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Franz Schandl
Einlauf

Kapitalismus Omega

Wenn wir vom Kapitalismus reden, wovon sprechen wir? In den letzten Monaten ist er ja in Verruf gekommen. Von links bis rechts gibt man sich ganz antikapitalistisch. Die Vorstellungen über ihn sind freilich mehr vage als präzis, mehr vulgär als analytisch. Da kann es schon vorkommen, dass hierzulande satte 90 Prozent vehement gegen den Kapitalismus sind, aber ebenso 90 Prozent die Marktwirtschaft frenetisch befürworten.

Ach, wäre sie nur gefesselt, die Marktwirtschaft, dann würde nie ein böser Kapitalismus daraus werden. So einfach könnte man das antikapitalistische Ressentiment auf seinen primitivsten Nenner bringen. Und dann treten sie auf die Gendarmen von Kapital und Arbeit, Geld und Gerechtigkeit. Stets stellen sie die Folgen, aber nie die Ursachen des Systems in Frage. Im Gegenteil, nicht nur den Wert himmeln sie an, auch ihre ideellen Werte beziehen sie aus dem bürgerlichen Universum. Sie gleichen Gefangenen einer Fiktion, sie vermögen deswegen nicht anders denken, weil sie ihrer Konstitution unkritisch gegenüberstehen.

Indes, der Kapitalismus ist nicht analysiert, wenn Wert und Ware, Arbeit und Konkurrenz bestimmt sind. Es gilt daher auch aufzupassen, dass die konzentrierte Wesensschau der Abstraktionen nicht zu einer rein scholastischen Veranstaltung verkommt. Die kategoriale Sichtung ist zwar unbedingt notwendig, sie ersetzt jedoch keine konkreten Untersuchungen der jeweiligen Lagen und Situationen. Die Verunreinigungen machen die Sache erst so richtig spannend. Diesen Herausforderungen möchten wir zukünftig mehr Aufmerksamkeit schenken. Das ist auch praktisch geboten.

Sollte der Kapitalismus zusammenbrechen, dann ist das aktuell kein Grund zum Feiern. Ohne Alternative ist das schlichtweg ein Horrorszenario. Die Entwicklung von Perspektiven ist dringlicher denn je. Ohne gesellschaftliche Transformation, die eine bewusste Transvolution sein muss, droht eine rasche Barbarisierung der Verhältnisse. Wir wollen dem Kapitalismus jedenfalls keinen Kredit geben. Wir wollen ihn nicht. Nicht Kapitalismus 2.0, sondern Kapitalismus Omega heißt der Schwerpunkt dieser Nummer. Das ist durchaus programmatisch gemeint. In diesem Sinne wünschen wir eine anregende Lektüre mit tatkräftigen Folgen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2009
Heft 45, Seite 2
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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