Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2005 » Nummer 15

Editorial

Liebe LeserInnen,

eigentlich sollten hier Berichte über unser Sommerseminar „Kapitalismus, Geschlechterordnung und Revolution“ stehen. Da es aber so verschiedene Sichtweisen (und zurückgestellte Beiträge) dazu gibt, die noch diskutiert werden müssen, werden die Berichte erst in den nächsten grundrissen zu lesen sein.

Die Texte sind diesesmal sehr (post)operaismuslastig, was eine starke Tendenz in der Redaktion bestätigt. Allerdings ist dies die erste Ausgabe der grundrisse, in der sich kein Text eines Redaktionsmitglieds findet - was uns sehr freut. Weniger erfreulich ist dagegen - auch darauf wird in der oben bereits angedeuteten Auseindandersetzung im Gefolge unseres Gender-Seminars noch zurückzukommen sein - die rein männliche Autorenschaft dieser Nummer.

Der Artikel von Martin Dieckmann beruht auf seinem Referat am diesjährigen Buko-Kongress in Hamburg und stellt eine erfrischende Perspektive auf das Themenfeld Prekarität und Prekarisierung vor. Da diese Thematik bereits im Umfeld des Euromayday sowie im Beitrag von Gundula Ludwig und Birgit Mennel in der vorigen Ausgabe der grundrisse einen hohen Stellenwert einnahm und -nimmt, würden wir auch über weitere Beiträge zu diesem Thema freuen. Wir laden alle Interessierten ein, uns Artikel (nicht nur) zu diesem Thema zu schicken.

Da wir immer wieder versuchen, über den deutschsprachigen Tellerrand hinauszublicken, findet ihr des weiteren einen Artikel über die marxistische Diskussion im angloamerikanischen Raum von Engelbert Stockhammer. Da es Widerspruch gegen die „mathematisierte“ Lesart von Marx gab, sind auf den folgenden Seiten kritische Anmerkungen dazu von Karl Reitter zu lesen. Max Henningers Beirag nimmt aus einer postoperaistischen Sichtweise das Verhältnis von immaterieller Arbeit und Subjektivität in den Blick und verknüpft seine Analyse mit der Ideologietheorie Louis Althussers. Adolphs und Karakayali vergleichen die Kämpfe im Kapitalismus, wie sie von Beverly Silver und Robert Castel gesehen werden, um anschließend die Sichtweise von Hardt und Negri als diejenige zu bewerten, welche die Kämpfe der Multitude am besten zum Ausdruck bringt. In der Rubrik „MIT NACHDRUCK“ freuen wir uns, euch die deutsche Erstübersetzung eines Kapitels von Harry Cleavers Buch „Reading Capital Polititcally“ zu präsentieren. Darin geht es um die Entwicklung der Marxschen Wertformanalyse in ihrer Beziehung zum Klassenkampf.

Auf den folgenden Seiten findet ihr außerdem Einladungen zu Aktivitäten, an denen die grundrisse aktiv sind: Ein Arbeitskreis wird sich mit Paolo Virnos „Grammatik der Multitude“ beschäftigen, außerdem beteiligen wir uns sowohl am Kongress zum Garantierten Grundeinkommen in Wien als auch an der geplanten Erwerbsarbeitslosenkonferenz. Zu guter Letzt möchten wir uns bei Clemens, Gerold und Roland für Übersetzungs- und Lektoratsarbeiten bedanken und freuen uns wie immer über neue Abos.

die grundrisse-redaktion

Die Grammatik der Multitude lesen: Eine Einladung

Der Begriff der Multitude (übersetzbar mit „Menge“, „Die Vielen“) gewinnt in der gegenwärtigen Debatte immer mehr an Bedeutung. Ursprünglich von Spinoza entwickelt, wurde er unter anderem durch die Arbeiten von Michael Hardt und Antonio Negri in die Diskussion eingeführt. Was unter Multitude zu verstehen sei, was dieser Begriff leistet und was nicht, in welchem Verhältnis er zum Begriff der ArbeiterInnenklasse steht, diese Fragen werden in der Auseinandersetzung äußerst kontrovers beantwortet.

Im Herbst dieses Jahres wird nun endlich die nach der englischen auch die deutsche Übersetzung von Paolo Virnos „La grammatica della moltitudine“, zu Deutsch: „Grammatik der Multitude. Zur Analyse zeitgenössischer Lebensformen“ erscheinen. Dieser Text ist aus mehren Gründen bemerkenswert. Virno, ein wichtiger Vertreter des italienischen Postfordismus, hat darin mündlich vorgetragene Referate schriftlich festgehalten. Das gesprochene Wort ist im Text noch zu spüren, er ist daher sehr präzise, fast thesenartig vorgetragen, lebendig und anschaulich. Obwohl Virno sehr komplexe philosophische Themen bemüht, können auch jene der Argumentation und Darstellung folgen, die mit den Referenzen nicht so vertraut sind, die Grammatik der Multitude ist kein InsiderInnentext. Auch der Umfang hält sich in Grenzen, er umfasst kaum mehr als 100 Seiten. Einerseits stellt dieser Text eine präzise Untersuchung des Begriffs der Multitude dar, nach dem Erscheinen von „Grammatik der Multitude“ zielt der gerne erhobene Vorwurf der Schwammigkeit und Vagheit endgültig ins Leere. Andererseits - der Untertitel „Zur Analyse zeitgenössischer Lebensformen“ legt dies ja nahe - verknüpft Virno die philosophische Untersuchung des Begriffs durchgehend mit der Analyse der postfordistischen Arbeits- und Lebensverhältnisse. Der philosophische Diskurs ist mit soziologischen und empirischen Befunden verknüpft. Ein Faktum, das diesen Text zusätzlich für eine genaue Debatte prädestiniert.

Wir werden daher einen Lesekreis zu diesem Buch initiieren. Struktur und Ablauf wollen wir nicht vorwegnehmen sondern auf einem ersten Treffen mit all jenen gemeinsam bestimmen, die am Arbeitskreis Interesse haben. Eine erste Zusammenkunft wird Ende Oktober stattfinden. Informationen findet ihr nicht nur rechtzeitig auf unserer Homepage www.grundrisse.net, es wird auch eine diesbezügliche Aussendung geben. Wer daher in unseren Mailverteiler aufgenommen werden möchte, möge eine kurze Nachricht an grundrisse/ at /gmx.net schicken.

Bemerkungen zum Artikel von Engelbert Stockhammer

Vorweg möchte ich festhalten, dass es Engelbert Stockammer in dankenswerter Weise gelingt, unseren LeserInnen, aber auch der Redaktion einen Einblick in eine wenig bekannte, aber um so komplexere Debatte zu geben. Die mathematisierte Rezeption der Marxschen Kategorien im englischsprachigen Raum ist hierzulande wenig bekannt und kaum diskutiert. Aber schon die Verwendung des Ausdrucks „Elfenbeinturm“ im Titel will ja wohl anzeigen, dass diese Debatte insgesamt irgendwie schief liegt. Wenn es also ein gemeinsames Defizit gibt, worin mag es bestehen?

Nach meiner Auffassung wird der mögliche Gewinn, der sich aus der Formalisierung und Mathematisierung der Marxschen Begriffe ergibt notwendigerweise durch massiven Verlust an Aussage- und Analysekraft erkauft. Ich sehe mich dabei durchaus in Übereinstimmung mit dem Autor, der etwa im Abschnitt zum so genannten Transformationsproblem schreibt: „Es geht also ausschließlich um die quantitativen, nicht um den qualitativen Aspekt der Werttheorie. Phänomene wie Warenfetischismus spielen daher keine Rolle.“ Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Abstraktion von den qualitativen Momenten nicht auch die quantitative Seite beschädigt und unter dem Strich die Marxschen Begriffe einen völlig anderen Sinn erhalten, der mit dem von Marx Gemeinten nur noch wenig zu tun hat. Der Verdacht, dass die angelsächsische Elfenbeinturmdebatte mit Marxschen Begriffen nur kokettiert, will sich nicht zerstreuen lassen.

Ein schematischer Überblick über den Marxschen Wertbegriff mag da mehr Klarheit verschaffen und hilft uns zu verstehen, auf welchem Feld die Quantifizierung lokalisiert ist.

Gebrauchswert(Tausch)Wert
konkrete, sinnlich wahrnehmbare Arbeit produziert Gebrauchswerte, die nichts Gemeinsames besitzen Substanz: abstrakte Arbeit
Maß: gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit
Form: Verdopplung in Ware und Geld

So wie ich es sehe, bewegt sich die mathematisierte Kapitalrezeption vorwiegend im Feld „Maß“, zudem existiert auch eine starke Tendenz, alles aus Maß- und Größenverhältnissen abzuleiten und definieren zu wollen. Als Illustration für diese beschränkende Methode bietet sich der Wertbegriff selbst an. So weist der Autor etwa auf folgenden Einwand hin: „Von vielen Kritikern, allen voran Steeman (1977), wird argumentiert, dass man keine Werte benötigt um Preise zu berechnen.“ Wenn wir allerdings wissen, dass damit eine „Arbeitswertlehre“ widerlegt werden soll, wird zugleich klar: hier potenzieren sich die Missverständnisse. Um es klipp und klar zu sagen: Es gibt bei Marx keine Arbeitswertlehre! Gerade in einem Milieu, wie das angelsächsische universitäre, das Exaktheit, Wissenschaftlichkeit und strenge Definitionen einfordert, ja Präzision bis zur Spitzfindigkeit fördert, ist ein derartiger Ausdruck für die Marxsche Position unverzeihlich. Wie argumentiert Marx tatsächlich? Die Substanz des Wertes, die abstrakte Arbeit, ist geschichtliches Resultat der contrafaktischen Gleichsetzung der verschiedenen konkreten Arbeiten. Gesellschaftlich wirksam ist diese Gleichsetzung erst in der entfalteten kapitalistischen Produktionsweise. Die Substanz des Wertes, die abstrakte, allgemein menschliche Arbeit trägt also einen geschichtlichen Index, ihre „Vollgültigkeit“ (MEW 42; 39) erreicht sie erst in der kapitalistischen Produktionsweise. Wenn seine komplexe Werttheorie mit einem Ausdruck zusammengefasst werden soll, dann würde sich wenn schon der Terminus gesellschaftlich-geschichtliche Wertlehre anbieten, niemals jedoch der Ausdruck „Arbeitswertlehre“, denn dieser unterstellt ja, Arbeit käme immer und jederzeit die Eigenschaft zu, Wert zu schaffen.

Mit der These: „dass man keine Werte benötigt um Preise zu berechnen“ wird weiters eine Argumentation widerlegt, die Marx nie benutzt hat. Marx begründet also die Substanz des Wertes, die so missverständlich und irreführend als „Arbeitswertlehre“ bezeichnet wird, vor dem Begriff der gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit. Wie das „Wie viel“ des Wertes zustande kommt, ist bei der Ableitung der Wertsubstanz noch gar nicht Thema! Wer also die Konzeption der Wertsubstanz widerlegen möchte, muss unter anderem von folgender Begründung ausgehen: „Indem sie ihre verschiednen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (MEW 23; 88) Die Begründung und Ableitung der Wertsubstanz erfolgt also völlig unabhängig von quantitativen Gesichtspunkten! Marx begründet also die Wertsubstanz aus dem gesellschaftlichen Verhältnis scheinbar unabhängiger Warenbesitzer und war keineswegs so tollkühn, die Wertsubstanz wie auch die Wertform aus quantitativen Verhältnissen ableiten zu wollen. Es ist zwar ein populäres Missverständnis zu behaupten, um die Ausbeutung erklären oder beweisen zu können, müsse Marx eine „Arbeitswertlehre“ entwerfen. Mit der Marxschen Argumentation und Begriffsentwicklung hat diese Fehlinterpretation freilich nicht das geringste gemeinsam.

Der Fokus auf quantifizierbare Größen muss die Zweiseitigkeit von Gebrauchswert/Tauschwert, die die gesamte kapitalistische Ökonomie kennzeichnet, ignorieren. Marx nennt diese Entgegensetzung auch den „Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“ (MEW 23; 56). Die Bedeutung dieser Entgegensetzung kann hier nicht ausgeführt werden, sie ist jedoch kaum zu überschätzen. Ich verweise bloß auf die damit gesetzten zwei unterschiedlichen und widersprüchlichen Rationalitäten, die sich daraus ergeben und in ständigem Konflikt zueinander stehen. Einerseits gibt es das Kalkül der Profitmaximierung, kurzum aus Geld soll mehr Geld werden, Basis der Berechnung sind mathematisierbare Preiszahlen. Die Produktion und Erhaltung von Gebrauchswerten ist jedoch so variantenreich und unterschiedlich, wie es die Gebrauchswerte sind. Es erfordert eine andere Ökonomie ein Buch herzustellen, wie ein Auto zu produzieren, und diese wiederum haben mit Softwareproduktion ebenso wenig gemeinsam, wie mit der Aufzucht von Hühnern. Denken wir noch an die Produktion des Gebrauchswertes Arbeitskraft so lässt sich schlussfolgern: Alle diese Gebrauchswerte folgen einer unterschiedlichen Logik/ Rationalität/Ökonomie.

Es ist tatsächlich ein bürgerlicher Traum, Ökonomie als eindimensional, nur einem Kalkül folgend, darzustellen. Daran beteiligten sich große Namen, Max Weber oder Jürgen Habermas zum Beispiel. Geld und Geldvermehrung sei das einzige, legitime und rationale Steuerungsmedium der Ökonomie, so könnte diese Position zusammengefasst werden. Spätestens beim Abschnitt über den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft – und es ist der Gebrauch dieses so spezifischen Gebrauchswerts, auf dem die Mehrwertproduktion beruht – sollte klar sein, dass dieser „Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“ nicht folgenlos ignoriert und durch eine eindimensionale Formalisierung ersetzt werden kann.

Zum so genannten Transformationsproblem

Insbesondere im Abschnitt „Das Transformationsproblem und die neuen Lösungen FAQ – frequently asked questions“ hat Engelbert Stockhammer sehr klar und präzise Thema und Probleme des Transformationsproblems herausgearbeitet. Alle, die mit dieser Frage nicht sehr vertraut sind empfehle ich die Lektüre dieser Passage, denn meine Einwände bauen sozusagen auf dem dort dargestellten Kenntnisstand auf. Sowohl bei Stockhammer, aber auch bei Michael Heinrich, der in seinem Buch „Die Wissenschaft vom Wert“ ebenfalls recht ausführlich diese Probleme erörtert, fällt auf, dass die Marxsche Lösung sehr rasch zurückgewiesen wird. Marx geht davon aus, dass auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene die Summe der Werte gleich der Summe der Preise, sowie die Summe des Mehrwerts gleich der Summe der Profite ist. „Und in dieser Weise ist in der Gesellschaft selbst – die Totalität aller Produktionszweige betrachtet – die Summe der Produktionspreise der produzierten Waren gleich der Summe ihrer Werte.“ (MEW 25; 169) Auf der Ebene der gesamten Gesellschaft existiert also weder eine Abweichung der Preise von den Werten noch der Mehrwertmasse von der Profitmasse. Wenn ich jetzt etwas vereinfachend sowohl die Argumentation von Michael Heinrich als auch von Engelbert Stockhammer zusammenfasse so läuft ihre Kritik an Marx darauf hinaus, dass diese Annahme selbst in Zweifel zu ziehen sei. Anders gesagt, sollte tatsächlich auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene die Profitmasse gleich der Mehrwertmasse und die Preissumme gleich der Wertsumme sein, dann, aber nur dann existiere tatsächlich kein Transformationsproblem. Daher schreibt auch Stockhammer: „In der Debatte um das Transformationsproblem geht es vor allem darum, ob die Invarianzpostulate korrekt sind oder nicht. Dies ist nicht immer der Fall.“ Auch Michael Heinrich stellt die Invarianzpostulate in Frage: „Dann kann aber auch nicht mehr ohne weiteres unterstellt werden, dass die allgemeine Profitrate des Produktionspreissystems mit der Durchschnittsprofitrate des Wertsystems übereinstimmt.“ (Heinrich 1999; 270)

Während Marx klar davon ausgeht, dass sowohl im Wertesystem als auch im Produktionspreissystem die gesellschaftliche Gesamtproduktion in einer angenommenen Zeiteinheit als c + v + m darstellbar ist und die Transformation von Werten zu Produktionspreisen an dieser Formel nichts ändert, scheinen jene, die darin ein Problem sehen, dieses zu bestreiten. Die Diskussion müsste sich eigentlich um den Charakter der Marxschen Annahmen überhaupt drehen. Das ist hier nicht debattierbar, nur so viel: Roman Rosdolsky hat in seinem seinerzeit viel beachteten Werk „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital“ die These vertreten, es gäbe einen methodischen Bruch zwischen den ersten beiden Bänden und dem dritten Band des Kapitals. Während Marx sich methodisch zuerst auf die „Analyse des Einzelkapitals“ beschränken würde, ginge er (teilweise bereits im II. Band) im dritten endgültig „Zur Betrachtung des Kapitals in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen über.“ (Rosdolsky 1974; 88)

Im ersten Band des Kapitals scheint es so, als ob die Ausbeutung im Unternehmen A nichts mit der Ausbeutung im Unternehmen B zu tun hätte, insbesondere wenn beide Kapitale in völlig unterschiedlichen Sphären agieren. Der Profit, den Kapitalist A erreichen kann, scheint sich allein durch interne Faktoren, wie etwa die Höhe der Produktivität, die individuelle Mehrwertrate usw., zu ergeben. Marx kann allerdings zeigen, dass gerade durch die Konkurrenz die einzelnen Kapitale zu kommunizierenden Gefäßen werden. Einen vorläufigen Abschluss der Analyse der kapitalistischen Kumpanei findet sich eben im Abschnitt zur Transformation vom Wertesystem zum Produktionspreissystem.

Im Gegensatz zum ersten Band hat sich nun die Betrachtungsweise gedreht. Der Kapitalismus erscheint nun nicht mehr als eine Summe zahlloser verstreuter und aufsummierter Kapitalverhältnisse, sondern als „Gesamtexploitation der Arbeit durch das Gesamtkapital“ (MEW 25; 80) der ständige Werttransfer durch den Ausgleich der Profitrate schmiedet aus vereinzelten Kapitalisten die Klasse der Bourgeoisie. Was Marx also zeigen will ist, dass gleich große Kapitale gleich große Profitmassen realisieren. Anders gesagt, mit dem Begriff Produktionspreis soll gezeigt werden, wie der Werttransfer innerhalb der Kapitalisten – trotz und gerade wegen ihrer Konkurrenz – funktioniert.

Noch anders ausgedrückt: Marx zeigt uns, wie aus den vereinzelten Kapitalisten auch ökonomisch eine Klasse geschmiedet wird. Während also im I. Band vom individualisierten Kapitalisten und seiner Stellung in der Ökonomie ausgegangen wird, ändert Marx diese Perspektive und geht – etwas salopp gesagt – im III. Band vom gesellschaftlichen Gesamtkapital aus. Ich vermute, dass jene, die auf dem Transformationsproblem beharren, nicht bereit sind, diesen Schritt mitzugehen und stattdessen die gesellschaftlichen Größen wie Gesamtprofitmasse oder gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate aus den Einzelkapitalen errechnen und erschließen wollen. Dass sich bei dieser Methode massive Probleme ergeben, glaube ich gerne. Aber auch in diesem Falle ist auf den Doppelcharakter zu verweisen: Es ist nicht einzusehen, warum die Summe der produzierten Waren und Dienstleitungen sich wie durch Zauberhand vergrößern oder verkleinern könnte, wenn sie einmal in Werten, das andere mal in Produktionspreisen ausgedrückt werden. Was sich ändert ist die Verteilungsgröße für das Einzelkapital, und genau das will Marx zeigen.

Karl Reitter

In Planung: Konferenz zur Erwerbsarbeitslosigkeit

Kurz nachdem einige Medien über neuerlich steigende Zahlen in der Arbeitslosenstatistik berichtet und Maßnahmen gefordert hatten, zauberte auch schon Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein eine neuerliche Beschäftigungsinitiative aus den Hut. Das Problem dabei: Nach jeder Beschäftigungsinitiative dieser Regierung stiegen die Zahlen der Erwerbsarbeitslosigkeit weiter, und das obgleich ständig an den Statistiken herumgedreht wird. Ganz offensichtlich dienen diese Initiativen nicht der Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern bedienen die Klientel der Regierungsparteien in Wirtschaft und in der Oberschicht. Tatsächlich ist die Regierung tatkräftig mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen beschäftigt (so etwas nennt mensch schlanken Staat), mittels Pensionsreformen, 0-Defiziten, einer Sparefroh-Politik bei Investitionen und Steuererleichterungen für Reiche usw.

In dem Maße, wie einerseits Arbeitsplätze vernichtet werden, ist andererseits die Regierung damit beschäftigt, jenen, die davon betroffen sind zu vermitteln, dass es in ihrer individuellen Verantwortung liegt, dass sie erwerbsarbeitslos sind. Waren dafür noch vor 20 Jahren gesellschaftliche Begründungen wie Wirtschaftsentwicklung, geographisch-strukturelle Probleme etc. selbstverständlich so hat sich das grundlegend geändert. Dazu wurde ein System einer Ethik der Arbeitszentriertheit entwickelt (workfare statt welfare) und über ständige Wiederholungen naturalisiert – wirklichkeitsmächtig gemacht. Wir begegnen heute unzähligen Aufmerksamkeitstechnologien, die uns alle das gleiche vermitteln: Arbeit, Leistung, Wettbewerb. Dies entspricht einer ideologischen Verkoppelung zwischen Neoliberalismus und Neokonservatismus. Hier verknüpft sich scheinbar widersprüchliches, liberales mit konservativem, bis hin zu rechtsextremen und totalitären Formen von Politik. Es sei nur daran erinnert, dass es liberale und sozialdemokratische Parteien waren, die besonders tiefe Schneisen in die soziale Realität rissen (Clinton, Blair, Schröder).

Die Arbeitszentriertheit umfasst mehr eine Strategie des Reagierens (ein ständiges „verbessern“ und anpassen) als ein fixes Konzept. Die Generallinie ist die des Arbeitszwanges, der Arbeitszwangsprogramme. Diesen Sinn haben die „Aktivierungskurse- und maßnahmen“. Es geht darum, für einen Arbeitsmarkt zu aktivieren, der immer kontingenter, schlechter bezahlt, unsicherer, kurz prekärer wird. Es geht um die Konstituierung einer Klasse von working poor. Das ist der eigentliche Sinn der Arbeitszentriertheit. Dafür wird die Ethik der Arbeit bemüht, die beinahe an totalitäre Regime erinnert.

Aus diesen und noch vielen anderen Punkten haben wir (autonome Erwerbsarbeitslosengruppen und Einzelpersonen) uns entschlossen eine Konferenz zum Thema Erwerbsarbeitslosigkeit einzuberufen. Es geht uns dabei nicht darum ein exklusives Treffen zu arrangieren, gerade weil wir wissen, dass unsere Situation aufs Engste mit der aller anderen Untergruppen verbunden ist.

Deshalb rufen wir alle Interessierten auf, sich an einer solchen Konferenz zu beteiligen, unabhängig davon, ob sie erwerbsarbeitslos sind oder noch in Erwerbsarbeit stehen, ob prekär beschäftigt oder neu selbständig - weil wir glauben, dass Widerstand gegen ein System der Perspektivlosigkeit und Verelendung eine Sache der Vielfalt, der Pluralität („Multitude“) sein könnte.

Die Konferenz zur Erwerbsarbeitslosigkeit wird vom 15. und 16. Oktober 2005 im Amerlinghaus, Stiftgasse 8, 1070 Wien, stattfinden. Ein genaues Programm ist in Ausarbeitung.

Walter

Weitere Informationen gibt es auf folgenden Webseiten:

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2005
Nummer 15, Seite 3
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