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Tatjana Gregoritsch

Die Transformatoren

Nachrichtenagenturen — statt-liche Informationsträger?

Ein Transformator ist ein Gerät zur Umwandlung einer Wechselspannung in eine andere, größere oder kleinere, gleicher Frequenz ohne nennenswerte Energieverluste.

... Die ersten Medien Afrikas wurden von den weißen Siedlern gegründet, vorher gab es noch nichts. Von der Buschtrommel abgesehen, die natürlich auch ihre Berechtigung hat und hatte. Sie ist jedoch kein Massenmedium in dem Sinn, da sie mit den unseren nicht kompatibel ist ...

Was die beiden Aussprüche miteinander zu tun haben?

Ersterer ist aus dem Lexikon, letzterer ist ein sinngemäßer Auszug aus einer Publizistik-Lehrveranstaltung an der Wiener Uni zum Thema „Kommunikationspolitik in den Entwicklungsländern“.

Vorausschicken will ich einen kurzen Abriß der Geschichte der Medien in den Entwicklungsländern (ein Begriff, den manche Leute doch wirklich unter anderem mit Statistiken über den dortigen Zuckerverbrauch erklären wollen):

Da man laut Vortragendem die Buschtrommel ruhigen Gewissens vernachlässigen kann, brachten die Weißen die Medien nach Afrika, Asien und Lateinamerika. Sie gründeten private Zeitungen, damit die anderen Siedler etwas zu lesen hatten, weit entfernt vom Mutterland. Die Inhalte dieser Blätter kamen vorwiegend von dort und gingen dahin wieder retour. Die Zeitung — geistige Nabelschnur zwischen Kolonie und Kolonialmacht. Die Sprache war natürlich auch nicht die des Landes, sondern die des Mutterlandes. Später „wuchs eine gewisse afrikanische Oberschicht heran“ (so der Vortragende) und übernahm nach Selbständig- und Unabhängigwerden der Kolonien diese ehemaligen Kolonialistenblätter, die Sprache blieb noch lange weiter als offizielle Landessprache, die Nachrichten gingen denselben Weg wie zuvor: Eventuell aus dem Land in die groß gewordenen Weltnachrichtenagenturen und von da an die verschiedenen nationalen Stellen.

Es werden noch immer dieselben Kanäle benutzt wie zur Zeit der Kolonialherrschaften, nur die Herrschaften sind heute andere.

Diese (nur) vier Nachrichtenagenturen afp, reuter, upi und tass beherrschen den Weltmarkt an Informationen, daran haben auch das Engagement der UNESCO und Bemühungen um nationale Nachrichtenagenturen nicht viel geändert. Indira Gandhi kritisierte die westlichen Medien darum, es wird um eine neue Weltinformationsordnung debattiert, seit 7. Mai 1983 existiert die PANA (Panafrikan. Nachrichtenagentur), die aber beträchtliche Schwierigkeiten hat, sich gegen die Übermacht durchzusetzen. Die Einführung von Rundfunk und Fernsehen in Ländern der Dritten Welt zeigt den (noch immer) offensichtlichen Imperialismus noch deutlicher. Da ein großer Kapitaleinsatz zur Installierung der Anlagen notwendig ist, kamen die Gelder aus den Industriestaaten. Die Sender sind durchwegs dem Staat unterstellt (mit einigen Ausnahmen in Lateinamerika), d.h. meist einem Ministerium für Kontrolle und Information, die Angestellten sind Beamte, der Anteil an Fremdproduktionen ist hoch, eigene beschränken sich meist auf lokale Programme und zur Erwachsenenbildung. Das Projekt „Telecom 83“ d.h. die Vernetzung der Dritten Welt ist im Gange, vorangetrieben und finanziert von der Ersten Welt.

Die Informationsabhängigkeit Österreichs ist ebenso offensichtlich: die Austra Presse-Agentur bezieht etwa 90-97% ihrer Meldungen von vier Nachrichtenagenturen. Weltweit sieht es noch krasser aus. 90% aller Informationen werden von den fünf Agenturen reuter, upi, afp und tass gesammelt und herausgegeben (Inf.: UNESCO-Studie von Sean McBride).

Aber diesen Tatsachen stehen nicht allein UNESCO-Bemühungen entgegen: In vielen Ländern kam es zur Gründung von Agenturen, die es sich zur Aufgabe machten, gegen das Zerrbild der Länder der Dritten Welt zu schreiben. Grundlage dafür ist bessere und gründlichere direkte Information, nicht über Dritte. So zum Beispiel die ips in Wien seit 27. Juli 1983. Fragt sich eben nur, wer deren infos in Anspruch nimmt.

„Diese undankbare Arbeit im Untergrund der Massenkommunikationsmittel ‚subvertiert‘ die etablierten Agenturen nicht nur wegen ihrer Inhalte, sondern auch wegen ihrer inneren Struktur ihres Übermittlungsmechanismus. Während die transnationalen Nachrichtenmultis mit ihrer kapitalkräftigen Suggestionswirkung auf den Konsumenten das Bewußtsein durch ihre sensationslüsternen Katastrophenmeldungen erschlagen, von der eigentlichen Realität der Dritten Welt ablenken und sie verstellen, ist die Vorgangsweise der Alternativmedien eine umgekehrte: sie wirken auf das Bewußtsein solange ein, bis sie zunächst einige wenige von der Notwendigkeit von sozialen und politischen Veränderungen überzeugen. Die Maschine, der unpersonelle Übertragungsmechanismus wird dabei durch den lebenden Menschen ersetzt, der die Informationen weiterträgt, weil er sie in sich herumträgt.‘‘ (Leo Gabriel, Alternativen der Dritten-Welt-Berichterstattung. Lateinamerikan. Nachrichten Nr. 100, Feb. 1982) Das oben Zitierte will ich genauso auf unsere Alternativmedien anwenden: Nicht die von oben, stattlich überwachte und nach ihrem Sensationswert gefilterte Nachricht, sondern die vom Menschen für Menschen verbreitete ist die für uns interessante. Leo Gabriel schreibt weiter, daß die Alternativmedien erst dann zur echten Gefahr werden, wenn den transnationalen Machtstrukturen ein Netzwerk von aktiven, interessierten Menschen entgegengesetzt werden kann, womit ich voll übereinstimme. Bis zum logischen Ende durchgedacht heißt das für jeden Menschen (s)ein Medium, Zeitung, Buch, Rundfunk und Fernsehen: Die eigene Zeitung zur Verbreitung der eigenen Anliegen und Ideen, die Bücher im Selbstverlag herausgegeben, Telefonzeitungen wie sie in Zürich und Wien Meldungen bringen, die nicht den Weg durch die offiziellen Kanäle gehen, freier Zugang zu elektronischen Medien. Der Mensch wird nicht zum „Redaktroniker“, der vorgefertigte Meldungen von den Nachrichtenagenturen übernimmt und sie wieder in den Computer eintippt und nur mehr für die Zusammenhänge wichtig sein wird, sondern der Mensch selbst wird zum Medium, der die Nachrichten weitergibt, die ihn betreffen und angehen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1984
Wurzelwerk 30, Seite 20
Autor/inn/en:

Tatjana Gregoritsch:

Lizenz dieses Beitrags:
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