Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1956 » No. 25
Karl Bednarik

Die Zukunft ist schon vorüber

Anmerkungen zur „Konservativen Revolution“ aus Anlaß der ersten drei Bände von Rowohlts „Deutscher Enzyklopädie“

Die sogenannte „konservative Revolution“ ist eine ziemlich zweifelhafte Angelegenheit. Es gibt sie eigentlich nicht, aber sie „wirkt“. Sie ist vage und vieldeutig, hat keine geschlossene Organisation hinter sich und besitzt kein Programm. Kommt sie aus einer gemeinsamen Quelle? An einem hübschen kleinen Beispiel läßt sich zeigen, daß dem nicht so ist: am Verkleinerungsspiegel dreier Ro-Ro-Bändchen. Es sind die drei ersten von Rowohlts „Deutscher Enzyklopädie“. Sie sind innerhalb des beschriebenen Prozesses gewiß nur ein winziges Phänomenchen, können aber trotzdem als symptomatisch gelten. Es ist unwichtig, daß die Auswahl des Herausgebers, der „neue Antworten auf die alten Fragen“ und „ein Gesamtbild menschlicher Denkergebnisse“ zu geben verspricht, auf eine vorgefaßte Absicht schließen läßt. Die ersten Ergebnisse der Reihe bekunden eindeutig den Versuch, „konservative Werte“ zu erneuern und gegen die Fakten des modernen Lebens durchzusetzen. Ja mehr: sie machen Front gegen zentrale, zum Teil schon verwirklichte Vorstellungen des revolutionären europäischen Geistes.

Wie konservativ kann man revolutionär sein?

Bezeichnenderweise wird die Reihe mit einem Buch von Hans Sedlmayr eingeleitet; der Titel lautet „Revolution der modernen Kunst“ und kann niemanden daran irremachen, daß von diesem Verfasser nur eine aus dem sogenannten „konservativen Geiste“ erfolgende Absage an die Revolution der modernen Kunst zu erwarten ist: zu deren Überwindung Sedimayr tatsächlich aufruft.

Der zweite Band, „Soziologie der Sexualität“, stellt eine Art deutschen „Anti-Kinsey-Report“ dar. Sein Verfasser ist Helmuth Schelsky, ein mit den Problemen der modernen Welt durchaus vertrauter Soziologe. Schon im Vorwort findet man die bemerkenswerten Worte, daß „die Wissenschaft ihre eigenen Verführungen und Utopismen zurückzunehmen“ habe, und die letzte Konsequenz seiner Arbeit gipfelt in der Forderung nach „neuen Traditionen“. Das ist konservative Revolution in Reinkultur.

Im dritten Band gibt Günter Schmölders eine sehr sachliche Darstellung des Kernproblems der westlichen Wirtschaft; der Titel „Konjunkturen und Krisen“ verrät deutlich, worum es geht; trotz Einschluß des „Sozialen“ weicht der Verfasser keinen Schritt vom Gedanken der freien Marktwirtschaft ab, so daß eine konservative Grundhaltung klar erkennbar ist.

Durch jede dieser drei Publikationen wird also ein wesentliches Postulat der Revolution korrigiert, angegriffen oder zurückzunehmen versucht — wobei wir uns zum besseren Verständnis einige dieser zentralen Postulate vergegenwärtigen wollen: die Befreiung des Menschen aus Not und aus Wirtschaftskrisen durch Vergesellschaftlichung der Wirtschaft; die Befreiung des Menschen aus zu engen oder zu eng gewordenen Moralkonventionen; und ein eigener, dem modernen industriellen Leben entsprechender Kulturwille (nicht zufällig bildeten lange Zeit hindurch die kulturelle und die politische Linke eine Einheit). In allen drei Publikationen werden althergebrachte Werte vorausgesetzt, festgehalten und den Ergebnissen der Revolution entgegengestellt.

Entdramatisierung der Wirtschaft

Beginnen wir mit dem dritten Band, den wir als einzigen begrüßen und bejahen können. Wie bedeutend seine Problemstellung ist, geht schon daraus hervor, daß sie den wichtigsten Ansatzpunkt der heutigen kommunistischen Propaganda zum Gegenstand hat. Da es längst feststeht, daß die Planwirtschaft des Ostens niemals den fortgesetzt steigenden allgemeinen Lebensstandard der kapitalistischen Länder einholen oder gar überflügeln kann, daß es also sinnlos geworden ist, mit der von Marx entwickelten „Verelendungstheorie“ die Massen aufrütteln und gewinnen zu wollen, konzentriert sich die marxistische Kritik an der westlichen Wirtschaft immer mehr auf deren „Krisenanfälligkeit“. Günter Schmölders’ leicht verständliches und gut lesbares Buch eröffnet Einsichten in die Ursachen der Konjunktur- und Krisen-Zyklen und legt auch die verschiedenen nicht-totalitären, echt demokratischen Bewältigungsversuche dar: ein eindringliches Korrektiv für alle verführerischen utopisch-ideologischen Wirtschaftslehren. Das „Frei-Markt-Prinzip“ steht dabei als ein Element konservativer Ordnung außerhalb der Debatte. Die Darstellung erfolgt ohne jede Aggression gegen die „revolutionären“ Wirtschaftsformen. Der Terminus „Planwirtschaft“ erscheint im Text dreimal, das Wort „Sozialismus“ überhaupt nicht. Aber das Buch zeigt ruhig und nüchtern, daß begründete Hoffnung besteht, den freien Markt, dem die westliche Welt ihren allgemeinen Wohlstand verdankt, vor wirtschaftlichen Katastrophen zu sichern. Am Beispiel einer im Jahre 1923 in den USA erfolgten finanzpolitischen Konjunkturbremsung wird gezeigt, wie eine zu erwartende Katastrophe in eine „Depression ohne Krise“ verwandelt werden konnte. Wenn auch das Grundproblem der „Zyklen“ nicht gelöst wird, weil das „Wirtschaftsleben als menschliches Handeln“ durch monokausale Erklärungen nicht völlig zu erhellen ist, so schaffen die hier erreichten Konklusionen doch Vertrauen zur alten „konservativen“ Wirtschaftsform des freien Marktes. Zwar geht die Nationalökonomie auf neuen Wegen weiter, sie hat gelernt, drohende Krisen zu bändigen und einen „zu hohen Blutdruck“ der Wirtschaft noch vor dem Eintritt von Katastrophen zu senken, aber sie hat das alte Wirtschaftsprinzip im Grunde erhalten. Zwar bleiben viele Fragen offen, aber es besteht die Möglichkeit einer Entdramatisierung des Wirtschaftslebens ohne totalitäre Manipulationen, d.h. ohne Zwangswirtschaft, Verstaatlichung, Enteignung und Vergesellschaftung, nur durch regulative finanzpolitische Eingriffe und partielle zusätzliche Sozialmaßnahmen. Man findet sich gerne bereit, diesen „konservativen Fortschritt“ anzuerkennen.

Der Zwang zur Sexualfreiheit

Warum erscheint die konservative Grundhaltung Helmuth Schelskys um so viel fraglicher? Der Autor verblüfft schon im Vorwort durch die Versicherung, er bekenne sich zu der altmodischen Ansicht, daß es ungehörig sei, über „diese Dinge“ zu schreiben. Damit wird auf dem Gebiet sexueller Probleme die konservative Revolution von vornherein zum Dilemma. Man kann nicht darüber reden, muß es aber dennoch. Man darf nicht konservativ sein, um konservativ zu sein, Schelsky zufolge waren die Liebe und die Askese von einst reine Kulturprodukte; eine strenge soziale Institutionalisierung der Rolle der Geschlechter ging ihnen voran, und wie allen Sexualnormen wurde ihnen der Charakter des Absoluten zugeschrieben. Heute hingegen sind die Ansprüche auf eine bindende Sexualethik aufgegeben, und zwar zugunsten einer „hemmungslosen Promiskuität“. Das ergibt eine neue Standardisierung der Sexualität, weil in diesem Stadium die Freiheit in Zwang umschlägt und aus dem Abbau der Prüderie geradezu eine Nötigung zur sexuellen Freizügigkeit entsteht: „Das junge Mädchen, das sich in ‚freie Liebe‘ einläßt, kann genau so unter konventionellem Zwang handeln, wie es seine Tanten und Großtanten taten, wenn sie jungen Männern mit steifen Förmlichkeiten entgegentraten“. Sexualität ist heute zum Gebrauchsgut geworden, das im „Kleinkonsum“ vertändelt wird, und die popularisierte Sexualforschung macht das Sexualverhalten noch unsicherer. Der Konsument wählt nur scheinbar frei — er steht unter der Rute eines Absatzterrors, der durchaus jenem der industriellen Welt ähnelt. Die Ausbreitung erotischer Dauerreize in Reklamen und Kinos lenkt die erotische Phantasie in vorgezeichnete Bahnen, und „die Seele wird mitgeliefert“.

Nun vermag aber Schelsky keineswegs zu zeigen, wie aus dem heutigen Zustand eine „absolute Norm“, vergleichbar dem christlichen Eheideal von einst, entstehen soll. Auch seine Hinweise auf „Ventilsitten“ — wie die Prostitution als Erleichterung für die streng institutionalisierte Ehe — erscheinen einem modernen Bewußtsein nicht vertretbar. Und jener „Zwang zur sexuellen Freizügigkeit“ ist nicht unbedingt negativer zu bewerten als der Zwang zur Enthaltsamkeit. Gegen beide gibt es Möglichkeiten des Widerstandes und des Ausweichens. Wenn Schelsky am Ende feststellt, daß die Menschen im Verhältnis zu ihren Trieben durch nichts so sehr überfordert wurden wie durch „das Ansinnen, Personen und Individualität sein zu sollen“, so ist das ein Einbekenntnis der Unmöglichkeit, die Klischees, die das moderne erotische Leben funktionell regeln, zu „metaphysisch überhöhten Sexualnormen“ umzuwerten. Hier versagt das konservativ-revolutionäre Denken, indem es sich im Bereich menschlicher Probleme nicht als revolutionär, sondern als nur konservativ erweist. Ein neues „Verhaltensschema“, das neue „Verhaltenssicherheit“ gewähren würde, kann es nicht herstellen.

Seldmayr oder Die konservative Reaktion

Am fragwürdigsten sind die „konservativen“ Antworten Sedlmayrs auf die Probleme, die von der modernen Kunst aufgeworfen wurden. Sie gipfeln in jedem Falle — sei es nun in bezug auf die „poésie pure“, die neue Architektur, die abstrakte Malerei oder die Zwölftonmusik — immer und immer wieder in der einzigen stereotypen Antwort: Nihilismus! Und mögen auch die Bezeichnungen gelegentlich variieren, mag von Betrug, Kunst, Religion, Perversion, Götzendienst, Verblendung, Ästhetizismus, Narzißmus, Mitte-Losigkeit, Verzweiflung, Unordnung, Tollheit, Verrücktheit die Rede sein, stets ist nur dieser eine negativ gefaßte Begriff „Nihilismus“ gemeint, der das Denken Sedlmayrs, vermutlich als Gegenpol zu seinem vorgestellten Begriff der „Mitte“, wie eine fixe Idee beherrscht.

Es ist notwendig, auf die Methode einzugehen, die Sedlmayr in seiner „Untersuchung“ anwendet. Er unterstellt zuerst einmal allen Künsten, von der Architektur bis zur Dichtung, das gleiche unbedingte Streben nach „Reinheit und Absolutheit“, führt diese These weiter bis zur Feststellung einer unbedingten Autonomie des Künstlers, und läßt die Künste innerhalb dieser Entwicklung in den Bann der Technik geraten, aus dem sie wiederum in eine künstliche Verrücktheit flüchten oder sich vergebens in das „Ursprüngliche“ zu versenken suchen; dabei erzeugen sie aber nur „uneigentliche Idole“, die zur Verzweiflung führen, vor der nur die Ironie retten kann, die ohne Wahrheit, Sittlichkeit und substantielles Interesse ist, also Nihilismus „ein perverses Glücksgefühl bei der Zerstörung des eigenen Selbst“. Das wäre, nach Sedimayr, der Weg der modernen Kunst. Eine Sackgasse. Hier führt, wie er sagt, „kein Weg weiter“.

Ist dieses Streben nach Absolutheit, das Sedlmayr in allen Künsten als sogenannte „Primärphänomene“ im reinen „Anschauen“ so deutlich erblickt haben will, daß er sich in der Lage fühlt, „eine erstaunliche Fülle spezieller wohlbekannter Erscheinungen der modernen Kunst mit einer inneren, sozusagen anschaulichen Logik abzuleiten“ — ist dieses Streben wirklich der einzige Impetus der modernen Kunst? Es ist vorhanden, gewiß — aber das Kugelhaus von Ledoux in Mauperius läßt sich mit einem Wohnblock oder einer Kirche von Le Corbusier nicht durch ein paar theoretische Äußerungen auf gleich bringen. Aus ein paar nebeneinandergestellten Zitaten ergibt sich nur auf dem Papier des spekulierenden Historikers ein Primärphänomen. Welten liegen zwischen Klee und Mondrian — für Sedlmayr ist es ein Primärphänomen. Mallarme und Rimbaud — ebenso. Wo steht dann etwa das Werk eines Dufy, eines August Macke, eines Villon, eines Schiele, eines Chagall? Dem Theoretiker ist alles, was er sucht und findet, nur ein Mittel, um seine Theorie zu beweisen. Sowohl bei den Pro- wie bei den Anti-Kritikern der Moderne ist es üblich geworden, sich an bestimmte markante Orientierungspunkte oder gar nur Experimente zu halten und alles, was zeitlich dazwischen liegt, allein danach zu beurteilen. Und es ist höchst aufschlußreich, daß in Sedlmayrs Buch kein einziges modernes Kunstwerk, kein einziges konkretes Bild, Gedicht oder Musikstück wirklich beschrieben und analysiert wird. Der „Ismus“, dem es „zugehört“, wird theoretisch „erkannt“ — und das genügt. Schauen, hören, lesen ist überflüssig.

Gerade dieses Urteilen aus vorgefaßter Meinung, gerade diese Ignoranz, die sich gegen jede künstlerische Erschütterung absperrt, lieblos, unbeteiligt, abweisend — gerade das aber ist jenem Nihilismus „zugehörig“, den man der modernen Kunst so gerne vorwirft. Der europäische Nihilismus ist ja gar nicht die Erfindung der Künstler, er gehört zum Zeitgeist, zum Zeitbewußtsein (das unmetaphysisch und ohne Transzendenz ist), er begann unsere Gesellschaft schon länger zu durchdringen als es eine moderne Kunst gibt. Die Künstler der Moderne haben nur versucht, ihn durch schöpferische Anstrengung fruchtbar zu machen. Daß mißverstehende Festhalten an alten künstlerischen Wertvorstellungen hebt den Nihilismus nicht auf. Im Gegenteil hemmt und behindert es die Durchsetzung neuer Werte. Hier, im Verhältnis zur modernen Kunst, ist der radikale Konservativismus, der Geist der „konservativen Revolution“ weder konservativ noch revolutionär, sondern einfach reaktionär.

Insgesamt zeigt sich am Beispiel dieser drei Rowohltbändchen die unterschiedliche Struktur der Probleme, mit denen es die konservative Bewahrung und Erneuerung alter Werte zu tun bekommt. Alle drei Autoren vollziehen klare Absagen an einstmals revolutionäre und seither mindestens teilweise erfüllte Forderungen: Schmölders an die einseitig vom Staat her gelenkte Form der Krisenbekämpfung, also an die Planwirtschaft; Schelsky an die Ent-Institutionalisierung der Liebesbeziehungen, an die sexuelle Freiheit und deren Folgen (als wichtigste sieht er den Verfall der Familie an); und Sedlmayr an die moderne Kunst. Ihren Absagen setzen die drei Autoren. als positive Lösungen entgegen: Marktwirtschaft; institutionelle Sicherung der Ehe und Familie; und Rückkehr zur europäischen Kunst-Tradition.

Wir sind unsere eigenen Museumsstücke

Wie wenig diese Postulate des konservativen Denkens sich in ein adäquates Verhältnis zueinander bringen lassen, merkt man erst, wenn man unsere heutige Welt als Ganzes betrachtet und zu verstehen sucht. Was ist in dieser Welt revolutionär, was konservativ? Der moderne Tiefkühlsozialismus mit seinem feierabendlichen „Du-Kult“ und seiner durch Hollerith-Maschinen administrativ geregelten Menschlichkeit hat die elementaren Antriebe der Revolution längst verloren und hat — mag er auch machtmäßig da und dort noch zu kämpfen haben — geistig sein Ziel erreicht. Für ihn ist die Zukunft vorüber. Auch die Abgründe, in die uns die politische Anwendung der konservativen Revolution geführt hat, liegen bereits hinter uns; aber ihre „ewigen Werte“, die in jenen Abgründen bis zur Unkenntlichkeit korrumpiert wurden, treten heute wieder in neuen Formen auf und haben sogar den Sozialismus selbst infiltriert. Der moderne revolutionäre Geist ist als sogenannte „soziale Gesinnung“ in die konservativen restbürgerlichen Schichten eingedrungen — dafür haben sich in den Reihen der einstigen Revolutionäre Prüderie und kulturelles Banausentum breitgemacht. Die äußerste Linke, einst Schirmherr der künstlerischen Avantgarde, verficht einen faden imperialistischen Pseudoklassizismus — hingegen ist es im Bereich der katholischen Kirche möglich geworden, Bauaufträge an Le Corbusier oder Leger zu vergeben. Die Gewerkschaften entwickeln überlebte unternehmerische Praktiken — und die kapitalistischen Großindustriellen betreiben „human relations“. Revolutionär-modernes und konservativ-reaktionäres Denken, früher auf ganz bestimmte Gruppen und Parteiungen festgelegt, verteilt sich heute über die gesamte Gesellschaft und verflüchtigt sich im vermischten Zustand immer mehr. Nur die technische und industrielle Revolution schreitet weiter vor und fort, geistig unbewältigt und unkontrolliert. Die menschliche Revolution hat sich geschlagen gegeben — und der echte kulturelle Konservativismus ebenso. Das Neue aber, das tatsächlich entstanden ist, wurde als Ganzes noch gar nicht definiert.

Freilich: während Raketen, Rotationsmaschinen und Atomkräfte rasen, haben wir angefangen, aus unseren Museen mancherlei zu unserer Erbauung herauszuholen. Aber neben der selbständig gewordenen technischen Revolution nehmen sich unsere künstlich wiederbelebten konservativen Haltungen wie private Hobbies aus (oder wie ein Geschäft mit den Hobbies der anderen), und wenn ernsthafte Leute gelegentlich versuchen, Nachzieh-Verfahren für kulturelle und moralische Werte in Gang zu bringen, so endet das meistens damit, daß sich diese Leute selbst in die Vergangenheit zurückversetzen und schrullig werden. Unser von wahlloser Reproduktionstechnik ins Unabsehbare erweitertes „imaginäres Museum“ kommt ihren Bemühungen nur scheinbar zu Hilfe; in Wahrheit wirkt diese Unzahl divergierender Kräfte jedweder Integration entgegen. Ob es nun Illustrierte oder Kinoprogramme sind, Wanderausstellungen oder Vortragssäle oder sogar Taschenbuch-Serien: all diese vielfältigen, aus der Weite des Globus und den Tiefen der Historie heraufgeholten und beschworenen Lebensformen paralysieren einander.

Zudem sind wir uns gar nicht mehr klar darüber, daß die Medien unserer Beschwörungen weitgehend den Charakter der Eigengesetzlichkeit und des Selbstzwecks besitzen und daß sie uns im Grunde völlig verfälschte Erkenntnisse und Empfindungen vermitteln. Ein reproduzierter Giorgione ist etwas anderes als ein Giorgione im Museum, und dieser wiederum ist etwas anderes als was er zu seiner Zeit in der Welt des Malers war. Das gilt für alle Ideen, Philosophien, Kulte und Lehren, die durch Reproduktionsmittel wiederbelebt werden. Und daher rührt es, daß die Historie heute zum Maskenleihhaus geworden ist und unser Kulturleben als Ganzes einer Faschingsveranstaltung gleicht. Man kann sich damit amüsieren, man kann mehr oder weniger tiefe Empfindungen dadurch erfahren — aber es sind Amusements und Empfindungen von gänzlich neuer Art, und man soll sich nicht für einen Konservativen halten, bloß weil man alte Drucke sammelt.

Wiederbelebung des Menschen

So bleibt als einziges, was in unserer heutigen Welt Verbindlichkeit und Bestand hat, die freie Marktwirtschaft (von der ja sogar der Kommunismus träumt). Außer der Marktwirtschaft haben die neuen Formen unserer geistigen Existenz kein allgemein anerkanntes regelndes Prinzip. Der genormte Lebensstandard, an dem jedermann teilhaben kann, ist der gültige Glaubenssatz, die weltliche Religion des modernen Menschen: Christin und Nichtchristin tragen die gleichen Nylonstrümpfe, Sozialist und Nationalist kaufen den gleichen Kühlschrank. Und mag der freie Markt als letztes Regulativ auch ein niedriges, weil geistloses Prinzip sein — verachtenswert ist er deshalb nicht. Technische und industrielle Revolution hängen von seinem Vorhandensein ab (und die Fortführung der technischen Revolution würde in der konsequenten Planwirtschaft der totalitären Staaten zweifellos noch mehr verzögert werden, als es ohnehin schon der Fall ist, wenn nicht die Konkurrenzsituation zwischen ihnen und den freiwirtschaftlichen Staaten bestünde). Das Bekenntnis zum freien Markt bedingt jedoch keineswegs eine Absage an die moderne Kunst, deren Geist gerade in Ländern mit liberaler Wirtschaftsverfassung am besten gedeiht. Ebensowenig scheint eine Absage an den freien (vielleicht allzu freien) „Liebesmarkt“ notwendig zu sein. Wenn die institutionelle Sicherung der Ehe und der Familie in den totalitären Ländern heute vielfach stärker ist als in der westlichen Welt, so wissen wir, daß diese Sicherung nur durch würdelose diktatorische Zwangsmaßnahmen erfolgen kann, hinter denen nichts weiter steckt als die Angst vor der Freiheit.

Ob wir unsere Freiheit tatsächlich „errungen“ haben, bleibe dahingestellt. Jedenfalls ist sie uns heute gegeben und aufgegeben. Jedenfalls obliegt es uns, die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen zu fordern und fördern (wozu übrigens die „unverständliche“ moderne Kunst sehr wesentlich beiträgt). Es obliegt uns, einer technischen Revolution, die andernfalls ohne geistige Kontrolle fortwirken würde, menschlich nachzukommen, sie sozusagen persönlich einzuholen; aber nicht mit abstrakter Begriffsbildung allein, sondern indem jedermann als Person für sich sie mit menschlichem Leben erfüllt.

Was weitergehen muß, ist die menschliche Revolution. Nur aus ihrem Erlahmen, aus ihrem geistigen Leerlauf bezieht die sogenannte „konservative Revolution“ ihre Triebkräfte, deren unklaren Strömungen wir uns nicht überlassen sollten. Heute, da es immer deutlicher wird, daß das ideologische Konglomerat aus Aufklärung, modernem Stilwillen und marxistischen Wirtschaftslehren sich niemals zu einem heilen Ganzen zusammenfügen kann, sollte es uns nicht allzu schwerfallen, die eingefrorenen Formen der echten, menschlichen Revolution aus ihrer Vereisung aufzutauen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1956
No. 25, Seite 13
Autor/inn/en:

Karl Bednarik:

Karl Bednarik, 1915 in Wien geboren, war Buchdrucker, Möbelpacker, Mechaniker und anderes, ehe er an der „Akademie der Bildenden Künste“ zu studieren und gleichzeitig Bücher zu schreiben begann. Außer dem hier zur Diskussion stehenden Buch sind bisher zwei Romane von ihm erschienen: „Zwischenfall in Wien“ (Heliopolis Verlag, Tübingen 71952) und „Der Tugendfall“ (Kremayr & Scheriau, Wien 1953).

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