Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2001 » Heft 2/2001
Florian Markl

Eine Bewegung und ein Volk

Wie stark war die Unterstützung des Nationalsozialismus in der damaligen „Ostmark“? Wie verhielt sich die Bevölkerung gegenüber Anschluß, Krieg und Judenvernichtung? Welche sozialen Gruppen zeigten sich besonders anfällig für die nationalsozialistische „Weltanschauung“? Wie ist es zu erklären, daß ein Land, dessen Bevölkerung nur rund 8 Prozent der Gesamtbevölkerung des Reiches betrug, überdurchschnittlich stark in den Reihen der SS vertreten war und rund 40 Prozent der am Holocaust unmittelbar beteiligten TäterInnen stellte?

In den ein paar Jahre zurückliegenden Debatten um Daniel J. Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker wurde vor allem hierzulande bemängelt, daß der Autor auf die maßgebliche Beteiligung der ÖsterreicherInnen an der Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen nicht eingegangen war. Jenes Land, in dem Hitler aufwuchs und in dem die Grundlagen seines ausgeprägten Antisemitismus gelegt worden waren, blieb bei Goldhagen beinahe unerwähnt. In einem kürzlich erschienenen Buch versucht nun ein amerikanischer Historiker, Antworten auf einige der offen gebliebenen Fragen zu geben. Gerade in einer Zeit, in der führende VertreterInnen der österreichischen Politik wieder offensiv den Mythos bemühen, Österreich und die ÖsterreicherInnen seien in Wahrheit Opfer des Nationalsozialismus gewesen, ist es von besonderer Wichtigkeit, die realen historischen Vorgänge im Auge zu behalten und nicht der nationalistischen Geschichtsklitterung auf den Leim zu gehen.

Evan Burr Bukey analysiert in seiner Studie über Hitlers Österreich unter Verwendung einer Vielzahl bisher nicht systematisch ausgewerteter Quellen, wie etwa den Berichten vieler lokaler Polizeistationen, die Stimmungslage der „ostmärkischen“ Bevölkerung in den Jahren 1938-1945 und kommt dabei zu Ergebnissen, die aufhorchen lassen sollten. Auf eindrucksvolle Art und Weise schildert er, wie sich die Menschen eines Landes verhielten, das im März 1938 gemäß offizieller Lesart zum „ersten Opfer der nationalsozialistischen Aggression“ wurde. Unüberschaubare Menschenmassen feierten in den Straßen Wiens den „Anschluß“ und boten Beobachtern ein Bild, das ein amerikanischer Journalist folgendermaßen schilderte: „Überall Massen von Leuten. Jetzt auch singend. Nazilieder brüllend. Junge Randalierer werfen die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte ein. Die Menge jubelt voller Entzücken. Die Braunhemden in Nürnberg hatten die Naziparolen nie mit einer solchen Inbrunst gegrölt.“ (49) Von Beginn an wurde hierzulande klar, worauf die „nationale Revolution“ der Nazis gegründet war. Bereits Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen zog ein bis zu hunderttausend Menschen zählender Mob johlend, plündernd und prügelnd durch die jüdischen Wohnviertel Wiens. Über mehrere Wochen hinweg erstreckte sich die antisemitische Raserei, die von keiner Parteiformation organisiert zu werden brauchte. „Es ist vergebliche Mühe zu versuchen, das soziale Profil des Wiener Mobs zu rekonstruieren. Dafür beteiligten sich ganz einfach viel zu viele daran.“ (197) Der Antisemitismus war hierzulande in noch viel größerem Maße eine alle sonstigen Unterschiede überlagernde ideologische Klammer, als dies in Deutschland der Fall gewesen war. Es „(...) herrschte unter den Österreichern ein breiter antisemitischer Konsens.“ (216f.)

Dieses Urteil ist nicht Bukeys fehlendem Differenzierungsvermögen geschuldet. In mehreren Kapiteln untersucht er die Ansichten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und schildert dabei sorgfältig vereinzelt aufgetretene Konflikte mit der Politik des Regimes. So betont er die Widerstände, mit denen die Nationalsozialisten im Zuge ihres Feldzuges gegen die katholische Kirche in den tief-katholischen Gegenden Österreichs konfrontiert waren genauso, wie die gespaltenen Reaktionen der bäuerlichen Bevölkerung auf die Nazifizierung der Landwirtschaft. Er weist darauf hin, daß es den Nationalsozialisten in den ersten Jahren nach dem „Anschluß“ durchaus gelungen ist, auch die österreichische ArbeiterInnenklasse zu mobilisieren und insbesondere die überwiegende Mehrheit der SozialdemokratInnen zu einer Zusammenarbeit mit der Reichsregierung zu bewegen. Wenngleich die ArbeiterInnenschaft prozentuell noch den geringsten Anteil an NSDAP-Mitgliedern stellte, kann von einer prinzipiellen Gegnerschaft zum Anschluß-Regime keine Rede sein. Im Grunde läßt sich, abgesehen von den Verfolgten und den wenigen aktiven WiderstandskämpferInnen, über alle bestehenden politischen Differenzen hinweg feststellen, daß viele Menschen an der einen oder anderen Maßnahme der Nazis zwar etwas auszusetzen hatten, deswegen aber den neuen Machthabern keineswegs die Unterstützung entzogen. Der Grund dafür lag in der ungeheuren Popularität der Judenverfolgung: „In Österreich bildete der Antisemitismus viel stärker als im Altreich das integrative Element für die NS-Herrschaft. Er war das unwiderstehliche Leitmotiv, das Millionen Menschen anzog, die andere Aspekte des Hitlerismus ablehnten. (...) Alles in allem herrschte unter den Österreichern ein breiter antisemitischer Konsens.“ (216f.)

Besonders aufschlußreich ist Bukeys Schilderung der Entwicklung der österreichischen NSDAP. Im Gegensatz zum deutschen Vorbild gelang es keinem der „ostmärkischen“ Parteigenossen, zum alleinigen, unumschränkten Leiter der Partei zu avancieren. Dies hatte selbstverständlich in erster Linie mit der Orientierung an der deutschen Schwesterpartei und dem „Führer“ zu tun. Darüber hinaus waren die österreichischen Nazis in zumindest drei Gruppierungen gespalten, unter denen nach dem „Anschluß“ ein erbitterter Kampf um den größtmöglichen Anteil an der Beute ausbrach. Vor allem die Mitglieder der Wiener Ortsgruppe fühlten sich bei Aufteilung von Posten und Vermögen grob vernachlässigt. Erbitterung brach vor allem darüber aus, daß die einflußreichsten Posten nicht an ortsansässige, verdiente Kämpfer, sondern an Nazis aus dem „Altreich“ vergeben wurden und von den österreichischen Parteigenossen hauptsächlich Kärntner zum Zuge kamen. (Unter diesen Kärntner Nazis befanden sich Personen, die in der Folge bei der Vernichtung der europäischen Juden in zentralen Positionen tätig waren, so z.B. Odilo Globocnik, der spätere SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin im sogenannten „Generalgouvernement“ oder Franz Nowak, der als Mitarbeiter Eichmanns maßgeblich an der Organisation der Deportationen in die Vernichtungslager beteiligt war. Leider konzentriert sich Bukey nur auf das Gebiet Österreichs. Die „Karrieren“ österreichischer Nazis außerhalb der „Ostmark“ bleiben dabei unerwähnt.) Die Enttäuschung über die vermeintliche Benachteiligung äußerte sich in antideutschen Ressentiments. Die von Bukey vertretene These lautet also, daß jener typische Grant auf die deutschen NationalsozialistInnen, der in Filmen wie dem Bockerer in offenes Aufbegehren gegen die „Besatzungsmacht“ umgedeutet wurde, in Wahrheit auf unzufriedene Wiener Nazis zurückzuführen war und sich von diesen ausgehend auf weitere Teile der Bevölkerung ausweitete.

Die Mehrheit der ÖsterreicherInnen unterstützte den „Anschluß“, den darauf folgenden Krieg und die Judenvernichtung bis in den Mai 1945. Nach der Niederlage Deutschlands erschien ihnen die Wiedererrichtung der Republik als die einzige Möglichkeit, die Siegermächte zu besänftigen und einer Vergeltung für die begangenen Verbrechen zu entgehen. Die rund 600 000 NSDAP-Mitglieder, die zusammen mit ihren Angehörigen beinahe ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, wurden schnell in die Zweite Republik integriert. Indem deren Gründungsväter „(...) das österreichische Volk von Schuldgefühlen oder jeder Mitverantwortung für die Verbrechen der Hitlerzeit freisprachen, blieben die autoritären und antisemitischen Einstellungen weitgehend intakt.“ (323)

Bukeys Studie kann als gelungener Versuch betrachtet werden, jenes Fundament zu beschreiben, auf dem die post-nationalsozialistische Demokratie der Zweiten Republik errichtet wurde und betont dabei den herausragenden Stellenwert des Antisemitismus. Es ist daher kaum überraschend, daß „Hitlers Österreich“ bislang keine breite öffentliche Diskussion ausgelöst hat.

Bukey, Evan Burr: Hitlers Österreich. „Eine Bewegung und ein Volk“, Hamburg/Wien 2001. Preis: ÖS 355,— DM 49,—. Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
2001
Heft 2/2001, Seite 14
Autor/inn/en:

Florian Markl:

Politikwissenschafter, arbeitet für den Allgemeinen Entschädigungsfonds.

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