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Editorial

Sommer 2003

Die meisten Linken halten Adorno für abgehoben und elitär. Sie haben ihm nie verziehen, dass er den Schritt in die Praxis nie machen, sprich: bei den Achtundsechzigern nicht mitmarschieren wollte. Seine Kritik an der Achtundsechzigerbewegung legte er in der Schrift «Marginalien zu Theorie und Praxis» dar. Adorno kritisiert die Praxisfixiertheit der Bewegten, die sich in einer Aversion gegen Theorie und einem unreflektierten Aktionismus niederschlägt, dessen moralisches Gebot notgedrungen repressiv wird, da die Einforderung kollektiver Praxis, die sich der Theorie entledigt hat, das Individuum unter Verratsverdacht stellt. Egal welchen Inhalt eine Massenbewegung hat, trägt sie dadurch wahnhafte Züge. Wie Marx führt auch Adorno den Ursprung der Praxis auf die Arbeit zurück. Gerade deshalb begleitet die Praxis «das Moment von Unfreiheit, das sie mitschleppte: dass man einst wider das Lustprinzip agieren musste um der Selbsterhaltung willen; (...) Praxis war der Reflex von Lebensnot; das entstellt sie noch, wo sie die Lebensnot abschaffen will.» Im Gegensatz zur Praxis der Achtundsechziger, die dazu tendiert, Selbstzweck zu werden, wäre das Ziel richtiger Praxis «ihre eigene Abschaffung.»

Man kann Adorno vorwerfen, er habe die Achtundsechziger zu hart kritisiert, war doch der Protest gegen den Vietnamkrieg und die Rebellion gegen den Autoritarismus der postfaschistischen Gesellschaften zweifellos berechtigt. Der Wert seiner Kritik liegt aber in ihrer Voraussicht. Adornos simple Minimalforderung, dass jeder politischer Praxis eine Analyse der Situation vorausgehen muss, wird in den gegenwärtigen «linken» Bewegungen gänzlich missachtet. «USA, Internationale Völkermordzentrale», rufen Antiglobalisierer unbeirrt, während immer klarer wird, dass vor allem derjenige im Irak gemordet hat, von dessen Herrschaft die IrakerInnen jetzt befreit sind. Pünktlich zum 70. Jahrestag des Judenboykotts der Nazis schliessen sich immer mehr dem Aufruf an, israelische Produkte zu boykottieren, obwohl es palästinensische Terrorgruppen sind, die immer wieder alle Friedensbemühungen hintertreiben. «Der sanktionierte Wahn dispensiert von der Realitätsprüfung.»

Natürlich kann man die Achtundsechziger nicht für die gegenwärtige Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung verantwortlich machen. Die wahnhaften Züge einer Kollektivbewegung, die zu einer theorielosen Praxis tendiert, konnten allerdings schon damals abgelesen werden. Der Maoismus wurde gerade deshalb begeistert rezipiert, weil er auf besonders dumme und unreflektierte Weise der Praxis gegenüber Theorie Vorrang gab. Maos Primat der Praxis wurde in seinem Fünfjahresplan verwirklicht, der durch seine Wirklichkeitsferne zu schrecklichen Hungersnöten führte. Dasselbe Primat rechtfertigte die Repression gegen alle, die es wagten, das maoistische Regime zu kritisieren. Diejenigen, die die Welt nicht nur zu verändern, sondern auch zu interpretieren suchten, mussten das Primat der Praxis im Arbeitslager am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

Gegenüber dem Primat der Praxis, welches vom Black Blocker bis zum Parlamentarier gefordert wird, muss auf kritischer Theorie beharrt werden, die sich gerade auch als unabhängig von Praxis definiert. Nur so kann sie über das Bestehende hinausweisen. «Das nicht Bornierte wird von Theorie vertreten. Trotz all ihrer Unfreiheit ist sie im Unfreien Statthalter der Freiheit.»

Risse Redaktion

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2003
Risse 5, Seite 3
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