Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2002 » Nummer 2
Grundrisse

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Seit dem Erscheinen der Nummer 1 der grundrisse hat sich viel Positives getan. Die Redaktion hat sich personell vergrößert, neue Kontakte konnten sowohl in Österreich als auch in Deutschland geknüpft werden. In dieser Nummer finden sich nicht nur Beiträge der Redaktionsmitglieder, sondern ebenso Artikel und Buchbesprechungen von Petra Karlhuber, Käthe Knittler, David Mum, Beat Weber und Eli Weber. Ebenso freuen wir uns über eine steigende Zahl von AbonnentInnen, obwohl — die für das gesicherte finanzielle Überleben unserer Zeitschrift notwendige Anzahl ist noch nicht erreicht. Also: grundrisse abonnieren! 18 Euro für vier Nummern, inklusive Porto, sind ja wohl nicht die Welt. Die grundrisse sind ab sofort auch im Internet vertreten. Unter www.grundrisse.net wird jeweils beim erscheinen der aktuellen Nummer die vorhergehende ins Netz gestellt. Außerdem gibt’s dort Informationen zu Veranstaltungen, etc. Die e-mail Adresse der Redaktion (grundrisse/ at /gmx.net) ist hingegen gleichgeblieben.

Auf das Erscheinen der ersten Nummer hat es eine Reihe von positiven und einige negative Reaktionen gegeben. Wir möchten gleich mit einer wichtigen Kritik beginnen, die leider nicht ganz unbegründet ist. Auf Grund mangelnder Sensibilität als männliche Redaktion gegenüber den Geschlechterverhältnissen ist es uns „passiert“, daß sprachliche Sexismen, die in der Redaktion sofort Widerspruch hervorrufen hätten müssen, nicht ausgebessert wurden. Wir hoffen, die Sensibilität in Bezug auf nichtsexistischen Sprachgebrauch ist größer geworden. Ebenso ist es uns noch nicht wirklich gelungen, die männliche Dominanz der Redaktion zu überwinden. Immerhin publizieren in dieser Ausgabe nicht nur Männer. Wir hoffen, für die nächsten Nummern der grundrisse weitere Autorinnen gewinnen zu können.

Die wichtigsten positiven Reaktionen bezogen sich aber auf das Konzept unserer Zeitschrift. Wir wollen bewußt keine Strömungszeitung sein, in der eine bestimmte Linie, ein bestimmtes Konzept dominiert, sondern ein offenes Forum für Diskussion und Debatte jener drängenden Fragen und Probleme, die die gesellschaftliche Entwicklung auf die Tagesordnung setzt. Die interessierte und mehrheitlich freundliche Reaktion auf das Erscheinen der grundrisse zeigt, daß innerhalb der Linken offenbar ein Bedürfnis nach dieser Debatte besteht. Eine derartige Diskussion kann jedoch nur sinnvoll geführt werden, wenn die TeilnehmerInnen nicht meinen, sie würden bereits die absolute Wahrheit besitzen, und es ginge nur darum, das Gegenüber von der Richtigkeit des eigenen Standpunkts zu überzeugen. Tatsächliche Kritik richtet sich nicht nur gegen gesellschaftliche Verhältnisse und deren Legitimation, sondern muß immer auch die eigene Position hinterfragen und deren Grenzen erkunden. Dabei geht es in den seltensten Fällen um ein simples „richtig“ oder „falsch“. Vielmehr geht es zumeist darum, die Grenzen wie auch die positiven Aspekte von Untersuchungen, Analysen und Ansichten zu bereifen und weiterzuentwickeln. Entscheidend ist vor allem die Bereitschaft, neue gesellschaftliche Phänomene (wobei die Frage immer offenbleibt, inwieweit es sich wirklich um etwas Neues handelt) erkennen zu wollen.

Nicht zufällig haben wir deshalb für diese Nummer als Schwerpunkt das Buch „Empire“ von Antonio Negri und Michael Hardt gewählt. Ende März ist nun die Übersetzung von „Empire“ auf Deutsch erschienen — früher, als wir erwartet haben und dadurch haben wir das Glück, dass diese Nummer mit dem Erscheinungsdatum (fast) zusammenfällt. Der „Operaismus“, der in Italien, aber auch im deutschsprachigen Raum in den Siebzigerjahren rezipiert und (zumindest am Rande auch) diskutiert wurde, war für zwei Jahrzehnte (bis auf kleine Diskussionszirkel) verschwunden. Auch zur Blütezeit der „autonomen Bewegung“ im deutschsprachigem Raum zwischen der HausbesetzerInnenbewegung 1980/1981 und dem Zusammenbruch des „Realen Sozialismus“ sind mehr die Politik der ersten Person und die Militanz im Zentrum gestanden und nicht die theoretische Diskussion. Die „Autonomen“ haben zu dieser Zeit berechtigterweise als theorielos gegolten. Mit dem Auftauchen der globalen Protestbewegung Ende der 90er Jahre ist der (Post)-Operaismus in modifizierter Form wieder auferstanden. In dieser vielfältigen Bewegung hat diese Theorie einen neuen Ansprechpartner gefunden, da sie eine (wenn auch eklektizistische) theoretische Analyse mit der Subjektivität der sozialen Bewegungen zu verknüpfen versucht. Seit der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre hat es kein linksradikales Buch gegeben, das weltweit so breit rezipiert wurde wie „Empire“. Wir warten mit Spannung darauf, inwieweit das Erscheinen dieses Buches breitere Diskussionen in der linken Öffentlichkeit auch im deutschsprachigen Raum auslösen wird. Müßig zu sagen, dass innerhalb der Redaktion höchst unterschiedliche Meinungen über die Thesen von Negri und Hardt existieren. Aber es gibt insofern eine Übereinstimmung, als wir meinen, daß dieses Buch zumindest wichtige und notwendige Fragen aufwirft und i einer Weise geschrieben ist, daß daran eine kreative und fruchtbare Diskussion (vielleicht schon in den nächsten grundrissen?) anknüpfen kann.

Der Hauptartikel „Immaterielle Arbeit, Empire, Multitude, neue Begrifflichkeiten in der linken Diskussion“ von Robert Foltin hat den Anspruch, die Grundthesen des Postoperaismus, wie sie besonders in „Empire“ vertreten werden, vorzustellen. Zwei weitere Beiträge befassen sich mit unserem Schwerpunktthema: (1) der Beitrag „Ursprüngliche Akkumulation im Postfordismus“ von Beat Weber und Petra Karlhuber bringt Beispiele, wo Ausbeutungsformen, die außerhalb des Wert/Arbeit-Verhältnisses in der postfordistischen Organisation des Kapitalismus bestehen und mit dem Konzept der „ursprünglichen Akkumulation“ begriffen werden können. (2) Karl Reitter zeigt in „Repräsentation und Multitude“ auf, wie die OrganisatorInnen des Sozialstaatsvolksbegehrens mit traditionellen Mitteln der Repräsentation arbeiten und somit außerhalb jeder sozialen Bewegung agieren (oder agierten).

Marcus Gassner beschäftigt sich in seinem Beitrag „Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation“ mit Elitentheorien und zeigt auf, dass bereits im Leninschen Konzept der revolutionären Organisation (und nicht erst durch die stalinistische Bürokratisierung) die Herrschaft einer kleinen Gruppe von Intellektuellen (oder Bürokraten) über die Klasse angelegt ist. Obwohl nicht explizit, wohl aber indirekt gibt es eine Verbindung der Thesen Gassners mit der Kritik an der Repräsentation bei Foltin und Reitter.

In Martin Birkners und Käthe Knittlers Beitrag „Ehekrise. Zur Geschichte feministischer Marxkritik“ geht es um die Geschichte der feministischen Auseinandersetzung mit der (verkürzten) marxistischen Sichtweise auf die Reproduktionsarbeit. Auch hier existieren Verbindungslinien zu einigen Überlegungen bei Weber und Karlhuber. Geht es doch in beiden Aufsätzen um das Verhältnisses zwischen unmittelbarer kapitalistischer Produktion und Bereichen, die nur indirekt vom Kapitalverwertungsprozeß erfaßt werden, trotzdem aber für diesen von zentraler Bedeutung sind. Dieser Artikel soll Auftakt für weitere Beiträge zur Diskussion um weibliche Arbeit — und ihr ambivalentes Verhältnis zum Marxismus — sein.

Karl Reitter versucht in seinem Beitrag über das sogenannte „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ einführend die grundlegenden Thesen und Probleme dieses „Gesetzes“ darzustellen. Anhand aktueller Kritik von Bensch und Heinrich an diesem „Gesetz“ soll gezeigt werden, daß die Existenz eines notwendigen und automatischen Falls der Profitrate höchst fragwürdig ist, und die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse in jedem Fall ein Werk revolutionärer Subjekte sein muß, mag mensch sie nun mit Negri „Multitude“ nennen oder nicht.

Wir wollen erneut auf unsere offenen Redaktionstreffen hinweisen. Natürlich gibt es neben (hoffentlich) auch in Zukunft interessanten und differenzierten Diskussionen auch organisatorische Kleinkram zu besprechen, aber eine Zeitschrift muß auch technisch produziert werden. So ist das eben, wenn die Trennung von Kopf- und Handarbeit praktisch überwunden wird. Schaut vorbei! Jeden zweiten und vierten Montag im Monat im Cafe Kafka, Capistrang. 8, 1060 Wien.

Wie versprochen, gibt es anläßlich des Erscheinens dieser grundrisse-Nummer eine Präsentation- und Diskussionsveranstaltung am Freitag, dem 17. Mai 2002 im Amerlinghaus in der Stiftsgasse 8, 1070 Wien. Beginn: 19.30 Uhr

Ebenfalls hinweisen wollen wir auf die — von den grundrissen unterstützte — offizielle Buchpräsentation der deutschen Übersetzung von „Empire“ mit Thomas Atzert und Jost Müller am 10. Mai 2002 um 19 Uhr im „Depot“, Breitegasse 3, 1070 Wien. Zu den in „Empire“ vertretenen Thesen planen wir außerdem ein Seminar im Sommer. Nähere Infos in Bälde unter www.grundrisse.net.

Abschließend noch zum lieben Geld. Franz Schandl formuliert in den „Streifzügen“ immer wunderbare flammende Appelle, doch das „Börsl“ zu öffnen und großzügig zu überweisen. Wir sagen es ganz schlicht: Förderabos sind für die weitere Existenz der grundrisse lebensnotwendig. Noch Fragen?

In diesem Sinne wünschen wir euch wie immer eine anregende Lektüre und uns dementsprechendes Feedback und möchten uns auf diesem Wege noch recht herzlich bei Christiane für’s prompte Korrekturlesen bedanken.

Die grundrisse Redaktion

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2002
Nummer 2, Seite 3
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Grundrisse:

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