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Bogdan Bogdanović

Eine Stadt nach Maß des Menschen

1974

Noch bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts bot sich europäischen Reisenden das äußere vieler orientalischer Städte als ein wahres Bild des Wundersamen. Bei vielen Städten schien dieser Eindruck beabsichtigt und arrangiert, als wollten sie sagen: Seht her, wir sind Fatamorgana-Städte! Daß es sich nicht nur um überspannte Schwärmereien europäischer Vagabunden und Reiseschriftsteller handelte, können auch bestimmte Toponyme bezeugen wie Samara, das etymologisch zergliedert beispielweise bedeutet: Freude für den, der sie sieht ...

Als ich das erste Mal, ein kleines Kind, aus der Schmalspurbahn, die sich von den umliegenden Bergen herabließ, Sarajevo erblickte, war das eine wirkliche Freude für die Augen. Wie so oft, trug die naive Etymologie zum Erlebnis bei: Sarajevo wurde auf einmal zu Karavan-saraj-evo, was wohl so viel heißen sollte wie: Komm, kleiner Reisender, und ruhe dich aus!

1981

Wie viele Male habe ich mir gesagt, daß eine Stadt nur dann eine wahre Stadt ist, wenn sie ihre Persönlichkeit hat, ihr psychologisches Profil, ihren Charakter, ihre Erscheinung, ihre Art des Umgangs mit sich selbst und mit der Außenwelt, mit fremden Gästen, mit der Umwelt, mit der Natur, mit anderen Städten. Aus vielen oftmals wiederholten Gründen müßten sich Städte lesen lassen und weise sein wie weise Bücher ...

Stadt und Roman z.B. — die Korrelation gibt es. Nicht nur, daß der Roman eine urbane Form ist zum Unterschied, sagen wir, vom Lied, sondern es gilt auch die Regel, daß in jedem großen Roman mindestens eine große Stadt vorkommt. Aber es gilt auch umgekehrt: In jeder großen Stadt ist zumindest ein großer Roman beheimatet. Den Roman Sarajevo habe ich in Momenten der Ruhe und in anderen seltsamen Augenblicken persönlicher Weisheit gelesen. Es gibt glückliche Bücher, in die der Mensch nur hineinschaut, wenn er glücklich ist und wenn er „alle Schäfchen im Stall“ hat.

1976

Und jetzt soll mir niemand weismachen wollen, ich hätte übertrieben, als ich einmal sagte, die Stadt, jede Stadt, besonders bestimmte unter ihnen, seien eine hervorragende Beobachtungsplattform der Welt bzw. ein unersetzliches Instrument des Allwissens!

Notiert, ich erinnere mich genau, unmittelbar nach einer Rückkehr aus Sarajevo. Es scheint so gewesen zu sein, daß sich mit einem Mal etwas aus weiter Ferne betrachten ließ.

1974

Irgendwo zwischen der Schicht des Sehens und der Schicht des Verstehens, irgendwo zwischen dem realen Bild der Welt und der Welt der Idee, befand sich die Stadt Hurqualya, das schiitische Pendant zur manichäischen Terra lucida. Ein Zustand beginnender Transzendenz, irgendwo in den Bereichen philosophisch-dichterischer Bilder lokalisiert, hat den Ornat einer Stadt angenommen, um sich in ihrer Vollkommenheit zu erweisen. Diese platonische Vorstellung verweist auf die einfache Wahrheit, daß die Stadt, eine gewöhnliche, aber auch manche auserwählte Stadt, sowohl eine verehrte diesseitige Erscheinung sein konnte als auch ein kognitives Modell, ein Lehrmittel, ein verheißenes Instrumentarium, ein Instrumentarium zum Verständnis der Welt.

Die Beobachtungsplattform ist jetzt zerstört, das Instrumentarium schartig ... dieses verheißene Instrumentarium des Logos.

1975

Ich gehe davon aus, daß manch einer unser etwas seltsames Sprichwort kennt: In die Stadt, wann du willst, aus der Stadt, wenn sie dich läßt. Ich glaube, daß sich sein Sinn ziemlich gut mit jener anderen orientalisch-gewitzten Spruchweisheit deckt: Leicht kommst du nach Siraz hinein, nur wie wieder heraus? In vielen Städten des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens war „den Weg kennen“ die Voraussetzung, um sich in der Stadt überhaupt bewegen zu können. Wie wichtig die Kenntnis des Weges war, das war auch physisch, nämlich bei jedweder Art des Verirrens, zu fühlen und zu begreifen. „Den Weg kennen“ muß man indes auch als übertragenen Hinweis verstehen. Es handelt sich um eine metaphysische Voraussetzung, die nicht nur im Orient, sondern auch im Westen jahrhundertelang zahlreiche Phantasien von unbekannten Labyrinth Stadt gespreist und evoziert hat, und von dem wunderbaren Unbekannten, das sich in seiner Mitte verbirgt. Es galt, bis zum Zentrum vorzustoßen, doch auch umzukehren und herauszukommen ... Die Idee einer nostalgischen Hoffnung!

Die Theorie des Labyrinths kennt die Geheimnisse, die das Sich-Bewegen, Durchschreiten und Herausfinden aus den kompliziertesten Labyrinthkonstruktionen ermöglichen. Versperrte Labyrinthe, ohne Ausgang, ohne Hoffnung, gibt es nicht. Die Fernsehbilder aus Sarajevo, allnächtlich, enthüllt etwas Gegenteiliges: ein Stadt-Labyrinth, aus dem es auch theoretisch kein Entkommen gibt.

1974

In der näheren und fernen Vergangenheit konnten die Städte, mehr als heute, selbst auftreten und sich präsentieren, und dabei standen ihnen auch viele seit uralten Zeiten bekannten Mittel der Faszination zur Verfügung — von der Wahl ihrer herrlichen Lage bis zur Verleihung eines wunderschönen Namens. Wenn wir z.B. erfahren, daß der Namen der persischen Stadt Yezdi-ghara soviel bedeutet wie „Ansiedlung der Vögel“, fällt es schwer, nicht an Nephelokokkygia, an das Wolkenkuckucksheim des Aristophanes, erinnert zu werden. Es bleibt uns dennoch zu raten übrig, ob wir mit der erneuerten Version des Geistes eines antiken Utopismus konfrontiert sind oder mit einem a priori faszinierenden sprachlichen Bild, dessen Sinn in eine andere, wer weiß welche Richtung weist ...

Ich füge eine neue Assoziationskette hinzu: Stadt der Vögel ... ermordete Utopie, Stadt der toten Vögel. Gestern auf dem Bildschirm sah ich unter Platanen tote Vögel.

1975

Die Reiseschriftsteller des vergangen Jahrhunderts, die mit oder ohne Ziel tags und auch nachts beherzt durch den Nahen Osten gezogen sind, hatten die Gelegenheit, ein Phänomen zu beobachten, das uns heute größtenteils unbegreiflich ist. Es handelt sich um den seltsamen Zustand scheinbarer Nichtexistenz, der den tief entschlummerten Städten zu eigen ist. Die Reisenden berichten: teigige Finsternis, dichte Stille, kein Rauschen, kein Rascheln, kein Hauch, kein Lichtstrahl, kein Fünkchen. Kein Hund schlägt an, kein Hahn läßt sich vernehmen. Und was haben die Reisenden daraus geschlossen und notiert? Unter anderem, daß die Städte in diesem absoluten Schlaf an tote Städte erinnerten, an Nekropolen. Dieser seltsame Eindruck konnte durch den Umstand verstärkt worden sein, der den Reisenden bekannt sein mußte, daß nämlich jede islamische Stadt jener Zeit eine Stadt der Lebenden und eine Stadt der Toten zugleich war, daß Häuser und Gräber sehr oft ohne Bedenken dieselben verstreuten urbanen Räume teilten.

Wenn ich das Begraben von Menschen in Hausgärten oder auf altehrwürdigen, nun verdorrten, zu städtischen Friedhöfen umfunktionierten Plätzen, oder in jenen „freien Räumen“ à Le Corbusier sehe, kann ich nicht umhin, mich eines Berichts von Pierre Loti über idyllisches Kohabitieren Lebender und Toter zu erinnern. Die uralte Regel ist hier wieder erneuert.

1974

Die Nekropole als Stadt, neben dem Stadttor, ist ein den Archäologen gut bekanntes Motiv. Aber es ist auch ein Versprechen: Sieht es nicht so aus, als sei die in die Funeral-Architektur übertragene und in Stein gemeißelte Symbol-Stadt eine Art Treuegelöbnis gegenüber der Stadt bis ans Grab und über das Grab hinaus? Das dieseitige Bild der Stadt, das zum jenseitigen wird, erweitert den Sinn der verborgenen Botschaft. In die Stadt muß einer hineinkönnen, aus der Stadt muß einer herauskönnen, und beim Verlassen der Stadt hat er sich ihrer dankbar zu erinnern, und sei es an der Donja kapija, dem „Unteren Tor“ ...

Die Menschen, große Kinder, haben ihre Nekropolen einst kleinen Städten ähnlich gebaut. Gewöhnlich errichteten sie sie an der Außenseite der monumentalen Stadttore. Jetzt, vor unseren Augen, wird eine große Stadt zu einer Nekropole, und die einzig möglichen Ausgägne aus der Stadt führen durch die Donja kapija von Sarajevo, vermutlich direkt in die heilige Stille der Unterwelt.

Solange wir eine Stadt mit unserer Imagination erfassen und umfassen, solange ist sie Stadt, unsere Stadt, und sozusagen unsere Heimat. Deshalb ist der Begriff „Heimat“ ebenso wie der Begriff „Stadt“ für mich viel komplexer als die Definition einer lokalen Zugehörigkeit. Jede Stadt, eine kluge und schöne, eine Stadt, die noch ihre Würde bewahrt hat, kann meine Heimat sein, wenn mein Denken zu ihr vorzudringen vermag. Und umgekehrt: Mein Denken — meine einzige Heimat.

Mein Denken war längst bis Sarajevo gelangt, bis Mostar, bis Vukovar, war dort sich selbst begegnet, war heimisch geworden, und jetzt auf einmal sind meine Heimaten verbrannt, verbrennt mein Denken.

1974

Würde ich mich gleich Robert Burton entschließen, eine Anatomie der Melancholie zu verfassen, würde ich unbedingt ausführen, wie ich aus den zahlreichen zerstörten Teilen der Städten, die ich oberflächlich gesehen oder überhaupt nicht gesehen, sondern ungesehen geliebt habe, wie ich jahre-, jahrzehntelang hartnäckig versucht habe, aus ihnen eine einzige, meine Stadt zusammenzusetzen. Dieses Spiel habe ich irgendwann in den fünfziger oder sechziger Jahren begonnen, und heute ist alles, was ich auf Grund der übriggebliebenen Zeichnungen schließen darf, daß dies eitle architektonische Unterfangen aus ihm erwachsen ist und daß gerade zu jener Zeit die Städte einem raschen Wandel unterworfen waren. Stück um Stück sind die vertrauten Bilder aus meinem Blickfeld entschwunden. Mit der Umkehrtechnik habe ich anscheinend versucht, den angsterfüllten Gedanken zu verdrängen, alle Städte, alle geliebten Städte könnten zerstört werden ...

Wo ist jetzt diese meine melancholische, zusammengesetzte, persönliche Stadt? Sie ist zerstört, es gibt keinen Zweifel, das Spiel wurde abgebrochen, es gibt keinen Zweifel, der metaphysische Eros wurde ausgelöscht.

1980

Das Problem kann sehr leicht, und leichthin, auf die bekannten Spekulationen vom Typ Makrokosmos-Mikrokosmos reduziert werden, oder; Große Welt-Kleine Welt. Wenn wir uns allerdings etwas tiefer auf solche Erörterungen einlassen, werden wir auf jene schon viel komplexere und geheimnisvollere ewige Überzeugungen des Menschen stoßen, mit dem allgemeinen Ganzen durch zahlreiche ursächlich verkettete magische Analogien verbunden zu sein. In dieser Verkettung würde sich die Stadt irgendwo in der Mitte zwischen Mensch und All befinden, und sie könnte gerade deshalb als kleines All und als sehr großer Mensch zugleich begriffen werden. Die Idee ist ungewöhnlich, uralt, aber im wesentlichen durchaus vernünftig, und in meinem allertiefsten Innern glaube ich an ihre Begründetheit: ich bin eine kleine Stadt, und die Stadt ist ein großes ICH. Denn wenn ich das nicht bin, und wenn sie das nicht ist ... was sind wir dann?

Was sind wir, und wo sind wir, derart zerstückelt? Oder einfacher: Getötete Stadt, meine Asche.

1974

Ich erinnere mich an eine obsessive Metapher aus einer Epoche, die ich gern als eigene Protohistorie bezeichne. Die Figur lautet: „Die Stadt spiegelt sich im Menschen wie im Wasser.“ Ihr Sinn ist zweifellos völlig abhanden gekommen, und heute ist mir ziemlich unklar, was ich damit sagen wollte. Aber mich an diesen Anspruch erinnernd, vermag ich doch zu schließen, daß meine Reise zur Stadt vor langer, langer Zeit begonnen und daß sie ein wenig länger gedauert hat, gereist aber wurde tags und nachts. Ausgehend von diesem Wortspiel stellte ich auch folgendes fest: wenn sich die Stadt tatsächlich in jedem Menschen wie in einem Wasser spiegelt, dann trage ich als menschliches Wesen, als biologisches Einzelwesen, in jedem Teil von mir den Abglanz der Stadt oder den Abglanz ihres Bildes, die forma urbis. In jeder meiner Zellen also leuchtet eine kleine, ganz kleine Stadt, winzig wie ein unsichtbares Körnchen.

In der heutigen Version würde der notierte Satz lauten: „In jeder meiner Zellen leuchten die Polyeder einer zerstörten Stadt“, oder, noch einmal — Getötete Stadt, meine Asche.

1980

In der Stilkunde wird behauptet, die dorische Säule sei nach dem Wuchs eines jungen Mannes proportioniert, so wie die jonische Säule nach den Idealformen einer imaginären jungen Frau. Die verbreitete Maxime, jede Steinsäule verberge in sich einen darin eingeschlossenen Menschen, erinnert an die anthropomorphen Obsessionen der antiken Architektur. Würde in weiterer Folge auf der großartigen Skala vom Kosmos zum Menschen, vom Kosmos zur menschlichen Zelle, irgendwo, irgendwie eine uns unbekannte vollkommene Stadt erbaut werden, dann hätte das zu bedeuten, daß diese wahre Stadt in ihrem äußerlichen Bau das ideale Diagramm des verkleinerten Weltalls zeigen müßte, während sie in ihrem Innern die Umrisse des Menschen verbergen würde! Wieviele angestrengte systematische Phantasie wäre wohl notwendig, eine Stadt als menschenähnliche Architektur zu entwerfen, als architektonische Paraphrase!

Ist es ein Zufall? — Der Plan des zerstörten Sarajevo, wie er sich aus den Fernsehpartikel zusammensetzen läßt, erinnert unabweislich an einen Menschen, der, in einem Talbecken zu Boden geschlagen, sich unter Qualen müht, den Kopf zu heben:

Menschenbruder Sarajevo.

Aus
GIF
Wieser Verlag.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Bogdan Bogdanović:

Geboren 1922, lebt in Belgrad un Wien. Architekturstudium, 1973 Professor an der Universität Belgrad, 1981 Austritt aus der serbischen Akademie der Wissenschaften, vor allem Gestalter einer großen Zahl Denkmäler gegen Krieg und Faschismus im ehemaligen Jugoslawien, 1982-1986 Bürgermeister von Belgrad, 1987 Rückzug in die Dissidenz. Bedeutender Architekt und Autor zahlreicher, international beachteter Werke zur Architektur der Stadt, über „Symbolische Formen“, Mythos und „Menschliche Innen-Architektur“. Beiträge in internationalen Publikationen, wie El Pais, Svenska Dagbladet, Die Zeit u.a. Im Wieser Verlag erschienen: Die Stadt und der Tod, Essays 1993; Architektur der Erinnerung, Essays 1994.

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