Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2001 » Heft 5/2001
Alexander Emanuely

Die Wut im Bauch — Surrealismus überall

Teil 2 — Das Unsichtbare ist die Wirklichkeit

„Die Welt verändern“, hat Marx gesagt; „das Leben ändern“, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns eine einzige. (André Breton, 1935)

Die große Verweigerung

Metro — Boulot — Metro — Dodo — Metro — Boulot — ..., das heißt soviel wie U-Bahn, Arbeit, U-Bahn, Schlaf, U-Bahn, Arbeit, ... und reimt sich auch im Französischen, was natürlich das Sich-merken des Spruchs erleichtert. In Frankreich ist dieses Sprüchlein sehr geläufig, es umschreibt auch nichts anderes, als die Realität der kapitalistischen Produktionsweise und Sozialisationsform, die jede/r, nicht nur in Frankreich, kennt und die scheinbar ausweglos das Leben des Menschen bestimmt. Abgemüht im Käfig zur Zwangsabmüdung rasen, um danach müde zurück, nach Hause zu pendeln, um sich dort verdienterweise etwas zu entmüden, darauf hin zu schlafen, wieder produktiv zu sein, am Fließband der Fließbänder. Prinzipiell hat jeder Mensch auf diese Art konditioniert zu sein und nichts Abnormales an dieser lebenslangen Schleife zu finden, die meist im schulreifen Alter anfängt und mit der Pensionierung aufhört (bezieht sich natürlich nur auf eine Minderheit von Menschen auf dieser Welt, da den meisten weder der Luxus einer Kindheit oder einer Greisenhaftigkeit gegönnt ist). Alles, was die Surrealisten entwarfen, erfanden, erträumten und lautstark in ihren kleinen Kreisen und manchmal auf größeren Festen ausschrien, galt, diese Konditionierung, zunächst im kleinen und um einer Revolution Willen, schließlich im großen Stil, zu zerstören, galt, der großen Müdigkeit eine große Verweigerung entgegenzustellen.

Die Methoden, die große Verweigerung zu realisieren, basierten einerseits darauf, den Abstieg in sich selbst, in das, was in der Psychoanalyse als Unbewußtes definiert wird, zu vollziehen, andererseits die daraus gewonnenen neuen Realitäten, mit Hilfe der Kunst, zu vergegenwärtigen und zu materialisieren. Die Surrealisten bildeten die Avantgarde, die diese Methoden an sich auszuprobieren und zu gestalten hatte, damit alle, selbst die konditioniertesten Spießer, sie schließlich zu ihrer eigenen Befreiung übernehmen und anwenden würden können. Es galt, in die Mauer ein Loch zu schlagen, die das alltäglich Normale, das System, die Gesellschaft vor einer kritischen Aussicht Aufgewiegelter zu schützen hat. Ein kleines Loch würde genügen, um die Aussicht gewähren zu lassen, in das, was wirklich möglich ist, was Wirklichkeit ist, hinter- und oberhalb der Mauernrealität. Dieser Spalt sollte reichen, damit die Menschen schockiert sind und genug von ihrer Konditionierung, ihrem herkömmlichen Leben haben. Eine Revolution zur Befreiung des Individuums würde beginnen, nicht jene der Gewehre und Barrikaden, sondern jene, die aus der Vermengung von Phantasie mit dem organisch Erfaßbaren heraus springt. Die Methoden, welche die Surrealisten sich ausdachten, um den Abstieg in den Spalt zu schaffen, waren die kindhafte Bewunderung des Wunderbaren, die Verrücktheit, der Wahn, der Humor, der Traum, das Anwenden der Techniken des automatischen Schreibens, das Schöpfen „erlesener Leichname“ und das in die Welt setzen der daraus entstehenden surrealistischen Gegenstände, Gegenstände, deren Form der Inhalt ist.

Max Ernst: Der Elefant von Celebes
1921

Die Bewunderung des Wunderbaren ist nichts anderes, als es wie ein Kind überall vorfinden zu können, in jeder Situation, in jedem Element des Alltags. Es sind die Phantasiebilder, welche außerhalb der Einsicht in sich selbst, außerhalb des Traums herumspuken, die Wahrnehmung unerklärlicher Erscheinungen, seien das nun Gruselgeschichten oder verrückte, vergeisterte Andere, die sich ihre Wege durch den Tag bahnen, wie André Bretons Nadja. Breton hatte Nadja, die aus dem gleichnamigen Buch schwirrt, nicht erfunden, sondern war ihr, samt den wundersamen Zufällen, die sie und ihre Begegnung begleiteten, was er alles minutiös beschreibt, beim Flanieren begegnet. Diese Suche nach dem Wunderbaren scheint weniger mit Revolution zu tun zu haben, als mit den literarischen Überresten der Romantik, die am Kreuzweg der Bezauberung, des Schlafes und des Alkohols liegen. Romantik war in diesem Fall jedoch nicht nur die der Dichter wie Gérard de Nerval, sondern auch die Romantik E.T.A. Hoffmanns und Edgar Allan Poes, die schwarze Romantik der Geister- und Vampirgeschichten. Die Freude und Offenheit für das Ungewöhnliche, der Wille, die Kontrolle über die Vernunft durch das Ungewöhnliche zu verlieren, war ideal als Vorstufe zum nächsten Schritt: zum Wahnsinn.

Die Welt des sogenannten Geisteskranken ist die sichtbarste Gegenwelt zum bekämpfenden Alltag der bürgerlichen Gesellschaft, die natürlichste Utopie. Doch nicht nur das, sie bietet auch eine große Möglichkeit zur besseren Kenntnis seiner selbst, denn wie schon Freud wußte, wissen Verrückte mehr über innere Wirklichkeiten und können Unergründbares entdecken und aufzeigen. Zwei Zugänge zum Wahn wurden ins Auge gefaßt, denn es galt, diesen Zustand für sich in Anspruch zu nehmen, ihn dank seiner bewußtseinserweiternden Funktionen als Instrument zu verwenden. Der erste Zugang war die Nachstellung der Verrücktheit. Im simulierten Zustand des Wahns, im Rausch sollte eine Neuschaffung des Geisteszustandes erreicht werden. Dieser Zustand wurde sogar als neue Form der Poesie verstanden. Der zweite Zugang war die kritische Paranoia, welche Salvador Dali oft für sich in Anspruch nahm und definierte. Sie sollte die Wirklichkeit dermaßen vom Imaginären abhängig machen, daß die daraus gewonnene neue Realität von keiner anderen in Frage gestellt werden kann. Die aus Verfolgungswahn, aus erfundener Beweisführung und aus Analyse entstehende, verwirrend klare Kritik an der Gesellschaft sollte helfen, endgültig die Realität zu diskreditieren. Im Wahn wurde eine hochentwickelte Verhaltensform erkannt, und alle Aktionen basierten auf dem Wunsch, sich einem Wahnsinn zu unterwerfen, ohne dabei bleibende Störungen zu bekommen, die den freien Willen beeinträchtigen könnten. Individuellen Wahn auf Wunsch statt kollektiven Wahn auf Befehl.

Der Zufluchtsort, der den freien Willen am effektivsten vor bleibenden Schäden des Eigenwahns, aber natürlich auch vor dem des kollektiven Wahns schützt, ist der Humor. Da der Humor alles in die Lächerlichkeit zieht, ist keine bleibende Identifikation möglich, sei es jene mit der eigenen Verrückung oder jene mit dem Trubel der Welt. Der Humor, der Akt des Lachens ist geistiger Ungehorsam, ist Weigerung, sich den gesellschaftlichen Vorurteilen zu beugen, ist Distanzierung und eine essentielle Vorstufe zur neuen Realität, zur sich immer erneuernden Realität des freien Individuums. Antonin Artaud sah im Humor den Weg zur Freilegung der instinktiven Kräfte des Menschen und entdeckte diese Freilegung in Filmen wie Animal Crackers von den Marx Brothers. Den Humor als „überlegene Revolte des Geistes“ zu sehen, wie es André Breton formulierte, lag ganz in der Tradition des schwarzen Humors von Dada und der ’Pataphysik. Neben diesen bekannten Vorbildern gab es da auch Jacques Vaché, den Breton im Lazarett während des Ersten Weltkrieges kennen gelernt hatte. Dieser hatte den Humor, den „Umor“ zur inneren Desertion verwendet und Breton in langen Gesprächen gezeigt, welche Rache der Geist an der Materie, das Begehren an der Macht nehmen kann. Alles wird zum Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt.

Foto: Lisi Ponger, Juli 2001

Im nächsten und letzten Teil dieser Serie wird erzählt, wie es dazu kam, daß André Breton Ilja Ehrenburg eine Ohrfeige verpaßte und was Herbert Marcuse von all dem und von der revolutionären Kraft der Liebe hielt. Auch wird dort Platz finden, was für diese Nummer angekündigt war und aus Platzmangel keinen Platz mehr gefunden hatte: die Beschreibung des automatischen Schreibens und anderer kindhaft revolutionärer Tätigkeiten und Schlüssel auf der Suche nach dem Gold der Zeit.

Ein gut zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe passender Brief der Surrealisten aus dem Jahr 1925:

Brief an die Rektoren der europäischen Universitäten

Werter Herr Rektor,

in der engen Zisterne, die Sie „Denken“ nennen, verfaulen die Strahlen des Geistes wie Stroh.

Genug der Sprachspielerein, der syntaktischen Mätzchen, der Formulierungskunststückchen, jetzt muß das Große Gesetz des Herzens gefunden werden, das Gesetz, das nicht ein Gesetz, nicht ein Kerker ist, sondern ein Wegweiser für den in seinem eigenen Labyrinth verirrten Geist. Weiter entfernt als alles, woran die Wissenschaft je wird rühren können, dort wo die Lichtkegel der Vernunft an den Wolken zerschellen, existiert dieses Labyrinth als zentraler Punkt, in dem alle Kräfte des Seins, die äußersten Aderungen des Geistes zusammenlaufen. In diesem Gewirr aus sich ständig bewegenden, immerfort versetzten Mauern, jenseits aller bekannten Denkformen, rührt sich unser Geist und lauscht auf seine geheimsten, spontansten Regungen, auf jene, die Offenbarungscharakter besitzen und von anderswoher zu stammen, vom Himmel gefallen zu sein scheinen.

Doch das Geschlecht der Propheten ist ausgestorben. Langsam erstarrt Europa zum Kristall, wird unter den Binden seiner Grenzen, seiner Fabriken, seiner Tribunale, seiner Universitäten allmählich zur Mumie. Der gefrorene Geist knirscht zwischen den mineralischen Buchdeckeln, die sich immer enger um ihn schließen. Schuld daran haben Ihre verschimmelten Systeme. Ihre Zwei-plus-zwei-gleich-vier-Logik, Schuld daran haben Sie, die Rektoren, gefangen im Netz der Syllogismen. Sie produzieren Ingenieure, Juristen, Ärzte, denen die wahren Geheimnisse des Körpers, die kosmischen Gesetze des Seins verborgen bleiben, Scheingelehrte, die außerhalb des Irdischen blind sind, Philosophen, die sich anmaßen, den Geist noch einmal hervorzubringen. Der kleinste Akt spontaner Erfindung ist eine komplexere, offenbarungsträchtigere Welt als jede beliebige Metaphysik.

Lassen Sie uns doch in Ruhe, meine Herren, Sie sind ja nur Usurpatoren. Wer gibt Ihnen das Recht, das Denkvermögen zu kanalisieren, Geisteszeugnisse auszustellen?

Vom Geist verstehen Sie nichts, Sie haben keine Ahnung von seinen verborgensten und essentiellsten Verästelungen, von jenen fossilen Spuren, die unseren eigenen Quellen so nahe sind, von jenen Fährten, die wir bisweilen auf den dunkelsten Ablagerungen unserer Gehirne aufzuspüren vermögen.

Gerade im Namen Ihrer Logik sagen wir Ihnen: Das Leben stinkt, meine Herren. Sehen Sie sich doch einen Augenblick ins Gesicht, betrachten Sie Ihre Hervorbringungen. Durch das Sieb Ihrer Diplome preßt sich eine abgezehrte, verlorene Jugend. Sie sind die Plage einer Welt, meine Herren, und das geschieht dieser Welt nur recht, doch sie sollten sich etwas weniger an der Spitze der Menschheit wähnen.

Literatur

Becker, H. (Hg. und Übersetzter): Es brennt! Politische Pamphlete der Surrealisten. Hamburg, Edition Nautilus, 1998, zuerst erschienen in La Révolution Surréaliste, N°3, April 1925.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2001
Heft 5/2001, Seite 4
Autor/inn/en:

Alexander Emanuely:

Seit Juni 1999 Redakteur und von September 2001 bis 2006 geschäftsführender Redakteur, seither Vorstandsmitglied von Context XXI. Vorstandsmitglied des Republikanischen Clubs — Neues Österreich, Sprecher der LICRA-Österreich. Freier Autor in Wien.

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