Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2002 » Heft 2/2002
Thomas Schmidinger
Wessen Sprache?

Die Überwindung der Sprachlosigkeit

Roma-Literatur und Sprache in Österreich

Nach der Vernichtung des Großteils der österreichischen Roma durch den Nationalsozialismus dauerte es Jahrzehnte bis die verbliebenen, weitgehend traumatisierten Angehörigen der burgenländischen Roma wieder das Selbstbewusstsein hatten, nicht nur über ihre Verfolgungen zu sprechen, sondern auch wieder ihre eigene Sprache zu pflegen und daraus eine Literatur zu formen.

Seit einigen Jahren wird die Literatur dieser bisher traditionell nicht verschrifteten Sprache auch als schriftliche Literatur veröffentlicht. Das Projekt Kodifizierung und Didaktisierung des Romas, das in Zusammenarbeit von Roma-VertreterInnen und Linguisten der Universität Graz durchgeführt wird, spielt dabei eine wichtige Rolle.

In der Vergangenheit war eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den österreichischen Roma immer eine Arbeit von WissenschafterInnen der Mehrheitsbevölkerung über die Minderheit der Roma und kam nur allzuoft als “Volksgruppenerhebung” direkt der romafeindlichen Politik zugute. Der bekannteste österreichische “Zigeunerforscher” Johann Knobloch sammelte das Material für seine Dissertation sogar ganz offen im nationalsozialistischen “Zigeunerlager” im Salzburger Stadtteil Leopoldskron, wo er mit der repressiven Macht der NS-Wärter im Hintergrund Informationen aus seinen “Forschungsobjekten” herauspresste. Dass fast alle Insassen dieses Lagers schließlich nach Auschwitz deportiert wurden interessierte den “Wissenschafter” nicht. [1]

Kein Wunder, dass mit dieser Geschichte im Hintergrund, die wenigen Überlebenden nach 1945 nichts mehr von einer wissenschaftlichen Erforschung ihrer Sprache und Kultur wissen wollten, ja sich vielfach überhaupt nicht mehr als Roma zu erkennen gaben und versuchten sich so schnell wie möglich in der Mehrheitsbevölkerung zu assimilieren. Während diese Assimilation in den großen Städten, insbesondere in Wien, vielfach gelang, stellte die weiterhin “zigeuner”feindliche Haltung der burgenländischen Bevölkerung im eigentlichen Kernland der österreichischen Roma ein unüberbrückbares Hindernis für eine solche Assimilation dar. Eine kleine Gruppe Überlebender wollte auch trotz — oder wegen — aller schrecklichen Erfahrungen während der NS-Zeit nicht ihre Identität als Roma verlieren. So hielten sich in den burgenländischen Romasiedlungen in der Wart (Oberwart und Umgebung) eine Reihe von Roma-Familien, die trotz aller Diskriminierungen der Mehrheitsbevölkerung und ihrer wirtschaftlichen Marginalisierung an ihrer Sprache und Identität als Roma festhielten.

Trotz aller Anfeindungen der Mehrheitsbevölkerung, die in der Ermordung von vier Roma durch die “Bajuwarische Befreiungsarmee” in den Neunzigerjahren noch einmal einen Höhepunkt erleben sollten, konnten sich die Roma-Gemeinschaften im Burgenland wieder langsam erholen und so schätzen heute die Burgenland-Roma “ihren Anteil an der österreichischen Gesamtbevölkerung auf ca. 2.500 Personen.” [2] Da neben den burgenländischen Roma aber auch schon vor 1938 einige Sinti- und Lovara-Familien in Österreich lebten und in den letzten Jahrzehnten viele Roma als “Gastarbeiter” aus dem ehemaligen Jugoslawien eingewandert sind, schätzt das “Romano Centro” die Gesamtzahl der in Österreich lebenden Roma und Sinti auf 20.000 bis 25.000 Personen. [3]

Eine heute noch im Burgenland verbreitete Maßnahme gegen “Zigeuner”, nämlich das Verbot, eine Diskothek zu betreten, war im Jahr 1989 schließlich der Auslöser für die Gründung des ersten Vereins der österreichischen Roma, “was binnen kurzer Zeit auch zur Gründung einer von der Republik Österreich, von der Burgenländischen Landesregierung und vom Arbeitsmarktservice finanzierten Beratungsstelle für Roma geführt hat.” [4] Weitere Vereine wie das in Wien sehr aktive Romano Centro, in dem nicht nur Roma mit österreichischen Paß, sondern auch Roma-MigrantInnen aus Südosteuropa organisiert sind, folgten.

Aus dem Verein der burgenländischen Roma heraus wurde schließlich das Projekt geboren, mit Hilfe von Linguisten der Universität Graz die Sprache der burgenländischen Roma zu kodifizieren und schließlich auf Basis der erarbeiteten Grammatiken und Wörterbücher didaktisch aufzuarbeiten und Unterrichtsmaterialien zu erstellen. Mit den Arbeiten an der Kodifizierung wurde 1995 begonnen, mit der Didaktisierung im darauffolgenden Jahr. “Das Projekt ist — ganz im Gegensatz zu vergleichbaren Vorhaben, wo über eine Gruppe gearbeitet wird — kein Projekt der Wissenschaft, sondern ein Projekt der Roma”, [5] an dem die beteiligten Wissenschafter eher wissenschaftliche Berater oder Dienstleister der Roma sind als deren Erforscher.

In der Folge wurden in den Jahren 1996/97 im Rahmen eines Projektes des Romano Centro wiederum in Zusammenarbeit mit Linguisten der Universität Graz auch die Dialektvarianten der österreichischen Lovara kodifiziert. Die österreichischen Lovara kehrten nach 1945 aber “ — im Unterschied zu den Burgenland-Roma — mit wenigen Ausnahmen nicht in ihre Heimatdörfer zurück, sondern gaben ihre frühere Lebensweise auf. Die meisten versuchten, in der Großstadt Fuß zu fassen. Die Großfamilien und früheren Sozialstrukturen waren zerschlagen”. [6]

Daraus ergab sich auch ein größerer Sprachverlust unter den Lovara als unter den Burgenland-Roma und eine Verschriftung ihrer Dialekte, die nur einen kleinen Teil der österreichischen Lovara wirklich erreichte.

Anders sieht die Situation bei den burgenländischen Roma aus, wo der Roma-Verein als Ansprechpartner für die meisten Romafamilien eine akzeptierte Institution ist, an der sich viele aktiv beteiligen. Seit 1998 gibt es im Burgenland “eine zweisprachige Zeitung und Unterrichtsbehelfe in Roman”. [7] Ab 1999 wurden auch romasprachige Radiosendungen produziert, deren Ausstrahlung unter der neuen Regierung aber ständig gefährdet ist, da die Förderungen für das mehrsprachige freie Radio im Burgenland gestrichen wurden.

Trotzdem ist in den letzten Jahren ein deutlicher Aufschwung der Roma-Literatur zu erkennen. Einerseits wurden einige deutschsprachige Bücher von Roma-AutorInnen herausgegeben, aber auch zweisprachige Bände, wie der Gedichteband von Mariella Mehr, die als 1947 geborenes Kind einer jennischen Familie aus der Schweiz die Folgen der schweizer “Zigeunerpolitik” am eigenen Leib miterleben mußte und für ihre Romane und Dramen bereits mehrere Auszeichnungen, darunter 1996 den Preis der Schiller-Stiftung erhalten hat. Auch ein zweisprachiger Märchenband mit Märchen und Geschichten der Lovara und ein unter dem Titel Der Rom und der Teufel — O rom taj o beng erschienener Band mit ebensolchen Texten der burgenländischen Roma richtet sich sowohl an romasprachige als auch an deutschsprachige LeserInnen.

Besonders der Kärntner Drava-Verlag hat sich die letzten Jahre um die Publikation von Büchern von Roma und über Sprache und Kultur der Roma verdient gemacht. Dazu gehören neben den erwähnten zweisprachigen Bänden, Grammatiken und linguistischen Studien auch deutschsprachige Bände von Miso Nikolic, die sich literarisch mit dem Leben von Roma auseinandersetzen. Es bleibt zu hoffen, dass allen Einsparungen und allem Rassismus zum Trotz, dies erst der Beginn einer kulturellen Emanzipation einer bis in die Gegenwart hinein von tödlichem Hass bedrohten Bevölkerungsgruppe ist.

[1siehe dazu: Lewy, Guenter: “Rückkehr nicht erwünscht” Die Verfolgung der Zigeuner in Dritten Reich. S 231ff München, Berlin, 2001

[2Halwachs, Dieter W.: Amaro vakeripe Roman hi, Unsere Sprache ist Roman, Texte, Glossar und Grammatik der burgenländischen Romani-Variante S 14 Klagenfurt/Celovec, 1998

[3Erich, Renata M.: Roma in Österreich in: Halwachs, Dieter W./Menz, Florian: Die Sprache der Roma, Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären Kontext Klagenfurt/Celovec, 1999 S 13

[4Halwachs, 1998: S 16

[5Halwachs, 1998: S 18

[6Cech, Petra/Heinschink, Mozes F.: Verschriftungsprobleme bei der Kodifizierung der österreichischen Lovara-Dialekte in: Halwachs, Dieter W./Menz, Florian, 1999 S 148f

[7Gärtner-Horvath, Emmerich: Roma im Burgenland in: Halwachs, Dieter W./Menz, Florian, 1999 S 18

  • Halwachs, Dieter W./ Gärtner-Horwath, Emmerich / Wogg, Michael (Hg.)
    Der Rom und der Teufel — O rom taj o beng
    Märchen, Erzählungen und Lieder der Roma aus dem Burgenland
    Klagenfurt/Celovec, 2000
    Drava Verlag, Zalozba Drava
  • Halwachs, Dieter W.:
    Amaro vakeripe Roman hi, Unsere Sprache ist Roman, Texte, Glossar und Grammatik der burgenländischen Romani-Variante
    Klagenfurt/Celovec, 1998
    Drava Verlag, Zalozba Drava
    ISBN 3-85435-266-2
  • Halwachs, Dieter W./Menz, Florian:
    Die Sprache der Roma, Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären Kontext
    Klagenfurt/Celovec, 1999
    Drava Verlag, Zalozba Drava
    ISBN 3-85435-318-9
  • Mehr, Mariella
    Nachrichten aus dem Exil
    Klagenfurt/Celovec, 1998
    Drava Verlag, Zalozba Drava
  • Nikolić, Mišo:
    Landfahrer, Auf den Wegen eines Rom
    Klagenfurt/Celovec, 2000
    Drava Verlag, Zalozba Drava
    ISBN 3-85435-345-6
  • Nikolić, Mišo:
    ... und dann zogen wir weiter, Lebenslinien einer Romafamilie
    Klagenfurt/Celovec,
    Drava Verlag, Zalozba Drava
    ISBN 3-85435-264-6

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2002
Heft 2/2002, Seite 4
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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