Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1999 » Heft 4-5/1999
Alexander Emanuely

Die Verwandlung Tintins vom Abendländer zum Kosmopoliten

Es gibt Menschen, die ihre Meinung ändern, sich bessern, sich dermaßen bessern, daß man ganz vergißt, daß sie sich bessern mußten. Hergé, einer der bedeutendsten Pioniere der Comic-Welt, ist so einer.

Seit Ende der 20er Jahre schwirrt ein mit blondem Haarschopf ausgestatteter, nie alternder, nie schreibender Pfadfinderjournalist namens Tim, besser bekannt als Tintin, durch Welt- und Comicgeschichte. Bei seinen Abenteuern wird er von einer Schar skurriler Gestalten begleitet: einem verwirrten Professor, der Atomreaktoren baut und schwerhörig ist, einem versoffenen, sympathischen Seefahrer, bei dem jeder Leser sein Schimpfwortvokabular erweitern kann, von zwei dubios auffälligen Geheimpolizisten, einer einem Ionesco-Stück entkommenen Opernsängerin und vor allem von einem winzigen Hund namens Struppi, bzw. Milou, der versucht, alle an Naivität und Pessimismus zu übertreffen. Bei Tim und Struppi bevölkern Karikaturen eine Karikatur der Zeitgeschichte.

Der Belgier Georges Rémi, alias Hergé, schuf diese Fabelfiguren, als er knapp über 20 Jahre alt war und für die erzkatholische und konservative Zeitschrift Le XX siècle (Das 20. Jahrhundert) die Jugendbeilage illustrierte. Im damaligen Belgien dem katholischen Lager anzugehören, hieß ein Antikommunist, ein Antikapitalist, ein Antimodernist und nicht selten auch ein Antisemit zu sein, die christliche Wertvorstellung, so wie sie gerade verstanden wurde, zu preisen und das Abendland der Welt aufzwingen zu müssen. Es hieß auch, die Schule der Vorurteile und des Rassismus zu durchlaufen, die später die meisten zu Faschisten machte, wie z.B. De Grelle, einem Arbeitskollegen Hergés, der im Krieg Führer der belgischen Nazis werden sollte. Was Hergé etwas entlastet, ist die Tatsache, daß er sich sein Lager nicht ausgesucht hatte, sondern mehr oder minder hineingeboren worden war. Es ist also nicht verwunderlich, daß die ersten Abenteuer von Tim und Struppi, zwischen 1929 und 1930 entstanden, Kommunismus verdammen und Kolonialismus verherrlichen. Tim wird zum großen Aufdecker sowjetischer Verbrechen, die Hergé eigentlich nur aus anderen reaktionären Hetzschriften kannte, und zum Helden in Afrika, wo er als zivilisationsbringender rasender Reporter unterwegs ist. Als jedoch die dritte Abenteuerserie erscheint, welche in Amerika spielt, von dessen Moderne sich der jugendliche Hergé angezogen fühlt, kann Wallez, der Herausgeber des XX siècle sich in mehrerer Hinsicht nicht mehr sehr erfreut zeigen, da er merkt, daß sich sein Schützling langsam emanzipiert. Wallez haßt diesen modernen Kontinent und als noch dazu gezeigt wird, wie amerikanische Soldaten, die nicht viel anders aussehen als die belgischen, Indianer vertreiben, um an die Ölquellen heranzukommen, erinnert ihn das zu sehr an eine Kritik der Kolonialpolitik des eigenen Landes. Trotzdem darf Hergé, der damals, 1930, schon einen unheimlichen Erfolg mit seinen Geschichten zu verzeichnen hat, weiter machen. Als angekündigt wird, daß er eine Geschichte über China schreiben wird, wendet sich ein in Brüssel studierender Chinese an ihn. Eine Freundschaft entsteht, die Hergé vorerst gänzlich seinen provinziell-katholisch geprägten Horizont sprengen läßt. Der blaue Lotus ist ein Abenteuer Tims, das dezidiert die Politik des Westens und die Brutalität Japans in China anprangert. Auch in den darauf folgenden Geschichten kritisiert er konkret Nazideutschland und dessen Aggressionspolitik der Vorkriegszeit.

aus: Tim in der Sowjetunion — Tintin au pays des sovjets
entstanden 1929. Der böse Kommunist, das verhungernde Kind und der Held aus dem Westen.
© Casterman, 1981

Als der Krieg ausbricht, spricht sich Hergé für die Neutralität Belgiens aus. Er sieht keinen Grund, warum Belgien Nazideutschland aufhalten, oder warum es die Interessen des Westens vertreten sollte. Ob neutral oder nicht, wie im ersten Weltkrieg überfällt Deutschland Belgien. Das XX siècle wird verboten und Hergé findet mit Tim seine neue Heimat im Le Soir, der von der deutschen Propagandaabteilung herausgegeben wird. Er wird diesen Schritt dadurch rechtfertigen, daß diese Zeitung die am wenigsten radikale in Belgien war und nicht wie andere, zumeist von Belgiern herausgegebene Blätter ständig hetzte und zum Mord aufrief. Zumindest kann Hergé einen gewissen Antisemitismus pflegen, ohne jetzt konkret für die Nazis Propaganda zu machen. Hergé spielt ein Doppelspiel. Im damals entstandenen Abenteuer Der mysteriöse Stern wird neben den antisemitischen Bildern zum Beispiel auch eine apokalyptische Vision gezeigt, die als Kritik am Nazikrieg und dessen Folgen verstanden werden kann. Trotzdem wird Hergé nach dem Krieg als Kollaborateur eingestuft, was ihm eine Nacht Gefängnis und ein einige Zeit dauerndes Arbeitsverbot einbringt.

Wie für so viele kollaborierende „Opfer“ — sowas konnte man ja auch in Österreich beobachten — war diese symbolische Bestrafung ein Schock, vielleicht noch ein größerer als der Krieg selbst. Hergé hatte sich als Opfer der Nazis gesehen und seine Kollaboration damit gerechtfertigt, daß er ja irgendetwas gegen die Nazis tun mußte und durch seine Mitarbeit ihr Werken nur abschwächen wollte. Diese gängige Argumentation setzte sich durch. Bald konnte es weiter gehen mit Tims Abenteuern und zwar dank dem Verlag Casterman und einer Zeitschrift, die, noch dazu von einem ehemaligen Widerstandskämpfer, eigens für Hergé gegründet worden war und sich Tintin nannte.

aus: Der geheimnisvolle Stern — L’étoile mysterieuse
ent­standen 1941-42, mit anti­semitischer Karikatur.
© Casterman, 1946

Der Erfolg Hergés ist damit zu erklären, daß er wie Walt Disney neue Maßstäbe in der Welt des Comics und in der Zeichentechnik gesetzt hatte, vor allem mit der Schaffung der „Klaren Linie“, die an Hergés Figuren keinen überflüssigen Strich gestattete und alles Opulente und zuviel Schatten von der Zeichenfläche verschwinden ließ. Erfolg bescherte auch die nach dem Krieg einsetzende Farbenpracht der Geschichten, die schrulligen Gestalten, die sich nun um Tim scharen und die Art, wie Zeitgeschichte erzählt wird, ohne jedoch zu präzis, zu politisch zu werden. Die Abenteuer sind zeitlos, entführen in alle möglichen Länder, ins All, in verschiedene Erzählebenen, die für jeden etwas bieten. Ein Kind kann sich genauso mitreißen lassen, wie ein Erwachsener. Dies erkannten auch Regisseure wie Spielberg, der eine Zeit lang die Filmrechte für Tim und Struppi erworben hatte.

aus: Tim und die Picaros — Tintin et les Picaros
Im Medienzeitalter beschimpfen einander der Seefahrer und der Diktator virtuell.
© Casterman, 1976

Daß aus dem jungen Rechten und Reaktionär im Alter ein scharf den Wahn der Menschen und die anfangende Postmoderne kritisierender Erzähler wurde, kann entweder ein Zeichen für Anpassung oder für Sinneswandel sein. So oder so, die Epoche zwischen 1940 und 1942 bereute Hergé jedoch nicht wirklich — außer in ein paar offiziellen Äußerungen, nie aber in seiner privaten Korrespondenz.

Bei Tim und Struppi kommt in den Geschichten, die in der Nachkriegszeit entstanden sind, keine Kritik an irgendwelchen Ideologien auf. Nur das Wettrüsten wird angeprangert und die Verdummung der Massen durch die Medien wird kritisiert. Alles ist nur noch Machtspiel; es gibt keine guten oder bösen Staaten mehr; alle sind gleich und Tim muß nur noch seine eigene Haut und die seiner Freunde retten. Hergé lebt nach dem Motto und Nietzsche-Zitat „Jede Überzeugung ist ein Gefängnis“. Den in seinem Frühwerk aufgetauchten Rassismus läßt er gänzlich hinter sich. Tim wird ausnahmlos der Verteidiger der Schwachen, der ewige Pfadfinder, z.B. als er Romas vor Polizeiwillkür, einen jungen Indianer vor zwei Rassisten und nach Mekka pilgernde Afrikaner vor Sklavenhändlern schützt. Um das einheitliche Bild eines Humanisten Hergé zu festigen, werden die Vorkriegsalben überarbeitet und soweit es möglich ist, die zu entfernenden Passagen entfernt oder umgeschrieben.

aus: Der blaue Lotus — Le lotus bleu
Tim und Tschang werden Freunde und erzählen ein­ander die jeweilig kursieren­den Vorurteile über China und Europa.
© Casterman, 1946

Zumindest konnte Hergé überzeugen, daß er nicht mehr der zwanzigjährige Rechtsextreme war, der Propaganda zeichnete, sondern der reife Humanist, der einfach nur sein Jahrhundert erzählen wollte und zwar anhand eines vielleicht zu anfangs etwas eurozentristischen Weltreisenden, der jedoch nie seine Jugend und die damit verbundene Neugierde und Offenheit verloren hat. Die Art der Erzählung, der Einsatz von Humor, vielleicht auch das visionäre Vorgreifen in den 50er Jahren auf die Welt der 60er, lassen auch das Argument zu, daß jemand, der so intelligent ist, kein Rassist sein kann.

Auch wenn nicht einmal die schärfsten Kritiker Hergés vom Genuß der Abenteuer Tims abraten, sogar meistens selbst dafür Werbung machen, sollte nicht vergessen werden, daß bei Hergé gerne und oft Teilaspekte übersehen, oder vergessen wurden, die aber wichtig sind, um einen Gesamteindruck von seinem Werk zu bekommen. So könnte Hergés Arbeit auch als Beispiel dafür gelten, daß selbst ein Rassist den Schatten seiner Erziehung überspringen und menschlicher und intelligenter werden kann.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1999
Heft 4-5/1999, Seite 23
Autor/inn/en:

Alexander Emanuely:

Seit Juni 1999 Redakteur und von September 2001 bis 2006 geschäftsführender Redakteur, seither Vorstandsmitglied von Context XXI. Vorstandsmitglied des Republikanischen Clubs — Neues Österreich, Sprecher der LICRA-Österreich. Freier Autor in Wien.

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