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Therese Garstenauer

East meets West

Wie Ost-West-Verhältnisse gedacht werden können

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Der Westen ist in aller Munde. Der Osten auch. Allen scheint völlig klar zu sein, wovon die Rede ist. Osten da drüben, rechts oben. Westen immer einen Schritt voraus. Ost-West ist hip. Dies ist gewiss zu einem großen Teil der kürzlich von Statten gegangenen EU-Osterweiterung zuzuschreiben, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder einmal einen thematischen Impuls (unter anderem auch) an die Wissenschaften gibt. Konferenzen werden veranstaltet, Ringvorlesungen abgehalten, Sonderhefte von Zeitschriften herausgegeben.

Ost und West sind relationale Begriffe: Ohne Osten — oder anderes Anderes (der Islam ist gegenwärtig Favorit!) — ist der Westen nicht denkbar und umgekehrt genauso. Aber Vorsicht: Wenn nicht eins von beiden fixiert wird, kommt man ins Trudeln: Ost und West von wo aus gesehen? (East of the sun? West of the moon?) Und wenn Osten: der nahe oder der ferne Osten? Mein Osten, um dies einmal festzuhalten, soll Russland sein.

Dieser Beitrag soll nicht mehr und nicht weniger sein als Gedankentreibgut aus der aufhaltsamen Arbeit an meiner Dissertation. In dieser soll es um Forschungskooperation gehen, und zwar zwischen Ost und West, soll heißen zwischen russischen Forscherinnen und solchen, die von diesen als Westliche bezeichnet werden. Der Bereich, in dem ich Beobachtungen anstelle, ist Gender Studies, Geschlechterforschung, Gendernye issledovanija.

Die Fragestellung ist zum einen eingebettet in den Bereich von Wissenschaftssoziologie – also jener Forschung, die danach fragt, wie Wissenschaft funktioniert oder auch nicht. Zum anderen geht es aber auch um Vorstellungen und Verwendungen von Ost und West, Begriffen mit einer Fülle an Konnotationen und Assoziationen. Ein endloses Feld, das die Gefahr birgt, in hoffnungsloser Ver(w)irrung zu enden. Schon bei der Literatursichtung und in den Interviews für meine Diplomarbeit über Frauen- und Geschlechterforschung in Moskau stieß ich ständig auf Osten und Westen. Feminismus in Ost und West. Westliche Theorien und Förderungsgelder. Wobei zum einen der Westen öfter und dominanter vorkommt als der Osten. Zum anderen sprechen und schreiben RussInnen tendenziell eher vom Westen, während die entsprechenden WestlerInnen eher Osten und östlich erwähnen.

Auch in meiner eigenen Vorstellung wurde ich fündig: Beim Nachdenken und Klarwerden über die Motivationen für die Themenwahl: Qualifikationsarbeit, natürlich. Und das mit Hilfe (auf Kosten?) von russischen Forscherinnen, den Forschungsobjekten. Aber auch: Ein naives Helfen-Wollen, Übersetzen-Wollen, das Bestreben, die Arbeiten von russischen Genderforscherinnen einem deutschsprachigen Publikum zugänglicher machen zu wollen. Die Erkenntnis: dazu brauchen sie mich nicht. Idealistische Diplomandin fällt auf die Illusion des goldenen Westens herein! (Nebenbei: wo liegt eigentlich Österreich? Osten oder Westen?)

Aus diesen Überlegungen und Erfahrungen entstand die Idee, die Verhältnismäßigkeiten zu thematisieren. Wie sehen die ForscherInnen einander in der Zusammenarbeit? Wie geht Doing East/Doing West/Doing East-West vor sich? Stören Unterschiede in Sprache, persönlichen und akademischen Gepflogenheiten? Oder sind die Unterschiede zwischen Studierenden und AkademikerInnen einerseits und dem Rest der Welt andererseits bedeutsamer als nationale Unterschiede (wie eine meiner russischen Respondentinnen anmerkte)?

Zentral für wissenschaftliche Zusammenarbeit ist auch die gegenseitige Rezeption. Hier scheint schon aufgrund historischer Gegebenheiten eine offensichtliche Schiefe zu bestehen.

Sowjetische Sozial- und Geisteswissenschaften existierten bis zu den Zeiten von Glasnost’ und Perestrojka einigermaßen isoliert von Entwicklungen im Rest der Welt. Kontakte zu ausländischen KollegInnen wurden erst zu Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er möglich. Erschwert war auch der Zugang zu entsprechender Literatur. Abgesehen davon, dass die wenigsten Werke übersetzt vorlagen, waren die Bücher nicht oder nur in speziellen Abteilungen (spec-chrany) wissenschaftlicher Bibliotheken, die nur für wenige Personen zugänglich waren, verfügbar.

Im Laufe der 1990er Jahre entstanden zahlreiche Übersetzungen zentraler Werke der Frauen- und Geschlechterforschung bzw. solcher, die bestimmte Personen für zentral oder kanonisch hielten. Die Soziologinnen Anna Temkina und Elena Zdravomyslova aus Sankt Petersburg beschreiben diese Situation folgendermaßen: „Der russische (theoretische) Diskurs unserer Zeit ist heute offen; er ist in der Lage, sich eine Vielzahl von Sozialtheorien unterschiedlichster Herkunft anzueignen, zu verarbeiten, zu rezipieren, in sich aufzunehmen, zu übersetzen, zu“verdauen„. Darunter sind sowohl klassische Ansätze als auch solche, die aus ihrer Kritik entwickelt wurden. Diese diskursive Allesfresserei [Kursiv im Original, T.G.] kompensiert offenkundig das diskursive Defizit der Sowjetzeit, als viele Traditionen, die die Grundlage für die kritische Theorie bildeten, marginalisiert wurden.“ (Temkina/Zdravomyslova 2002, 26) [2]

Russische Genderforscherinnen fanden sich gleichsam in der Situation von Studierenden, die schlagartig 30 Jahre Feministische Theorie (und Praxis) nachlernen muss – bloß, dass diese Studierenden größtenteils bereits etablierte Wissenschafterinnen sind. Die Moskauer Historikerin Galina Zvereva sieht ein wesentliches Kriterium von Spielarten der russischen Genderforschung der späten 1990er Jahre darin, wie sie es mit „westlichen“ Theorien und Konzepten halten: ob sie diese unkritisch als „Eigenes“ appropriieren, ob sie diese als „Fremdes“ kategorisch ablehnen oder ob sie sie als „Anderes“ akzeptieren und sich in entsprechend differenzierter Weise annähern. [3]

Die Rezeption funktioniert bislang hauptsächlich in eine Richtung, und zwar vom so genannten Westen nach Russland. Russland, Russische Geschlechterverhältnisse, Russische Kultur, Osteuropa hingegen stellt ein Forschungsobjekt par excellence dar. Die innerakademische Arbeitsteilung läuft oft darauf hinaus, dass die Konzepte und Theorien „westlicher“ Provenienz sind, während Datenmaterial und Thema der Forschung Russland und/oder den Osten betreffen. Dies lässt sich auch in gemeinsamen Publikationen beobachten (Woher kommen die HerausgeberInnen? Von wem stammen welche Beiträge?), wobei eine systematische Auswertung, die auch danach fragen könnte, ob Veränderungen sich im Laufe der 1990er Jahre und darüber hinaus ergeben haben, und wenn ja, welche, noch ausständig ist.

Westliche Gelder, die von Förderungsinstitutionen wie der Soros Foundation oder der John D. and Catherine T. McArthur Foundation für die Entwicklung einer Civil Society im postkommunistischen Russland zur Verfügung gestellt wurden, spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle in der Entwicklung von Gender Studies in Russland und darüber hinaus. Die Absicht war, dem endlich vom kommunistischen Joch befreiten Land zu helfen, die Segnungen westlicher Gesellschaften und Kulturen erleben zu können, zu denen auch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen gehören soll. Die paternalistisch-gutgemeinten Finanzierungen führten zu sehr ungleichen Verteilungen dieser Mittel. Personen, die zum einen Englisch sprachen und zum anderen den erforderlichen Antragsjargon meistern konnten, hatten bessere Chancen als andere. Personen, mit denen die Förderinstitutionen gute Erfahrungen gemacht hatten, konnten auch mehrmals Unterstützungen lukrieren. Der Vorwurf tauchte auf, dass viele sich nur des Geldes wegen als FeministInnen und/oder GenderforscherInnen betätigen. Hier kam es auch zu Konflikten zwischen (nichtakademischen) Frauenorganisationen und Genderforscherinnen. Rebecca Kay von der Universität Glasgow, die ein Buch über russische Frauenorganisationen der ersten Hälfte der 1990er Jahre geschrieben hat, wirft die Frage auf, ob die westlichen Förderungsgelder „Pot of Gold“ oder doch eher „Poisoned Chalice“ darstellen. [4]

Zwei Frauen in einer Kutsche ohne Kutscher
vor 1937

All diese Kriterien verweisen darauf, dass die Kooperationssituation eine sehr spezifische, ein Verhältnis zwischen Ungleichen ist. ForscherInnen, die egalitäre, gleichberechtigte Bedingungen in gemeinsamen Forschungsunterfangen umsetzen wollen, können dies nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten tun, wie mir ForscherInnen aus Russland, Deutschland, Großbritannien in Interviews mitteilten. Solche Schwierigkeiten entstehen zum Beispiel im Bereich der Projektorganisation (Wer reicht bei welcher Institution Anträge ein? Wie sieht die Entlohnung aus?), der Kommunikationsmedien (Beschränkter oder kein Zugang zu Internet/E-mail), der Sprache(n) und anderen mehr. In der feministischen Forschung wird in solchen Zusammenhängen von asymmetrischen Verhältnissen gesprochen. Aber steckt dahinter nicht die eher absurde Vorstellung von symmetrischen Verhältnissen?

Dabei kann einer aber auch auffallen, dass zum Beispiel auch Publizieren auf Deutsch gegenüber Publizieren auf Englisch einen Nachteil darstellt. Nicht umsonst möchte ich die Dissertation auf Englisch verfassen. Damit die Chance größer sei, dass alle möglichen Beteiligten in Ost und West das Werk lesen können. Abgesehen von etwaigem Größenwahn und Zweifeln an meiner Sprachkompetenz: Ist das nun Pragmatismus oder vorauseilender Gehorsam gegenüber der Hegemonie der englischen Sprache in der internationalen Wissenschaftslandschaft?

Edward Said schrieb 1982, dass Theorien und Ideen reisen, so wie Leute das auch tun. [5] Diese Vorstellung stößt eine ganze Menge von brauchbaren und/oder unsinnigen Vorstellungen an (zu Fuß? per Flugzeug? Brauchen sie ein Visum? Leichtes Gepäck? In Gesellschaft von wem? …), wie Metaphern das eben zu tun pflegen. Im Bereich von feministischer Forschung und Gender Studies kann etwa danach gefragt werden, was mit so zentralen (und umstrittenen) Unterscheidungen wie privat/öffentlich oder gar sex/gender geschieht, wenn sie in einer Gesellschaft aufgegriffen werden, wo Geschlechterverhältnisse in ganz anderer Weise organisiert sind als etwa in den Vereinigten Staaten des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts.

Im Rahmen des Advanced Thematic Network in Activities in Women’s Studies in Europe (ATHENA) beschäftigt sich gegenwärtig die Gruppe Teaching Travelling Concepts in European Women’s Studies mit solcherlei Fragen – was sind überhaupt zentrale Konzepte der Frauen- und Geschlechterforschung, und wie werden sie zwischen Sprachen und Kulturen übermittelt, übersetzt? — auch im Hinblick auf Ost-West-Reiserouten.

Russland ist freilich nicht der einzige Osten, der zum Westen gedacht werden kann. Auch im Hinblick auf andere osteuropäische Staaten kann nach Ost-West-Interaktionen und -Konstruktionen gefragt werden, wie etwa Veronika Wöhrer das in ihrer in Entstehung begriffenen Dissertation über Gender-Diskurse zwischen tschechischen und slowakischen Forscherinnen und deren westlichen Kolleginnen tut. [6] Gender Studies sind auch nicht der einzige Wissenschaftsbereich, in dem Doing East/West erforscht wird. Hier kann auf die noch dieses Jahr zu erwartende Dissertation von Julia Lerner verwiesen werden, einer Soziologin, die über „Russification of Western Knowledge in the Era of Globalization: The Constitution of Social Sciences in the Former Soviet Union“ [7] arbeitet. Sie ist in Sankt Petersburg aufgewachsen, hat in Israel studiert und zu Forschungszwecken ein Jahr in Russland verbracht. So ist sie dabei selber eine Grenzgängerin zwischen verschiedenen Staaten. (Nebenbei: Wo liegt eigentlich Israel? Osten oder Westen?)

Wie gesagt, Ost-West scheint im Schwang zu sein. Aber das muss ja nicht schlecht sein, zumal wenn im Zuge dessen Neues erdacht und erkannt werden kann.

[1Aus der Website einer britischen Partnervermittlungsagentur: www.eastmeetwest.com (23. 5. 2004). Auch solche Dinge findet man auf der Suche nach Verwendungen von Ost und West.

[2Anna Temkina/Elena Zdravomyslova: Feministische Übersetzung in Russland. Anmerkungen von Koautoren, in: Elisabeth Cheauré/Carolyn Heyder (Hg.): Russische Kultur und Gender Studies, Berlin 2002, S. 15-31.

[3Galina Zvereva: „Das Fremde, das Eigene, das Andere …“ Feministische Kritik und Genderforschung im postsowjetischen intellektuellen Diskurs, in: Elisabeth Cheauré/Carolyn Heyder (Hg.): Russische Kultur und Gender Studies, Berlin 2002, S. 71-98.

[4Rebecca Kay: Russian Women and their Organizations. Gender, Discrimination and Grassroots Women’s Organizations, 1991-96 (insbesondere Kapitel 9: „Pot of Gold or Poisoned Chalice? The Impact of Western Support“, 187-209), Houndmills et al. 2000.

[5Edward Said: Traveling Theories, in: Ders., The World, the Text and the Critic, Cambridge (Mass.) [1982] 1938, S. 226-247.

[6Veronika Wöhrer und ich hatten zunächst geplant, unsere Dissertationen im Rahmen eines gemeinsamen Projektes, auch unter Beteiligung von Kolleginnen aus Russland, der Slowakischen und der Tschechischen Republik, zu realisieren. Mangels Finanzierung musste dieser Plan leider aufgegeben werden. Nichtsdestotrotz waren und sind gemeinsam mit ihr angestellte Überlegungen wesentlich für die Weiterentwicklung meiner Arbeit.

[7So der Titel ihres Beitrages zur Spring School „Sites of Knowledge Production“ an der Universität Basel im März 2004.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2004
Heft 4-5/2004, Seite 32
Autor/inn/en:

Therese Garstenauer:

Therese Garstenauer studierte Soziologie und Russisch in Wien und Moskau, arbeitet im Projektzentrum Genderforschung der Universität Wien und ist Dissertantin am Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung.

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