Zeitschriften » Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2001 - 2010 » Jahrgang 2007 » Heft 40
Peter Samol

Ein Perry-Rhodan-Heftchen für Kammerjäger

Jürgen Elsässer sieht die Heuschrecken am Werk und will dagegen platten Populismus als DDT einsetzen.

Unverkennbar verschlechtern sich die Lebensbedingungen für immer mehr Menschen auf diesem Globus. Nicht nur in den so genannten „Entwicklungsländern“, sondern längst schon in den reichen Zentren der weltweiten Produktion. Auch mitten im so genannten Aufschwung. Wer nicht aus der Sphäre der Wertschöpfung hinaus ins wachsende Elend gedrängt wird, steht unter zunehmender Leistungshetze bei stagnierenden oder sinkenden Gratifikationen. Diese Tendenz ist für jeden Zeitgenossen unverkennbar, der die schönfärberischen Berichte und Prognosen aus TV-Nachrichten und Tagespresse nicht einfach schluckt. Die Zustände verlangen nach Erklärungen, und Jürgen Elsässer ist in seinem neuen Buch bereit, eine zu liefern. Er bezeichnet sie selbst als „ein blutiges Schlachtengemälde“ (S. 17 – alle Seitenangaben beziehen sich auf das hier besprochene Buch. ). Die kriegerische Ausdrucksweise kommt nicht von ungefähr. Es geht ihm nämlich gar nicht um eine sorgfältige Analyse der Zustände und ihrer Entstehungsbedingungen. Vielmehr steht Elsässers Auffassung schon von vornherein fest und ist darüber hinaus von geradezu bestürzender Schlichtheit. An allem Schlechten nämlich seien ganz einfach andere schuld, böse Hintermänner mit schändlichen Absichten, die wahlweise als „Heuschrecken“ oder „Aliens“ bezeichnet werden. Auf der Grundlage dieser ebenso simplen wie falschen Gewissheit geht es eigentlich nur noch darum, die Schurken ausfindig zu machen, ihre Machenschaften zu durchschauen und ihnen das Handwerk zu legen. Dieser Dreisatz durchzieht in immer neuen Ansätzen das gesamte Buch.

Offensichtlich mag Jürgen Elsässer Science-Fiction-Filme. Denn um seine abstrusen, nicht selten die Grenzen zum Paranoiden überschreitenden Schlussfolgerungen zu veranschaulichen, bedient er sich mit vollen Händen aus dem reichhaltigen Fundus dieses Genres. „Akte X“ ist für ihn längst Wirklichkeit. Inspiriert durch das Buch Christoph Speers „Die Aliens sind unter uns“ aus dem Jahre 1999 ist er davon überzeugt, dass Außerirdische schon längst die Macht übernommen haben. Als „Bodysnatcher“ haben sich die „Aliens“ das Aussehen von Menschen zugelegt und anschließend ihre „Matrix“ ins Gehirn der „echten Menschen“ überspielt. Ziel dieser Operation ist es, sie zu willigem Material für den totalen Markt zu machen. Laut Elsässer befindet sich die Welt seit gut 30 Jahren im Übergang zu einer Ausbeuterordnung neuen Typs, die er in Ermangelung eines anderen Begriffes als „Alienismus“ bezeichnet. Der Volksmund bezeichnet die „Aliens“ lieber ganz irdisch als „Heuschrecken“. Ein Begriff, den der heutige Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering in seiner damaligen Funktion als SPD-Chef zu Wahlkampfzwecken ins Spiel gebracht hat. Elsässer greift ihn geradezu begeistert auf.

Wer sind nun diese „alienistischen“ Schurken bzw. „Heuschrecken“, und was tun sie? In der Beantwortung dieser Frage ist Elsässer nicht gerade konsistent. Mal handelt es sich um eine „Initiative der Superreichen“, mal um die USA als „United States of Aliens“, und selbst Israel kommt in der Feindbildauswahl als vermeintlicher Helfershelfer nicht zu kurz. Die „Superreichen“ betreiben mit Hilfe des internationalen Finanzkapitals die Auflösung der Nationalstaaten, um anschließend das heimatlos gewordene Material einschließlich der dazu gehörenden Menschen in ein „Imperium der Heuschrecken“ einzusaugen. Hintergrund für diese wohlfeile Spekulantenschelte ist eine romantisch-verklärende Sicht auf den Keynesianismus der Nachkriegszeit. Dieser stiftete angeblich mit seinen Verschuldungsspiralen eine heile Welt, die immer so hätte weiterfunktionieren können. Einzig der „Todesstern“ des internationalen Finanzkapitals war in der Lage, sie zu zerschießen. Dabei übersieht Elsässer allerdings das simple Faktum, dass Kredite nur vergeben bzw. verlängert werden, wenn Vertrauen in die Bonität des Schuldners besteht. Dieses Vertrauen wiederum bricht angesichts von Verschuldungsspiralen früher oder später ganz automatisch zusammen. Und die Entstehung der internationalen Finanzmärkte geht nicht etwa auf geplante Machenschaften böswilliger Akteure zurück, sondern ereignet sich im Kapitalismus ganz naturwüchsig, wenn das Geld nicht zurück in die produktive Sphäre wandern kann, weil dort der Kapitalbedarf gesättigt ist. Die anschließende Bewegung in internationale Sphären ist nichts anderes als eine Flucht vor der Entwertung überschüssiger Geldmengen, die andernfalls die lokalen Märkte überschwemmen und dort eine Hyperinflation auslösen würden. Letztlich zieht sich das System namens „Kapitalismus“ durch sein ganz gewöhnliches Prozessieren selbst den Boden unter den Füßen weg. Dazu bedarf es gar keiner schäbigen Hintermänner, und selbst ein kompletter Austausch des Führungspersonals würde daran nicht das Geringste ändern. Aber statt zu erkennen, dass es der gesamtgesellschaftliche Formzusammenhang namens „Kapitalismus“ ist, der geändert werden muss, und es in diesem Zusammenhang grundfalsch ist, nach Menschen zu suchen, die den ganzen Schlamassel vermeintlich wissentlich anrichten, setzt Elsässer seine Suche nach den bösen Männern lieber fort.

Was ihm für sein postnationales „Schlachtengemälde“ noch fehlt, ist das blutige Element. Dafür benötigt er dann doch noch einen Staat, und welcher böte sich da eher an als die USA? Dass er wenige Seiten zuvor noch munter von der Auflösung der Nationalstaaten parliert hat, stört Elsässer dabei nicht im Geringsten. Er fabuliert vielmehr weiter: Wie in Deutschland in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts so sei jetzt eben in Amerika „das jeweils eigene Kapital nicht mehr konkurrenzfähig und muss(te) die Flucht nach vorne, zur militärischen Beherrschung des Weltmarktes antreten“ (S. 92). Israel wird in diesem Bild auf einen Vasallenstaat der USA reduziert, dessen Daseinszweck sich nahezu darin erschöpft, deren Vorposten im Nahen Osten zu sein. Darüber hinaus ist für Israel allerdings noch eine Sonderrolle als superfieser Sidekick des Oberbösen vorgesehen: „Die fürchterlichste Waffe des Todessterns – neben dem Laserstrahl aus fiktivem Kapital, mit dem es seine Gegner betäubt und aussaugt – ein Heer aus Killermaschinen, die von GPS-Satelliten auf ihre Ziele gelenkt werden.“ (S. 26f) Die Israelis probieren den Einsatz von „Bionischen Hornissen“: „Ein winziger Roboter soll im Flug Ziele verfolgen, fotografieren und auch zur Tötung von Menschen eingesetzt werden.“ (S. 27)

Am Ende seiner dumpfen Suada stellt Elsässer eine Rezeptsammlung für eine populistische Linke zusammen. Hauptadressat ist die deutsche „Linkspartei“. Angeregt durch deren Aushängeschild Oskar Lafontaine plädiert Elsässer dafür, sich ganz besonders um die konservativen Modernisierungsverlierer zu kümmern. Dabei darf auch ruhig à la Lafontaine mit der Angst vor dem polnischen Klempner und ähnlichen Populismen kokettiert werden, Hauptsache, die Linke profiliert sich als Verteidigerin gegen den Neoliberalismus. Der Zweck heiligt eben die Mittel. Von einer simplen Regierungsbeteilung rät Elsässer allerdings ab. Wenn schon, dann müsste entweder die Regierung linkspopulistisch dominiert oder es müssten zumindest mit sofortiger Wirkung Volksentscheide zugelassen werden. Vom Volke, das sich seines Nationalstaates bemächtigt, geht nämlich für Elsässer alles realistisch zu erwartende Wohl aus. Notfalls darf die „Direkte Demokratie“ auch rechtslastig aufgeladen werden. Wenn man die Heuschrecken in die Pfanne hauen will, darf man schließlich nicht zimperlich sein. Elsässer wartet in seinem rinks-lechtem Kochbuch sogar mit einer kulinarischen Neuheit auf, nämlich mit braunem Pfeffer: „Der Kampf für den Sozialstaat ist die Suppe, die Verteidigung der nationalen Souveränität ist der Pfeffer, der sie schmackhaft macht.“ (S. 121)

Nicht zuletzt propagiert Elsässer ein dezidiertes Denken in Frontverläufen, bei denen alle Menschen nach „gut“ und „böse“ sortiert werden sollen. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Orientierung auf Minderheiten – gemeint sind unter anderem Schwule und Frauenrechtlerinnen -, die er als „Fetischisierung der Differenz“ bezeichnet. Der „Normalo“ dagegen steht für Elsässer auf der richtigen Seite der Barrikade. Für außenpolitisches Handeln schließlich wartet Elsässer mit einem Wortspiel auf: Der Internationalismus müsse zum „Inter-Nationalismus“ (S. 119) geschärft werden. Unter diesem Bindestrich-Motto soll dann die Linke weltweit eine Kooperation derjeniger Staaten organisieren, die bedroht werden. Diese Kooperation soll ganz unabhängig davon erfolgen, wo die Bedrohten politisch stehen. Das klingt, wie eigentlich alles bei Elsässer, nach der unsäglichen Politik der gegenwärtigen US-Regierung, nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen. Elsässer würde ohne mit der Wimper zu zucken den iranischen Irrläufer-Präsidenten Ahmadinejad oder auch fundamentalistische Taliban (so sie denn wieder über einen eigenen Staat verfügten) mit ins Boot holen. Ob er wohl vor der rechten Militärdiktatur Myanmars (Burmas) oder dem rassistischen Mordregime des Sudan mit seiner Solidarität Halt machen würde? Wohl eher nicht.

Das Buch ist voll von theoretischen Inkonsistenzen. So wird etwa die EU einmal als Beschleuniger und „bloße Relaisstation der Globalisierung“ bezeichnet, ein anderes Mal als idyllischer Schutzraum gegen den globalen Ansturm. Das Ganze ist ein krudes Gebräu kaum zusammenhängender Thesen, was schon bei der Auswahl der zitierten Gewährsleute ersichtlich wird. Da werden Leute in einem Atemzug genannt, die sich gegenseitig nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würden. Michael Opoczynski, seines Zeichens Anchorman des neoliberalen ZDF-Wirtschaftsmagazins WISO (von Elsässer fälschlich der ARD zugeordnet) findet sich neben dem wertkritischen Theoretiker Robert Kurz wieder und beide haben angeblich in wesentlichen Punkten dieselbe Auffassung wie der biologistische Provokateur und 68-Basher Michel Houellebecq. Das funktioniert nur deshalb halbwegs, weil Elsässer beliebige und kaum verstandene Inhalte aus den Veröffentlichungen der Betreffenden herausklaubt und willkürlich nach eigenem Gusto zusammenfügt.

Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich mittelmäßigen Gruselschmöker, der sich mehr schlecht als recht als zeitdiagnostisches Sachbuch tarnt. Elsässers Distanzierung vom Antideutschtum, dem er lange Zeit angehörte, ist ihm geradewegs zum Bekenntnis zu Staat und Volk geraten. Dieser Weg ist symptomatisch für die immer handgreiflicher werdende Angleichung linker wie rechter Volks- und Staatsverherrlichung, die sich nicht nur in Deutschland ereignet, sondern leider überall auf der Welt. Jüngstes Beispiel ist Frankreichs Präsidentschaftswahlkampf, in dem sich die Kandidaten jeglicher Couleur im Abfeiern nationalstaatlicher Symbole gegenseitig zu überbieten trachteten. In theoretischer Hinsicht ist das Buch so flach, dass man es mühelos unter jeder Tür hindurchschieben könnte. Es ist von der bestürzenden Schlichtheit einer Perry-Rhodan-Ausgabe. Vom Seitenumfang des Haupttextes lässt sich übrigens dasselbe behaupten. Er entspricht mit seinen 111 Seiten ungefähr einer handelsüblichen Doppelausgabe jener nicht enden wollenden Science-Fiction-Saga. Damit das Buch wenigstens äußerlich mehr als Heftchenformat hat, wurde es mit einem so genannten „Anhang“ versehen. Der besteht aus fast genauso viel Seiten mit alten politischen Artikeln Elsässers aus den Jahren 2001 bis 2006, die in den Zeitungen Junge Welt, Konkret und Freitag veröffentlich wurden. Das Haltbarkeitsdatum dieser Artikel ist schon lange abgelaufen. Wenn Elsässer schon meint, sie seien so wertvoll, dass sie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden sollen, dann hätte er sie anständigerweise kostenfrei ins Internet setzen können, statt sie den Käufern seines Buches unterzujubeln.

Jürgen Elsässer: Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg, 222 Seiten, Pahl Rugenstein Verlag, Bonn 2007.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2007
Heft 40, Seite 41
Autor/inn/en:

Peter Samol:

Geboren 1963, lebt in der kleinen ostwestfälischen Kreisstadt Herford. Studium der Philosophie und der Soziologie in Marburg, Promotion in Jena. Nach jahrelanger unbefriedigender Auseinandersetzung mit Theorien der Gerechtigkeit bei der Wertkritik angelangt. Heute freier Journalist und „hauptberuflicher“ Vater eines 2-jährigen Sohnes.

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