Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 3
Constant • Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Eine andere Stadt für ein anderes Leben

Die Krise des Urbanismus wird immer schlimmer. Der Bau in den alten und neuen Vierteln stimmt mit den hergebrachten Verhaltensweisen offensichtlich nicht überein — um so weniger mit den neuen Lebensweisen, auf deren Suche wir sind. Daher rührt die trübe und unfruchtbare Stimmung unserer Umgebung.

In den alten Vierteln sind die Straßen in Autobahnen ausgeartet, während die Freizeit durch den Touristenverkehr kommerzialisiert und entstellt wurde. Dort werden die sozialen Beziehungen unmöglich. In den neugebauten Vierteln herrschen zwei Themen vor: der Autoverkehr und der Komfort zuhause. Sie sind die erbärmlichen Ausdrucksformen des bürgerlichen Glücks, die kein Interesse am Spiel haben.

Der Notwendigkeit gegenübergestellt, ganze Städte schnell zu konstruieren, ist man dabei, Friedhöfe aus Stahlbeton zu bauen, in denen sich große Bevölkerungsmassen zu Tode langweilen müssen. Nun, wozu sind denn die erstaunlichsten technischen Erfindungen da, die zur Zeit der Welt zur Verfügung stehen, wenn die Bedingungen ihrer Ausnutzung nicht vorhanden sind, wenn sie die Freizeit nicht bereichern, wenn es an Phantasie fehlt?

Viertel einer traditionellen Stadt.
Quasi-sozialer Raum: die Straße. Die Straßen, die logischerweise für den Verkehr angelegt wurden, werden an ihren Rändern als Orte der Begegnung genutzt.

Das Abenteuer wollen wir. Einige holen es auf dem Mond nach, da sie es auf der Erde nicht mehr finden. In erster Linie und zunächst rechnen wir auf eine Veränderung auf dieser Erde. Wir haben vor, hier Situationen — und neue Situationen — zu schaffen. Wir gedenken, die Gesetze zu brechen, die die Entwicklung wirksamer Tätigkeiten im Leben und der Kultur hemmen. Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters und wir versuchen, das Bild eines glücklichen Lebens und eines unitären Urbanismus — des Urbanismus, an dem man Gefallen findet — schon heute zu entwerfen.

Unser Betätigungsfeld ist also das Stadtnetz als natürliche Ausdrucksform einer kollektiven Kreativität, die imstande ist, die schöpferischen Kräfte zu umfassen, die sich gleichzeitig mit dem Verfall einer auf dem Individualismus beruhenden Kultur befreien. Wir sind der Meinung, dass die traditionellen Künste keine Rolle spielen können bei der Erschaffung der neuen Umgebung, in der wir leben wollen.

Grüne Stadt.
Isolierte Wohneinheiten. Minimaler sozialer Raum: Die Begegnungen finden nur zufällig und individuell statt, in den Gängen oder im Park. Der Verkehr beherrscht alles.

Wir sind auf dem Weg, neue Techniken zu erfinden; wir prüfen die Möglichkeiten, die die vorhandenen Städte anbieten; wir stellen Modelle und Pläne für zukünftige Städte her. Wir sind uns des Bedürfnisses bewusst, alle technischen Erfindungen zu benutzen und wir wissen, dass die von uns beabsichtigten zukünftigen Konstruktionen geschmeidig genug sein müssen, um einer dynamischen Lebensauffassung zu entsprechen, die unsere Umgebung in einer direkten Beziehung zu ständig wechselnden Verhaltensweisen gestaltet.

Prinzip einer gedeckten Stadt.
Räumlicher „Plan“. Hängende, kollektive Wohnungen, über die gesamte Stadt ausgebreitet und vom Verkehr getrennt, der darunter und darüber verläuft.

Wir haben also ein soziales Konzept des Urbanismus. Wir stehen dem Konzept einer grünen Stadt entgegen, in der in Zwischenräumen aufgestellte und isolierte Wolkenkratzer zwangsläufig die unmittelbaren Beziehungen und die gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten der Menschen begrenzen müssen. Damit sich enge Beziehungen zwischen der Umgebung und dem Verhalten herstellen, ist die Zusammenballung unerlässlich. Diejenigen, die meinen, dass die Schnelligkeit unseres Standortwechsels und die Möglichkeit des Fernverkehrs das gemeinsame Leben in den Siedlungen auflösen werden, kennen die wirklichen Bedürfnisse des Menschen schlecht. Gegen die von den meisten modernen Architekten angenommene Idee einer grünen Stadt stellen wir das Bild der bedeckten Stadt, in der der Plan der getrennten Straßen und Gebäude vor dem einer ununterbrochenen, vom Boden losgelösten Raumkonstruktion gewichen ist, die sowohl Gruppen von Wohnungen als auch offene Plätze umfasst (die letzteren sollen Bestimmungsänderungen je nach den Bedürfnissen des Augenblicks möglich machen). Da sich jeder Verkehr im funktionellen Sinne entweder unten oder oben auf der Terrasse abspielt, gibt es keine Straße mehr. Die vielen verschiedenen durchgehbaren Räume, aus denen die Stadt besteht, bilden einen komplizierten und breiten sozialen Raum. Weit davon entfernt, zur Natur zurückzukehren und wie die damaligen einsamen Aristokraten in einem Park leben zu wollen, denken wir bei solchen riesigen Konstruktionen an die Möglichkeit, die Natur zu bezwingen und das Klima, die Beleuchtung und die Geräusche in diesen verschiedenen Räumen unserem Willen zu unterstellen.

Verstehen wir darunter einen neuen Funktionalismus, der das idealisierte utilitaristische Leben noch deutlicher hervorhebt? Man darf nicht vergessen, dass das Spiel auf die einmal eingerichteten Funktionen folgt. Seit langer Zeit ist die Architektur zu einem Spiel zwischen Raum und Umgebung geworden. Der grünen Stadt fehlt es an Umgebungen. Im Gegenteil dazu wollen wir diese auf eine bewusste Weise anwenden und sie all unseren Bedürfnissen anpassen.

Die von uns geplanten zukünftigen Städte bieten eine noch nie dagewesene Variationsfähigkeit der Eindrücke auf diesem Gebiet an und unvorhergesehene Spiele werden durch den erfinderischen Gebrauch der materiellen Bedingungen — wie z.B. der Klima und Lautsprecheranlagen und der Beleuchtung — möglich. Schon prüfen Urbanisten die Möglichkeiten, den in den heutigen Städten herrschenden Missklang zu harmonisieren. Hier lässt sich schnell ein neues Feld für schöpferische Tätigkeit finden — sowie bei vielen anderen Problemen, die sich bald stellen werden. Die bevorstehenden Weltraumfahrten könnten diese Entwicklung beeinflussen, da die auf anderen Planeten eingerichteten Stationen sofort das Problem der bedeckten Städte aufwerfen werden, die vielleicht das Vorbild unseres Studiums des zukünftigen Urbanismus bilden.

Die Erhebungen der Stadt.

Vor allem ruft die Verringerung der für die Produktion notwendigen Arbeit durch die Automation ein Bedürfnis nach Freizeit hervor, eine Vielfältigkeit der Verhaltensweisen und ihre Veränderung, die zwangsläufig zu einem neuen Konzept der Kollektivwohnung mit dem Maximum an Sozialraum führt — im Gegenteil zum Konzept der grünen Stadt, in der dieser aufs Minimum reduziert wird. Die zukünftige Stadt soll als eine kontinuierliche Tragpfeilerkonstruktion oder als ein ausgedehntes System verschiedenartiger Konstruktionen verstanden werden, in denen Wohnungs- und Vergnügungsräume usw. sowie solche „aufgehängt“ werden, die zur Produktion und zur Verteilung dienen sollen, wobei der Boden für den Verkehr und die öffentlichen Versammlungen frei bleibt. Durch das Verwenden ultraleichter und isolierender Baumaterialien, wie sie zur Zeit erprobt werden, werden eine leichte Bauart und weit voneinander entfernte Träger möglich gemacht, so dass eine Stadt aus mehreren Schichten gebildet werden kann — Keller und Erdgeschosse, Stockwerke und Terrassen, deren Ausdehnung von der eines heutigen Viertels bis zu der einer Hauptstadt variieren kann. Bemerkenswert ist, dass bei einer solchen Stadt die Baufläche 100 prozentig und die freie Fläche 200 prozentig (Parterre und Terrassen) ist — anstatt etwa 80 prozentig und 20 prozentig in den herkömmlichen Städten, während dieses Verhältnis bei einer grünen Stadt höchstens umgekehrt werden kann. Die Terrassen bilden eine Fläche unter freiem Himmel, die sich über die ganze Stadtfläche erstreckt, wo Sport- und Landungsplätze für Flugzeuge und Hubschrauber sowie Gelände für Pflanzen eingerichtet werden können. Sie werden überall durch Treppen und Fahrstühle zugänglich gemacht. Die verschiedenen Stockwerke werden in aneinandergrenzende und in Verbindung stehende Räume mit Klimaanlage aufgeteilt, die einen unendlichen Wechsel der Umgebungen ermöglichen, so dass das Umherschweifen und die häufigen zufälligen Begegnungen für die Bewohner erleichtert werden. Regelmäßig und bewusst werden die Umgebungen mit Hilfe aller technischen Mittel durch Gruppen von „Fachschöpfern“ — also Berufs-Situationisten – umgewandelt.

Querschnitt der gedeckten Stadt.

Eine gründliche Untersuchung der Mittel zur Schaffung von Umgebungen und ihren psychologischen Einflüssen ist eine der Aufgaben, mit denen wir jetzt anfangen. Als spezifische Aufgabe der bildenden Künstler und der Ingenieure sind Studien über die technische Verwirklichung der Tragstrukturen und deren Ästhetik zu betrachten. Besonders notwendig und dringend ist der Beitrag der letzteren, damit unsere Vorarbeiten weiterkommen können.

Läuft das Projekt, von dem wir hier einige Grundlinien dargestellt haben, Gefahr, für einen phantastischen Traum gehalten zu werden, betonen wir nachdrücklich, dass es vom technischen Standpunkt durchführbar, vom menschlichen Standpunkt wünschenswert ist und vom gesellschaftlichen Standpunkt unumgänglich sein wird. Die über die ganze Menschheit herrschende, zunehmende Unzufriedenheit wird einen Punkt erreichen, an dem wir alle dazu bewegt werden, die Projekte durchzuführen, deren Mittel wir besitzen, und die zur Verwirklichung eines reichhaltigeren und vollkommeneren Lebens beitragen können.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 3, Seite 37
Autor/inn/en:

Constant:

Geboren 1920 in Amsterdam, gestorben 2005 in Utrecht. Voller Name: Constant Anton Nieuwenhuys. Maler und Bildhauer, Mitglied der Situationistischen Internationale 1957 bis 1959.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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