Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 9
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Die Welt, von der wir reden

Obwohl sie dem zeitgenössischen Konformismus als befremdend bzw. irrsinnig erscheint, ist die neue Theorie, die wir z.Zt. aufstellen, nichts anderes als die Theorie eines neuen historischen Moments, der bereits die gegenwärtige Wirklichkeit ausmacht und nur durch den Fortschritt einer richtigen Kritik umgestaltet werden kann. „Werden die theoretischen Bedürfnisse unmittelbar praktische Bedürfnisse sein? Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Es genügt nicht, mit der Entzifferung der Informationen anzufangen, wie man sie jederzeit in der zugänglichsten Presse findet, um ein alltägliches Röntgenbild der situationistischen Wirklichkeit zu erhalten. Diese Entzifferung wird hauptsächlich durch den Zusammenhang ermöglicht, in den die Tatsachen und die Kohärenz einiger, diese total erhellender Themen gebracht werden sollen. Der Sinn dieser Entzifferung wird a contrario durch die klare Herausstellung der Inkohärenz der verschiedenen Denker nachgewiesen, die zur Zeit um so ernster genommen werden, je elender sie sich von einer Einzelheit der verallgemeinerten Fälschung zur anderen widersprechen.

Die Technik der Isolierung

Alle Aspekte der technischen Entwicklung in der gegenwärtigen Gesellschaft und vor allem die sogenannten Kommunikationsmedien werden auf ein Maximum an passiver Isolierung des Individuums ausgerichtet, sowie auf seine Kontrolle durch eine einseitige „direkte und permanente Verbindung“ und die unwiderlegbaren Anregungen, die von Führern jeder Art verbreitet werden. Es ist so weit, dass bestimmte Anwendungen dieser Technik lächerliche Tröstungen für das anbieten, was grundsätzlich fehlt — oder manchmal sogar den Beweis im Reinzustand für diesen Mangel.

Sind Sie ein Fernsehfan, dann wird der außerordentlichste aller je hergestellten Fernsehapparate Sie interessieren, da er Sie überallhin begleiten kann. In einer ganz neuen Form ist dieser von der amerikanischen Hughes Aircraft Corporation hergestellte Fernseher dazu bestimmt, auf dem Kopf getragen zu werden. Er wiegt 950g und ist an einem Pilot- bzw. Telefonistenkopfhörer angebracht. Sein sehr kleiner, runder Bildschirm aus Plastik sieht wie ein Monokel aus und wird von einem Hebel 4 cm vor dem Auge gehalten … Das Bild sieht man nur mit einem Auge. Mit dem anderen, so behauptet die Herstellerfirma, kann man anderswohin gucken und sogar schreiben oder Handarbeiten machen.

Journal du Dimanche, 29.7.62.

Der Streik in den Kohlebergwerken hat endlich seine Lösung gefunden und es wird vermutlich am morgigen Freitag wieder gearbeitet … Vielleicht lässt sich die fast absolute Ruhe, die diese 34 Tage lang ununterbrochen in den Gebäuden und Halden geherrscht hat, durch das Gefühl erklären, auf diese Weise an der Diskussion teilzunehmen. Auf jeden Fall hat das Fernsehen — zusammen mit den Transistorgeräten — diese direkte und permanente Verbindung zwischen den Führern und ihren Mandanten erleichtert, wobei sie gleichzeitig jeden zwang, in den entscheidenden Stunden wieder nach Hause zu gehen, in denen dagegen gestern noch alle hinausgingen, um im Gewerkschaftszentrum zusammenzukommen.

Le Monde, 5.4.63.

Auf dem Bahnhof von Chicago gibt es ein neues Heilmittel für vereinsamte Reisende. Gegen einen „quarter“ drückt einem ein Wachsautomat die Hand und sagt: „Guten Tag, alter Freund, wie geht’s? Ich freue mich, Dich zu sehen und wünsche Dir gute Reise!“

Marie-Claire, Januar 63.

„Ich habe keine Freunde mehr, niemand spricht mehr mit mir.“ So fängt das Bekenntnis an, das ein polnischer Arbeiter auf sein Tonbandgerät aufgenommen hat, nachdem er den Hahn seines Gasherdes aufgedreht hatte. „Bald bin ich ganz bewusstlos, keiner rettet mich mehr, das Ende ist jetzt nah“ — das waren Joseph Czternasteks letzte Worte.

A.F.P., London, 7.4.62.

Die Worte und ihre Arbeitgeber

„Worte arbeiten für die herrschende Organisation des Lebens … Die Macht gibt nur die falsche Kennkarte der Worte … Sie erzeugt nichts, sie rekuperiert nur.“ (S.I. No. 8). Die Umkehrung der Worte legt Zeugnis ab von der Entwaffnung der Kräfte der partiellen Kritik, die sich um diese Worte zusammengefunden haben. Dann ergreifen diejenigen, die über diese Welt herrschen, Besitz von den Zeichen, sie entschärfen sie und kehren sie um. So ist das Wort „Revolution“ das Grundwort jeder Werbungsroutine — bei dem von der Zeitschrift Der Deutsche Gedanke aufgezeigten Beispiel bildet folgende Formel eine Art Gipfel: „Rote Revolution — Revolution mit Redflex!“. Von Chruschtschow bis zu den Pfaffen kennt der Begriff „Sozialismus“ die breiteste Vielfalt an Sinnverkehrungen, die jeweils bei einem einzigen Wort begangen wurden. Die Gewerkschaften haben eine so veränderte Funktion inne, dass die wirksamsten Streiks jetzt von den Privilegierten organisiert werden — so z.B. dieses Jahr von den belgischen Ärzten. Das Wort „Anarchie“ ist keineswegs verschont worden, wie sich das durch die „anarchistischen Auffassungen“ des Maoisten Siné — und ferner durch die von Le Monde Libertaire beurteilen lässt.

Der Herzog von Edinburgh ist dem Kongress der zur Labour-Partei gehörenden englischen Gewerkschaften (TUC) beigetreten, nachdem die Drehbuchverfassergilde, deren Mitglied der Ehemann der Königin Elisabeth ist, sich in die TUC aufnehmen ließ."

Reuter, 17.4.64

Da das Khmer-Regime formell durch eine sozialistische Terminologie beeinflusst ist, wird der republikanische Herrscher „Samdech Sahachivin“ genannt, d.h. „Genosse Prinz“.

Le Monde, 27.5.64

Es handelt sich darum, vom römischen zum schwarz-afrikanischen Recht zurückzukehren, von der bürgerlichen Auffassung des Grundeigentums zur sozialistischen, die dem traditionellen schwarzen Afrika eigen ist.

Léopold Seghor in einer Rede im Rundfunk von Dakar, Mai 1964

Einige Redner haben sich ausdrücklich gegen die Frauenemanzipation verwahrt, während andere im wesentlichen behaupteten, die algerische Frau solle zwar emanzipiert und in das nationale Leben wieder integriert werden, sie müsse sich aber zuerst all ihrer Pflichten vollkommen bewusst werden, den Koran und alle religiösen Regeln genau kennen. In dem wirtschaftlich-sozialen Beschluss wird gesagt, dass „möglichst schnell ein Gesetzbuch über die Familie verfasst werden soll, das unseren Traditionen und unserer sozialistischen Linie entspricht.“

Le Monde, 22.4.64

Man wird die verschiedenen Tendenzen besser unterscheiden können, die diese unter dem Zeichen der Konferenzen zusammengekommene Fraktion der „sozialistischen Familie“ durchkreuzen … Die christlichen Militanten nahmen vollständig daran teil, nicht aber ohne verärgert zu sein, da — wie einer von ihnen sagte — „sie es müde sind, immer wieder um ihren sozialistischen Taufschein bitten zu müssen“.

France-Observateur, 13.2.64

Der Mann sei ein Anarchist — wenn man ihm glauben soll: das flüstert er einem ins Ohr und fügt hinzu, dass „jeder das weiß“ … Er heißt Siné und kommt gerade aus Kuba zurück … „Haben die Arbeiter eine Vorstellung von der Revolution?“ — „Nein — und es ist zu wünschen, dass sie nie dazu kommen … Keine kapitalistischen, sondern revolutionäre Gefängnisse. Dort sitzt man bequem, zu bequem sogar und — das sagt er einem von denen, die ihn befragen — es würde Ihnen sehr gut tun, sie kennenzulernen!“ Das sind die anarchistischen Auffassungen des Herrn Siné.

Le Monde Libertaire, September 63.

Die unvermeidlichen Berichte über Ravachol und die Bande Bonnot, diese alte Leier aller Chronisten, die die Anarchie im „L’Ambigu“ und im „Grand-Guignol“-Theater entdeckt haben.

Maurice Joyeux, Le Monde Libertaire Januar 1964.

Die Freizeit arbeitet

Mit der Weiterentwicklung der Freizeit und des Zwangskonsums werden nicht nur die Pseudo-Kultur und das Pseudo-Spiel sich ausweitende Wirtschaftssektoren — von nun an ist das Pferderennen das fünftgrößte Unternehmen in Frankreich, was den Umsatz betrifft — sondern sie tendieren auch dazu, die gesamte Ökonomie in Bewegung zu bringen, indem sie ihre Zweckmäßigkeit selbst darstellen. Die fast vollständige Verquickung im Kulturspektakel dessen, was gewöhnlich als „das Beste und das Schlimmste“ betrachtet wird, neigt zwangsläufig zum Schlimmsten, wodurch sie ihren einzigen Sinn bekommt und zwar einen Konsum des Überlebens, der sich sogar am liebsten den gesellschaftlich vorausgesehenen, geplanten und garantierten Tod zu eigen macht. Die Avantgarde des Kapitalismus spekuliert schon auf den Konsum im Tod selbst und regt jeden dazu an, sich Renten zu verschaffen, um endlich das Absolute des Überlebens genießen zu können.

Des rôles réservés au nègre dans le spectacle. — I. Bon nègre, en République Sud-Africaine, 1963.
« Le président Johnson inaugurera mercredi la foire internationale de New-York ... un spectacle de 1 milliard de dollars … D‘autre part le Congrès pour l’égalité raciale ... a fait part de son intention
Des rôles réservés au nègre dans le spectacle. — II. Mauvais nègre, dans le Nebraska, 1919.
de troubler la cérémonie d‘inauguration de la foire en demandant à trois mille de ses adhérents de se rendre en voiture sur les lieux avec juste assez d’essence pour le trajet aller. »
Le Monde, 22-4-64.

Die „Jungen Musikfreunde Frankreichs“, der Club Méditerranée, der Club der Bücherfreunde und die Zeitschrift Planète haben sich im „Verein der Franzosen des XX. Jahrhunderts“ zusammengeschlossen. Ein Verein nach dem Gesetz aus dem Jahr 1901, ohne gewinnbringenden Zweck, konfessionellen oder politischen Charakter, der keiner Einzelperson, sondern jedem Verein offen steht, der an dem zwischen den Vereinigungen der Freizeitgestaltung verschiedener Art organisierten Austausch teilnehmen möchte. Hört man den Förderern der vier Gründervereine zu, so kann man nach dem fragen, was sie außer den bloßen kommerziellen Sorgen zusammengebracht hat. Das hat einer von ihnen wie folgt erklärt: „Wir arbeiten alle vier in einem noch wenig bekannten Gebiet, das sich aber immer mehr vergrößern wird — das Gebiet der allgemeinen Bildung und der Freizeit …“

Le Monde, 22.2.64

In der letzten Nummer der von der Barclay-Bank herausgegebenen Zeitschrift steht, dass die Beatles „einen unsichtbaren Export darstellen, der reichlich zum Gleichgewicht der Zahlungsbilanz in Großbritannien beiträgt“.

Reuter, 25.2.64

Viele hören den Beatles gern zu, da diese angeblich die authentische Stimme der Arbeitermassen Liverpools hören lassen … Ist aber dieser „Mersey-sound“ wirklich, wie das KP-Blatt Daily Worker schreibt, ein Schrei der Revolte aus den 80.000 Elendsquartieren, in denen 300.000 Arbeitslose wohnen? … Auch wenn die Beatles den Volksakzent ihrer Herkunft behalten und sogar betont haben, wenden sie sich heute an ein breiteres Publikum, das außer der neuen Arbeiterklasse auch die mittleren Klassen und alle die umfasst, die ihren Vorteil aus der Gesellschaft des Überflusses ziehen. Und ihre Manager haben ihnen gerade deshalb empfohlen, sich ordentlich anzuziehen und die Haare zu waschen, weil sie diese Entwicklung richtig eingeschätzt haben.

Henri Pierre, Le Monde, 12.12.63

Das größte, je gesehene Spektakel, mit einer Milliarde Dollar Investition — von denen 90% zwei Jahre später vollkommen spurlos verschwinden werden — und einer fantastischen Ansammlung von Gegenständen und menschlichen Wesen: von den Watutsis-Tänzern des persönlichen Ballets seiner Majestät des Königs von Burundi, dessen heiliger Trommler seine Heimat bisher noch nie verlassen hatte, bis zu den kompliziertesten elektronischen Maschinen, von Michelangelos „Pieta“ bis zum Navigationsraum, in dem die Menschen sich für die Landung auf dem Mond vorbereiten. „Frieden durch Verständnis“ heißt der Slogan der New Yorker Messe, die am nächsten Mittwoch eröffnet wird …

In winzigen Wagen sollen die Besucher in die Zukunft reisen. Sie werden durch die Stadt der Zukunft fahren, in der alle Verkehrsprobleme gelöst, die Autobahnen unterirdisch, Parkplätze im Erdgeschoss, Läden im ersten, Wohnungen im zweiten, Park-, Wald- und Blumenanlagen im dritten Stockwerk liegen. Sollte das bloße Phantasie sein? Die Werbeagenten der mächtigen Gesellschaft erwidern, General Motors habe schon auf der New Yorker Messe von 1939 das Gesamtbild der Autobahnen, Brücken und Unterführungen entworfen, das zu dieser Zeit fantastisch erschien und seitdem zu einem Teil der amerikanischen Wirklichkeit geworden ist …

Coca Cola bietet den Neugierigen eine recht eigenartige „Rundfahrt um die Welt“ an: sie können „die entferntesten Plätze der Welt riechen, berühren und schmecken“ und noch dazu den ausgesuchtesten Musikstücken und Liedern zuhören und vielfältige sonstige Aufregungen erfahren. Selbstverständlich werden all diese Geruchs- und Geschmacksarten durch elektronische Gehirne automatisch „hergestellt“ und kontrolliert …

Die Vereinigte Arabische Republik will versuchen, sich den Amerikanern sympathisch zu machen, indem sie ihnen die goldenen Gegenstände der Pharaonen zeigt, und General Franco, indem er Bilder alter und moderner Meister, von Vélasquez bis Goya und Picasso bis Miro ausstellt …

Für Kunstliebhaber gibt es eine riesige Ausstellung der modernen Kunst und für die wissenschaftlich Interessierten ein „Haus der Entdeckungen“. Die weiblichen Besucher sind auch nicht vergessen worden: im Clairol-Pavillon kann jede Frau darüber entscheiden, wie sie in der nächsten Saison aussehen wird — blond, rot, kastanienbraun oder schwarz usw. — sowie dank den „practicaI beauty“-Apparaten Kleider „farbig“ anprobieren. Der Pavillon verfügt über ein elektronisches Gehirn, das mit Rücksicht auf die körperlichen Angaben jeder Frau Ratschläge gibt — welche Farbe sie z.B. für ihren Puder, ihren Lippenstift, Lidschatten, Augenbrauenstift, Nagellack usw. wählen sollte.

Le Monde, 22.4.64

Besuchen Sie „Technic for Living“! „Sie werden sehen, wie Sie in 15 Jahren leben!“ Im großen Saal von Harrods, einem der berühmtesten Londoner Geschäfte … „Warum sollte Ihnen die Zeit für die Weintemperierung lang werden? Kaufen Sie einen elektrischen Weintemperierer: der linke Knopf für Bordeauxweine, der rechte für Burgunder. Preis: 7 Pfund“ … „Technic for living“ ist die greifbare Antizipation, die mit 12 oder 24 Raten gekauft werden kann … „Warum Ihre Wände mit Papier tapezieren?“ sagt die Ansagerin weiter, „hängen Sie doch lieber ein ‚Heliorama‘ ein elektronisches Bild mit wechselnden Widerspiegelungen, auf!“

France-Soir, 28.2.64

Sechs Inhaftierte im Grafschaftsgefängnis von Harris (Texas), auf die der offizielle Bericht über die Schädlichkeit von Tabak einen sehr starken Eindruck gemacht hatte, haben gestern ihren Entschluss bekannt gegeben, nicht mehr zu rauchen, da sie auf keinen Fall an Lungenkrebs sterben wollten. Die sechs Inhaftierten sollen wegen verschiedener Verbrechen alle durch den elektrischen Stuhl hingerichtet werden.

U.P.I., Houston, 13.2.64

Ettinger beschreibt die Leicheneinfrierung als „die größte Verheißung — und vielleicht das größte Problem — der Geschichte“. Wie dem auch sei, der amerikanische Wissenschaftler — man muss ja praktisch denken — empfiehlt allen Menschen, die an die Zukunft denken, in ihrem Testament genau anzugeben, ob sie eingefroren werden wollen, und genug Geld für ihren vorübergehenden Tod und ihr zweites Leben bereitzulegen. Der Aufenthalt in den Kühl-„Schlafsälen“, in denen die Leichen aufgeschichtet werden sollen (es wird in den Vereinigten Staaten 15 Millionen Tonnen geben), wird nach Ettingers Schätzung ungefähr 200 Dollar pro Jahr kosten.

France Soir, 17.6.64

Die Abwesenheit und ihre Zurichter (Fortsetzung)

Zur gleichen Zeit, in der die moderne Kunst sich bis zur Reduzierung auf das Nichts und das Stillschweigen weiterentwickelte, mussten die Produkte dieser Auflösung immer mehr benutzt, überall zur Schau gestellt und „verbreitet“ werden können — und zwar deshalb, weil diese Entwicklung die Nicht-Kommunikation, die sich effektiv überall in der Gesellschaft eingerichtet hat, ausdrückte — und bekämpfte. Jetzt muss die Leere des Lebens mit der Leere der Kultur ausgestattet werden. Dafür wird mit allen vorhandenen Verkaufsmethoden gesorgt, die fast überall gleichfalls dazu bestimmt sind, Halbleeres zu vertreiben. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die wirkliche Dialektik der modernen Kunst zu verschleiern, indem man alles auf eine zufriedene Positivität des Nichts reduziert, das sich tautologisch durch die bloße Tatsache seiner Existenz rechtfertigt — d.h. dass es durch das Spektakel anerkannt wird. So ist eigentlich diese Kunst der laut verkündeten Neuigkeit ungeniert und bis in die Einzelheiten die Kunst des offenen Plagiats. Der grundsätzliche Unterschied zwischen der bahnbrechenden modernen Kunst und der aktuellen Generation besteht darin, dass das damals Anti-Spektakuläre sich jetzt als anerkannter und integrierter Bestandteil des Spektakels wiederholt. Diese Vorliebe für die Wiederholung erfordert, dass jede historische Einschätzung verschwindet: während der Neo-Dadaismus zur offiziellen amerikanischen Kunst wird, schreckt man nicht einmal davor zurück, dem Dadaisten Schwitters vorzuwerfen, an seine eigene Epoche zu erinnern. Man wird sogar hier und da versuchen, die kritische Schreibform der Zweckentfremdung literarisch zu popularisieren — immerhin mit „Quellenangabe im Anhang“. Der Umfang des heutigen kulturellen Nichts bürgt allerdings für ein ganz anderes Ende.

Es lebe das Nichts! Vielleicht haben Sie von diesem im letzten Monat in den USA Furore machenden Gadget gehört, dass die Besonderheit hatte, unnütz zu sein. Nun, Sie sollen wissen, dass dieser außergewöhnliche Gegenstand — eine würfelförmige Dose mit in irgendeiner Richtung aufleuchtenden elektrischen Birnen — ein solcher Verkaufserfolg war, dass alle Vorräte aufgebraucht wurden und es jetzt unmöglich ist, noch welche zu finden. Dabei kostete die „Nothing Box“ — so hieß diese „Nichts-Dose“ — ungefähr 40 Dollar.

Elle, 8.2.63

Nach jedem Stück und besonders nach dem dieses Jahr entdeckten „Oh! Les beaux jours“ (Oh, was für schöne Tage!) hat man sich die Frage gestellt, welche Mittel und Worte Beckett wohl noch einsparen könnte, um das Nichts zu materialisieren und dem Stillschweigen näherzukommen, die ihn faszinieren. Der Text seiner „Comédie“ zeigt aber doch diese verstärkte Entsagung auf, die man nicht mehr für möglich hielt.

Le Monde, 13.6.64

Das sollte man wissen: es ist gefährlich, ein Bild auf den ersten Blick zu kaufen. Für einen Anfänger ist es die schlechteste Methode, mit einer Sammlung anzufangen. Eine Reihe von Psychotests hat es bewiesen: ein Bild kann man nur dann liebgewinnen, wenn es einem ähnlich ist. Marie-France Pisier, der Star in Francois Reichenbachs nächstem Film, unterwarf sich im „Kultur-Laden“, in dem diese Theorie in die Praxis umgesetzt wird, aus freien Stücken einem losfragenden Psychologen: „Sind Sie ein Leckermaul? Tragen Sie rote Kleider? Schlafen Sie gut? usw.“. Der Test wirkt so überzeugend, dass die zunächst durch ein Bild von Singier angezogene Marie-France mit einem Soulages aus dem Laden ging.

Marie-Claire, Juli 1963

Ein großer japanischer Bildhauer — Mukai. Sein berühmtestes Werk: ein gepresster 4-CV-Renault, der jetzt einen Bahnhof in Tokio schmückt.

Elle, 9.8.63

Der Leiter eines Ferienclubs bietet für den Monat Januar ein recht verlockendes Programm: „8 Tage in den Bergen für 350 F pauschal“. Zuerst fiel mir diese Anzeige beim Lesen nicht auf — erst die Einzelheiten dieses Pauschalpreises sind wirklich außerordentlich. Darin sind nicht nur der Flug, Komfort einer Berghütte, kostenloser Aufenthalt für Kinder unter 10 Jahren und Kindergarten mit einbegriffen, sondern auch das „Treffen mit einer Persönlichkeit“. Als erstes mit Le Clizio.

A. Fabre-Luce, Arts, 1.1.64

In den Trabantensiedlungen bekommen die Theatergebäude eine andere Bedeutung. Es kann nicht mehr ein Raum und eine Bühne sein, die nur für Theaterstücke bestimmt ist. Als eine totale Kunst, die Literatur, Malerei, Musik und Architektur — ohne die Beleuchtungstechnik zu vergessen — mit einbezieht, wird das Theater von nun an wie ein Ort betrachtet, der den ganzen Kulturmanifestationen der Kleinstadt — Schauspiel, Film, Fernsehen, Musik, Vorträge, Tanz usw. — angepasst ist — so etwas wie das, was der Architekt P. Nelson lyrisch einen „Garten der Freizeit“ nennt. Daher die sowohl in Frankreich als auch in der ganzen Welt vorhandene Tendenz, Häuser der Kultur zu errichten.

Le Monde, 12.10.62

Seit vier Jahren wohnen wir dem echten Aufblühen einer Generation von Musikmathematikern überall auf der Welt bei. Bei uns muss sich diese Art Forschung, da sie nicht wirklich vom Staat unterstützt wird, auf eine mehr oder weniger mühsame Handwerkelei beschränken, die von den großen Herstellern von elektronischen Maschinen gefördert wird …

Diese Art Forschung haben wir u.a. Michel Philippots „Dreieckigen Variationen“ und Pierre Barbauds „Nonetto“ usw. zu verdanken. Der letztere wurde auch ersucht, die Musik für den Film „Abgründe“ zu liefern. Er errechnete sie mit seinem Gamma 60-Computer, ohne irgendeine Rücksicht auf die Bilder zu nehmen, setzte sie in die traditionelle Notation um, vertraute sie Instrumentalisten an und nahm sie auf. Nun begrüßte die Kritik die Schönheit der Partitur und ihren beträchtlichen Beitrag zum Erfolg des Films.

Auf dieselbe Art und Weise stellt z.Zt. „Gamma 60“ kilometerlange Harmonieübungen her, die weder hässlicher noch schöner sind als diejenigen, die in den Musikakademien gemacht werden — aber viel perfekter, was die genaue Befolgung der Regeln betrifft! Andererseits ist es möglich geworden, die „Stilgewohnheiten“ der vergangenen Komponisten in Formeln zu setzen …

Die Ungenauigkeit des Bogenstrichs und die Unbeständigkeit des von den meisten unserer heutigen Instrumente hervorgebrachten Klangs sind auch keine idealen Bedingungen, um die unerbittliche, von der Maschine produzierte Logik zu „verwirklichen“. Anscheinend ist der Gebrauch eines zusätzlichen Klangsynthetisators quasi unerlässlich, um aus den Ergebnissen dieser Forschungen ein echtes Mittel für die Klangkommunikation zu machen.

Es ist aber vollkommen klar, dass die „errechnete“ Musik uns auf den Weg zu einem neuen Zeitalter der Kunstauffassung bringt. Schon haben unsere Musikforscher vor, die besten, durch das elektronische Gehirn gelieferten Resultate auf die Musik und die bildenden Künste gleichzeitig anzuwenden. Schon erleben sie die — hoffentlich fruchtbare — Vermählung des Menschen mit der Maschine auf dem Gebiet des Geistes. Schon behaupten sie mit lauter Stimme, diese helfe ihnen dabei, „neue Strukturen besser auszudenken“. Wir wollen also hier zusammen mit Abraham Moles den Beginn des technologischen Zeitalters begrüßen.

France-Observateur, 21.5.64

Das Publikum ist letzten Abend während des Konzertes des „Domaine“ im „Theatre de France“ etwas stürmisch gewesen.

Dann kam Karl-Heinz Stockhausens Klavierstück, dessen Aufführung durch denselben Interpreten wie eine echte Kraftleistung aussah. Der mit Fausthandschuhen bewaffnete Solist führte einen Nahkampf mit seinem Steinway-Klavier in einigen Runden, von denen einige sehr kurz — ein einziger mit vollem Schwung hingeworfener Akkord — und von zahlreichen und unendlichen Pausen unterbrochen waren, so dass dieses Klavierstück ganz und gar wie ein Boxkampf aussah …

Dabei steckt doch nichts wirklich Neues am Ende all dieser Experimente. Ein mit Fausthieben misshandeltes Klavier — das wurde schon 1926-28 in einem Konzert der „Musikzeitschrift“ präsentiert. Und Kurt Schwitters Dadaismus erinnerte an die schönen Skandalabende, die um 1920 von Tristan Tzara entfesselt wurden.

Le Monde, 25.3.64

Räumlich außerhalb der Biennale gelegen zeigt diese amerikanische Ausstellung ausschließlich Werke der neo-dadaistischen Protestströmung, die als „Pop-Art“ bekannt geworden ist. Sie sieht ein wenig wie amerikanische Festspiele am Rand der offiziellen Manifestation aus.

Le Monde, 19.6.64

Ich habe nicht vergessen, dass ich von Jean-Pierre Fayes „Analogon“ sprechen soll, obwohl dieses Buch nicht als Roman gekennzeichnet wird … Er behauptet jedoch, uns eine Geschichte — und sogar mehrere — zu erzählen und ich akzeptiere gern, dass er seinen Text mit getarnten Zitaten von Schriftstellern der Vergangenheit durchwirkt (die Quellenangaben findet man erst am Ende des Buches) …

G. Dumur, France-Observateur, 18.6.1964

Der Urbanismus als Wille und Vorstellung

Der moderne Kapitalismus, der konzentrierte und vervollkommnete Kapitalismus, graviert die Verschmelzung dessen, was als negativer und positiver Pol der Entfremdung entgegengesetzt war, in einer Art Äquator der Entfremdung in die Szenerie des Lebens ein. Der obligatorische Aufenthalt darin wird durch eine fortschreitende Präventivpolizei kontrolliert. Die neuen Städte sind die Laboratorien dieser erdrückenden Gesellschaft — vom schwedischen Vällingby bis zum israelischen Besson, wo alle Freizeittätigkeiten in einem einzigen Zentrum vereinigt werden sollen, während die Trabantensiedlung Avilès unmittelbar die neo-kapitalistische Entwicklung ausdrückt, die jetzt Spanien erreicht. Gleichzeitig geht das Verschwinden dessen weiter, was dieser „Dschungel der Städte“ — sowohl in der Unbequemlichkeit und dem Luxus als auch im Abenteuer — gewesen ist, der dem Kapitalismus der freien Konkurrenz entsprach. Das Zentrum von Paris wird durch die Organisation des Autoverkehrs radikal umgestaltet — z.B. werden die Quais in Autobahnen und der Platz Dauphine in einen unterirdischen Parkplatz verwandelt — was eine ergänzende Tendenz nicht ausschließt, einige alte, isolierte Häuserblocks als Gegenstände des touristischen Spektakels und bloße Ausdehnung des klassischen Museums zu restaurieren, wobei sogar ein ganzes Viertel zum Denkmal erklärt werden kann. Die Verwaltungen jeder Art lassen überall ihnen angemessene Gebäude erbauen — so auch in Canisy diese Verwaltung einer neuartigen Tätigkeit, die ihrer Ungeheuerlichkeit zum Trotz auf dem Markt wohl sehr gesucht ist, wie jeder einem wirklichen Mangel entsprechende Scharlatanismus: und zwar die Verwaltung der „Spezialisten der Verallgemeinerung“.

Um all das kaufen zu können, nimmt man Kredite auf. Manchmal trägt man schwer an den Monatsraten, aber sie werden bezahlt: die Franzosen — und das ist eigentlich etwas Neues — sind bereit, für ihre Wohnung Opfer zu bringen. Egal, ob Sie in Paris, Marseille, Lille, Nantes oder Toulouse sind — es ist überall dieselbe Wohnung, gleich ausgestattet und eingerichtet. Egal, ob Sie sich bei einem Büroangestellten, einem Maurer, einem Justizbeamten oder einem Facharbeiter befinden — der Unterschied ist kaum wahrzunehmen … So setzt sich ein klarer, fröhlicher, eintöniger und allen Gesellschaftsklassen gemeinsamer Lebensstil durch. Ich beschreibe die Dinge, wie sie sind, ohne die geringste politische Auslegung hinzuzufügen. Es sei mir erlaubt, daran zu erinnern, dass es im letzten Jahrhundert einen Abgrund zwischen dem Bourgeois und dem Arbeiter gab … Heutzutage kommt der Lohn eines Facharbeiters dem Gehalt eines Professors näher und alle finden sich in den Sozialwohnungen wieder. Ist das gut? Ist das schlecht? Darüber müssen Sie selbst urteilen — Tatsache ist aber, dass eine Gleichmacherei vor sich geht, die weder von oben noch von unten, sondern von der Mitte ausgeht.

Jean Duché, Elle, 10.5.63

Der 32. Kongress der Internationalen Organisation der Kriminalpolizei (Interpol) ist am Mittwoch morgen im Audimax der Wirtschaftswissenschaften in Helsinki eröffnet worden … Während dieses Kongresses soll die Bildung eines „Büros für die Verbrechensvorbeugung“ in jedem Mitgliedsland erörtert werden, das dem bereits seit mehreren Jahren in Stockholm bestehenden ähneln soll. Der Zweck dieses Büros ist es, den Architekten, Ingenieuren, Bauherren und sonstigen Spezialisten die verschiedenen technischen Mittel zur Verfügung zu stellen, die zur Vorbeugung von Straftaten von Polizisten ausgearbeitet worden sind und befürwortet werden.

Le Monde, 22.8.63

Die Siedlung von Canisy — ein idealer Aussichtspunkt von 30 Milliarden für den Markt der grauen Substanz … Ein breites Schild am Ort La Croix-Solier: „Internationales Verallgemeinerungszentrum — die erste wissenschaftliche Experimentalsiedlung, ein Ort für die Synthese und Verallgemeinerung von Menschen aller Disziplinen.“ — „Das alles gehört zur Semantik!“ sagt der Briefträger, indem er die ganze Landschaft mit einer breiten Geste umfasst.

L’Express, 22.8.63

Betrachtungen über die Gewalt

Überall bricht die Revolte gegen die bestehenden Verhältnisse aus. Sie besitzt immer noch weder ein ausdrückliches Projekt noch eine Organisation, da der Raum zur Zeit immer noch durch die alte mystifizierte und trügerische revolutionäre Politik besetzt wird. Diese Politik ist misslungen — und in ihrem unterdrückenden Gegensatz umgeschlagen — weil es ihr nicht gelungen ist, das Unannehmbare und das Mögliche in ihrer Totalität zu begreifen. Genauso ist sie unfähig gewesen — und ihre Überbleibsel sind es immer noch — sowohl das Unannehmbare als auch das Mögliche zu definieren, weil ihre Praxis misslang und zur Lüge wurde. Nur mit Übermaß kann das revolutionäre Projekt wieder anfangen; es braucht einen neuen Maximalismus, der alles von der Umwälzung der Gesellschaft verlangt. Kawa Shoitanis Geste ist nicht absurd: eine Gesellschaft kann wählen, ihre Geldmittel in die Entwicklung des Fernsehprogramms, in die Medizinforschung oder in andere, unerwartetere Forschungsgebiete zu investieren. „Das Auge ist zum menschlichen Auge geworden, wie sein Gegenstand zu einem gesellschaftlichen, menschlichen, vom Menschen für den Menschen herrührenden Gegenstand geworden ist … Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte“ (Karl Marx, Pariser Manuskripte 1844).

Heute bringen Sport und Stars Massen zusammen, die die politischen Parteien bei weitem nicht einmal mehr erträumen können, da die von der Politik zusammengebrachten Massen schon seit langem nur passive Zuschauermassen gegenüber trügerischen Stars waren. Diese Zuschauer aber, die offen zur Betrachtung gehaltloser Wettkämpfe übergegangen sind, bringen ihre Frustration dort mit hinein. So genügte in Lima eine Fälschung des oberflächlichen Spektakels, um die radikale Verweigerung wieder aufzuwecken, die die Totalität der spektakulären Fälschung angreift. Deshalb kann man sicher sein, dass das Psychodrama scheitern wird, bevor es die Verdummungsrolle erfüllt hat, die seine Priester von ihm erwarten.

In Clacton hatten es diese Banden vor allem mit der Lokalbevölkerung zu tun, der Welt der Erwachsenen, was durch mutwillige und zerstörungswütige Handlungen zum Ausdruck kam. In Morgate und Brighton schlugen sie sich gegenseitig aus verschiedenen und unklaren Gründen … Sicher hat dabei die Anwesenheit eines „Publikums“ — und in erster Linie der Masse von Reportern und Kameraleuten, ohne aber die ehrwürdigen erwachsenen Feriengäste zu vergessen, die durch die angekündigte Gewalt gleichzeitig zutiefst erschrocken und angezogen waren — eine Rolle gespielt. Wie schon darauf hingewiesen wurde, haben sich die Jugendlichen zur Schau gestellt.

Le Monde, 20.5.64

Vor einem Jahr hatten Rocker von la Serinette, einem Vorort von Toulon, beschlossen, die 70 Jahre alte Frau Hervé Conneau zu terrorisieren. Diese seit vielen Jahren verwitwete Dame lebte allein in einem mitten in einem Park gelegenen Haus das im Viertel „das Schloss“ genannt wurde. Zunächst wurde die Jugendlichenbande auf den Park aufmerksam, dessen dichtes Laubwerk sich zu Treffen und halb heimlichen Zusammenkünften besonders gut eignete … Nachdem sie den Park besetzt hatten, gingen die jungen Banditen auf das Schloßgebäude selbst über. „Eines Tages“, erzählt die alte Dame, „sah ich, dass sie die Kapelle dem Erdboden gleichgemacht hatten!“ Tatsächlich stand früher neben dem Haus ein halb verfallenes Kirchlein — die Rocker hatten es in einer Nacht einen Stein nach dem anderen abgebaut.

France-Soir, 10.5.64

Der 21jährige Jean-Marie Launay, ein junger Soldat der 735. Kompanie, die ein wichtiges Munitionsdepot in der Nähe von Thouars bewacht, hatte den Plan gefasst, das Depot mit seinen Tausenden Tonnen von Munition in die Luft zu sprengen. Kameraden von ihm sollten mit einem gestohlenen Wagen aus Chartres kommen und die Panik ausnutzen, um die Zweigstelle der Banque Populaire auf dem Platz Lavault mitten im Zentrum von Thouars zu überfallen.

Le Monde, 20.1.62

Zahlreiche Festnahmen in den letzten Tagen. Die Messe von Caen. Die Rundfahrt von B.B. Die Banden aus Guérinière und la Grace-de-Dieu. Der Omnibusbahnhof. In den Kellern machen die Mädchen Striptease. Jugendliche Straffällige erscheinen mit 20 Jahren vor dem Schwurgericht … Die V.’s bewohnen vier Zimmer — drei Schlafräume und ein Zimmer mit Küche — in la Guérinière. Frau V. zeigt mir das Zimmer: "Sehen Sie, wir haben den ganzen Komfort-Kühlschrank und Fernseher — er musste aber immer wieder mit seinen Freunden rausgehen. An den Tagen gingen sie zur Messe. Ich dachte nicht, dass sie etwas Schlimmes tun würden.

Sieben Tage von Caen, April 1964

Der US-Botschafter in Japan, Edwin Reischaue, ist am Dienstag Mittag im Botschaftshof von einem 19jährigen Japaner am rechten Bein mit einem Dolche verletzt worden. Trotz schwerer Verwundung ist der Botschafter außer Lebensgefahr … Der Täter soll der japanischen Polizei gemäß ein Geisteskranker sein, der nicht aus politischen Gründen gehandelt hat. Der 19jährige heißt Kowa Shoitani und wohnt in Numazu, 150 km südwestlich von Tokyo. Er wollte die Behörden angeblich auf die unzulängliche ärztliche Hilfe für Augenkrankheiten aufmerksam machen. „Ich bin kurzsichtig“ — hat er nach Polizeiberichten erklärt — „und die schlechte Politik, die aus der amerikanischen Besatzung folgt, ist schuld daran, wenn Japan die Lage der Augenleidenden nicht erleichtert.“

Le Monde, 25.3.64

In Algerien kommt es nachts vor, dass Gruppen von angetrunkenen Leuten durch die ehemalige Straße von Isly ziehen und laut ihre Forderungen brüllen: „Wein! Frauen!“.

Daniel Guérin, Combat, 16.1.64

Die Behörden schicken sich an, eine Operation gegen die jungen „Entgleisten“ zu starten, die in den algerischen Großstädten immer zahlreicher werden. Am 1. Dezember hatte der Vorsitzende Ben Bella schon diesen „gesellschaftlichen Schandfleck“ erwähnt. „Wir wollen uns mit ihnen beschäftigen“, rief er aus. „Die FNL ist dabei, eine großangelegte Operation gegen sie durchzuführen, um sie lahm zu legen. Wir wollen Vorkehrungen dafür treffen, sie in Straflager in die Sahara zu schicken, in denen sie Steine klopfen werden.“

Le Monde, 18.12.63

Ryszard Bucholz, ein junger Mann, ist am Samstag vom Warschauer Gericht zum Tode verurteilt worden, weil er mit zwei Kameraden am 12. Oktober in der polnischen Hauptstadt einen Polizisten niedergeschlagen und schwer verwundet hat … Ebenfalls zum Tode verurteilt wurden am selben Tag Tadeusz Walcak aus der Gegend Wroclaw, der zwei Polizisten und einen Armeeoffizier, die ihn beim Einbruch in einen Laden ertappt hatten, mit einem Jagdgewehr schwer verwundet hatte, und Julian Krol aus Wroclaw, der einen ihn nach seinen Personalien fragenden Polizisten mit Pistolenschüssen schwer verwundet hatte … Die äußerste Strenge dieser Urteile lässt sich anscheinend durch die z.Zt. in Polen grassierende Welle des Gangstertums und der Jugendkriminalität erklären.

AFP, Warschau, 18.11.63

Laut einem Kommuniqué der Oberstaatsanwaltschaft der Republik Bulgarien sind drei „sadistische Hooligans“ erschossen worden. In dem Kommuniqué wird die äußerst brutale Art betont, wie die drei „von der westlichen Lebensweise verlockten“ Gauner ihr Verbrechen begangen haben.

AFP, Sofia, 11.4.64

350 Tote und mehr als 800 Verwundete beim gestrigen Fußballkampf in Lima zwischen Peru und Argentinien. Das als vorolympischer Wettkampf Südamerikas geltende Treffen entartete plötzlich in einen Aufruhr, als der uruguayische Schiedsrichter, Eduardo Pazos, vor den 45.000 im Stadion versammelten Menschen das von dem Argentinier Moralès geschossene Eigentor für ungültig erklärte … In den Tribünen wurde die Stimmung von Minute zu Minute gespannter. Der immer bedrohlicheren Menge gegenüber beschloss der Schiedsrichter sehr bald, den Kampf zu beenden, so dass die Argentinier mit 1:0 Sieger waren.

Hunderte von Menschen durchbrochen alle Schranken und stürzten auf den Platz. Die überrannte Polizei schoss Gasgranaten und Schüsse in die Luft …

Wirklich tragisch wurde es, als die Tore des Stadions auf einmal eingeschlagen wurden. Es entstand dann ein schreckliches Gedränge. Tausende von Menschen stürzten hinaus auf die Straße und zermalmten und zertrampelten dabei Frauen und Kinder. Die menschliche Flut wälzte auf ihrem Weg alles nieder. Autos wurden umgeworfen und in Brand gesteckt. Mehrere Gebäude in der Nähe des Stadions wurden überfallen. Eine Reifenfabrik und der „Jockey-Club“, sowie zwei andere Häuser und drei Busse wurden in Brand gesteckt … Schon begannen im Stadtzentrum Gruppen von entfesselten Fanatikern, Fensterläden mit Steinen zu bewerfen und Autos in Brand zu stecken.

France-Soir, 26.5.64

Die Wahl zwischen den zur Verfügung stehenden Revolutionsmodellen

Nachdem der Stalinismus sich in mehrere untereinander wetteifernde Strömungen aufgespalten hat, die die Interessen von auf sehr verschiedenen Stufen der ökonomisch-politischen Entwicklung stehenden Bürokratien (Chruschtschow, Mao, Togliatti) darstellen, bringen die gegenseitigen Anschuldigungen genügend Material sowohl über den Beschuldiger als auch über seinen Gegner ans Tageslicht, um jede Bezugnahme auf die alten gauchistischen, reformistischen usw. Positionen dessen, was die Arbeiterbewegung gewesen ist, unmöglich erscheinen zu lassen, da das Minimum an Zusammenhalt — selbst in der Mystifizierung — seit zu langer Zeit verlorengegangen ist. China will Atomwaffen haben, eröffnet einen Grenzkonflikt mit Russland, ist meistbietend bei der Zerstörung Israels und liebäugelt mit Pakistan, Frankreich und dem Irak, der gleichzeitig Moskaus Anhänger massakriert — das Ungeheuerste besteht aber vielleicht darin, sich mit der von Vergès dirigierten Zeitschrift Révolution abzufinden. Russland hat sich schon bewährt, wie auch Togliatti-Ercoli. Das Gleichgewicht zwischen allen diesen Kämpfern ist letzten Endes dieses der seit vierzig Jahren etablierten revolutionären Fälschung — sie wird durch die gemeinsamen Interessen der beiden Lager aufrechterhalten. Genauso wie die Fälschung zur Zeit des stalinistischen Monolithismus durch das dem Westen und dem Osten gemeinsame Interesse aufrechterhalten wurde, den Osten als das einzige bekannte Beispiel einer sozialistischen Revolution darzustellen. Der Westen zeigte keine Schwäche gegenüber der stalinistischen Revolution — nur hatte er sie trotzdem lieber als eine echte.

Der neue anklagende Artikel aus Peking, der das, was er die „Schandtaten“ der sowjetischen Führer nennt, entlarvt, gibt sich als der erste in einer Reihe aus, die fortgesetzt werden soll … „Und zur kritischen Zeit, als die konterrevolutionären Kräfte Budapest besetzt hielten, beabsichtigte sie (die Führung der russischen KP) eine Zeitlang, eine Politik der Kapitulation zu betreiben und Ungarn der Konterrevolution preiszugeben.“ Laut dem chinesischen Dokument soll die Lage in Ungarn dank Pekings Intervention gebessert und die Methode der Stärke angewandt worden sein.

Le Monde, 7.9.63

Bei der Konferenz der afro-asiatischen Solidarität in Algier … stimmte gut ein Viertel der Zuhörer der chinesischen Schmährede zu … Jeder konnte jedoch bemerken, dass Frankreich überhaupt nicht erwähnt wurde und seine Aktion in Gabon unter den neusten Manifestationen des Imperialismus in Afrika nicht erwähnt wurde.

Le Monde, 25.3.64

In einem im kommunistischen Wochenblatt Rinascita veröffentlichten Artikel schreibt Togliatti, Nenne würde behaupten dass alles in diesem Lande (Italien) anders würde, wenn die Sozialisten an der Macht wären. „Das ist ein primitives, grobes Argument“, behauptet er, „… eine solche Auffassung der Macht könnte man ‚stalinistisch‘ nennen.“

A.P., Rom, 16.11.63

Die letzte Show: Die Pfaffen machen ihre Klappe wieder auf

Die Kirche, die so lange Zeit die „Schauspiele“ bekämpft hat, während sie ihr Monopol auf das die göttliche Hinterwelt gegründete gesellschaftliche Spektakel verteidigte, erkämpft sich heute einen — zwar begrenzten, aber wichtigen — Platz im Spektakel des Jahrhunderts. Sie macht nützliche Zugeständnisse, bringt ihre Starpäpste auf die Bühne und rekuperiert die verlorenen Architekten der aufgegebenen Experimente einer primitiven, KZ-artigen Welt. Die Internationale der Pfaffen kann überall und in jedem Ton ihre Stimme erheben — als solche, die die Inquisition genauso gut überlebt hat, wie sie jetzt als Fallschirmjäger in der wilden Jugend landet. Sie liefert auch diese bestürzenden Thalidomid-Denker des „roten Christentums“, diese Teilhard-Mutanten, die nur im Brutkasten leben können — und zwar unter einer Glocke im ultra-leeren Raum des aktuellen linken Denkens (Beispiele hierfür in den Kapiteln: Die Worte und ihre Zurichter und Die zertrümmerte Kritik). Es ist doch klar, dass es keine nicht-orthodoxen Christen geben kann seit dem Ende der Jahrhunderte, in denen die Kritik der Welt zuerst auf der Ebene der Religion ausgedrückt werden musste. Vor seiner ökumenischen Vereinigung ist jedes Christentum schon theoretisch vereinheitlicht. Der Verzicht auf die Kritik der Religion stellt zwangsläufig den letzten Höhepunkt des Verzichts auf jede Kritik dar.

Nach Simon Wiesenthal, dem ehemaligen Direktor des Dokumentationszentrums der Föderation der NS-verfolgten Juden, der zur Zeit dem Auschwitz-Prozess beiwohnt, „lebt der Hersteller der KZ-Gasöfen immer noch in Österreich und hat vor kurzem eine Kirche gebaut.“

Le Monde, 7.3.64

Es war eine große Überraschung, als der Papst am 4.Dezember 1963 während der Schlußzeremonie der 2. Sitzung von „Vatikan II“ bekannt gab, er würde nach Palästina reisen … In bestimmten katholischen Kreisen und in der gesamten protestantischen Welt ist bedauert worden, dass diese Reise hier und da unerwartete und ärgerliche Aspekte habe. Waren so viele ausschweifende Kundgebungen, dieser übermäßige Werbungsrummel amerikanischer Art nicht zu vermeiden? Angenommen, es sei wünschenswert gewesen, die Feierlichkeiten so zu gestalten, hätte man sie nicht vor den Trommelfeuern der Werbungstechnik schützen können? Zu viele Fotografen, zu viele Filmleute!

Le Monde, 20.6.64

Ermanno Olmi will einen Film über Papst Johann XXIII. drehen. Die Aufnahmen sollen Ende des Sommers beginnen. Der Regisseur hat vor, Auszüge aus Dokumentarfilmen zu benutzen, um den Papst zu zeigen, da er zögert, dessen Rolle von einem Schauspieler übernehmen zu lassen.

AFP, Rom, 9.5.64

Die Kirchen denken daran, in Frankreich sonntags den Gottesdienst wegen des Pferderennens zu verschieben … — denn 3 Millionen Franzosen haben zwischen 10 und 12 Uhr ihren Wettschein in der Hand …

Week-End, 22.2.64

Gott, der unsere Strände geschaffen hat, hat sie nicht dazu bestimmt, Stätten von Orgien zu werden, in denen sich der reine Blick unserer Kinder an halbnackten Männern und Frauen in Bikinis ohne Sittlichkeit und Keuschheit stößt und der sexuelle Trieb bei unseren Heranwachsenden erregt wird — so Ihre Hochwürden Antonio, Bischof der Kanarischen Inseln in einem „donnernden“ Hirtenbrief.

France-Soir, 10.5.64

Die Zeit drängt … 142 Kirchen sollen gebaut werden. Dieses riesige Werk kann sich nur auf die Freigebigkeit der Pariser stützen. Mögen sich also alle frischweg zusammen mit unseren „Kirchenerbauern“ bemühen. Wer könnte sich weigern, seinen Stein für die Baustätten des Kardinals beizutragen?

Aufruf des Kardinals Feltin, 23.4.64

Es ist am Samstag zu neuen Schlägereien zwischen den „Mods“ und den „Rockern“, den beiden rivalisierenden Banden junger enalischer Halbstarker, in mehreren Städten Mittelenglands und in den Londoner Vororten gekommen. Ungefähr 100 Jugendliche sind festgenommen worden. Andererseits aber haben „Rocker“ einem mit Lederjacke und Motorradmontur Bekleideten bei der Verteilung von Flugblättern der „Bewegung Kampf gegen den Hunger!“ geholfen und sind am Trafalgar Square von Bruder Auston Williams, dem Vikar der Kirche des Viertels gesegnet worden.

France-Soir, 26.5.64

Die zertrümmerte Kritik

Eine ganze, in die Flucht geschlagene Generation von linken Denkern kann nichts Besseres tun, als sich als Spottbild der Unterwürfigkeit zur Schau zu stellen. Entweder bieten sie sich irgendeinem verheißungsvollen Aufguss des Stalinismus an — vor allem des chinesischen — um dort weiterhin denselben religiösen Masochismus eines Märtyrers befriedigen zu können, der genüsslich durch das verhöhnt und abgestoßen wird, was er verehrt und nicht verstehen soll, oder sie wundern sich über die Herrlichkeit des technokratischen Erfolgs, der ihnen angeboten wird und um so verdienter und schneller eintritt, je scharfsinniger sie die herrschende gesellschaftliche Organisation im Detail kritisiert haben. Dann wird die Organisation aus dieser sie reformistisch-revolutionär und ein Stück nach dem anderen ändernden Kritik den besten Nutzen ziehen, um ihr weiteres Funktionieren zu verbessern und zu verewigen. Das Pfand der Schwachsinnigkeit, das von diesen Managern der partiellen Kritik, der Kritik als Gadget, sofort zur Schau getragen wird, stellt schon den besten Sieg des Unterdrückungs- und Verdummungssystems dar. So wird Mallet, der Kantor von Loire-Atlantique, ganz aufgeregt, wenn er in André Gorz’ letztem Lederzuckerflickwerk einige augenscheinliche Binsenwahrheiten entdeckt, die schon seit Jahren durch alle Avantgardeströmungen — oder auch nur einfach von Galbraith — vorgebracht werden. Seinen technokratischen Stolz treibt er dann so weit, dass er offen die Teilnahme an den führenden Wirtschaftskreisen lobt und anmaßend Engels Primitivismus tadelt, der es angeblich nicht wagt, sein Glück zu erkennen. Seinerseits bietet Cardan, wenn er keine Abstimmung für oder gegen den Sinn des Reiches Gottes organisiert, seiner Bewegung genau dieselbe Plattform von Philosophieprofessoren um 1910 eines grob verfälschenden Anti-Marxismus an, die „die Revolution von neuem beginnen“ soll.

Obwohl die Mitglieder der Komitees für den „französisch-chinesischen Volksverein“ (APFC) auf jeden Fall nur wünschen können, von den Vertretern Chinas anerkannt zu werden, sind sie doch hellsichtig genug, sich nicht zu ärgern, falls man „Nein“ sagen sollte, sowie sie groß genug sind, um nicht in Verzweiflung zu geraten, falls Peking sie verunglimpfen sollte, wie die Humanité es tut. Für sie ist nicht so sehr der gute Erfolg ihres eigenen kleinen Projekts einer APFC das Wichtigste, sondern irgend ein Projekt eines französisch-chinesischen Vereins ähnlichen Typs.

C. Cadart, France-Observateur, 13.2.64

Beeinflusst durch die Theorien der modernen Soziologie über „Gruppendynamik“ halten die Leiter von Vereinen in Paris und Lyon diese für ein Mittel, die während des ersten Studienjahres besonders schwere Isolierung der Studenten zu brechen und sie dazu zu bringen, sich ihrer Probleme und ihrer Forderungen bewusst zu werden, indem sie sich frei organisieren … Der Kongress hat die Bildung von Forschungszentren sowohl auf nationaler Ebene als auch auf der der lokalen Vereine gebilligt, in denen die Mitglieder der UNEF (Nationale Vereinigung der französichen Studenten) und des „Vereins zur gegenseitigen Hilfe der französischen Studenten“ zusammenkommen sollen, um „die Möglichkeit zu erwägen, die Studenten durch eine in der Form von ‚Mitwirkungsuntersuchungen‘ durchgeführte Forschung für ihre Probleme zu sensibilisieren.“

Le Monde, 13.4.63

1958 wusste Gorz noch nichts von der Wirklichkeit der Welt der Arbeit unserer Zeit — von der ökonomischen Wirklichkeit überhaupt … Zum Glück für ihn und für uns musste er sein Brot verdienen. Das tat er, indem er für den Wirtschaftsteil eines großen Wochenblattes sorgte, was — wie ich mir vorstellen kann — seinen Wünschen am Anfang nicht entsprach. Wäre schließlich Engels nicht schon 1844 gezwungen gewesen, sein Leben als freiberuflicher und ziviler Intellektueller aufzugeben, hätte er nie etwas von der politischen Ökonomie verstanden und hätte sie den jungen Hegelianer, seinen Freund Marx, nicht entdecken lassen.

Die philosophische Analyse hilft durch ihre Wiederentdeckung der Zweckmäßigkeit der Arbeitsbeziehungen dem politischen Theoretiker dabei, sich von falschen Alternativen der Art „Reform oder Revolution“ zu befreien …

Gegen die Integrierung kämpfen heißt gerade dafür kämpfen, „sich der Daten zu bemächtigen, von denen ausgehend die Verwaltungspolitik ausgearbeitet wird; die Unternehmerentscheidungen vorwegzunehmen und bei jedem Schritt seine eigene Alternativlösung aufzustellen.“ Dadurch wird die kapitalistische Verwaltung wirksamer kritisiert als durch alle „kritischen Reden …“

Der Kampf um die Schaffung eines neuen Konsummodells, der damit beginnt, den Kapitalismus den Preis für die sozialen Einrichtungen zahlen zu lassen, erscheint Gorz als eins der wichtigsten Glieder in der Kette des von ihm befürworteten revolutionären Reformismus, der darauf hinzielt, dem Kapital die ökonomische Macht „Stück für Stück zu entreißen“.

S. MaIlet, France-Observateur, 21.5.64

Anmerkungen der Redaktion: es erübrigt sich, daran zu erinnern, dass für fast alle Mitglieder von Socialisme ou Barbarie das „Reich Gottes“ effektiv keinen Sinn hat, dass diese aber keinen Grund darin sehen, einen ihrer Genossen, der darüber anders denkt, am Ausdruck dessen zu hindern.

Socialisme ou Barbarie Nr. 36, April 64

Die marxistische Geschichtstheorie … gründet sich letztlich auf das geheime Postulat einer im wesentlichen unveränderbaren Menschheit, deren überwiegende Motivation die ökonomische ist.

Paul Cardan, Socialisme ou Barbarie Nr. 37, Juli 1964

Entwurf für eine Moral ohne Verpflichtung und Sanktion

„Die Freiheit des Geistes und des Verhaltens ist der einzige von unserer Experimentalzeit noch nicht erprobte Rohstoff.“ (S.I. Nr.8). Die Einheitlichkeit der Welt tritt in der Einheitlichkeit der heutigen Unterdrückungsverhältnisse hervor: ihre Krise ist ebenfalls eine einheitliche. Überall kommt diese grundsätzliche Einheit der Entfremdung durch Absonderungen, Teilungen, Inkohärenz und peinlich genaue Kontrolle zum Ausdruck (die Kontrolle über die Kunst schließt sich zwangsläufig an die allgemeine Kontrolle der Macht an, in dem Maße wie die Ideologien schwächer werden und gleichzeitig jedes Detail im Leben immer massiver „programmieren“ müssen. Die Kohärenz der Freiheit, sowie die der Unterdrückung verlangen als ersten Schritt, jede persönliche Inkohärenz — als Schutzmittel und Technik der Feinde der Freiheit — zu entlarven. Als Beispiel dafür: die fünf Lieben der chinesischen Schüler stehen unter der Devise: „Arbeit-Familie-Vaterland“, die hier mit der Liebe zum Boss („Volk“ genannt) aufgebessert ist. Raymond Borde, jahrelang von den Surrealisten geschützter „guter Stalinist“, hat sich jetzt dermaßen entstalinisiert, dass er ein Pamphlet — Das Entwirrbare — veröffentlicht hat, in dem er etwas Surrealismus und ziemlich herkömmlichen literarischen Humor mit einigen aktuellen Bemerkungen mischt. Borde macht kein Geheimnis daraus, Arbeit und Familie zum Kotzen zu finden und nur von der gleichzeitigen Verwirklichung von Revolution und Erotismus etwas zu erwarten. Nun ist derselbe Borde militanter Maoist. Wer ist also blöd? Wer zieht Schlüsse daraus?

Das Gericht von Kapstadt hat zwei Haftbefehle gegen einen südafrikanischen 35jährigen weißen Musiker, Stanley Glasser, und die 26jährige Mestizin und Sängerin, Maud Damons, erlassen. Die beiden wegen Verstoßes gegen den „lmmorality Act“, der jede geschlechtliche Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen bzw. Mestizen verbietet, Angeklagten sind ins britische Protektorat Betschuanalland geflohen, von dem aus sie nach Tanganjika gehen können.

Le Monde, 6.1.63

Seit neustem haben die jungen Dänen ihre eigenen Kneipen, wo Erwachsenen der Zutritt verboten ist — die „Pops“, was dem englischen Wort „pub“ entspricht. Dort kann man Coktails trinken — aber nur mit Milch als Grundgetränk. Eine Diskothek bringt die letzten Schlager. Öffnungszeit von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr abends. Drei solche „Pops“ haben in Kopenhagen schon aufgemacht und finden enormen Zulauf. Jungen und Mädchen kommen dorthin, um zu diskutieren und ihre Schularbeiten zu machen, sie freuen sich vor allem darüber, sich treffen zu können.

France-Soir, 6.5.64

Ich bin nicht nur für die Probleme der Industrie und Landwirtschaft zuständig, sondern auch für die der Kultur, da ich Vorsitzender der Republik und Generalsekretär des Bundes der Kommunisten bin."

Tito, Nasa Stempa, Februar 1963

Die sowjetische literarische Presse musste vor kurzem gegen die Anwendung des Gesetzes 273 auf einen Jewtuschenko-Schüler den Dichter Brodski, protestieren, der beschuldigt wurde, ein liederliches Leben zu führen. Dieses Gesetz war 1961 vom Obersten Sowjet gebilligt worden, um das gesellschaftliche Parasitentum und das Nichtstun zu bekämpfen.

L’Express, 25.6.64

Der Vorschlag, den jetzigen (und fälschlicherweise als „Pass“ bezeichneten) und innerhalb der UdSSR gültigen Personalausweis durch das Arbeitsbuch zu ersetzen, hat einen sehr großen Anklang in der sowjetischen Presse gefunden, die zahlreiche, diesem Projekt zustimmende Leserbriefe veröffentlicht. In dem neuen, zum „Arbeitspass“ gewordenen Arbeitsbuch, das jeder zu jeder Zeit bei sich tragen müsste, sollen viel genauere Angaben eingetragen werden als im alten: Diplome des Inhabers, die Stufen seiner Arbeitslaufbahn, seine Überwechslungen von einem Betrieb zum andern, berufliches und moralisches Verhalten, gesellschaftliche „Freizeittägigkeiten“ usw.

Eine solche Diskriminierung scheint von einer beträchtlichen Schicht der Leser aufrichtig gebilligt zu werden, die an die Zeitungen schreiben — und zwar von den älteren Arbeitern und von denen mittleren Alters, vor allem von denen, die seit langer Zeit in demselben Betrieb arbeiten. Das Projekt begünstigt sie. Den Pressekommentaren gemäß sollten diese Besitzer eines guten Arbeitspasses bei Wohnungen, Ferien, Krankenkassenraten, Prozessen und sonstigen Streitfällen usw. den Vorrang vor anderen Bürgern haben. Ein Leser der Trud schreibt u.a.: „Es kann nicht schlecht sein, wenn die Verlobten einen Blick in den Arbeitspass ihrer zukünftigen Ehepartner werfen. Aus guten Arbeitern macht man gute Familienväter!“

France-Observateur, 12.3.64

Viele dieser Aktivitäten unterscheiden sich im wesentlichen nicht von denen, die üblicherweise durch den Komsomol-Apparat organisiert werden. Nach der sowjetischen Presse werden sie dadurch gekennzeichnet, dass die jungen „Kommunarden“ selbst ihre Regeln bestimmen. Die „Clubs junger Kommunarden“ veranstalten auch „Sitzungen des offenen Herzens“, in denen über die Haltung jedes Mitglieds zur Gruppe diskutiert wird …

Dieser Selbstverwaltungsansatz erinnert etwas — wenigstens äußerlich — an bestimmte Versuche von westlichen „Psychosoziologen“ in derselben Richtung.

France-Observateur, 4.6.64

Einen chinesischen Bauern, der sich sterilisieren lassen hatte, „um seine ganze Energie dem Aufbau des Sozialismus in China zu widmen“, hat Tschu En-lai öffentlich warm beglückwünscht — berichtet die Kommunistische Jugend, das zweimal im Monat erscheinende Organ des „Bundes junger Kommunisten“ in seiner Nummer vom 1. September … Kommunistische Jugend und Die Zeitung der Jugend, ein anderes Organ desselben Bundes, widmen außerdem der Frage der Geburtenkontrolle sehr viel Platz; sie empfehlen ihren Lesern, so spät wie möglich zu heiraten, falls sie unbedingt nicht ledig bleiben wollen … Der „Bund junger Kommunisten“ veröffentlicht ebenfalls zahlreiche Briefe von Lesern beiden Geschlechts, die ihren Entschluss, unverheiratet und keusch zu bleiben, laut verkünden.

Le Monde, 18.9.63

Der moralische, staatsbürgerliche und politische Unterricht wird in der Volksschule gelegentlich erteilt. Er geht aus dem Beispiel der Lehrer hervor, aus dem — sozusagen straflosen — Lebensstil in der Schule und aus einer Art Religion der Arbeit, wobei Höflichkeit und Moral in allen verschiedenen Aktivitäten und ohne schulmeisterliche Lektionen eingehen. Aufgabe der Volksschullehrer ist es, auf praktische Weise die „fünf Lieben“ einzuprägen: die Liebe zum Volk, zum Vaterland, zur Arbeit, zum Nationaleigentum und zu den Eltern.

D. Tits, Brief aus China, vertrieben von der „Belgien-China-Gesellschaft“, 1963

Der Innenminister hat die Präfekten darum gebeten, die Bürgermeister daran zu erinnern, dass es ihnen nicht zustehe, den „Monokini“ (Oben-ohne-Badeanzug) zu erlauben. Wer einen solchen Badeanzug trage, errege öffentliches Ärgernis und sei gemäß Artikel 330 des Strafgesetzbuches strafbar. Folglich sollen die Präfekten die Polizeibehörden darauf aufmerksam machen, damit die Frauen, die diesen Badeanzug in der Öffentlichkeit benutzen, gerichtlich belangt werden.

Le Monde, 25.7.64

„Ich muss zugeben, dass alles weitergeht“ (Hegel)

Die Ablehnung des Lebens, so wie es organisiert wird, ist in verschiedenem Ausmaß sowohl für die Schwarzen in Afrika und die „ohne Grund“ rebellische Jugend in Skandinavien charakteristisch, als auch für die asturischen Bergleute, deren Streik seit zwei Jahren nie wirklich aufgehört hat, und die tschechischen Arbeiter. Die „Fetenstimmung“ des Streiks in Lagos war im Januar 1961 ebenfalls in Südbelgien oder in Budapest vorhanden. Überall wird dunkel die Frage nach einer neuen revolutionären Organisation gestellt, die die herrschende Gesellschaft gut genug versteht, um auf allen Ebenen effektiv gegen die herrschende Gesellschaft zu funktionieren: um sie völlig zweckzuentfremden, ohne sie irgendwie zu reproduzieren — „ein Sonnenaufgang, der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt“.

Ein Kommando junger argentinischer Kommunisten hat eine Neuerung auf dem Gebiet der Piratensendungen eingeführt: die Piratenleuchtreklamenachrichten! Fünf mit Pistolen bewaffnete junge Leute sind gestern in die Büroräume der argentinischen Leuchtreklamenachrichten eingedrungen und haben die Operatoren dazu gezwungen, mitten im Zentrum von Buenos-Aires kommunistische Propaganda zu senden.

Paris-Presse, 10.1.63

Drei junge, terroristischer Tätigkeit angeklagte französische Studenten sind am Donnerstag von einem Kriegsgericht in Madrid zu Gefängnisstrafen zwischen 15 Jahren und 1 Tag bis 30 Jahren verurteilt worden. Es handelt sich um die jungen Franzosen, die im April festgenommen wurden. Der 17-jährige Abiturient und ehemalige Schüler des Lycée Janson-de-Sailly, Alain Pecunia ist zu zwei Gefängnisstrafen von je 12 Jahren und einem Tag verurteilt worden, weil er auf dem Schiff Ciudad-de-lbiza eine kleine Bombe explodieren ließ; der 20jährige Student der Kunsthochschule, Bernard Ferry, aus Aubervilliers, ist zu 30 Jahren verurteilt worden, weil er gegenüber der Fluggesellschaft „Iberia“ in Valencia einen Sprengkörper plaziert hatte, durch den zwei Kinder sehr leicht verletzt wurden; der 23-jährige Student der Philosophie, Guy Batoux aus Villefranche-sur-Saone, der in Madrid im Besitz einer Bombe festgenommen wurde, ist zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Le Monde, 19.10.63

Die Hafenarbeiter von Aarhus und Odense haben sich nacheinander geweigert, die von dem deutschen Frachtschiff „Brunchsberg“ transportierten südafrikanischen Erdnüsse zu entladen. Das Schiff musste seine Ladung in Hamburg löschen, von wo aus sie per Lastwagen nach Dänemark befördert werden soll. Man ist in Kopenhagen der Meinung, dieser neue Zwischenfall werde zu einer ähnlichen Affäre führen wie die, die im Juli vor Gericht kam, wobei alle Hafenarbeiter, die sich unter ähnlichen Umständen geweigert hatten, das schwedische Schiff „Lommaren“ zu löschen, zu Geldstrafen verurteilt worden waren.

Le Monde, 14.8.63

In Kolumbien marschieren drei Bataillone der kolumbianischen Armee in die Gegend von Marquetalia, die völlig von kommunistischen Elementen beherrscht wird und eine Art „unabhängige Republik“ innerhalb des Landes bildet, um die Autorität des Staates dort wiederherzustellen. Diese 5.000 Quadratkilometer große Region, deren Name auf keiner Landkarte zu finden ist, liegt zwischen den Departements Tolima und Huila.

Le Monde, 21.5.64

An diesem Tag stellte sich eine Abteilung von 200 Marinefüsilieren vor dem Gewerkschaftgebäude der Metallarbeiter in Rio de Janeiro auf, um 1.500 rebellierende Seeleute und Quartiermeister daraus zu vertreiben. Nach der Minute Stille, die ihrer Ankunft folgte, rief der Führer der „Rebellen“, ein kleiner 25jähriger Matrose von den Barrikaden herab: „Genossen, ich kenne Euch, ich weiß, dass es euer größter Wunsch ist, euch uns anzuschließen!“ Dann gab er einen Wink und die 1.500 Rebellen fingen an, den „Weißen Schwan“, das Lied der argentinischen Marine, zusammen zu singen. Ein Marinefüsilier von sehr ausgeprägtem nordöstlichen Typ ging aus der Reihe, schnallte seinen Gürtel ab, warf seine Waffen auf den Boden und ging in das Gebäude hinein. 194 seiner Kollegen haben dann seine Geste wiederholt. Von da an konnte man erraten, dass die Matrosenrebellion schwerwiegende Folgen haben würde.

Le Monde, 3.4.64

Seit dem letzten Frühling hat Zengakuren eine Reihe von Aktionen gegen die Stationierung der mit Polaris-Raketen bewaffneten amerikanischen Atom-U-Boote in japanischen Häfen organisiert. Dabei wurde gleichzeitig gegen die japanische Regierung protestiert, die entschlossen ist, die Polaris-Raketen mit der Absicht zu tolerieren, die nukleare Bewaffnung Japans zu erreichen. Eine der größten Schwierigkeiten in diesem Kampf entsteht aus der Haltung der japanischen KP, die versucht, jede Gelegenheit zu nutzen, aus ihm eine anti-amerikanische Bewegung zu machen — d.h. eine nationalistische und patriotische Kampagne gegen „die Besatzung und die Beherrschung Japans durch die USA“. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Führung der Arbeiterbewegung unter dem Einfluss der Sozialistischen Partei steht und die aktuellen Kämpfe der Arbeiter immer wieder von solchen Zielen ablenkt. Trotz dieser Schwierigkeiten haben die Zengakuren-Studenten Demonstrationen im ganzen Land geführt; sie haben gleichfalls gegen die japanisch-koreanischen Verhandlungen, die chinesischen Vorbereitungen zu einer Atomexplosion und die französischen Experimente in Tahiti protestiert … Am 13. September haben mehrere Hundert Studenten in Tokio vor dem Außenministerium demonstriert. Toru Takagi, der Vizepräsident von Zengakuren, ist während dieser Demonstration festgenommen worden.

Zenshin (Internationale Ausgabe), November 1963

Im Kongo stecken „Rocker“ Missionshäuser in Brand … Diese Gruppen bestehen aus 3 bis 70 14- bis 20-jährigen Kongolesen. Sie sind mit kurzen Hosen bekleidet, mit Pfeil und Bogen, kurzen Säbeln und manchmal mit Lanzen bewaffnet. Sie schlafen tagsüber im Wald und kommen in der Dämmerung zusammen. Sie bewegen sich fort, indem sie mit geringer Geschwindigkeit laufen und können an voneinander sehr weit entfernten Orten zuschlagen. Jede Gruppe hat einen Vorsitzenden, einen Sekretär und einen Quartiermeister … Ihr Führer, Pierre Mulele, soll die Taktik des Guerillakrieges in Ägypten und China gelernt haben. Er stand früher Patrice Lumumba nahe, dem 1961 ermordeten Regierungschef Kongos. Die jungen Leute dieser Gruppen sind sehr abergläubisch. Immer wieder sprechen sie von winzigen Flugzeugen, in denen ihre Führer nachts fliegen und die einen Mann augenblicklich von einem Ort zum anderen befördern können. Oft legen diese Gruppen Entfernungen von 30 bis 50 km in einer Nacht zurück. Sie übertreiben ihre eigene Beweglichkeit aber sehr. Sie reden sich untereinander mit „Genosse“ an und betonen ständig ihre Ehrlichkeit: „Wir sind keine Diebe!“ … Das kann anscheinend mit dem Unbehagen verglichen werden, wodurch die jungen Leute unter 20 Jahren überall angegriffen werden.

Observer, 19.4.64

Am 1. Mai haben Studenten in Prag demonstriert … Nach offizieller Version sollen die Zwischenfälle am Freitag mit belanglosen Ereignissen und nichts mit Politik zu tun gehabt haben. Bummler und „Hooligans“ hätten singen wollen, während auf den Lärm aufmerksam gewordene, ehrliche Passanten ihnen aus Neugier zuschauten bzw. ihre Missbilligung laut werden ließen. Ihrerseits weisen die Depeschen der westlichen Presseagenturen darauf hin, dass die Demonstration von Studenten und Gymnasiasten geleitet wurde, die gegen die Politik der Partei protestierten … Die CTK — tschechoslowakische Presseagentur — hat diese Zwischenfälle zwar bestätigt, sie bemühte sich aber darum, ihre Bedeutung zu bagatellisieren: "An den beiden angegebenen Punkten waren nie mehr als 1.500 Leute versammelt. Den Mitgliedern der Sicherheitskräfte ist es mit Hilfe der Zuschauer gelungen, die Ordnung wieder herzustellen. Es sind insgesamt 31 Demonstranten — unter ihnen 5 junge Frauen — festgenommen worden.

Le Monde, 5.5.64

Besonders in Lagos herrschte eine recht sonderbare Stimmung, die von der einer streikenden europäischen Stadt recht verschieden war. Vor allem herrschte Freude und eine Stimmung der Fete. Die Lohnempfänger mit 7 Pfund Monatslohn (ein Polizeihund kostet 15) entdeckten, zu was sie fähig sind. Ihre Zufriedenheit war dabei so groß, dass die ganze Bewegung mit einer außerordentlich guten Laune vor sich ging …

E.R. Braundi, France-Observateur, 9.7.64

Die Schwarzen organisieren sich ihrerseits. Laut einem Detektiv sollen bestimmte Aufständische kleine Radios bei sich tragen, mit denen sie Informationen über die Bewegung der Polizeikräfte durchgeben können. Epton, der Vorsitzende des vor zwei Wochen gebildeten „Verteidigungsrates“ in Harlem, hat bekanntgegeben, dass seine Organisation in Zellen gegliedert ist; dadurch wird „den Leuten geholfen, sich gegen die Polizei zu wehren.“ Der „Verteidigungsrat“ hat Plakate drucken lassen, auf denen „Wegen Mordes gesucht“ zu lesen ist unter dem Bild des Polizisten Gilligan, der vor kurzen einen jungen Neger erschossen hat.

Le Monde, 26.7.64

Affenhäute, Entenfedern, Palmenblätter und von Friedhöfen geholte künstliche Blumen scheinen mir die wesentlichen Uniformbestandteile der Mulele-Anhänger zu sein, aber die Phantasie ist nicht ausgeschlossen, so dass Scheuerbürsten, Schreibmaschinenbänder und Weihnachtsbaumkugeln zu elegantem Schmuck werden können …

In diesem Augenblick erblickt einer der Wache haltenden „Simbas“ zwei Europäer, die am Balkon im 2. Stock frische Luft schnappen. Er brüllt auf französisch, wobei er sich an seiner eigenen Macht berauscht: „Ihr wisst wohl nicht, dass ihr vorgeladen seid? Na also, kommt runter sonst wird geschossen! Brüder, es ist Revolution!“

Die zwei Weißen gehorchen. Wir sehen uns alle an: der scherzhafte Ton einer geselligen Unterhaltung, der bisher vorgegeben war, ist jetzt wie Lack abgeblättert. Übrig geblieben ist eine permanente, schleichende Beunruhigung, eine Art Niedergeschlagenheit:

„Sie spielen“, sagt traurig jemand zu mir, „sie spielen die ganze Zeit, selbst wenn sie töten!“

Y.G. Bergès, 8 Tage unter den sonderbaren Rebellen im Kongo, France-Soir, 4.8.64

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 9, Seite 6
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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