Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2006 » Sondernummer 1/2006
Heribert Schiedel

Editorial

Die Foltermörder von Ilan Halimi, eine Bande (spät)adoleszenter und um einen Führer gruppierter Männer, nannten sich selbst „Barbaren“, womit sie in dankenswerter Offenheit ihren Aufstand gegen die verhasste Zivilisation und deren Zwang zum privaten Ge­waltverzicht ausdrückten. Bevor aber manche ApologetInnen dieser Zivilisation sich vorschnell versichern, dass das Böse außerhalb liegt, sei auf den systemimmanenten Charakter der Barbarei hin­gewiesen: Sie ging der Zivilisation nicht einfach voraus, sondern ist — nicht zuletzt angesichts der vielen uneingelösten Versprechen die­ser Zivilisation — in ihr enthalten wie der Regen in der Wolke. Das gilt insbesondere für den Antisemitismus, der sich nicht nur darin bemerkbar machte, dass das Opfer der „Barbaren“ ein Jude war, sondern auch im Hassverbrechen selbst, in der sadistischen Raserei. Wer sich selbst als „Barbar“ definiert, stellt sich damit in hasser­füllte Gegnerschaft zum Judentum. Seit jeher wurden die Jüdin­nen und Juden verantwortlich gemacht für die Zumutungen der Zivilisation. Waren sie doch die ersten, die das äußere (rituelle) Op­fer durch das innere (moralische) ersetzten. Von daher geht jeder Aufstand gegen das verinnerlichte Opfer (Gesetz), das vom Anti­semitismus zur „jüdischen Erfindung“ erklärte Gewissen, Hand in Hand mit der Wiedereinführung ritueller Opfer. Der Pariser Fol­termord setzt fort, was über Jahrhunderte hinweg in Pogromen sich austobte und in Auschwitz kulminierte: Die grausame Rache an de­nen, die das Gesetz repräsentieren. Was für die Mitglieder der Hetz­masse in ihrem Abstreifen der Zumutungen der Zivilisation, des Zwanges zu Aufschub und Verzicht, ein „großartiges Fest für das Ich“ (Freud) ist, bedeutet für Jüdinnen und Juden seit jeher Ver­folgung und Mord.

Solche und ähnliche Gedanken wurden schon in der Vergan­genheit in der Zeitschrift Context XXI formuliert. Nun, unterm Schock des Pariser Foltermordes, wollten wir rasch reagieren. Wir versuchen das mit vorliegender Sondernummer, für welche Danny Leder (Ku­rier) dankenswerterweise einen überarbeiteten Vortrag zur jüngsten Welle des Antisemitismus in Frankreich zur Verfügung gestellt hat. Thomas Schmidinger beschäftigt sich in einem weiteren Bei­trag noch einmal eingehend mit dem Antisemitismus unter Mi­grantInnen.

Beide Autoren treffen sich in der Einschätzung, wonach es sich beim Antisemitismus der entlang ethnisierter Grenzen Marginali­sierten auch um die Übernahme eines (impliziten) Integrationsan­gebotes der Mehrheitsgesellschaft handelt. Was Sartre über den Antisemitismus als Motor der Gemeinschaftsbildung „gegen die Schichtung der Gesellschaft in Klassen“ sagte, gilt tatsächlich auch hier: Gegen den jüdischen „Weltfeind“, das personifizierte Böse, rücken alle zusammen.

Danny Leder erwähnt daneben den Neid als integralen Be­standteil des antisemitischen Ressentiments. Seine Beobachtungen der französischen Szenerie treffen sich mit denen einer psychoana­lytisch orientierten Antisemitismus-Theorie: Demnach entspricht der Antisemitismus einer Regression auf ein frühkindliches Stadium, welches geprägt ist durch vielfältige Formen des Neides, der oralen Gier und dem Nicht-Aushalten von Ambivalenz. Der Kontakt zur äußeren Welt und ihren Objekten ist eigentümlich flach und frei von Empathie. Jede Differenz wird zur Bedrohung, die es auszu­merzen gilt. Die Anderen werden, sofern sie nicht als Objekte der Spiegelung eigener Größe dienstbar sind, entweder übergangen oder entwertet und am Ende zerstört. In diesem Stadium gibt es eine klare Spaltung in „gut“ und „böse“, wobei letzteres nach außen projiziert wird. Die innere Reinheit wird mit aller Gewalt vertei­digt, wobei sich die paranoide Angst vor Verschmutzung und Auf­lösung ins Unermessliche steigert. AntisemitInnen fühlen sich tatsächlich verfolgt, nämlich von den projizierten eigenen Antei­len, die an Jüdinnen und Juden geheftet werden.

In dieser paranoid-schizoiden Position ist schon die äußere Realität selbst eine permanente narzisstische Kränkung. Mag die­se auch durch die soziale und politische Marginalisierung ver­stärkt werden, ursächlich für das Ausmaß dieser Kränkung sind psychische Dispositionen, also das Ausmaß der Regression. An­ders ließe sich auch nicht erklären, warum nur ein Teil der Deprivierten eine Heilung in antisemitischer Raserei und Zer­störungswut sucht. Neben diesen unbewussten Dispositionen ist aber auch die Ideologie verantwortlich zu machen. Vorm Hinter­grund der grandiosen Versprechungen des Islamismus kommt es zur Ausbildung eines pathologischen Größenselbst, das auf die alltägliche Ohnmacht und persönliche Tristesse nicht anders rea­gieren kann als mit der Suche nach Opfern, auf deren Rücken die Kränkung geheilt werden soll.

Als radikalisierter Patriarchalismus geben der Islamismus und — wie im Fall der Pariser „Barbaren“ — die alltagsreligiösen Schwund­formen des Islam wie andernorts der Rechtsextremismus den jungen, überzähligen Männern Stärke. Diese wird auch aus dem Zusam­menschluss zur pathologischen (reinen) Gruppe Identischer bezo­gen. Die Angst vor Schwäche (Kastration), Differenz und Abwei­chung wird in dieser Gruppe jedoch nur scheinbar besiegt, ihre Mitglieder bestärken sich vielmehr noch in ihrer Paranoia. Von da­her haben sie die Tendenz sich wechselseitig zu überbieten im Auf­spüren von Abweichungen und prospektiven Opfern. Wir haben es hier zu tun mit Angstbeissern, die sich dauernd ihrer Stärke und Härte versichern müssen. Die Schwäche der Nicht-Identischen reizt „den Starken, der (...) ewig sich die Angst verbieten muss, zu blin­der Wut.“ (Adorno) Diese entlädt sich dann gegenüber denen, die schutzlos sind. Der Antisemitismus als Rationalisierung der auto­ritären Aggression adelt diese, erlaubt er doch die Opfer als schul­dig zu sehen. Die unheimliche Schuld der als (über)mächtig hallu­zinierten Jüdinnen und Juden existiert seit dem Vorwurf des „Gott­esmordes“, der genau deswegen den Beginn des Antisemitismus markiert.

Die Opfer der autoritär-sadistischen Raserei, zuletzt ein Trans­sexueller, der Ende Februar in Portugal von jungen Burschen zu Tode gesteinigt wurde, haben also eines gemeinsam: Sie sind (sozial und politisch) schwach und bedrohen als Nicht-Identische das fragile Selbst, das Sicherheit nur findet in einer Welt ohne Differenz. Weil diese frühkindliche Welt tatsächlich aber unwiederbringlich verlo­ren ist, müssen alle Versuche, sie wiederherzustellen, so zerstöreri­sche Formen annehmen. Nichts anderes als diese kollektiven Ver­suche markiert die „Barbarei“.

Heribert Schiedel, März 2006

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2006
Sondernummer 1/2006, Seite 3
Autor/inn/en:

Heribert Schiedel:

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