Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2002 » Nummer 1
Grundrisse

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

dass wir die erste Nummer unserer (hoffentlich vierteljährlich erscheinenden) Zeitschrift grundrisse vorlegen können, beruht zum einen auf zufälligen persönlichen und politischen Bekanntschaften, ähnlich gelagerten Bedürfnissen und der Freude, gemeinsam ein Projekt auf die Beine zu stellen. Schon bevor die erste Nummer produziert wurde, konnten wir auf die solidarische Unterstützung einer ganzen Reihe von Personen zählen. Harry hat das Layout beigesteuert, Wolfgang das wunderbare Fest-Essen gekocht, auf dem so viele UnterstützerInnen durch großzügige Spenden das Erscheinen dieser Nummer möglich gemacht haben. Ohne unser Umfeld, das mit Wohlwollen und Sympathie dieses Projekt unterstützt hat, wären die Grundrisse nicht, oder jedenfalls nicht in dieser Form erschienen — wir danken allen an dieser Stelle ganz herzlich!

Auch wenn der Zufall eine Rolle gespielt hat, so ist das Erscheinen dieser Zeitschrift doch nicht bloß zufällig. Ob man/frau den Zufall wie Spinoza als bloßen Schein begreift, der dem Mangel an adäquater Erkenntnis entspringt, oder mit Hegel ihn mit der Notwendigkeit vermitteln muss — es existieren eine Reihe von objektiven Faktoren, die eine Handvoll jüngerer und älterer Buben dazu veranlassen, eine Theorie- und Diskussionszeitschrift mit Bezug zum Marxschen Denken herauszugeben. Damit sei gleich vorweg das größte Manko dieser Zeitschrift herausgestellt. Die Redaktion ist derzeit rein männlich besetzt. Wir hoffen, dass sich dieser Umstand in den nächsten Monaten rasch ändern wird. Momentan tragen wir’s mit Fassung und Selbstironie. Aber genug der subjektiven Unzulänglichkeiten. Werfen wir einen Blick auf die objektiven, gesellschaftlichen Umstände. Die historische Entwicklung selbst hat die Möglichkeit einer offensiven Kritik am Kapitalismus wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Die Phase des Fordismus, mit geregelten Arbeitsverhältnissen, hohen Löhnen und sozialer Absicherung gehört wohl endgültig der Vergangenheit an. Entsolidarisierung, Privatisierung und Neue Armut prägen die gesellschaftliche Wirklichkeit in den kapitalistischen Metropolen. An die Stelle der inzwischen vergessenen Rhetorik der Freiheit der 60er und 70er Jahre sind die Imperative des freien Marktes und der Kapitalakkumulation getreten. Diese Entwicklung, die hier nicht weiter ausgeführt werden muss, da sie buchstäblich mit Händen zu greifen ist, bedeutet Herausforderung und Chance für gesellschaftskritisches Denken. Ohne Zweifel, der Wind hat umgeschlagen: in den 80er und zu Beginn der 90er Jahre schien die Sache für marxistisches, radikales Denken und Handeln sehr aussichtslos. Auf der akademischen,intellektuellen Ebene dominierte der Poststrukturalismus, der den Marxismus mit verächtlicher Geste als „große Erzählung“ entsorgte; politische Aktivität bewegte sich im Umkreis „grüner“ Themen. Die Brutalität und Krisenhaftigkeit des Kapitalismus hat den Raum für Zwischentöne verknappt. Ob es der Antritt der blau-schwarzen Regierung in Österreich, die Krise der sogenannten Tigerstaaten, die Ereignisse des 11. September waren, die latente Widersprüche offen zu Tage treten ließen und neue schufen, die herrschenden Mächte selbst drängen auf ein Für oder Wider, Alles oder Nichts, Entweder — Oder.

Wir sind erneut herausgefordert. Wir sind herausgefordert, unsere Begriffe und Denkschemata zu überdenken, zu aktualisieren, an Hand der gesellschaftlichen Tendenzen neu zu konzipieren. Ob es sich um den Begriff der Krise, der Klasse, ob es sich um Begriffe wie Emanzipation, Widerstand, Entfremdung, Wert, Kapital, Imperialismus oder Sozialismus handelt, all diese Ausdrücke gilt es an gesellschaftlich-geschichtlicher Erfahrung zu messen und erneut die Grenzen und Möglichkeiten emanzipatorische Handelns auszuloten. Ausgangspunkt und Wege sind naturgemäß vielfältig und komplex. Abstrakt formulierte Theorien, individuelle Bedürfnisse, Erfahrungen in sozialen, kulturellen und politischen Zusammenhängen können und sollen den Ausgangspunkt darstellen und verschiedene Formen der Auseinandersetzung, sei es der Polemik, der Analyse, des Kommentars oder der Buchbesprechung annehmen. Letztlich sollen aber alle Beiträge in den Grundrissen dazu dienen, die Reflexion der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung im Hinblick auf deren emanzipatorische Überwindung voranzutreiben. Diese etwas pathetische Formulierung erfordert eine gewisse Relativierung. Dass unsere Fähigkeiten, Kenntnisse und Möglichkeiten beschränkt sind, ist eine Banalität. Komplexer ist der Umstand, dass wir uns als Teil einer Linken verstehen, die nicht unbedingt im besten Zustand ist. Auch wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit durch stärkere Polarisierung gekennzeichnet ist, als noch die 80er Jahre, so ist die radikale Linke weit von tatsächlicher gesellschaftlicher Relevanz entfernt und radikale Gesellschaftskritik ist nach wie vor marginalisiert. Es wäre fast ein Wunder, wenn gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit und Ohnmächtigkeit sich nicht in eine Reihe von Deformationen und Unzulänglichkeiten niederschlagen würden. Obwohl die Linke verglichen mit den 70er Jahren, durchaus an Dialogfähigkeit und Selbstreflexion gewonnen hat, grassiert weiter ein gewisser Primitivismus, der komplexe Sachverhalte auf simple Schemata reduziert und vor allem ein hysterischer Reduktionismus, der derzeit in den sogenannten antideutschen Kreisen immer wahnwitzigere Blüten treibt. Diese Ansätze haben, aristotelisch gesprochen, jede Mitte verloren.

Wir wollen diesem 110% Fanatismus, der alles, nur nicht sich selbst reflektieren kann, eine differenzierte Haltung entgegensetzen. Wir nehmen uns ernst, aber nicht bier- und tot-ernst, wir sind nicht zynisch aber haben die Selbstironie nicht verloren, wir wissen um unsere Grenzen, lösen aber nicht alles in Relativismus auf. Grundsätzlich verstehen wir uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung und Bereicherung zu anderen politische Projekten, Organisationen und Initiativen. Die bisherigen Mitglieder der Redaktion arbeiten fast alle auch in anderen politischen Kontexten. Wir empfinden dies nicht als Mangel, sondern als Bereicherung für unsere Redaktionsarbeit.

Wenn es einen Unterschied zu ähnlichen theoretischen Zeitschriften gibt, so liegt dieser in erster Linie in der Arbeitsweise, die wir bisher mit Erfolg praktiziert haben und weiter praktiziert werden. Jeder Artikel wurde ausführlich mit den Autoren in der Redaktion diskutiert. Auf Grund der Rückmeldungen, Anregungen, Einwände und Hinweise wurde in einem zweiten Schritt der Text nochmals überarbeitet. Ziel dieser Debatte ist nicht, eine bestimmte allein seligmachende Auffassung durchzudrücken, sondern die Argumentation zu verdichten, unbemerkte Schwachstellen als solche zu benennen und offene Fragen wenn möglich zu klären. Die Themen der Artikel dieser Ausgabe sind hauptsächlich durch die Subjektivität der Beteiligten erklärbar und gehorchen keinerlei geplanter Schwerpunktsetzung. Dennoch hat sich ein Überhang an „Kapital“-beeinflussten Texten herauskristallisiert, dies ist wie gesagt dem Zufall (oder seiner Notwendigkeit?) geschuldet.

Karl Reitter setzt sich in „Der Begriff der abstrakten Arbeit“ mit einer, wenn nicht der Grundkategorie der Marxschen Werttheorie auseinander und versucht, über eine kritische Auseinandersetzung bereits geleisteter Ansätze, den Begriff auch für die Analyse postfordistischer Gesellschaften fruchtbar zu machen. „Der schmale Grat“ von Martin Birkner ist eine Analyse zweier Strömungen des Marxismus, des „Strukturalismus“ wie des klassischen „hegelianisierenden“ Marxismus, anhand Michael Heinrich’s Buch „Die Wissenschaft vom Wert“, und die Marxschen Reproduktionsschemata, welche das Zentrum des II. Bandes des „Kapital“ darstellen, werden von Marcus Gassner entlang verschiedener Interpretationslinien in Hinblick auf krisentheoretische Aspekte erläutert. Nicht nur wegen dem 30. Jahrestag des Erscheinens von „Die Verdammten dieser Erde“ und aufgrund des 30. Todestages des Autors, Franz Fanon, ist die Diskussion dieses Klassikers wieder modern geworden. Robert Foltin setzt sich mit der Aktualität des Fanonschen Denkens auseinander, welches gerade in der derzeitigen geopolitischen Situation wichtige Impulse für eine emanzipatorische Entwicklung an der kapitalistischen Peripherie geben kann. Die blau-schwarze Regierung hat uns nicht nur die „Wende“ beschert, sondern auch noch die „Wendephilosophen“. Klaus Neundlinger erforscht am Beispiel Rudolf Burger das Denken der „Wende“.

Die offenen Redaktionstreffen der grundrisse finden jeden 2. und 4. Montag im Monat im „Cafe Kafka“, 1060 Wien, Capistrangasse 8, ab 19 Uhr, statt. Interessierte LeserInnen sind herzlich eingeladen. Abschließend möchten wir noch auf die ab Erscheinen der zweiten Nummer stattfindenden Diskussionsveranstaltungen hinzuweisen. Kurzes Mail an grundrisse gmx.net genügt, und wir senden ihnen/euch (selten, versprochen!) diesbezügliche Informationen gerne zu. In diesem Sinne wünschen wir ihnen/euch eine anregende Lektüre und uns dementsprechendes Feedback.

Die grundrisse-Redaktion

Da wir glücklicherweise über keine zahlungskräftigen GeldgeberInnen im Hintergrund verfügen, sei an dieser Stelle an die — für uns lebensnotwendige Möglichkeit — eines (Förder-)Abonnements hingewiesen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2002
Nummer 1, Seite 2
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Grundrisse:

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