Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 1996 - 2000 » Jahrgang 1997 » Heft 1/1997
Gerhard Scheit

Eine kritische Anmerkung zu Franz Schandls Polemik gegen den Antifaschismus

I

Im Falle Jörg Haiders gelang Franz Schandl vor kurzem eine beeindruckende und erhellende Auseinandersetzung, in der das Moderne, Neue an Haiders Politik herausgearbeitet und von den alten Formen des Faschismus und Nationalsozialismus abgehoben wurde. Die Kritik des Antifaschismus, die Schandl in der Jungen Welt formulierte (Schlagt die Bevölkerung, wo ihr sie trefft; 19.12.1996 — hier auf Seite 8 wiedergegeben) bleibt jedoch abstrakt — vermutlich aus Gründen der Polemik. Hinter der polemischen Absicht sehe ich viele Fragen, die durch vorschnelle Antworten wieder verdeckt werden.

II

Es gibt zwei bevorzugte Arten, auf eine Veränderung zu reagieren — die einen sagen: nichts habe sich geändert, die andern sagen: alles. In der Frage Antifaschismus gehört Franz Schandl offenkundig zu den letzteren. Antifaschismus sei überholt, da die „wirklichen Gefahren von der Mitte“ ausgehen — von „Marktwirtschaft, Geld und Demokratie herrühren“ — und Schandl meint die „barbarische Zersetzung bürgerlicher Formprinzipien, die „Irrwitzigkeit eines Systems“, das zu „Scharmützel und Bürgerkrieg“ tendiert. Anstatt dieses System zu bekämpfen, „mimte der durchgedrehte Linksradikalismus dann wahrscheinlich den Statthalter der zivilisierten Demokratie.“

Wenn die Gefahr von der Mitte ausgeht — wo geht sie hin? Oder anders gefragt, was heißt Mitte? Haben wir es wirklich mit einer veränderten Situation zu tun — und ich denke auch, daß es so ist — dann stehen auch Kategorien wie Mitte, Rechts und Links — und also auch Faschismus/Antifaschismus zur Diskussion — und es sollte sich ihrer Fragwürdigkeit bewußt sein, wer sie verwendet. Also, wo geht sie hin, die Gefahr, die von der Mitte ausgeht? Sie geht hin und schlägt z.B. Ausländer tot oder zündet deren Häuser an. Man nennt diese bewegliche, aktive Mitte immer noch gerne nach alter Weise Rechtsradikalismus oder Rechtsextremismus — aber besser wäre es von nationalem Extremismus zu sprechen oder einfach wie ohnehin üblich von Neonazis: denn solche Bezeichnungen können jenseits des Links-Rechts-Schematismus geortet werden, jenes Schematismus, der — als Sitzordnung des Parlaments — nun wirklich der Inbegriff dessen ist, was Franz Schandl als „Politizismus“ kritisiert. Auch der Begriff des Antifaschismus verliert damit seinen Sinn. Wer sich heute gegen die nationalen Extremisten wendet, kann sich auch nicht mehr ungebrochen auf die patriotische Tradition des historischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus berufen.

III

Wenn Franz Schandl nun meint, der „Rechtsradikalismus“ werde von den „linksradikalen“ „Antifaschisten“ „überdramatisiert“ — dann verharmlost er eigentlich (und ohne es zu wollen) auch das, was er als Mitte bezeichnet. Er verharmlost diese Mitte nicht nur unter dem Gesichtspunkt, was sie in der Gestalt von sogenannten Rechtsradikalen heute bereits anrichtet, sondern auch unter dem, was sie in dieser Gestalt morgen sein kann. Er spricht von einer schwachen, isolierten und schmalen Szene. Ich weiß nicht, ob diese Szene heute in den Herzen (in der Mitte!) vieler (wievieler?) Deutscher und Österreicher wirklich isoliert ist. Aber jedenfalls sollte doch die Möglichkeit offen gehalten werden, daß die Szene sich verbreitert, sobald nämlich jener Bürgerkrieg und jene Scharmützel, zu denen das System — wie wir wissen — tendiert, hierzulande akut geworden sind.

Bei der Polemik gegen den Antifaschismus entsteht aber fast der Eindruck, daß Franz Schandl in der schmalen schwachen Szene einen potentiellen Bündnispartner im Kampf gegen das System — gegen die Mitte! — zu erkennen meint: „sehen wir uns die Lebens- und Arbeitsprozesse dieser Menschen an. Die Getretenen treten zurück, da sie aber — und dies sei unwidersprochen — in die falsche Richtung treten,“ wäre „ernsthaft über die Bedingungen zu diskutieren, wie sie sich aus diesem fatalen Kreislauf lösen könnten.“ Die wichtigste Frage wäre aber hier, warum sie in die falsche Richtung treten, und warum ausgerechnet immer nur in diese? Der Antisemitismus oder Rassismus als ‚Sozialismus des dummen Kerls‘ — das ist ein dummer Spruch aus der Arbeiterbewegung, der immer die Erkenntnis verhindert hat, wie tief Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus als Fetischformen der Moderne sich eingraben ins Bewußtsein und Unterbewußstein der Staatsbürger und Marktsubjekte — tiefer als die ‚Aufklärung‘ übers System gewöhnlich reicht; und es gibt einen Punkt, wo nur noch sofortige Notwehr hilft. Wer an diesem Punkt weiterhin über die Bedingungen diskutiert, wie sich die getretenen Neonazis aus dem fatalen Kreislauf lösen können, ist selbst schon im Kreislauf gefangen.

IV

Zur Anregung der Phantasie oder des Möglichkeitsdenkens empfehle ich, die letzten Jahre Jugoslawiens sich vor Augen zu führen — und gleichzeitig zu bedenken, daß das abstrakte System im Konkreten ganz verschiedene Zerfallstendenzen entwickelt. Gerade hier kommen offenkundig gewisse Kontinuitäten zum Tragen, die man aus der österreichischen und deutschen Geschichte gut kennt. Handelt es sich heute auch um eine geänderte Situation — etwa gegenüber der Weltwirtschaftskrise von 1930 — solche Kontinuitäten sind nicht unbedingt beseitigt, bloß verschoben oder anders gelagert; ähnlich wie es ja auch Verbindungslinien zwischen preußischem Nationalismus des 19. Jahrhunderts und Nationalsozialismus des 20. gibt, ohne daß darum Wilhelm I. mit Hitler gleichgesetzt werden könnte oder die Entwicklung von dem einen zum andern eine kontinuierliche Entwicklung auf gerader Linie darstellt. Mit solchen Kontinuitäten zwischen den Nazis von gestern und denen von morgen, wie immer sie bezeichnet werden, wäre zu rechnen. Immerhin bewegen wir uns in Deutschland und Österreich auf einem Terrain (und ich meine damit nicht den Ort oder ein ‚Volk‘, sondern ein bestimmtes historisches Staatsverhältnis), auf dem schon einmal die größte antikapitalistische Bewegung zur Rettung des Kapitals mobilisiert worden ist und die fetischistische Aufhebung des Kapitals auf der Grundlage des Kapitals in Szene ging (siehe dazu meine in dieser Nummer abgedruckten Bruchstücke zur politischen Ökonomie des Antisemitismus).

Gewiß, ein Drittes Reich wird zu diesem Zweck kaum mehr errichtet werden können (dazu hat die Weltwirtschaftskrise zu sehr ihren Verlauf geändert), doch eine Art ‚Jugoslawischer Weg‘ wäre auch in Österreich und Deutschland denkbar — eine Art eben nur, denn auf Grund der gewissen Kontinuitäten, die durch die Nachfolgestaaten des Dritten Reichs konserviert wurden, könnte dieser Weg sich von dem, was in Jugoslawien geschah, unterscheiden — sagen wir: wie der Nationalsozialismus vom italienischen Faschismus. Natürlich: jeder Vergleich hinkt, die Frage ist nur: wohin? Drum: Schlagt die Bevölkerung, wo ihr solche Kontinuitäten seht. Vielleicht können wir uns darauf einigen?

V

Maria Wölflingseder hat gegen meine Notwehr-Argumentation eingewandt, daß ich offensichtlich Unterschiede mache zwischen den verschiedenen Opfern des Systems — Unterschiede etwa zwischen den von Neonazis erschlagenen Ausländern und den Drogentoten der Metropolen oder den Hungertoten der ‚DrittenWelt‘. Sie hat damit die Aufmerksamkeit auf eine wesentliche Frage gelenkt — die weitere Fragen nach sich zieht. Es ist fur mich geradezu unabdingbar, an solchen Unterschieden zwischen den ‚Unmenschlichkeiten‘ festzuhalten, um nicht im Namen des Allgemein-Menschlichen alle Begriffe an ein ‚Allgemein-Unmenschliches‘ zu verlieren. Das wirkliche Allgemeine aber, das ihnen allen zu Grunde liegt — die warenproduzierende Moderne und ihre Realabstraktionen —, sollte dabei umso kenntlicher hervortreten.

Es macht einen Unterschied, ob jemand erschlagen wird oder als Drogentoter stirbt oder an den sinkenden Weltmarktpreisen verhungert — und ich meine damit nicht einfach unterschiedlich lange Kausalketten, die zu diesen Resultaten fuhren, sondern grundsätzlich verschiedene Kausalketten. Das heißt freilich nicht, daß ein Vorgang an sich wichtiger, bedeutsamer wäre als der andere — er kann es aber durchaus in einem bestimmten Kontext sein; und das heißt ebensowenig, daß sie voneinander isoliert werden können — sie hängen vielmehr zusammen, und diesen Zusammenhang gilt es immer wieder herauszuarbeiten und gegen jene zu wenden, die den Nationalsozialismus/Rechtsextremismus vollkommen isoliert betrachten (um auf diesem Gebiet ungestört ihre akademische oder publizistische Existenz zu fristen).

Stehen die Vorgänge auch in Zusammenhang, so sind sie dennoch keineswegs identisch zu machen. Aber diese Frage berührt grundsätzliche, ‚philosophische‘ Probleme der Wertkritik: Negiert man einfach den Subjektbegriff, dann exekutieren auch Neonazis nur das Wertgesetz, und das, was sie tun, unterscheidet sich nicht von dem, was z.B. die Weltmarktpreise tun: sie sind vollkommen unschuldig, sie sind gleichsam nur die Haut des Systems.

Die Unterscheidung zwischen dem Mord an einem Ausländer aus rassistischen Motiven und dem Hungertod eines durch Weltmarktpreise Verelendeten, wie sie hier jedoch ins Auge gefaßt wird, läßt sich vermutlich nur von einem bestimmten Standpunkt aus vornehmen: vom Standpunkt dessen, der fragt, was in dem einen und in dem anderen Fall getan werden kann oder getan werden soll. Nur wenn jedes Handeln sinnlos geworden ist, läßt sich sozusagen praktizieren, daß es keine Unterschiede mehr zwischen den ‚Unmenschlichkeiten‘ gibt. Doch dies ist letztlich eine imaginäre Einstellung, die nur in der Theorie eingenommen werden kann. Denn selbst der, der nur mehr darauf wartet, daß das ‚Werkel‘ des Wertgesetzes sich von alleine totläuft, selbst der fährt vielleicht einmal in der U-Bahn und neben ihm wird ein Schwarzer überfallen, und er kann sich also fragen: Was tun? — und die ‚Antwort‘, daß die ‚Unmenschlichkeiten‘ allesamt gleich bedeutend seien, ist in diesem Moment ihrerseits völlig sinnlos.

Im Grunde ist die Spannung zwischen ‚Moral‘ und ‚Erkenntnis‘ nicht aufzuheben. Die Moralisten, die alle Notwendigkeiten in moralische Fragen auflösen, und die Zyniker, die alle moralischen Fragen in den Heiligenschein von Notwendigkeiten auflösen — sie bilden eine falsche Alternative. Es bleibt in Wahrheit nur der Versuch — beim Schreiben wie beim Leben, diesem Spannungsverhältnis sich auszusetzen, und es nicht nach einer Seite hin zu verlassen. Schon seit einiger Zeit aber erschöpft sich die öffentliche Diskussion darin, diese Dialektik zur Posse zu machen: Gutmenschen empören sich über Schlechtmenschen, und Schlechtmenschen spotten über Gutmenschen. An dieser Posse wenigstens möchte ich mich nicht beteiligen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1997
Heft 1/1997, Seite 9
Autor/inn/en:

Gerhard Scheit:

Geboren 1959, Musikstudium, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, dissertierte über „Theater zwischen Moderne und Faschismus (Bronnen, Brecht)“, arbeitet als freier Autor und Lehrbeauftragter in Wien.

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