritten Band des Kapitals durch) mir klar gemacht, dass die einzig solide Analyse des Kapitalismus und seiner Tendenzen noch immer am ehesten im Kapital zu finden sei. Schon der Name grundrisse war daher für mich Anregung.

Die Diskussionen über Empire erweckten bei mir nicht nur die Hoffnungen, hier auf Marx aufsetzend die Entwicklungen im kapitalistischen Weltsystem der letzten Jahre zu verstehen sondern machten mir auch die Entwicklungen an meinem Arbeitsplatz verständlicher. Ich arbeitete seit Mitte der Siebziger Jahre in großen multinationalen Konzernen (Siemens, Philips und Nixdorf) im Bereich der Softwareentwicklung. Sowohl von ihrer Position im Verhältnis zu den nationalen Ökonomien, wie auch in der Entwicklung der internen Produktionsprozesse fanden große Veränderungen statt. Europäische Multis wie Siemens verloren langsam ihre staatlich gestützte Monopolstellung, die ihnen gestattete mit hohen Gewinnspannen langfristig zu planen und zu kalkulieren. Gleichzeitig wurden die Produktionsprozesse immer komplexer und verlagerten sich von „hardwaregesteuerten“ sich nur langsam ändernden proprietären (firmenspezifischen) Technologien in „softwaregesteuerte“ auf zunehmend standardisierte Hardware aufsetzende Verfahren. Anders ausgedrückt die verhassten bürokratisch standardisierten fordistischen Produktionsverhältnisse begannen sich aufzulösen. Diese Prozesse besser zu verstehen, versprachen die Arbeiten von Hardt und Negri und die Auseinandersetzung mit den älteren operaistischen Theorien.

Den Verlust der Kontrolle durch das Management, das immer weniger von der realen Inhalten der Produktion verstand machte auch die Überlegungen zum zunehmend parasitären Charakter des Kapitals und der Verlagerung des Wissens in die Köpfe der Produzenten, wie sie Negri feststellte, plausibel. [1] Eine weitere wichtige Erkenntnis dieser Jahre war den Zusammenhang zwischen den Formen der Produktion und den der Politischen Organisationsformen zu erkennen. So wie sich die großen hierarchischen von oben nach unten gesteuerten Betriebe aufzulösen begannen so lösten sich zunehmend auch die ähnlich hierarchischen Organisationsformen in politischen Gruppen und Partien auf und die neuen Bewegungen zeichneten sich eher durch ihre Vernetzung und horizontale Verbindungen aus. Diese Organisationsformen gestatteten auch heterogene politische und soziale Organisierungen zu entwickeln, wie sie in den Antiglobalisierungs­demonstrationen und bei den sozialen Foren ihren Ausdruck fanden.

Für diese neuen Organisationsformen standen (und stehen) auch die grundrisse. Diese zeichneten sich nicht nur dadurch aus, dass die Redaktionsmitarbeiter in den verschiedensten linken Organisationen vorher aktiv waren. Neben früher in trotzkistischen und maoistischen Organisationen tätigen GenossInnen waren in der Redaktion auch AktivistInnen, die sich in den autonomen Bewegungen organisiert hatten und andere, die erst durch die Proteste gegen die schwarz-blaue Regierung aktiviert wurden. Für mich war es nach den meist unproduktiven Auseinandersetzungen innerhalb der sogenannten Kaderorganisation bzw. dem Gerangel zwischen diesen und den autonomen Initiativen ein Vergnügen mit GenossInnen, die eine weitgehend unterschiedliche politische Sozialisationen erlebt hatten, zusammenzuarbeiten. Die Freude an neuen Erkenntnissen über gesellschaftliche Entwicklungen, das Vergnügen wieder ohne Scham das „K-Wort“ Kommunismus aussprechen zu können, die Erkenntnis und der Glaube, dass der Widerstand der Ausgebeuteten vorrangig ist und die herrschenden Klassen, diejenigen sind, die reagieren (müssen) gestatteten, dass sich ein Klima des vorsichtigen Optimismus entwickeln konnte, den ein deutsche Genosse kritisch als die „Wohlfühlpartie in Wien“ bezeichnete – wo diese Bezeichnung voller Freude angenommen wurde.

Auch in den veröffentlichten Artikeln wurden unterschiedlichste Standpunkte eingenommen: Da gab es den eher der Schule der Regulationstheorie nahestehenden und aus der universitären Forschung kommenden Artikel, den in der „postoperaistischen“ Tradition von Deleuze und Guattari stehenden Beitrag; daneben natürlich die Artikel, welche die aufkeimende Marxinterpretation aufnahm und kritisierte und solche, die aus dem anarchistischen Umfeld stammten. Teilweise gelang es auch feministische Artikel zu veröffentlichen, die, getragen von der Rezeption von Judith Butler, in die Debatten eingriff, und auch der antirassistischen Bewegung Platz für Veröffentlichungen zu bieten.

Leider sind viele dieser „Querverbindungen“ im Laufe der Zeit weniger und weniger geworden, was auf die Schwierigkeiten der linken Bewegungen hinweist, strömungsübergreifend handeln zu können [2] und meiner Meinung auch einer der Gründe ist, weswegen wir die Zeitschrift einstellen.

Trotz des strömungsübergreifenden Charakters der grundrisse gab es auch einige Fixpunkte, in denen sich die Artikel von anderen Zeitschriften unterschieden:

  • Die grundrisse waren staatskritisch und Artikel, die Hoffnungen auf das Eingreifen des Staates setzten, wurden nicht veröffentlicht.
  • Leninistische Parteikonzepte wurden im Wesentlichen abgelehnt, wenn auch das Verhältnis zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Redaktion sehr unterschiedlich war.
  • Den Kapitalismus als eine vollständig totalisierende Gesellschaftsformation zu betrachten, die Klassenkampf und andere Kämpfe zur gesellschaftlichen Emanzipation als rein innerkapitalistische Veranstaltung interpretieren wollen, gaben die grundrisse keinen Raum.

Neben der Auseinandersetzung mit Negri war für mich die Entdeckung des französischen Philosophen Alain Badiou ein wichtiges Resultat der Mitarbeit an der Zeitschrift. Als selber aus der maoistischen Bewegungen kommend, gefiel und gefällt mir seine kritische, aber die Vergangenheit nicht blind ablehnende Auseinandersetzung mit dem Maoismus und insbesondere der chinesischen Kulturrevolution. Wichtiger ist mir aber was anderes bei ihm: Er versucht sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was nach dem Ende der staatsorientierten Parteien als revolutionäre Organisationen – in erster Linie die kommunistischen Parteien, heute eine (Selbst)organisation sein kann, die den Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie überwindet. Im Mittelpunkt steht bei ihm die Frage, wie etwas Neues in die Welt kommt und Ausgangspunkt ist für ihn ein Ereignis und die Wette darauf, dass sich aus den subjektiven Folgerungen aus dem Ereignis eine politische Spur entwickelt, die aus dem herrschenden Selbstverständnis und Gesetz ausbricht. Es war daher naheliegend in einem Arbeitskreis den ersten Band seines Hauptwerkes Sein und Ereignis durchzuarbeiten und zu diskutieren. Mit über 10 TeilnehmerInnen zu Beginn, wobei einer zufällig an den zentralen mathematischen Theorien, auf denen das Buch gründet, arbeitete, schien die Möglichkeit gegeben hier neue Elemente in die innerredaktionelle Debatte zu bringen. Leider scheiterte der Arbeitskreis nach fünf, sechs Treffen und ich selber war auch nicht in der Lage in Artikeln an diesen Fragen weiterzuarbeiten.

Eine wunderbare Möglichkeit verschiedenste Themen tiefer zu besprechen, stellten die Sommerseminare dar, die bis auf einmal in dem kleinen Ort Hegymagas am Balaton stattfanden und die wir auch nach der Einstellung der grundrisse weiterführen wollen. Die Themen reichten von Staats- und Klassentheorien bis zu Genderthemen und es nahmen tw. über 20 Personen an ihnen teil. (Die Fotos, die wir in dieser Nummer veröffentlichen, stammen zu einem guten Teil von diesen Seminaren.) Höhepunkt der Seminare waren die von Karl Reitter gegrillten Tandoori Hühnerkeulen. Der wunderbare Tagungsort mitten in den Weinbergen mit einer phantastischen Aussicht auf den See ist sicherlich jeder/jedem, der daran teilnahm in Erinnerung.

Der Versuche aus dem Umfeld der grundrisse eine politische Organisation (die Superlinke) zu initiieren scheiterte ja leider. Das Konzept war in einer lockeren Organisation die verschiedensten Strömungen unter eine lose gestaltetes Dach zu bringen ohne an den diversen existierenden Formen von Organisation und Mitgliederreglungen etwas zu ändern. Auch wenn es an manchen der Veranstaltungen eine große Anzahl von TeilnehmerInnen gab, gelang es nicht die Generation der 20ig-jährigen zu gewinnen. Meiner Meinung nach ist es ohne die Teilnahme dieser Altersgruppe an einer Organisation sehr schwer genügend Kraft zu entwickeln, um dann viele andere zu aktivieren, sich der Organisation anzuschließen.

Ja was sind nun meine Gründe, warum ich dem Ende der Papierzeitschrift grundrisse zustimme. Sicher sind es nicht die sich immer mehr verringernden ständigen Teilnehmer an der Redaktionsarbeit. Wenn ich den Eindruck hätte durch die Zeitschrift etwas sozial und politisch bewegen zu können, wie das bis zu einem gewissen Grad in den Jahren der „Hochblüte“ der Zeitschrift der Fall war, würde sich dennoch der Einsatz meiner Meinung nach lohnen. Zwar wurde die Publikation auch in den letzten zwei Jahren mit Wohlwollen vom Publikum aufgenommen und wir erhielten während der ganzen Zeit nicht wenige Artikel zu gesandt, meist aus Deutschland von Schreibern (fast alle männlich) unserer Generation der 50 – 70jährigen, aber die Zeitschrift lief einfach wie ein Zug der nicht stehen bleiben kann und will.

Für mich finden sich die Hauptgründe, die ein Weitermachen in der bestehenden Form wenig sinnvoll machten, in der politisch-sozialen Krise vor allem in West und Nordeuropa. Noch 2011 waren wir in der Redaktion der Meinung, dass sich aus den Bewegungen des arabischen Frühlings, den Kämpfen in Südeuropa und den Occupy Ansätzen in den USA eine weltweite neue linke Bewegung konstituieren könnte. Analysen dieser Bewegungen waren auch ein theoretisches Feld das sich in Artikeln und Büchern von Negri, Zizek bis Badiou widerspiegelte. Auch dass Kongresse über den Begriff Kommunismus mit tausenden TeilnehmerInnen organisiert werden konnten, war sehr ermutigend. Meiner Meinung nach sind aber die sichtbaren Spuren dieser Ereignisse sehr schwach. Ganz sicher zeigen sie sich in potentiellen und realen Gewinnen bei den Wahlen in Griechenland und Spanien. Wobei für mich unklar ist, ob daraus mehr als eine Wahlbewegung entsteht. Jedenfalls gibt es kaum theoretisch praktische Debatten über die globale Relevanz dieser Schritte und deshalb findet sich auch kein Widerhall in den theoretischen – philosophischen Artikeln unserer Zeitschrift.

Wie partiell die Wahrnehmung der Welt zur Zeit – zumindest in Österreich ist – zeigen der Elan mit dem die mutigen Kämpfe der syrischen Kurden in Rojava insbesondere in Kobané unterstützt werden, während es kaum Interesse in der Linken gibt sich mit den Ereignissen in der Ukraine auseinanderzusetzen, die schon bisher über 4000 Tote forderte und die Kriegsgefahr in Europa gefährlich ansteigen ließ. Unser Versuch einer Debatte darüber hatte kaum mehr als 20 TeilnehmerInnen. Ich habe den Eindruck, dass die Linke den brennenden Fragen zurzeit eher ausweicht und lieber auf bekanntem Terrain bleibt. Ohne mit der Wimper zu zucken (und zu Recht) wird für die Bewaffnung des kurdischen Widerstands Geld gesammelt während doch gerade noch die Abschaffung der Wehrpflicht aktuell war. Die Verwirrung — auch bei mir — ist groß.

Vielleicht ist gerade ein monatlicher jour fixe und hoffentlich daraus entstehende Sommerseminare ein Weg für die im Kontext der grundrisse stehenden Menschen einen Beitrag zu hoffentlich in der Linken einsetzenden Debatte zu leisten.

[1Die Übergangszeit zwischen der starren fordistischen Produktion und der Verfestigung der postfordistischen Verhältnisse mittels Ausdehnung der marktförmigen Beherrschung der Produktion bis in die kleinsten Gruppen der Firmen hinein, zu beschreiben, wäre wert ausführlich dargelegt zu werden. Hier nur so viel: In dieser Phase verlor das Management die Fähigkeit die avancierten Bereiche der Produktion zu kontrollieren und die sich in vielen Bereichen selbstorganisierenden Produzenten erfreuten sich gegenüber früher unverhältnismäßig vieler Freiheiten. Unser Team kooperierte z.B. am Management mehr oder weniger vorbei mit diversen Gruppen in Kalifornien. Von meinen Exkollegen, die jünger waren als ich und weiterhin in der Industrie arbeiten, wird diese Phase als die „goldenen Jahre“ dazwischen empfunden.

[2In den 13 Jahren des Erscheinens der grundrisse gab es nur wenige Aktionen und Demonstrationen, an denen sich das ganze linke Spektrum beteiligte; meist waren es die in dem jeweiligen Thema Aktiven, die sich beteiligten und andere wussten oft nicht einmal davon.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2014
Nummer 52, Seite 18
Autor/inn/en:

François Naetar:

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