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Christian Cwik
Perú und Ecuador:

Ein Grenzkonflikt am Rande der Lächerlichkeit

Seit nunmehr einem Jahr werden die Andenstaaten in Südamerika von dem Naturphänomen El Niño geplagt, und dem nicht genüge, finden Perú und Ecuador noch immer ausreichend Raum und Zeit, ihren jahrzehntelangen Grenzkonflikt weiter zu schüren.

Die Schwierigkeiten an der peruanisch-ecuadorianischen Grenze, die 1995 in wochenlange militärische Auseinandersetzungen mündeten, sind noch längst nicht aus der Welt geräumt. Schon damals, so konnte man sogar in österreichischen Tageszeitungen lesen, wunderte sich die internationale Öffentlichkeit über diese eindeutige politische Maßnahme des peruanischen Präsidenten, die nur dazu diente, in den bevorstehenden Wahlen Stimmenpotential zu kumulieren. Auf ecuadorianischer Seite nützte man den Konflikt aus, um von den innenpolitischen Turbulenzen nach dem Abgang des Ex-Präsidenten A. Bucaram abzulenken. Stärker als von vielen ausländischen Beobachtern erwartet, fegte dort die Macht der Zivilen Gesellschaften den korrupten El Loco (A. Bucaram) aus seinem Amt.

Die gewählte politische Spitze des Landes war fortan mit der Macht des Volkes konfrontiert, das seinen Unmut über die jahrhundertelange Unterdrückung durch die Oligarchie in gewaltigen Strassendemonstrationen zum Ausdruck brachte. Allen voran waren es die indigenen Organisationen, die seit jeher am untersten Rand der Gesellschaft leben müssen. Gemeinsam mit den linken Gewerkschaften des Landes gelang es ihnen, Bucaram abzusetzen und eine ernste politische Position im Staat einzunehmen. Dem neuen ecuadorianischen Präsidenten Fabian Alarcon kam der Grenzstreit mit Perú gerade zur rechten Zeit, die auswärtige Krise beruhigte die innenpolitische Lage. Am 30. Mai 1998, so einigten sich die beiden Andenstaaten, werde man endgültig und unwiderruflich (mit brasilianischer Hilfe) den Grenzkonflikt, der nun seit über 50 Jahren existiert, in Rio de Janeiro beilegen. Um diesen Termin zu fixieren, bedurfte es jedoch erst komplizierter Vorverhandlungen im November 1997, die zur Deklaration von Brasilia führten. Die Freude über die zustandegekommene Konferenz verdeckte das eigentliche Problem: die Inhalte. Die wirklich relevanten Fragen sind bis dato ungeklärt geblieben, und so scheint eine echte Lösung in weiter Ferne, wobei sich die Frage aufdrängt, ob überhaupt ehrliches Interesse an einem Frieden existiert. Die beiden Unterhändler Fernando de Trazegenis (Perú) und Edgar Terán (Ecuador) beschwören beide den guten Willen, und verweisen auf ihre besten Absichten, indem sie ihren „Eid“ im selben Palast bestärken, in dem vor genau 56 Jahren die Protokolle von Rio (zur Beilegung des Konflikts) unterschrieben wurden, die den ersten tragischen, mißlungenen Versuch, jene unendliche Geschichte zu beenden, darstellten. Das derzeitige Ergebnis aller Verhandlungen hat rein administrativen Charakter. So einigten sich die Meister der hohen Diplomatie lediglich auf ein Wirrwarr von Verhandlungen und Agenden.

Nun gibt und gab es vier verschiedene Verhandlungsorte, vier verschiedene Kommissionen und vier Garantiemächte (Argentina, Brasil, Chile y Estados Unidos). In den Kommissionen wiederum müssen die Agenden erst untereinander abgestimmt werden, wobei man keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen mußte, um bereits vorher zu erkennen, daß dies in einem Hasardspiel enden mußte. So tagt z.B. seit 2.1.1998 in Buenos Aires die Kommission für Handel und Schiffahrt, in Washington behandelt man die Verträge zur gemeinsamen Grenzziehung, in Brasilia diskutiert man, wie denn die Grenzziehung überhaupt aussehen soll. und in Santiago darüber, wie dieser neue Grenzverlauf gegenseitig gesichert werden kann. Am Ende des Verhandlungspokers erwarte ich eine lateinamerikanische Lösung, wie etwa in Venezuela mit Guyana, oder in Guatemala mit Belize. Auf die gegenseitigen Ansprüche wird wohl verzichtet werden müssen, doch diverse Gruppierungen werden dann im Auftrag der Regierung weiterhin opponieren. Angesichts der Protokolle aus dem Jahr 1942 scheint für Änderungen des alten Textes nur wenig Platz, und so wird am Ende auch nichts Neues erwartet. Die eigentliche Chance wird in einer Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Ecuador und Perú gesehen, die als Folge der Andenregion größeres politisches und vor allem wirtschaftliches Gewicht verleihen könnte. Gerade jetzt, wo zur Mitte des Jahres das Verhandlungsergebnis des Andenpaktes (ca. 100 Mio. Konsumenten) mit dem Mercosur (ca. 220 Mio. Konsumenten) erwartet wird, stellt ein derart peinlicher Grenzkonflikt ein Hindernis dar. Doch auch in Anbetracht dessen glaubt niemand so recht an eine ehrliche Beilegung des Konflikts, wollen doch die beiden Populisten Fujimori und Alarcon, wie es scheint, politische Themen heiß halten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1998
ZOOM 4/1998, Seite 12
Autor/inn/en:

Christian Cwik:

Christian Cwik ist Mitarbeiter des Forschungs- und Kulturvereins für Kontinentaleuropa und die Karibik (KonaK).

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