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Editorial

Herbst 2003

Nicht selten wird zur Beförderung an sich emanzipatorischer Bestrebungen auf die Arsenale gesellschaftlicher Regression zurückgegriffen. Paulette Brupbacher, anarchistische Ärztin und Kämpferin für den legalen Schwangerschaftsabbruch, führte 1953 ins Feld, ohne eugenische Indikation würde «der Gemeinschaft die Erhaltung körperlich und geistig unbrauchbarer, lebensuntauglicher Elemente zugemutet, die, nirgends eingereiht, ihr nutz- und freudloses Dasein in Heimen verdämmern.» Das eugenische «Argument» für den straflosen Schwangerschaftsabbruch war auch insofern unsinnig, als im Gegensatz zur gewollten die erzwungene Abtreibung mit anschliessender Sterilisation gang und gäbe war bei Frauen, die für «minderwertig» befunden wurden.

Den ungebrochenen Willen zum Ausschluss «körperlich und geistig unbrauchbarer Elemente», d.h. nicht optimal verwertbarer Menschen, haben die Stimmberechtigten in der Schweiz am 15. Mai dieses Jahres bekräftigt, indem sie mit grosser Mehrheit die Initiative zur Gleichstellung Behinderter ablehnten. Unter Vorhaltung «überrissener Forderungen», die zu einer «Kostenexplosion» führen würden, obsiegten lernbegierige Laien, die im Stile tüchtiger Volkswirtschaftler und vorbildlicher Manager präventiv wegrationalisierten, was ihnen überflüssig erscheint.

Angesichts dieser feindlichen Stimmung gegenüber behinderten Menschen droht die pränatalen Diagnostik alles nicht voll leistungsfähige Leben allmählich zu verhindern. Neben dem finanziellen Druck auf Eltern steigt auch der soziale Druck durch die moralische Entsolidarisierung. Gleiches gilt für Kranke oder vom Produktionsprozess Verbrauchte im Hinblick auf die sogenannte «Sterbehilfe», deren Liberalisierung vom Europarat jüngst in Aussicht gestellt wurde. Was eine Aufhebung des Selbstmordtabus und die Autonomie wenigstens über die letzte Handlung verspricht, schlägt nur allzu leicht ins ökonomistische Gebot zur Beendigung von unterstützungs- und rentenabhängiger Existenz um. Dieses geht heute den Weg des geringsten Widerstands: Bereits mehrfach hat der schweizerische Verein «Exit» beim Suizid von depressiven Menschen assistiert. Die Elimination von Unnützem, die vom Ökonomischen ausgehend alle Bereiche des Daseins ergriffen hat, macht auch vor den Menschenleben selbst nicht halt.

Es mag vorgebracht werden, die klassische Eugenik des Massenmords an Behinderten oder der Zwangssterilisationen sei nicht mit den heutigen Verfahren der sozialen Aussonderung vergleichbar. Richtig daran ist, dass die manifesten Gemeinsamkeiten nicht anerkennen kann, wer sich schon weigert, die historischen Unterschiede namhaft zu machen.

Redaktion RISSE

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2003
Risse 6, Seite 1
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