Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 49
Leo Gabriel • Ralf Leonhard • Jesus (Chuchu) Martinez
Noriega:

„Ein Mörder ohne Tote“

Interview mit Jesus Martinez, alias Chuchu

Der Dichter und Bohemien Chuchu Martinez war einer der engsten Vertrauten des 1981 ermordeten Generals Omar Torrijos, dem „Vater des Panamakanal-Vertrages“. In den letzten Jahren hat er als Gewissen der Nation ein Schattendasein geführt. Die Invasoren hielten ihn aber immerhin für wichtig genug, um ihn mit dem Panzerwagen in seinem Haus zu suchen. Chuchu konnte rechtzeitig untertauchen und lebt derzeit im Untergrund. Das Interview wurde am 6. Januar in seinem Versteck in Panama City geführt.

MONATSZEITUNG: Wer ist schuld daran, daß diese Invasion passieren konnte?

Chuchu: Ich glaube, die USA waren absolut entschlossen, ihre Militärpräsenz hier nicht im Jahr 2000 aufzugeben. Am Anfang konnten sie für ihre Pläne auf Noriega zählen. Dann wurde Noriega plötzlich zum Buhmann, ein Bandit, ein Drogenhändler, und sie wollten ihn mit einer Abfindung ins Exil schicken. Auch das ging schief, denn Noriega war nicht an Geld interessiert. Daraufhin versuchten sie es mit der Opposition und den Wahlen, doch auch das ging in die Hose. Es stimmt, daß es Wahlbetrug gegeben hat, aber ich weiß von keinen Wahlen in Lateinamerika — und vielleicht sollte ich die USA einschließen —, bei denen nicht geschoben wird. In Panama war der Betrug vielleicht ein bisserl schamloser. Von beiden Seiten. Denn Bush hat vorher gesagt, er werde keine Wahlen anerkennen, bei denen der Kandidat Noriega gewinnt, und drohte bereits mit der militärischen Option. Der Panameno ging also zu den Umen, im Bewußtsein, daß die Gringos einmarschieren, wenn der Falsche gewinnt. Niemand wollte hier eine Invasion.

Aber warum gibt es so viele Leute, die den Gringos zujubeln?

Das ist die Mittelklasse, nicht das Volk. In San Miguelito oder Rio Abajo wirst Du so etwas nicht sehen. Du mußt Dir vor Augen halten, daß die Panamenos seit Jahren unter der Wirtschaftskrise leiden. Dazu kommt, daß die Regierung unter Noriega niemals etwas für das Volk getan hat. Im Gegenteil: da wurden Kriegsgesetze verabschiedet, die sich gegen das Volk richteten. Das einzig Progressive an der Regierung war die Konfrontation mit dem Imperium.

Ist den Ereignissen ein Verfall in der torrijistischen Bewegung vorausgegangen?

Es hat nie wirklich eine torrijistische Bewegung gegeben, nicht einmal unter Torrijos. Es gab eine Mehrklassenpartei mit widersprüchlichen Interessen. Das Projekt hat aber nie funktioniert. Torrijos wollte eine Volksbewegung schaffen. Doch die hat er dann selbst zerschlagen, als ihm mit Putsch gedroht wurde. Das Projekt der Volksbewegung schlummert also in der Schublade.

Was ist denn übriggeblieben vom Nationalismus und der trotzigen Haltung?

Hier haben sie die Parole gehabt: Nicht einen Schritt zurück! Und jetzt wurden wir 50 Jahre zurückgeworfen. Aber für Lateinamerika kann dies einen Fortschritt bedeuten. Denn wir alle wußten, daß die USA so etwas machen konnten, aber wir wollten es nicht glauben. Jetzt glauben wir es, weil wir es gesehen haben.

Kann man völlig ausschließen, daß die Truppen, die sich nicht ergeben haben, in den Bergen eine Befreiungsbewegung schaffen?

Das kann man vielleicht gegen die Armeen von El Salvador, Guatemala, Kolumbien machen, aber nicht gegen die US-Armee. Das ist völlig lächerlich. Die haben Infrarotapparate, mit denen sie die Wärme einer Person orten können. Das müßten schon Leute sein, die bereit sind, sich zu opfern.

Hast Du jemals versucht, Noriega auf den richtigen Weg zu bringen?

Nein, mit ihm hatte ich kaum Kontakt. Ich habe sehr eng mit Torrijos gearbeitet, aber mit Noriega nie. Er hat mich nie angerufen oder um Rat gefragt.

Ist Noriega schuld, daß alles so gekommen ist?

Es ist schwierig, sich von der Propaganda loszumachen. Noriega soll ein Mörder sein, aber wo sind die Toten? Spadafora geht angeblich auf sein Konto, auch die Putschisten vom 3. Oktober. Ich weiß es nicht. Vergleiche ihn mit Napoleon Duarte und dessen 50.000 Toten. Noriega, der Bandit und Drogenhändler? Wie erklärst Du Dir, daß der Typ alles aufgibt, um im Land zu bleiben? Außerdem: die USA können nicht verhindern, daß Drogen ins Land kommen. Wie soll Panama sich abschirmen? Noriega hat vielleicht nichts unternommen, daß die Drogen hier umgeschlagen werden, aber selbst beteiligt war er nicht. Noriega — der Perversling, Schürzenjäger, Päderast? Ich weiß, daß er ein guter Familienvater ist, denn ich habe ihn auf diesen schauderhaften Veranstaltungen gesehen, die sie in den Volksschulen machen. Ich mußte wegen meiner kleinen Tochter hingehen und er auch. Noriega ist sicher kein großer Mann, aber auch nicht das Monster, als das man ihn darstellt.

Welche Lehren kann man aus der Entwicklung in Panama ziehen?

Die erste ist die, die Bush den Lateinamerikanern beibringen will: Euch kann dasselbe passieren, wenn Ihr nicht spurt. Die andere hat Bush den US-Amerikanern gegeben: schaut her, wozu ich fähig bin. Ein Waschlappen muß beweisen, daß er kein Waschlappen ist. Es gibt eine Lektion des Widerstandes, die das Volk von Panama uns mit seinem Widerstand lehrt: Diese Toten sind nicht an Malaria gestorben. Dann gibt es die Lektion gewisser Kreise — der Mittelschicht mehr als der Oligarchie —, die zeigt, wie tief ein Mensch sinken kann: diese Arschkriecher, die die US-Fahnen schwenken. Die wichtigste Lektion haben sie Leuten wie mir und Torrijos erteilt, die wir etwas verändern wollten. Diese kann man am besten mit dem lateinischen Spruch „Extra ecclesiam non est salus“ beschreiben: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil. In diesem Fall ist die Kirche die Ideologie und die Interessen des Volkes. Torrijos wußte es, und obwohl er es wußte, hat er nicht danach gehandelt. Du kannst Dich einer Aggression dieses Typs nicht entgegenstellen, wenn Du nicht das Volk hinter Dir hast. Und das Volk war hier nicht dahinter.

Wirst Du unter diesen Umständen in Panama bleiben?

Ich glaube nicht. Ich möchte in Pension gehen, schließlich werde ich im Juni 61. Zum ersten Mal fühle ich mich alt, deprimiert, beschämt, machtlos und gedemütigt. Deshalb denke ich daran, nach Italien zu gehen, wo sich meine Familie schon in Sicherheit gebracht hat. Ich möchte dort Wein trinken, Pasta essen und Sonette schreiben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1990
Nummer 49, Seite 44
Autor/inn/en:

Leo Gabriel:

geb. 1945 in Neunkirchen/Niederösterreich als Sohn des Universitätsprofessors gleichen Namens, Dr. jur. (Wien), war im Mai 1968 in Paris dabei, 1969/70 Gastprofessor für Ideologiekritik an der Nationaluniversität in Mexiko, anschließend in San Francisco an der Gründung einer „University without walls“ beteiligt. Dann in Mexiko Schüler von Ivan Illich in Guernavaca. 1972 Mitbegründer der CLETA (Centro Libere de experimentación teatral y artistica), einer Organisation von jungen Musikern und Theaterleuten. Mit einer der 25 Gruppen bereiste G. von Mexiko aus zwei Jahre hindurch Lateinamerika, wo sie für die Bauern Theater spielten und selbstgedrehte Schmalfilme über die Basisbewegung vorführten.

Ralf Leonhard: Korrespondent der Nachrichtenagentur APIA, lebt in Managua.

Jesus (Chuchu) Martinez:

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