Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2008 » Nummer 26
Grundrisse

Editorial

Liebe LeserInnen!

Zu den Möglichkeiten einer vierteljährlich erscheinenden Theoriezeitschrift zählt leider nicht die Information über tagesaktuelle Ereignisse. Trotzdem wollen wir euch auf zwei besonders eklatante Fälle von Repression in Österreich hinweisen: Am 21. Mai 2008 wurden 23 Wohnungen von TierrechtsaktivistInnen durchsucht, teilweise die Türen eingetreten und zehn Personen in Untersuchungshaft überstellt. Die Anklage lautet auf „Bildung einer kriminellen Vereinigung“; offenbar sollen auf Basis willkürlicher Konstruktionen hohe Strafen ausgesprochen werden. Im März 2008 wurde ein Ehepaar im Wesentlichen auf Grund ihrer bloßen Gesinnung zu 4 Jahren bzw. 22 Monaten unbedingter Haft verurteilt. Die Übersetzung von Texten aus dem Arabischen und ihre Publikation im Internet genügten offenbar, um den Tatbestand der „terroristischen Vereinigung“ zu erfüllen. In Bezug auf Solidaritätsarbeit, Informationen und Aktivitäten gegen die entsprechenden Verschärfungen informiert euch auf den entsprechenden Homepages, etwa auf http://austria.indymedia.org/.

Alle reden über 1968, auch wir. Boris Kanzleiter sprach mit Dragomir Olujić, einem Aktivisten der 1968-Bewegung in Belgrad: „Unsere Bewegung war pro-jugoslawisch“. Darin findet ihr sehr detaillierte Informationen zur 68er Bewegung im damaligen Jugoslawien. Trotz vieler positiver Aspekte spiegelt sich ein Manko dieser Bewegung auch im vorliegenden Interview: es dominieren männliche Akteure und die männliche Sprachform. Im Artikel von Paul Pop „Mobilität, Kontrolle und Klassenkampf“ geht es um das widersprüchliche Verhältnis zwischen Migration und kapitalistischer Ausbeutung. Einerseits braucht das Kapital billige Arbeitskräfte, andererseits wird die „Autonomie der Migration“ kontrolliert und unterdrückt. Colectivo Situaciones aus Argentinien reflektieren in „Die Politisierung der Trauer“ die Situation von gesellschaftlicher Opposition in Zeiten des Rückflutens der Bewegung. Wir danken Tom Waibel und Stefan Nowotny für die Mithilfe an der Übersetzung. Ebenso danken wir Alex Demirović für die Möglichkeit, sein Referat auf dem Kongress „The Art of Critique“ vorab veröffentlichen zu können. Darin plädiert der Autor für eine neue Konzeption von Kritik, die mehr will als die bloße Verflüssigung statischer Verhältnisse. Benjamin Opratko setzt sich in seinem Rezensionsessay „Von der Harmlosigkeit radikaler Demokratie“ kritisch mit der Rezeption des Buches „Hegemonie und radikale Demokratie“ von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe auseinander. Sein kritisches Resümee: das von den AutorInnen vorgeschlagene Projekt kann die bestehenden Verhältnisse nicht in Frage stellen. Unter der Rubrik MIT NACHDRUCK findet ihr diesmal einen wichtigen und akribisch recherchierten Text von Angelika Ebbinghaus, „Taylor in Russland“. Dieser informiert über die Anwendung und Rezeption des Taylorismus unter dem Vorzeichen der „realsozialistischen“ Arbeitsorganisation. Wir danken der Autorin für die Genehmigung zum Abdruck. Ebenso danken wir Daniela Kopeinig für ihre Bildstreifen, die sie extra für die grundrisse gezeichnet hat.

Vom 25. August bis 2. September 2008 findet ein noborder-Camp in DIKILI bei Izmir in der Türkei statt. Diejenigen unter euch, die noch auf der Suche nach politischen Sommerreisezielen sind, finden den Aufruf hierzu sowie aktualisierte Informationen auf http://no-racism.net.

Zum Schluss möchten wir euch auf das soeben erschienene Buch Peripherie & Plastikmeer hinweisen. Darin informieren zahlreiche Artikel und Interviews über den Zusammengang von Migration und landwirtschaftlicher Produktion. Es hat 106 Seiten, kostet nur 5 Euro und ist bei plastik.meer reflex.at zu bestellen. Wir empfehlen die Lektüre nachdrücklich.

Im Anhang zum Editorial findet ihr einen Aufruf zum „Pink fahren“, der Initiative „Pinker Punkt“. Mehr über diese erfährt ihr auf http://umsonst.lnxnt.org/?p=3

Die grundrisse - Redaktion

http://umsonst.lnxnt.org/ sagen: Think pink …

Mobil zu sein, kostet viel Geld. Wer keines hat, kommt nicht weit. Dabei ist Mobilität die Voraussetzung dafür, um zu Behörden, zur ÄrztIn, zur Arbeit, zur Schule oder auch zur Uni zu kommen. Natürlich auch dafür, die schönen Seiten des Lebens genießen zu können, wie FreundInnen zu besuchen, rauszugehen oder einfach den Ort zu wechseln. Leider führt die zunehmende Kommerzialisierung zentraler Lebensbereiche, wie Mobilität, kulturelle Angebote, Gesundheitsversorgung und Bildung, zur Exklusion von Menschen. Der Öffentliche Verkehr ist beim genaueren Hinschauen damit also gar nicht so öffentlich, wie es auf den ersten Moment scheint.

Besonders krass zeigt sich dies am Beispiel von Menschen ohne festen Wohnsitz und/oder geregeltes Einkommen in Wien, die – obwohl sie kaum Geld haben –dieselben Tarife zahlen müssen, wie alle anderen. Dadurch kommen einige Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, zusätzlich in eine Verschuldungsspirale durch die Wiener Linien, aus der es kaum Auswege gibt. Auf diesen Zustand macht die Straßenzeitung Augustin zwar seit Jahren an jedem F13 (Freitag, den 13.) durch Aktionen aufmerksam, indem demonstrativ und kollektiv ohne Ticket mit der Linie D zum Rathaus gefahren wird, Reaktionen seitens der Stadtverwaltung gab es aber noch kaum.

Aber nicht nur fehlendes Geld kann eineN an der Nutzung des Öffentlichen Verkehrs hindern. Es gibt Menschen, deren Mobilität fast gänzlich eingeschränkt werden soll – MigrantInnen mit prekären Aufenthaltsstatus zum Beispiel. Von der „Unterstützung“, welche nur Menschen mit „legalem“ Aufenthaltsstatus – und selbst diese nicht immer - bekommen, ist es praktisch nicht möglich, die Tarife für öffentlichen Verkehrsmittel zu bezahlen. In Bahnhöfen und regionalen wie überregionalen Zügen sind nicht „heimisch“ aussehende Menschen darüber hinaus besonders häufig Opfer willkürlicher Passkontrollen. Deutlich wird hier, dass die Grenzen die um Österreich durch Schengen weggefallen sind, sich damit lediglich ins Innere verschoben haben – Mobilität im Sinne von Grenzüberschreitung wird so zu einer alltäglichen Situation.

Durch die zunehmende Prekarisierung können sich auch immer weniger Studierende, Familien, PensionistInnen, Illegalisierte und andere BewohnerInnen Wiens die Tickets für den „öffentlichen“ Verkehr leisten und werden so in dem Recht auf Mobilität eingeschränkt. Schön zu sehen ist dies auch bei Studierenden. So wurde etwa die Freifahrt für Studierende schon 1996 von der SPÖ abgeschafft. Heute stellen Tickets für den öffentlichen Verkehr sogar mit Ermäßigung eine nicht unwesentliche finanzielle Belastung für Studierende dar. So muss für ein sogenanntes „Semester“ticket (das in den Ferien gar nicht gültig ist!) zwischen 50,50€ und 128,50€ bezahlt werden (dies ist abhängig von der Herkunft des/der StudentIn und gilt nur bis zum vollendeten 26. Lebensjahr!) – für viele Studierende im Jahr also eine erhebliche finanzielle Belastung.

Obwohl die Wiener Linien erkennen, dass ihre Preise für viele BewohnerInnen Wiens unerschwinglich sind, sind ihre Maßnahmen (wie zum Beispiel der nun angekündigte „Sozialpass“, der an die rigiden Bedingungen der Sozialhilfe gebunden ist) leider nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein Dies ist deswegen um so unverständlicher, als den Wiener Linien durch die Beförderung von Menschen ohne das nötige Geld auch kein Mehraufwand entsteht, da die meisten ja schon jetzt als „SchwarzfahrerInnen“ unentgeltlich mitgenommen werden bzw. die (von allen aus Steuern bezahlte) Infrastruktur ja sowieso vorhanden ist und genutzt werden muss.

Deshalb fordern wir Mobilität für alle – und zwar umsonst! Darüber hinaus wollen wir unser Leben wieder selber in die Hand nehmen – und fahren deshalb pink!

… go pink!

Wo es Einschränkungen der Bewegungsfreiheit gibt, gibt es auch Strategien, trotzdem in Bewegung zu bleiben. Ticketweitergabe oder das Fahren ohne Ticket sind zwei von vielen Beispielen für eine individuelle Flucht nach vorn. Dies wollen wir aufgreifen und so zu gemeinsamen Aktionen ermutigen. Gegen die Verschärfung der Lebensbedingungen, die Ausgrenzung und die immer unbezahlbarer werdenden Fahrkarten bringen wir die Solidarität von unten wieder ins Spiel. Wer pink fährt, steht Menschen, die von strukturellen Rassismen betroffen sind, zur Seite. Wer pink fährt, nimmt andere auf seinem/ihrem Ticket mit. Wer pink fährt, zeigt Solidarität! Sprich andere an und überwinde die Anonymität der Fahrgastzelle!

Wir laden euch alle ein, selber aktiv zu werden - selber umsonst zu fahren oder anderen Umsonst-FahrerInnen zu helfen. Der „Pinke Punkt“ soll als Erkennungsmerkmal für all jene dienen, die umsonst ans Ziel wollen. Egal ob zur Uni, zur Arbeit, zu FreundInnen oder an die Donau. Wir nehmen uns ab heute, was wir brauchen: Bus und Bahn für alle, und zwar umsonst! Wir sind es leid, uns nur zu beschweren und um kleine Zugeständnisse zu bitten, wir nehmen uns einfach das Recht in der Stadt unterwegs zu sein ohne dafür Geld bezahlen zu müssen. Und das nicht heimlich, still und leise sondern offen und laut, denn es gibt nichts wofür wir uns schämen müssten. Wir holen uns nur das zurück, was sowieso uns gehört, wir wollen den Nahverkehr wieder öffentlich machen, öffentlich für ALLE: und fahren pink!

Aneignung als Alltagspraxis

Unsere Kampagne ist ein Versuch, die an einen immer weniger vorhandenen Sozialstaat gebundene soziale Debatte zu durchbrechen und der appellativen Politik eine Alltagspraxis von unten entgegenzusetzen. Mit dem „Pinken Punkt“ wollen wir im Bereich der Öffentlichen Verkehrsmittel existente individuelle zu kooperativen Aneignungspraxen machen. Der Slogan „Mobilität für alle und zwar umsonst“ wirkt in der vermeintlichen Unmöglichkeit seiner Proklamation verwirrend und dient in diesem Sinne dazu, vorhandene Denkräume zu erweitern.

WEG MIT DEN KONTROLLEN! MOBILITÄT FÜR ALLE!

Tipps zum Pink Fahren … Keinen Fahrschein und trotzdem keine Angst vor Kontrollen – mit dem Pinken Punkt kann dieser Traum bald wahr werden. Der Pinke Punkt ist das Erkennungszeichen für alle, die umsonst ans Ziel wollen. Pinke Treffpunkte an den Bahnsteigen markieren den Startpunkt der Gratisfahrt. Lebe deinen Traum: Mit dem Pinken Punkt triffst du immer die richtigen Leute.

Gruppenreisen zu Gruppenpreisen: Ob auf City-Strecken oder im Zug nach nirgendwo: Große Gruppen haben es viel leichter, den KontrolleurInnen zu erklären, dass sie jetzt Pause haben. Lass es nicht zu, dass andere Fahrgäste kontrolliert werden – denn pink fahren heißt solidarisch sein. Und wenn alles gut geklappt hat, dann verabrede dich gleich für die Rückfahrt. So wird das Reisen richtig billig! Entwickle einen entspannten Blick für KontrolleurInnen und warne andere. Wechsle rechtzeitig den Waggon.

Tickets wegschmeißen ist doof! Gib sie lieber weiter wenn du aussteigst, dann können andere damit noch ein bisschen fahren. Und wenn gerade keiner da ist, der ein Ticket braucht, lass es doch einfach im Ausgabefach vom Ticketautomaten liegen; irgendwer freut sich bestimmt drüber.

„Irgendwo muss mein Ticket doch sein …“ Während du ausgiebig in jeder Tasche nach deinem Ticket suchst, können eine ganze Menge Umsonst-FahrerInnen aussteigen. Dabei ist es völlig egal, ob du wirklich ein Ticket hast oder nicht, der KontrolleurInnen wird bei dir bleiben bis zum bitteren Ende.

Mitfahrgelegenheiten beschränken sich nicht auf Autos: Falls du Leute auf deinem Ticket mitnehmen kannst, solltest du das auf jeden Fall kurz kundtun, wenn du eine Bahn betrittst. Andersrum gilt das natürlich auch: Einfach mal laut und deutlich fragen kostet ja nix.

KontrolleurIn sein ist doch bestimmt spannend: Lass es dir erzählen, frag ruhig auch mal genauer nach. Jede Minute die du locker plaudernd mit der netten KontrolleurIn verbringst, macht andere Umsonst-FahrerInnen auf die Kontrolle aufmerksam und gibt ihnen die Möglichkeit zum Aussteigen.

Zusammen sind wir unschlagbar: Such dir ein paar nette Umsonst-FahrerInnen aus deinem Bekanntenkreis, zahlt jeden Monat einen kleinen Betrag in eine Kasse und bezahlt davon anfallende Bußgelder. 10 Menschen x 5 Euro = Einmal erwischen lassen, und wenn doch alles glatt geht, feiert ihr mit der Kohle einfach ein Fest. Gerade hier gilt: Je mehr Leute desto besser.

Das sind nur ein paar Anregungen, lass dir mehr einfallen, deiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt …!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2008
Nummer 26, Seite 3
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Grundrisse:

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