Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 4-5/2003
Karl Pfeifer

Dort, wo man Fahnen verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen

Markus Kemmerling brachte es auf den Punkt: „In einem Land, in welchem nicht nur vereinzel­te Rechtsextreme mit Befrei­ung den Abzug US-amerika­nischer Truppen assoziieren, kann es niemanden ernsthaft überraschen, wenn im Groß­deutschen und Antijüdischen fußende Ressentiments durchbrechen, sobald US-amerikanischer Politik Kritik entgegengebracht wird.“

Was mich trotzdem über­rascht hat, war die Tatsache, dass bei der großen Friedensdemonstration in Wien am 22. März z.B. Poster zu sehen waren mit einem Hakenkreuz und in dem Sharon, Bush, Blair und Aznar als „Neo­nazi“ hingestellt wurden oder die Befreiung unter „Hiro­shima-Nagasaki“ subsumiert und dann mit Bagdad heute verglichen wurde. Da konn­te auch ein bärtiger, mit Palä­stinensertuch geschmückter Mann auf seinem Kopf un­mögliche Vergleiche zwischen Österreich 1938 und 1945 und dem Irak heute propa­gieren. Die Wiener Friedens­bewegten störte das über­haupt nicht, denn die große Begeisterung hatte, so be­haupte ich, bei vielen weni­ger mit dem Frieden, als mit den von Kemmerling er­wähnten Ressentiments zu tun und mit dem Wunsch, doch wenigstens diesmal auf der Seite der Gerechten zu stehen.

Wir erlebten in den neunziger Jahren einen blu­tigen Konflikt in einem Nachbarland und ich kann mich nicht erinnern, dass da die Friedensbewegung Massendemonstrationen für die friedliche Beilegung der In­teressenkonflikte der Völker Jugoslawiens durchgeführt hätte. Es passte natürlich zu den weit verbreiteten Vor­urteilen der österreichischen Volksgemeinschaft, dass der „künstliche“ Vielvölkerstaat Jugoslawien zerschlagen wurde. Zu dieser Frie­densdemonstration kamen viele Katholiken, die nicht zufällig seinerzeit keine De­monstration für die Einheit Jugoslawiens durchgeführt hatten. Gewisse katholische Kreise, zu denen auch Otto Habsburg gehört, hatten im Gegenteil die kroatischen Separatisten mitunter auch Ustaschanazi mit Rat und Tat unterstützt. Und nun wa­ren diese gleichen Leute plötzlich sehr besorgt um die Einheit des „künstlichen“ Iraks, in dem sich einige Völker und Religionsge­meinschaften befinden. Kön­nen wir die deutschen Poli­tiker vergessen, die sich auf Auschwitz berufen haben, um die deutsche Teilnahme am Krieg 1999 zu begrün­den und sich nur vier Jahre später als Friedensengel aufspielten?

Aber zurück zur Diskus­sion in der letzten Context XXI. Markus Kem­merling unterstellt Heribert Schiedel „Denunziation“, oh­ne eine Stelle aus seinem Bei­trag zu zitieren und denun­ziert selbst. Es ist eine be­liebte Methode, dem Gegner etwas zu unterstellen, was er nicht oder nicht so gesagt hat, um es dann einfach zu widerlegen.

Zum Beispiel:

  1. „Seine Methode ist Dä­monisierung (...) durch sein reflexhaftes ‚Ausch­witz‘ als Antwort auf jede Gewaltkritik;“ so Kem­merling. Schiedel aber schrieb: „Bar jedes histo­rischen Bewusstseins, wurde mir entgegengehal­ten, dass Krieg keine Lö­sung sei. Ganz so, als ob Auschwitz durch ökume­nisches Wettbeten oder pazifistisches Sitzstreiken befreit worden wäre, Vietnam nicht zurecht mit der Intervention in Kambod­scha dem Schlachten dort ein Ende bereitet hätte.“ Kemmerling geht auf solche Argumente gar nicht ein, lieber qualifi­ziert er Schiedels Argu­mente als „dumm“ und als „Quatsch“ ab.
  2. Kemmerling wirft dann Schiedel vor, „Rudolf Bur­ger zum Sprecher einer Friedensbewegung“ erho­ben zu haben. Doch Schiedel hat nichts der­gleichen getan, als er schrieb: „Der Wiener Phi­losoph Rudolf Burger, die­ser organische Intellektu­elle der sekundären Volks­gemeinschaft ...“
  3. Kemmerling unterstellt Schiedel, er meine „eine Antikriegsdemonstration könne schon deswegen nicht fortschrittlich sein, weil auch Freiheitliche ge­gen den Krieg seien.“ Schiedel aber beklagte u.a. auch konkret die Teil­nahme rechtsextremisti­scher oder sogar neonazis­tischer Gruppen an Friedensdemonstrationen.
  4. Kemmerling schreibt von „grotesken Unterstellun­gen, dass wer Fahnen ver­brenne, in Gedanken be­reits Menschen anzünde.“ Schiedel bemerkte meiner Meinung nach treffend: „Wer US-amerikanische und/oder israelische Fah­nen verbrennt, zeigt damit seine/ihre Bereitschaft, am Ende auch US-Amerika­nerInnen und jüdische Is­raelis zu verbrennen.“

Kein geringerer als Heinrich Heine formulierte 1820 im Rückblick auf das Wartburg­fest in seinem Trauerspiel „Almansor“ die Prognose „Dort wo man Bücher ver­brennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“. Hei­ne kannte das Beispiel der In­quisition, die zuerst die Bü­cher der Juden und Ketzer verbrannte, dann aber auch die Menschen. Die Nazi, die 1933 (in Österreich 1938) Bücher verbrannten, kamen oft genug aus den völkisch­deutschnationalen schlagenden Burschenschaften, die sich bis heute stolz zu ihren Mitgliedern bekennen, die sich als Täter des Holocausts einen Namen gemacht haben. Es besteht gerade in Öster­reich kein Grund zur Tole­ranz oder Verständnis für Menschen, die glauben ihrer politischen Meinung durch Fahnenverbrennen Ausdruck zu verleihen. Auch und gera­de dann nicht, wenn es sich um Linke handelt. Was denkt Kemmerling, wenn er Linke sieht, die das nationale Sym­bol Israels aber auch des jü­dischen Volkes verbrennen? Wollen diese „lediglich“ den jüdischen Staat symbolisch vernichten?

Kemmerling zitiert zustim­mend Gaston Kirsche, der meint „die Akteure nehmen ihre bürgerlichen Ideologien mit in die Bewegung“. In Österreich nehmen doch ei­nige die antisemitische und völkische Ideologie mit, in der sie sozialisiert worden sind. Und das sind leider in der Mehrzahl solche Men­schen, die nach 1945 geboren worden sind. Ich erlebte mal, bei einer Diskussion in einem linken Klub in Wien, einen jungen Mann der bemerkte: „Das Verhalten der Israelis gegenüber den Palästinensern gibt Adolf Hitler im nach­hinein recht.“ Die einzige Antwort eines Diskussions­teilnehmers war: „Das kann man so nicht sagen“.

Schiedels großer Ver­dienst ist es, konkret aufzu­zeigen, dass diese mörderi­sche Ideologie leider auch bei Linken vorhanden ist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
2003
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

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